10 Jahre Archaeoforum

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Seit vielen Jahren in schwarzer Farbe, das Archaeoforum…

Seit vielen Jahren ist es für mich eine Heimat zum Diskutieren und Neuigkeitenaustauschen in der Archäologie und zur Rekonstruktion und Darstellung, das Archaeoforum. Daran hat auch facebook und Co. nichts geändert. Und nun ist es 10. Jahre geworden. Ich stelle fest, ich bin immer noch eifrig dabei und freue mich über jeden neuen Fund, den ich dort kennenlerne, und über jede neue Erkenntnis, die ich dort gewinne. Deswegen: Archaeoforum, ganz herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Die Sache mit den Möbeln

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Sprossenstuhl aus Lund (Schweden), datiert ca. 1020 n. Chr.
Links Reste der Rückenlehne, rechts eine zeichnerische Rekonstruktion
aus: Grodde, B.: Hölzernes Mobiliar im vor- und frühgeschichtlichen Mittel- und Nordeuropa, S. 459, Tafel 73

Die Möbelfrage treibt mich schon lange um. Damit meine ich jetzt nicht eine Beschäftigung mit dem sogenannten „Steckstuhl“, wie er auf im „Marktmittelalter“ (Schräg, schräger, Marktmittelalter, so Blogerkollege Hiltibold)  und im LARP (Live-Rollenspiel) gerne benutzt wird. Nein, ich meine damit die Frage, wie die Möbel im Frühmittelalter tatsächlich aussahen. Dabei haben mich die Lösungen, die ich bisher in Reenactment und Lebendige Geschichte gesehen habe, auch nicht so richtig zufrieden gestellt. Was ich selbst so baute, stammte von Abbildungen (in letzter Zeit) oder war pure Phantasie (in der Anfangszeit). So könnte es sein, aber auch nicht viel mehr. Handwerklich fragwürdig allemal!

Fest steht, Menschen saßen und lagen immer schon, Geschirr und Kleidung u.a. mußte verstaut werden. Möbelformen haben sich nicht groß verändert. Tisch, Stuhl, Bett blieben seit der Bronzezeit fast unverändert, wenn auch gewisse Möbelformen inzwischen aus der Mode gekommen sind: Da wir nicht mehr wie die Römer im Liegen essen, ist die Kline nicht mehr im Gebrauch; Auch Truhen, früher unverzichtbar als eigenständiges Möbelstück und als Aufbewahrungsort mit vielfältiger Funktion, werden heute in modernen Haushalten kaum noch verwendet.

So wird der Winter wieder zur Schatzsuche in meiner Lieblingsbibliothek genutzt. Erinnern wir uns: In Ebstorf habe ich Jörn genötigt, ein Buch über die dortigen Truhen zu erstehen. In diesem Buch fand isch ein Literaturhinweis auf Grodde, Barbara: Hölzernes Möbiliar in vor- und frühgeschichtlichen Mittel- und Nordeuropa. Vergeßt „Karfunkel“ und für was ihr sonst so euer Geld ausgebt. Die Seiten 22 – 34 in Groddes Buch reichen für Anfänger und Fortgeschrittene vollkommen aus, wenn sie die ersten Schritte in den eigenständigen Möbelbau wagen wollen.  Techniken und Holzarten für die Möbelherstellung, detaillierte archäologische Quellen für einzelne Möbelarten sind mit vielen Beispielen inkl. eines umfangreichen Tafelteils vorhanden. Da hält es mich gar nicht mehr auf meinem Sofa in der Archäologie, sondern ich möchte ab in die Werkstatt und losschreinern oder -zimmern. Möbel für das Frühmittelalter, diesmal aber richtig! Und gleich mal Jörn fragen, wie weit er mit seinen Truhen ist…

Euer Isí

 

Energiesparwände für Rekonstruktionen ?

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Rekonstruktion einer bronzezeitlichen „Energiesparwand“, Quelle: Hessische Energiespar-Aktion

Es war bereits kurz in „Archäologie in Deutschland“ nachzulesen: Vor 3400 Jahren in der mittleren Bronzezeit besaßen die Menschen die Fertigkeit, Wände zu bauen, die Wärme besser hielten als Fachwerk- oder Vollziegelwände späterer Jahrhunderte. Ich weiß, es ist schwer zu glauben und vermutlich eine bautechnische Sensation. Die Rekonstruktion einer bronzezeitlichen Hauswand (siehe Abb. ) erreicht Wärmedämm-Qualitäten, technisch als U-Wert bezeichnet, wie sie „durch die Wärmeschutzverordnung in Deutschland erst ab 1977 (um 0,8-0,9 W/(m²K)) oder mit der Wärmeschutzverordnung von 1995 (0,51 W/(m²K) wieder erreicht wurden.“ (Hessische Energiespar-Aktion). Der U-Wert der Rekonstruktion hat im ungünstigsten Fall einen U-Wert von 0,77 W/(m²K) im günstigsten Fall einen U-Wert von 0,37-0,5 W/(m²K). Im Vergleich dazu hat eine Fachwerkwand von 1300 bis 1800 einen U-Wert von 1,6 – 3,2 W/(m²K) und eine Ziegelwand ab 1870 einen U-Wert von 1,5 W/(m²K). Ich finde, das überzeugt.

Kurz der archäologische Hintergrund

Bereits 2003 wurden auf einer Grabung bei Langenselbold in Hessen mittelbronzezeitliche Siedlungsreste gefunden. Dabei waren verziegelte Hüttenlehmstücke, die  Abdrücke von Staken und Ruten, aber z. T. auch deutliche Grasabdrücke aufwiesen. Der Lehm war allerdings nicht mit Lehm gemagert. Im Experiment und mit Nachbauten bestätigte sich, dass die Lehmstücke zu einer zweischaligen Wand mit Grasfüllung gehört haben müssen. Eine einfache lehmbestriche und geputzte Flechtwand kennen wir alle oder haben an so einer Wand sogar schon einmal selbst gearbeitet (z.B. im Geschichtspark Bärnau). Die Vorteile eine doppelte Flechtwand mit trockenen Gras als Dämmstoff leuchten ein:

  • sie ist leichter zu verputzen, der Dämmstoff hält den Lehm an der Flechtwand fest
  • sie ist stabiler und tragfähiger, wobei der genaue Konstruktion des betreffenden bronzezeitlichen Hauses noch nicht geklärt ist
  • der wesentliche Vorteil aber ist die oben aufgeführte Wärmedämmung. Wir alle haben bereits in Hausrekonstruktionen übernachtet und kennen die Probleme. Ab sinkender Außentemperatur, besonders nach Löschen oder Herunterbrennen des Feuers, erfolgte ein rascher Temperaturabfall.

Was bedeutet das für evt. Hausrekonstruktionen ?

„Bisher geht man bei der Rekonstruktion vieler vorgeschichtlicher Häuser von einem einfachen Flechtwerk aus, das man beiderseits mit Lehm bewirft, dann glättet man die Außenflächen.“  (Irene Staeves) Die doppelte Flechtwand ist nun ein völlig neuer Typ. Damit ist die Diskussion eröffnet. Was bedeutet dies für evt. Hausrekonstruktionen, wie sie z.B. auf der Lütjenburg ausgeführt sind und in Bärnau entstehen? Können wir einfach, wenn wir wissen, hier hat eine Flechtwerkwand gestanden, daraus eine wärmedämmende Wand nach dem Beispiel der Bronzezeit machen? Zumal, wenn wir nur noch Pfostenfunde im Boden haben und keine Lehmwandreste. Das Wohnen in einer wärmegedämmten Hausrekonstruktion ist auf jeden Fall angenehmer. Es wäre auf jeden Fall eine Lösung, die besser vertretbar wäre, als so manche anderen faulen Kompromisse, die bei Rekonstruktionen gemacht werden (wobei ich hier nicht auf die oben erwähnten Museen anspiele). Ich bin gespannt, ob der Faden noch weitergesponnen wird.

Weitere Informationen hier:

„Ein Energiesparhaus vor 3500 Jahren“ von Irene Staeves

Energiesparwand aus der Bronzezeit – eine U-Wert-Bestimmung

Ich danke Herrn Eike-Henning von der Hessischen Energiespar-Aktion ganz herzlich für die Überlassung der Informationen.

Euer Isí

Die Sache mit dem Messer

erscheint beim Bloger Hiltibold aus Graz, auf den ich auf diese Weise einmal aufmerksam machen möchte. Wir haben die Angelegenheit vorher über Mail im kurzen Dreiecksgespräch auch mit dem Uhl durchdiskutiert und Hiltibold hat seine Schlüsse daraus gezogen und in einem Artikel für seinen Blog verarbeitet. Besonders geht es hier um die oft auch in der Frühmittelalterszene verwendeten Griffplättchen aus Horn oder Holz. Den Artikel findet ihr hier …

Ich finde die gründliche Art von Hiltibold sehr lobenswert und fasse mich mal auch an die eigene Nase. Hätte ich mal so gründlich angefangen!!! Jetzt aber viel Spaß beim Lesen!

Euer Isí

Schachspiel endlich fertig !

Rekonstruktion eines ottonischen Schachspiels:

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Es begann am Anfang des Hobbies  noch in den Tagen als wir „Pfalzbelebungen“ in Tilleda durchführten. Das muss so 2005 oder 2006 gewesen sein. Da nahm ich mir ein paar Buchholzstäbe und schnitzte los. Als Vorlage gab es kein vollständig gefundenes Schachspiel, sondern nur einzelne Fundstücke, die ich in den Katalogen Otto der Große, Magdeburg und Europa (2 Bände: Katalog und Essays) und Kaiser Heinrich II. (Ausstellungskatalog der Ausstellung in Bamberg) fand.  Andere Figuren Rukh=Turm und Wesir=Dame empfand ich nach. Der Klops ist mir dabei mit dem Rukh passiert, der bereits eine turmartige Gestalt hat, wie sie heute üblich ist. In dieser Form taucht die Figur erst im Schachbuch von Alfonso X. (El Sabio) im 13. Jahrhundert auf. (Das Schachbuch lohnt übrigens einen eigenen Beitrag bei Gelegenheit)  Auch wäre Haselholz evt. besser als Buchenholz gewesen. Aus Haselholz waren die Schachfiguren vom Fundplatz Charavines (1008 – 1010), am lac de Paladru zwischen Grenoble und Lyon. Bergkristall, das für viele frühe Schachfiguren nachgewiesen wurde, wäre doch etwas zu wertvoll gewesen! Doch die wichtigste Frage ist zunächst:

Wurde Schach im Ottonenreich gespielt?

Daran gibt es keinen Zweifel. Zwar ist die Nachricht, dass Kaiserin Theophanu das Schachspiel aus Byzanz mitgebracht hat, nur mit Hilfe von Indizien zu belegen: Heinrich II. war in Besitz von Schachfiguren, die aus dem von der Kaiserin mitgebrachten byzantinischen Schatz stammen könnten. Diese aus Achat und Chalzedon gearbeiteten Figuren wurden als Schmuckstücke in die Kanzel des Aachener Doms eingearbeitet, die Heinrich stiftete. Dort kann danach gesucht werden. Kostbare Schachspiele wurden gerne an die Kirche verschenkt, das war nicht nur bei Heinrich der Fall, sondern auch Urkunden (die früheste von 1008 oder 1010 vom katalanischen Grafen Ermengaud) bezeugen, das kostbare Schachspiele verschenkt worden sind.

Doch es gibt noch einen weiteren Fund aus dem Gebiet der Ottonen: Auf der Burg auf dem Kanstein nahe Langelsheim wurde eine ins 10. Jhd. datierte Schachfigur aus Zahnbein (Elfenbein) vom Pottwal gefunden, die von der Formgebung „den abstrakten orientalischen Vorbildern“ folgt. Womöglich ist sie auch im Orient oder in Spanien hergestellt worden. Da die Ottonenzeit auch einmal als Schülerprojekt gestartet ist, verlinke ich hier ein ähnlich schönes Projekt über die Kansteinburg.

Schachfiguren Caravines

Schachfiguren aus Caravines aus verschiedenen Materialien, Foto: Uhl

Der oben bereits erwähnte Fundort Charavines zeigt an, dass einfachere Schachspiele aus Holz, Knochen oder Hirschgeweih bereits zu Beginn des 11. Jahrhunderts auf Herrenhöfen und Adelssitzen vorhanden waren und damit auch gespielt wurden.  Hier zum Anschauen Funde von weiteren historischen Schachfiguren …

Figuren aber kein Brett !

Die Figuren konnten also nach den Vorlagen nach empfunden und rekonstruiert werden. Das helle Buchenholz habe ich für die weißen Figuren nur geölt und für die schwarzen Figuren verwendete ich eine von Dr. Wunderlich empfohlene Lasur aus Walnussschalen. Hier dazu mehr …

Die fertigen Figuren sehen nun so aus:

Schachfiguren

Bei allen Recherchen fand ich aber kein Schachbrett für das 10. Jahrhundert. Wie ein Schachbrett mit Einlegearbeit hergestellt wird, fand ich zwar im Schachbuch des Alfonso X. von León-Kastilien. Aber dies ist erst 13. Jahrhundert! Wir entschieden uns für eine Variante aus Stoff (siehe oben), die ebenso gut wie die Figuren in einem Beutel verstaut werden kann. Genauso gut wäre denkbar, dass vor Ort auf einem Tisch ein einfaches Schachbrett eingeritzt wurde. Und wie könnte der Beutel ausgesehen haben?

Beutel für Schachfiguren

Auch hier sagt die Befundlage für das 10./11. Jhd. gar nichts ! Die Vielfalt der Abbildungen von Beuteln und Behältnissen für Schachfiguren im Schach- und Spielebuch vom bereits erwähnten Alfonso X. war so groß, dass wir nun nicht mehr widerstehen konnten und für Figuren und Brett aus Stoff einen dieser Beutel nachmachten.  Da diese Beutel im 13. Jhd. so selbstverständlich waren und fast auf jeder Abb. dazugemalt wurden, nehmen wir eine ähnliche Aufbewahrungsart für das Alltagsschach auch im 10. und 11. Jahrhundert an. Isi

Damit war unsere Rekonstruktion fertiggestellt und kann künftig in Museen und Lagern gespielt werden. Am Ende noch ein Tipp zum Weiterlesen und evt. zum Besuchen: Das Schachdorf Ströbeck und sein Schachmuseum.

Euer Isí