Wikinger, El Argar und Minnegesang

So sehen Wikinger aus?
So sehen Wikinger aus?

Die Woche brachte in den Medien schreckliches und sehr erfreuliches. Zeit online mußte uns mit der Navigation der Wikinger beglücken und dazu ein Bild von einem Karnevalisten von den Shetlands posten. Ob das einer wissenschaftlich fundierten Geschichtsvermittlung dient? So etwas Schlechtes hätte ich von der “Zeit” nicht vermutet, aber es gab auch ein gutes Beispiel: Über die bei uns fast unbekannte bronzezeitliche El-Argar-Kultur (vor einigen Jahren hatte Prof. Rische aus Barcelona in Halle einen Vortrag darüber gehalten) hat der Wissenschaftsresortleiter der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Ulf von Rauchhaupt, zwei Artikel veröffentlicht, die einen ersten Einblick in die faszinierende und auch erschreckende Welt von El Argar geben: Der erste Staat des Westens und Macht ohne Schnörkel . Unbedingt lesen!

Auf der Turmhügelburg Lütjenburg ist auch wieder etwas los: Ab dem 22. August sind wieder Ottonen auf der Burg, aber vorher gibt es noch Minnegesang (bis wir da sind, hat sich der Regen dann hoffentlich verzogen):

“Wach auf mîn hort”
Minnesang und Geschichten aus alter Zeit

Auf eine Reise über 500 Jahre zurück in die Vergangenheit begeben sich die Minnesänger Holger Schäfer und Ralf Popken am 06. August 2016 um 19:30 Uhr und mit hoffentlich vielen Zuhörern in der Lütjenburger Turmhügelburg.
Holger Schäfer war bereits Minnesänger des Jahres in 2008 und 2012, im Mai 2014 erhielt er beim großen Falkensteiner Minne-Turnier den ersten Preis. Der sympathische Sänger zählt zu den ganz Großen seines Fachs. Auf dem Programm des bekannten Sängers mit der Harfe stehen mittelhochdeutsche Lieder der großen Minnesänger wie Walther von der Vogelweide, Ulrich von Liechtenstein, Oswald von Wolkenstein sowie deren Übersetzungen.
Ralf Popken ist ebenfalls ein weithin bekannter Sänger, Instrumentalist und Chorleiter, und tritt bereits seit mehreren Jahren mit Holger Schäfer zusammen als Minnesänger auf. Viele bekannte Stücke, wie “Tristan und Isolde” oder “Parsival” haben sie schon gemeinsam ihren Zuhörern nahe gebracht.
Auf den Spuren des “letzten Minnesängers” Oswald von Wolkenstein begegnen uns Abenteuer, Legenden und unglaubliche Reisen. Ein Gang durch das Leben Oswalds, durch die Geschichte des Minnesangs wird dabei ebenso zu hören und erleben sein wie Geschichten und Legenden rund um die historischen Sänger und ihre Zeit. Harfen, Blockflöten, Dudelsack und allerlei andere Instrumente bringen die besondere Musik des Mittelalters zum Klingen.
Stimmungsvoll im Schein von Kerzen und Öllampen erwartet den Besucher in der festlich geschmückten Halle ein verzauberter höfischer Abend auf der Turmhügelburg.

Nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre und wegen der immer größer werdenden Nachfrage, hat der Verein für 2016 erneut beschlossen, Karten bereits im Vorverkauf anzubieten. Es empfiehlt sich, diesen auch zu nutzen, denn die Besucherzahl ist wegen der vorhandenen Räumlichkeiten begrenzt. Als Eintritt für diese Veranstaltung bittet der Turmhügelburg-Verein um ein Burgopfer von € 8,00 im Vorverkauf (Mitgliedern € 5,00), Restkarten an der Abendkasse € 10,00.

So schauen heute Minnesänger aus
So schauen heute Minnesänger aus

Vorverkauf:  In der Tourist-Information Lütjenburg und Hohwacht gegen sofortige Bezahlung. Im Internet bestellen unter der e-mail “buchung@turmhuegelburg.de”. Sie werden dann mit einer Antwortmail informiert, ob noch Karten vorhanden sind und aufgefordert, den Betrag auf ein Konto zu überweisen, Nach Eingang des Geldes werden die Karten für Sie reserviert und liegen an der Abendkasse bereit.
Für Interessenten ohne Internet-Zugang: Unter der Telefonnummer 04381 – 3315 anmelden. Dort gibt es weitere Hinweise. Ohne vorherige Bezahlung werden keine Karten zurückgelegt.
Sollten alle Karten bereits im Vorverkauf vergeben sein, werden wir dies über Presse und Internet veröffentlichen, damit niemand umsonst anreisen muss. Für Getränke während der Veranstaltung ist gesorgt. Freie Parkplätze stehen auf den ausgeschilderten Parkflächen im Bunendorp in genügender Anzahl zur Verfügung. Die Turmhügelburg freut sich auf viele Besucher!

Euer Isí

Auf der Ostsee mit einer Hansekogge

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Mein “Foto des Jahres” : Sommerregen auf einer Hansekogge

Wem das Meer fehlt (so wir mir), der hat heute Gelegenheit in unserem gar nicht so sommerlichen Beitrag etwas Meerluft zu schnuppern: Mitglieder der “Lebendigen Geschichte” waren auf einer Tour mit einer Hansekogge. Und das natürlich in spätmittelalterlich-hanseatischer Ausstattung. Das Wetter war durchwachsen, es hat auch ab und an mal geregnet und zum Glück war genug Wind, so dass wir zumindest raus auf die Kieler Bucht segeln konnten. Selbst als es dann aber anfing zu regnen und alle unter Deck verschwanden, blieben nur die Crew und unsere Mitsegler dank ihrer wetterfesten Mittelalterklamotte auf Deck. Denn so ein büschen Regen kann unsere Hanseaten nicht erschüttern. Wir würden uns freuen, wenn wir in der “Ottonenzeit” auf diese Weise bald noch mehr Meerluft schnuppern könnten. Wir werden sehen und lassen uns überraschen.

An Deck trotz Regen
An Deck trotz Regen
Noch eine Kogge: Die „Ubena von Bremen“
Noch eine Kogge: Die „Ubena von Bremen“

Lis / Isí

Büchersommer

Sommerbücher
Sommerbücher

Während die alle anderen unterwegs sind, z.B. im Geschichtspark Bärnau-Tachov oder auf der Turmhügelburg Lütjenburg (mache auch auf Hansekoggen, dazu bald mehr), beschäftige ich mich momentan nur theoretisch mit Geschichte. Und für unsere Eremitage in Thüringen liegen schon einige Bücher zum Lesen bereit: Gespannt bin ich auf “Die mittelalterlichen Stadtbefestigungen” und auf “Die Kreuzzüge”. Zu den Kreuzzügen ist wieder einmal “Das Standartwerk” herausgekommen, ich bin schon sehr gespannt.

Eure Geschichtsleseratte Isidorus

Purpurpergamente und ihr kleines Geheimnis

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Abbildungsquelle: Veranstaltungseinladung Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Über diese Einladung habe ich mich besonders gefreut: Am Mittwoch, 15. Juni 2016, hielt Frau Dr. phil Doris Oltrogge von der Fachhochschule Köln einen Vortrag mit dem Titel “Zinnober, Krapp und Flechtenpurpur”. Es ging in aller Kürze (und Würze) um Farbmittel und Maltechniken der spätantiken Buchmalerei u. a. der Vergilius Vaticanus und der Vergilius Romanus, aber auch die Quedlinburger Itala und des Codex Argenteus (Wulfila-Bibel) kamen vor. Zunächst gab Dr. Oltrogge eine kurze Einführung in die verschiedenen Farbmitteln und Schreibtinten der Spätantike und des Mittelalters: Vom Flechtenpurpur über Krapp, Hollunderbeere, Ocker, Zinnober, Waid, Lapislazuli, Gold-, Silber-  und Eisengallustinte u.a. wurde das ganze Spektrum abgehandelt. Pergament als Beschreibstoff wurde vorausgesetzt. Es wurde auch auf einige Farbmittel und ihre Verwendung in den oben genannten Codices ausführlich eingangen. Zinnober war z.B. eins der teuersten Farbmittel, weil es bis heute ausschließlich in Zentralspanien gewonnen wird. Wer wie ich naiv davon ausgegangen war, dass die Purpurpergamente tatsächlich mit Schneckenpurpur (mehreren Sorten Meeresschnecken der Levante genauer gesagt) gefärbt worden sind, den belehrte Frau Dr. Oltrogge eines Besseren: So erhielten einige dieser Pergamente ihre Purpurdurchfärbung nicht durch den teuren Meeresschneckenpurpur sondern durch Purpur aus u.a. der Rocella tinctoria, das ist Flechtenpurpur. Die für uns Ottonen bedeutsame Pergamentrolle “Hochzeitsurkunde der Theophanu” erhielt ihre Färbung durch Krapp und ist somit im Grunde auch kein Purpurpergament. Dieses Farbmittel,  aus der Wurzel der Krapppflanze erwonnen, war in der Antike ein beliebtes Schminkmittel. In der mittelalterliches Buchmalerei verschwand die rote Krappfarbe aus der Farbpalette, blieb aber in der Färberei bedeutsam erhalten, wie wir wissen.

Purpurschnecke, Foto: Privat Dr. Wunderlich
Purpurschnecke, Foto: Privat Dr. Wunderlich

Frau Dr. Oltrogge referierte weiter über Silbertuschen und auf Nachfrage auf Bindemittel der Farben. Hinsichtlich der Farbgestaltung der spätantiken Buchmalerei gelang ihr eine gute Einführung. Da war vieles bereits bekannt, aber hinsichtlich der Purpurpergamente für mich einiges Neues. Die Purpurpergamente haben also ein kleines Geheimnis und sind gar nicht so “purpur”, wie wir dachten.

Euer Isidorus

Reise ins slawische Mittelalter

Mit slawischen Charme präsentiert sich der Freilichtteil des Heimatmuseums
Mit slawischen Charme präsentiert sich der Freilichtteil des Heimatmuseums

Wieder einmal ein kleiner Veranstaltungsrückblick, diesmal geht es um Stary Lud : 11. Fest des slawischen Mittelalters in Dissen, Landkreis Spree-Neiße. Schon im vorherigen Jahr gab es einen kleinen Bericht.  “Ein ganz besonderes Mittelalterfest”, hat es die Lausitzer Rundschau dieses Jahr genannt und dem können wir uns anschließen. “Bunt, weltoffen und vielsprachig”, hat es die Frau an meiner Seite bei Twitter gepostet. Ich möchte ergänzen: Es ist so unerwartet ruhig und friedlich.

Wie eine Reise in eine Zeit vor 1000 Jahren

Hinter dem Haus des Heimatmuseums und der Kirche gibt es einen kleinen Platz für Gastronomie und eine Bühne für Darbietungen. Danach tritt der Besucher ein in ein kleines frühmittelalterliches Slawendorf mit Bohlenweg und 5 Grubenhäusern.  Und weil heuer ein Fest ist, stehen Zelte dazwischen und Handwerker gehen spannenden Tätigkeiten nach, wie man sie kaum noch so sieht: Ein Glasperlenmacher, ein Schmied, ein Truhenmacher und dergleichen mehr. Auch nach dem Dorf bis auf die nächste Wiese erstrecken sich Lager und Menschen, die vor 1000 Jahren gelebt haben mögen. Weitere Handwerker aus allen Herren Ländern sind dabei, slawische Krieger aus den Fürstenhöfen des Ostens und Normanen aus dem Westen. Sogar ein jüdischer Händler aus Córdoba und Barcelona hat unbekannte Gewürze und Medikamente aus Andalusien mitgebracht. Es ist alles anders, man begibt sich auf die Reise in eine Zeit vor 1000 Jahren!

Was ist anders als auf einem Mittelaltermarkt ?

Lebendige Museumswelten
Lebendige Museumswelten

Warum muss ich es eigentlich noch erklären? Wenn ein Museum und sei es nur ein kleines Heimatmuseum zwischen Spreewald und Cottbus es schafft, etwa 120 handverlesene Geschichtsdarsteller zusammen zu bekommen, unterscheidet es sich schon dadurch von einem kommerziellen Mittelaltermarkt in der Qualität und der Art der Vermittlung. Wie erklärte es der slawische Kollege so schön bei den Kampfvorführungen: “Wir müssen am Mo. alle wieder vor unserem Chef stehen.” Aber nicht nur der Enthusiasmus und das Engagement macht dieses Fest so besonders. Da sich die meisten der Darsteller bereits sein Jahren und Jahrzehnten mit der Materie beschäftigen, ist hier eine Qualität der Handwerker, Kämpfer und Rekonstrukteure erreicht, dass sich jedes mit Frühmittelalter beschäftigte Museum die Finger lecken könnte. Und der Zulauf der Besucher seit über 10 Jahren zeigt uns auch, das dieses Konzept angenommen wird. Denn nicht nur Engagement, an vordester Linie unsere Gastgeber Babette Zenker, Museumsleiterin, und Kornelius Kusch, Orga., Qualität und Authentizität der Geschichtsdarstellung sind besonders, sondern auch das Publikum, das sehr wißbegierig, kommunikativ und freundlich ist. Die beste Gewürz- und Medikamenteerklärerin jenseits von Al Andalus mußte sich dieses Mal nur deswegen nicht heiser erklären, weil unser Gewürzteppich etwas versteckt hinter dem Lager der Normannen lag. Vielleicht ist das Interesse einfach heimatbezogener, historischer und nicht so klischeebelastet, wenn es um Slawen und Umfeld geht, statt bei den wesentlich mehr bekannten Leitkulturen Wikinger und Ritter. Deswegen mußte dieNiederlausitz aktuell wenigstens einmal Wikinger hineinbringen, obwohl diese nur wenige Handwerker stellten und die slawischen Schläfenringe bei den Damen überwogen.

Ohne Kampf kein Fest

Aber auch die Darstellung des slawischen Mittelalters in Dissen kommt nicht ohne Abstriche an den Publikumsgeschmack aus. Und will es womöglich auch gar nicht. Wenn Mittelalter, dann müssen auch Schilde, Lanzen, Schwerter her (für Bögen und Schleudern ist das Gelände zu

Kampfvorführungen am Rande der Grubenhäuser
Kampfvorführungen am Rande der Grubenhäuser

klein!). Die Geschichte der Slawen im Gebiet zwischen Saale, Elbe, Oder und Neiße war auch eine Geschichte des Kampfes, des Widerstandes und des Untergangs. Das könnte bis heute erzählt werden. Dieses Jahr hatten wir zwei Kampfgruppen von insgesamt 12 Kämpfern, die ausgesprochen gut miteinander harmonierten und sich sehr gute (freie) Kämpfe lieferten. Ich bin in der Hinsicht schon etwas abgestumpft, aber das war ausgesprochen spannend, Jungs. Das 2. Pennon des franko-flämischen Contingents, das an den Kämpfen beteiligt war, wird sich dieses Jahr in Hastings gut machen. Und wehe, ihr gewinnt nicht! Stichwort: Schleuderblei! Der Abstrich an den Geschmack meint, dass eigentlich keine Mittelalterveranstaltung, die Kleine und Große einen populären Eindruck vermitteln möchte, ohne Gewalt auskommt. Film und Fernsehen ziehen daraus oft den Schluss Mittelalter = Gewalt. Aber diese ist falsch. Und betrachtet man den heutigen täglichen Horror, ist rasch klar, welche Zeit mehr Gewalt, Tod und Unrecht zu bieten hat. Heute hätte keine Minderheit wie die Spree-Neiße-Sl

Am 2. Oktober sind wieder die Krieger geladen
Am 2. Oktober sind wieder die Krieger geladen

awen gegen einen übermächtigen Gegner überleben können. Wie lange aber das Sorbische in Dissen überleben konnte, daran erinnert heute das Heimatmuseum und hier eine kleine Einführung.  Die Veranstalter werden übrigens im Herbst noch eine Extra-Kampfveranstaltung einschieben. Unter dem Titel “Es riecht nach Streit : Krieger beim alten Volk” werden am 2. Oktober noch einmal Kämpfer und andere Darsteller in Dissen auflaufen.

Falls Museen gute Geschichtsdarsteller wollen, müssen sie sie wie Gäste und gute Freunde behandeln, darin ist das Heimatmuseum Dissen mit Stary Lud vorbildlich. Es machte Spaß, hier den ganzen Tag in Sachen “Geschichte” zu arbeiten. Deswegen möchte ich diesen kleinen Bericht mit einen herzlichen Dank für

Gewürze und Medikamente aus Córdoba
Gewürze und Medikamente aus Córdoba

die freundliche Aufnahme und Versorgung während des Festes enden lassen. Wie die anderen kommen wir gerne wieder, ganz sicher …

Euer Isidorus

 

 

 

In einer alten Synagoge

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“Ich habe noch einen Schlüssel in Barcelona”

So ein bißchen habe ich es immer für eine sephardische Legende gehalten: Es sollen die Familien nach der Vertreibung aus Spanien (1492) die Schlüssel ihrer Häuser behalten und sie über Generationen als Memoria weitergegeben haben. Jetzt habe ich im Museum acb (Call Association of Barcelona) diesen Schlüssel entdeckt (Bild links). Es ist zwar nicht der Schlüssel einer sephardischen Familie, sondern einfach ein alter Schlüssel, den man als Ausstellungsstück genommen hat, aber erzählt wird genau diese Geschichte. Neben Hörensagen habe ich davon im Buch “Sefarad” von Antonio Muñoz Molina gelesen, das hat mich stark beeindruckt. Dies sind offenbar keine Einzelbeispiele, und nicht nur von Toledo und Barcelona wird über die “Schlüsselgeschichte” berichtet, sondern es genügt eine oberflächliche Internetrecherche um weitere Beispiele aufzufinden: So blieb auch der Schlüssel der letzten Synagoge von Zamora in León in den Händen der sephardischen Familie Casim, die 1492 über den Hafen Barcelona die spanischen Königreiche in Richtung Syrien verließ. Die ganze Geschichte erzählt der mexikanische Wissenschaftler Carlos Zarur einer Zeitung in Zamora, hier nachzulesen … Wer des Spanischen nicht mächtig ist, dem kann ich noch zusätzlich zum Eingangssatz berichten, dass der Schlüssel zwar ein Familienerbstück der Casims ist, der ganz aus Sepharad (Spanien) stammt, aber von dem nicht ganz sicher ist, ob es sich um einen Hausschlüssel oder eben um den Schlüssel einer vergessenen Synagoge handelt. Der Historiker Jesús Jambrina stellte die Hypothese auf, dass dieses Familienerbstück zur Synagoge von Zamora gehörig sein könnte. Aber das muß nicht so sein.

Kehren wir nach Barcelona zurück. Zum Aufstieg Barcelonas vom Grafensitz bis zur großen Handelsstadt und Hauptstadt von Aragón-Catalunya trug auch die jüdische Bevölkerung der Stadt

Die alte Synagoge im Call nach der Renovierung
Die alte Synagoge im Call nach der Renovierung

maßgeblich mit bei. Während aber in Kastilien die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung erst 1492 mit der Vertreibung ihren großen Höhepunkt erreichte, war in Barcelona bereits mit dem Progrom 1391 Schluss. Obwohl Juden und Christen so lange Zeit friedlich zusammengelebt hatten,  wurde der alte und der neue Call, die Judenviertel von Barcelona, angegriffen und 300 Einwohner kamen zu Tode. Die übrigen mußten zum Christentum übertreten oder falls es Ihnen noch möglich gewesen war, fliehen. Zwar lebten auch noch weiterhin Juden in der Stadt, aber in kaum noch nenneswerter Anzahl oder als Konvertiten. Die alten Synagoge im Call wurde seitdem nicht mehr benutzt. Seit 1996 bemühte sich die Call Association of Barcelona um die Renovierung der alten Synagoge im Viertel und inzwischen wird diese auch wieder als Gotteshaus benutzt. Besonders berührt hat mich die Hochzeit eines canadischen Paares, die erste seit mehr als 600 Jahren, hier nachzulesen … Dazu muß man wissen, dass der Hass von Franco auf Mitglieder der jüdischen Religion fast genauso groß war wie der seines großen Vorbildes Franco. So war es erst nach der Diktatur möglich, dass wieder etwas jüdisches Leben in das Call eingezogen ist. In einer Zeit, in der immer mehr Hass auf andere Religion zu einer Art Modedroge wird, ist dies für mich ein starkes Hoffnungsszeichen. Neben der acb, kümmert sich übrigens auch eine Nebenstelle des Städtischen Museums um die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte im Call. Zudem kann man auf einem mit Hinweistafeln ausgestatteten Rundgang durch die jüdischen Viertel spazieren. Am Ende noch ein engl.-sprachiges Video zur Geschichte des Juden in Barcelona.

Euer Isidorus

Der 10. Heerbann in Berlin-Brandenburg

Heerbann 2008 mit viel Sonne
Heerbann 2008 mit viel Sonne

Seit 10. Jahren besteht der Heerbann als interne Großveranstaltung im Raum Berlin-Brandenburg. Gegründet wurde er, um die Berliner Mittelaltergruppen wieder näher zusammen zu führen. Seit 2008 sind die Ottonen dort als Teilnehmer mit dabei. Möchte ich ein Fazit ziehen, so brauchte ich nur am Wochenende in das Gesicht von Odo von Craien zu schauen: So locker und gelöst habe ich ihn während des Heerbanns selten erlebt. Er schaute erleichtert und zufrieden auf zehn Jahre zurück.

War der 10. Heerbann groß oder klein? Ich hatte das Gefühl, der Heerbann wäre im Vergleich zu den vorherigen etwas geschrumpft, und die Zahlen von Odo bestätigen das auch: Wir waren 540 Teilnehmer in diesem Jahr. Ich kann mich noch an 707 Teilnehmer erinnern. Aber nicht auf die Größe kommt es schließlich an.

Odo organisiert seit 10. Jahren den Heerbann
Odo organisiert seit 10. Jahren den Heerbann

Ganz bestimmt nicht! Die Qualität der Darsteller nimmt jedes Jahr zu, dabei ist es ein Kämpfertreffen (fast). Bei dieser merklichen Steigerung der Darstellung kann auf etwas Quantität ruhig verzichtet werden. Workshops gab es, einen kleinen internen Markt (der immer noch größer war als Vergleichbares auf “Mittelaltermärkten”) und natürlich die Kämpfe und Schlachten. Jedes Jahr wundere ich mich, dass die Jungs (und Mädels) heil wieder kommen. Und Odo atmet wahrscheinlich am Ende auf.  Das viele Kämpfer zu sehen sind wie sonst vielleicht nur bei den ganz gr0ßen Reenactmentschlachten (Hastings, Waterloo, etc.), leider zeitengemischt,  daran gewöhnt man sich irgendwie im Laufe der Jahre, aber das lebendige Zelt-(Heer-)lager ist jedes Jahr immer wieder imponierend. Natürlich spielt auch das Wetter eine Rolle wie gut die Stimmung ist. Das war f

Die Ottonen mitten im Zeltlager

rüher so und ist auch heute nicht anders. 2008 war, wie oben auf dem Foto zu sehen ist, von sommerlicher Wärme geprägt. 2016 im Jubiläum kam oft die Sonne heraus, aber wir befanden uns mitten in der Schafskälte, immerhin blieb es überwiegend trocken und das ist die Hauptsache. Odo drückte es so aus:  Das Bier war dieses Jahr gut gekühlt.

Was wäre das Fest ohne ein Bankett? Dazu bringen alle ihre Bänke und Tische auf den “Hauptplatz” mitten im Lager. Wikinger, Ottonen, Hochmittelalterliche, Germanen, Slawen, Spätmittelalterliche bunt gemischt waren plötzlich mit Möbel unterwegs! Innerhalb von Minuten entstand ein Freilichtbankett, von dem die Galier nur träumen konnten (da sie ja nie die “freundlichen” Legionäre aus der Nachbarschaft dazu eingeladen hatten). Schon am Morgen gab es Schnitttest an 5 Schweinen, die danach den ganzen Tag auf dem Feuer garten und nun serviert wurden. Danke an Rainer, den Schweinebräter. Das Bier mußte noch verteidigt werden, dann durfte Odo eine Rede halten. Besonders war Hagen zu danken, der uns die

Ottonischer Möbeltransport zum Bankett
Ottonischer Möbeltransport zum Bankett

Wiesen zur Verfügung stellte. Plötzlich stand eine Molle gefüllt mit leckeren Grillschwein auf unserem Tisch und wem dies nicht genug war, der konnte von Tisch zu Tisch gehen und sich an vielen Essen aus allen Ländern und allen (mittelalterlichen) Zeiten eindecken. Unsere mit Pfeffer gewürzten Käsebällchen (Ottonenbällchen) bekamen den Status “legendär”. Danke für das Lob! Es lag nicht an der Musik, dass sich die Runde lichtete, sondern eher an der Kälte, viele strebten zu ihren Feuern.

Der Heerbann-Sonntag ist stets vom Mittelalter-Flohmarkt geprägt. Es wurde verkauft, was nicht mehr gebraucht wird. Auch das in der Schlacht nun verkleidete Kämpfer auftauchten z.B. als Weihnachtsmänner, hat bereits eine lange Tradition. “Verkleidete” verkleiden sich. Den besonderen Preis verdient der Kämpfer mit dem Bananenhörnerhelm.

Das Bankett mit Ottonenbällchen im Vordergrund
Das Bankett mit Ottonenbällchen im Vordergrund

Auch der 10. Heerbann mußte zu Ende gehen. Die meisten Teilnehmer konnten ihre Zelt trocken abbauen, wie ich hörte. Ein Termin für die 11. Heerbann (wahrscheinlich der 29-30.4.2017) ist schon festgelegt. Meine Vermutung, Odo würde es mit 10x genug sein lassen, hat sich also nicht bestätigt. Menschen, die es gut wissen müssen, bescheinigen ihm bei der Organisation eine Meisterleistung. Dem schließen wir uns gerne an. Fotos gibt es in Massen wieder beim Fotofloh.

Euer Isidorus

Fotos: 1. Isidorus 2.-5. Lis u. Hermann

Giftmischer in Halle

Foto: T. Kreutzfeldt
Foto: T. Kreutzfeldt

Zwischendurch eine wunderschöne Geschichte aus der Restaurationswerksstatt in Halle über den “Giftmischer von Wittenberg”. Damit ist nicht unser Ehrenmitglied Heinrich Wunderlich gemeint, sondern … ach, lest selbst, mit Video hier …

Auf jeden Fall eine tolle Geschichte über eine Alchemistenwerkstatt in unserer Gegend und man kann dem Spiegel nur danken, dass so etwas in diesem Magazin immer mal wieder möglich ist.

Euer Isidorus

Glas

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Abb.-Quelle: Verlag

Ich habe selten ein Sachbuch mit so großer (kindlicher) Freude verschlungen wie “Glas” von Christiane Herb und Nina Willburger. Die Bedeutung von Glas als Massenartikel ist längst an die Kunststoffe übergegangen. Dafür hat es sich andere Anwendungen erobert als Dämmmaterial,  in der Kommunikationstechnologie als Glasfaser, als Material in Solaranlagen und auch bei Displays oder Halbleitern ist Glas eine der wichtigsten Komponenten (Quelle: Bundesverband Glasindustrie e.V.). Aus dem täglichen Leben wegzudenken ist Glas heute immer noch nicht. Und zu Ritualen wie z.B. “ein Abendessen zu zweit” gehören natürlich auch wunderschöne Weingläser. Doch, wie in diesem Blog zu erwarten, handeln die zwei Autorinnen nicht die Gegenwart, sondern die Vergangenheit des Glases ab:

Seit über 3500 Jahren beliebt

Die Autorinnen kommen methodisch diesem beliebten Werkstoff auf die Spur: Was ist eigentlich Glas, wie setzt es sich zusammen und ab wann können wir von Glas reden? Und worin liegt der Unterschied zwischen Fayence und Glas? All diese Fragen werden im Zusammenhang mit Quellen und archäologischen Funden geklärt. Die frühesten Glasobjekte waren Glasperlen. Eine beabsichtigte Glasproduktion ist lt. Autorinnen “nicht vor der zweiten Hälfte des 16. Jh. v. Chr.” nachweisbar. Zentren der Glasproduktion waren das pharonische Ägypten und Syrien. Z.B. die Totenmaske Tutanchamus besteht neben vielen Gold auch aus zahlreichen Glaseinlagen. Auch die bei den Ägyptern beliebte Augenschminke Kohel wurde in kleinen Glasröhrchen aufbewahrt. (Dazu im Buch ein wundervolles Objektfoto). Gefäße wurden in dieser Zeit kerngeformt und waren aus diesem Grund mühsam und teuer in der Herstellung. Glas war ein Luxusobjekt. Dennoch entstanden wundervolle Objekte, die in dem Buch ausführlich abgehandelt werden. Zur hellenistischer Zeit (ab 4. Jh. v. Chr.) entstanden bereits rafinierte Gläser, die mit Hilfe zweiteiliger geschlossener Formen hergestellt wurden. Mit Hilfe von Grafiken erklären die Autorinnen wie diese Glasobjekte entstanden. Ein Höhepunkt im Buch waren für mich die Glasringe der Kelten. Die Glasarmproduktin beginnt hier etwa ab 260 v. Chr. Manching (heute in Bayern) war eins der Zentren der Glasherstellung. Die Ringe und ihre Farben betören noch heute und sind technisch von höchster Vollkommenheit: Selbst den Römern gelang es erst über 500 Jahre später solche nahtlosen Armringe zu produzieren.

Die Revolution der Glasproduktion durch die  Glasmacherpfeife

Die Technik des Glasblasens veränderte alles! Die Glasmacherpfeife, die im syrisch-palästinischen Raum entstand, war zunächst aus Ton, später aus Metall. Das neue Werkzeug, die Technik wird wieder mit anschaulichen Grafiken erklärt, ermöglichte Glasvielfalt (fast) ohne Grenzen. Nun wurde das Glas, besonders im römischen Imperium, zur Massenware. Luxusgefäße mußten nun veredelt und verziert sein. Die Erfindung der Fensterscheiben aus Glas ging nach Meinung der Autorinnen auch auf die Römer zurück. Es ist gegossenes und geblasenes Fensterglas nachweisbar. Z.B. war die gläserne Fensterfront in den Faustinathermen von Milet von einer beeindruckenden Größe, dies allerdings nur mit Hilfe von Gitterrahmen. Der oben erwähnte Bundesverband Glasindustrie ignoriert römische Funde anscheinend völlig und setzt die Erfindung des Fensterglases erst im 12. Jhd. an.

Den Ausklang – viel zu früh! – findet das Glasbuch mit dem Handwerk in frühbyzantinischer Zeit und dem Frühmittelalter. In Byzanz findet Glas als Lampen Verwendung. Neue Glastypen entwickeln sich. Nach den Römern dominieren Schank- und Trinkgefäße. Glas wird wieder zu einem Luxusprodukt. Die weitere Glasproduktion im Mittelalter, z.B. Murano, wird im Werk von Herb und Willburger nicht abgehandelt. Das ist wirklich der einzige Nachteil dieses Buches. Ich würde mir weitere archäologische Überblicksbände dieser Art wünschen. Und besonders großes Lob an die Autorinnen für die spannende und anschauliche Vermittlung, die sich niemals in überflüssige Details verloren hat.

Euer Isidorus

Glas von Herb, Christiane; Willburger, Nina;
Von den Anfängen bis ins frühe Mittelalter. 112 S. 109 Farbabb. 2016 Theiss
ISBN 978-3-8062-2858-8
24.95 EUR

3. Internationales Schleuderertreffen (2)

Die Siegerinnen und Sieger des 3. Internationalen Treffen, Silvio Vass in rot in der Mitte
Die Siegerinnen und Sieger des 3. Internationalen Treffen, Silvio Vass in rot in der Mitte

Bei dem dritten internationalen Schleuderertreffen der balearischen Inseln 2016 hat Silvio Vass aus Deutschland bei den Herren, Antonia Reynes von Mallorca bei den Frauen und Ennio Britos aus Argentinien bei den Kindern gewonnen. Antonia Reynes ist eine ältere Dame von 68 Jahren und balearische Meisterin. Ennio Britos ist zwar Argentinier, schleudert aber in der Jugend von Club foners Felanitx auf den Balearen. Dazu noch ein Artikel (spanisch) in der Diario de Mallorca, hier lesen…

Am Ende gab es noch ein internationales Vergleichsschießen ohne eine Teilnahme von Spaniern und balearischen Schleuderern. Es gab einen dritten Platz für Österreich. Jörn aus unserem Verein und Silvio belegten die Plätze 2 und 1. Auch dazu ganz herzlichen Glückwunsch!

Euer Isidorus