Geschichtsdarstellers Bücherfrühling (2015)

Viele Bücher ergeben nur Brei … deswegen meine Vorschau

Es ist zwar noch nicht Frühling, aber dennoch wage ich bereits einen Blick auf drei Neuerscheinungen in diesem Frühjahr, die für Geschichtsdarsteller bzw. Reenactors interessant sein könnten. Alle drei Titel möchte ich im Laufe des Jahres noch ausführlich besprechen, werde sie aber schon einmal kurz vorstellen:

  1.  Für meinen Lieblingstempler Odo könnte dieses Buch, das bereits im nächsten Monat erscheint, interessant sein: Paul M. Cobb erzählt in seinem „Kampf ums Paradies“ die Geschichte der Kreuzzüge auf Basis der auch zahlreich vorhandenen islamischen Quellen. Ich kann mich gut erinnern, dass in einem Buch in meinem Bestand christliche und islamische Quellen bereits gegenüber gestellt worden sind (Peter Milger: Die Kreuzzüge, 1988). Ansonsten ist die Annahme des Autors völlig richtig: Die Geschichte der Kreuzzüge wird in Schule und Historie aus der christlichen Sicht erzählt. Manches Vorurteil alter Kreuzzugspredigten scheint bis heute im Staub der Studierstuben überlebt zu haben. Mit der Veröffentlichung der im Escorial aufgefundenen Lebensgeschichtes des syrischen Ritters Usama ibn Munqidh ergab sich erstmals ein wichtiger Perspektivwechsel. Meine Hoffnung ist, dass uns Herr Cobb mit der Hinzuziehung weiterer Quellen eine ganz andere Sicht auf die Kreuzzüge eröffnet. Andererseits herrscht bei mir eine große Angst vor, dass diese neue Publikation wieder nur ein weiterer Fall für die Abteilung „Orientalistenromantik“ wird. Drücken wir gemeinsam die Daumen! Mit 29,95 € ist jeder Kreuzfahrer und Glaubenskrieger dabei!
  2. Die Mode der frühen Hellenen unter dem Titel „Helenas Töchter – Frauen und Mode im frühen Griechenland“ von Klaus Junker und Sina Tauchert macht mich sehr neugierig. Paris erstes Anliegen nach dem Raub der Helena war, wie seine neue Braut zu angemessener Kleidung und Ausstattung kam. Haben die frühen Griechen die Mode erfunden? Oder ist schöne Kleidung von Mann und Frau der erste Schritt in die Zivilisation für die alten Griechen? Denn wie elegant schon Altägypter, Zweistromländler und Etrusker waren, wissen wir. Ich bin zwar definitiv aus dem Alter raus, um nach der schönen Helena zu haschen, aber für jeden Darsteller, der über den Tellerrand gucken möchte, ist dies eine unerläßliche Ergänzung für die Bibliothek. Das Werk erscheint im April und kostet 29,95 €
  3. Kehren wir ins Mittelalter zurück (dort, wo wir hingehören): Nach „Mittelalter selbst erleben“ und „Spielen wie im Mittelalter“ bringt Doris Fischer nun auch „Kochen wie im Mittelalter“ heraus. Nach den beiden ersten Bänden erwarte ich kein Werk auf Darstellerniveau, eher gute Einstiegsliteratur wie bei den ersten beiden Bänden auch. „Mittelalter selbst erleben“ wartete mit einigen guten Tipps auf. „Spielen wie im Mittelalter“ fand ich sehr oberflächlich, wenn man sich mit Originalquellen beschäftigt hat. Nicht viel erwartend, möchte ich dennoch von der Kochkunst von Doris Fischer gerne überraschen lassen. Denn was es bislang in der Hinsicht auf dem Markt gibt und uns bereits zu einem eigenen internen „Kochführer“ gezwungen hat, ist zum größten Teil nicht zum Genießen und bezieht sich stets auf das Spätmittelalter. Mal sehen, ob Frau Fischer für uns bekömmlicher abschmeckt.  Für 16,95 € sollte ein Gast bei ihr satt werden. Nichts für den sorfortigen Hunger, denn aufgetischt wird erst im Mai.

Euer Bücher-Blumenpflücker Isidorus

 

Der Heerbann 2013

100_6193Einer der schöneren Momente des Heerbanns, die Sonne kam am Sonntag heraus

… ist vorüber. Wir bedanken uns ganz, ganz herzlich bei Odo von Crain für seine Organisation, die viel Zeit und Mühen gekostet hat. Zwar waren wir Ottonen wieder nur eine Randgruppe, etwa knapp ein Dutzend (in zwei Gruppen) waren von uns da. Aber das Kommen macht uns trotzdem sehr viel Spaß. Und das erste Mal war es ein Heerbann, der fast etwas in Wasser fiel. Meine Schuhe können ein Lied davon singen, aber da es „Haus Meer“-Schuhe sind, blieben sie natürlich trocken.

100_6186Blick auf eine der großen Zeltstraßen, Zelte über Zelt von ca. 700 Teilnehmern

Es ist ein großes Familientreffen, ein Wiedersehensfest. Auch wenn es darunter auch mal einen gibt, den man nicht wiedersehen möchte. Aber das kommt vor. Die vielen, die man lange nicht mehr gesehen hat und trotzdem (und ohne Brille) wiedererkennt wiegen das dicke auf. Immer mehr wird auch der Heerbann zur „Reenactment-Messe“. Viele, viele Händler haben aufgebaut und boten dem Anfänger und Fortgeschrittenen ein umfangreiches Angebot an. Sie waren mit Ambiente und Verkauf auch sehr zufrieden, wie eine nicht repräsentative Befragung ergab. Im Durchschnitt konnte der unbebrillte Beobachter auch mit der Qualität der Darstellungen zufrieden sein. Sabine war auf ihrem ersten Heerbann sehr überrascht davon und ich denke, da haben sie auch eine Menge Leute inzwischen verbessert. Über die anderen decken wir den Mantel des Schweigens.

In erster Linie ist der Heerbann jedoch ein Kämpfertreffen. Und so domierten natürlich Linienkampf, Schlachtdarstellung, Bogenschützenturnier, Pferdeübungen und auch Schleuderer den Heerbann. Die von mir angemahnte Helmpflicht ist überwiegend eingehalten worden.

100_6180Die Schlachtreihen

100_6182Schlachtreihe aus der Nähe

100_6183Kämpferpause

 100_6196Die Ottonin und ihr neuer Scherenstuhl

100_6198Hans als „Touristendarsteller“: Kann ich ein Foto machen?

100_6177rbb-Filmteam, „Making-of“

Euer Isí

 

Herbst und Wanderausstellung

Wanderausstellung 2012

Wie man sieht, es ist Herbst. Die Saison 2012 ist beendet. Wie in den letzten zwei Jahren haben wir zum Schluß eine „Wanderausstellung“ veranstaltet, d.h. wir sind in Gewandung eine längere Strecke gewandet, ganz für uns, aber selbstverständlich nicht unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Hier einige öffentliche Fotos von der Wanderausstellung 2012… Ich hoffe, dass ich noch zu einen eigenen längeren Beitrag über diese Veranstaltung komme. Übrigens: Teilnehmer anderer Gruppen sind gerne im nächsten Jahr gesehen. Einfach mit mir Kontakt aufnehmen.

Wir waren auch auf den Petersfelstagen. Darüber gibt es auch noch (hoffentlich) einen eigenen Bericht.

In Minden ist zum ersten Mal ein Reenactorpreis verliehen worden. Herzliche Glückwünsche den Gewinnern, die auf der Seite von „Minden erleben!“ vorgestellt werden, hier sind sie im Überblick zu finden…

Sehr froh bin ich über die heile Rückkehr der „Eroberer von England“, die bei der Veranstaltung „Hastings 2012“ teilgenommen haben. Ein Tag davon fiel ins Wasser. Und Schlamm ist besser als Staub! Mehr davon bei den Fotos von Mara, hier anschauen …

Allen einen schönen Herbst und Winter

Euer Isí

Wanderausstellung 2012

Augsburger Ottonenlager

Augsburger Ottonenlager

Ottonenlager in Langenneufnach (Bärenbachzeltplatz) bei Augsburg

Nach dem großen Ottonenlager in Weilheim 2010 und einem kleineren Ottonentreffen 2011 auf der Lütjenburg fand in diesem Jahr im Mai ein lange geplantes Ottonenlager bei Augsburg statt.

Es ist Frühlingsanfang im Jahre des Herren 1012, der erste Markt im Jahr zieht viele Menschen nach Augsburg. In der Nähe der Stadt treffen und lagern die unterschiedlichsten Menschen auf dem Weg zum Markt. Neben dem alltäglichen Lagerleben wird die Ausrüstung ausgebessert und Waren werden für den Verkauf vorbereitet. Auch Bewaffnete und Reisende kommen aus unterschiedlichsten Gründen in die Bischofsstadt.  Es ist wirklich nur eine kleine Reisegruppe, die sich am Bärenbach in der Nähe von Augsburg zusammenfand: Ein Miles mit Frau und Kindern, ein Händler aus Birka, ein Adliger mit Knecht, zu dessen Schutz der Miles mitreist, eine ottonische Stiftsdame, ein Jäger mit Frau und ein Gutsherr mit Frau, der einige Zeit in Diensten eines jüdischen Sklavenhändlers stand und von ihm ein arabisches Reisezelt (Jaima) erworben hat. Ein Sonnensegel wird aufgespannt und die Reisenden ruhen sich zwei Tage aus, bevor sie zum Markt nach Augsburg weiterziehen.

Soweit die Geschichte für unser Lager. Am Anfang stand etwas die Enttäuschung. Wir hatten mehr Darsteller und mehr Besucher erwartet. Doch sind wir nicht sehr viele ottonische Darsteller (oder ähnliches) und es ist klar, dass nicht jeder an jeden Termin kommen kann. Manchmal kommt auch spontan etwas Wichtiges dazwischen. Für die „Nordschiene“ ist die Anfahrt zudem sehr, sehr weit. Was die Besucher betrifft: Je weiter ein Lager von einer größeren Stadt entfernt ist, desto mehr Werbeaufwand muss betrieben werden, um Interessierte anzulocken. Wenn es ein ehrenamtliches Projekt wie dieses Ottonenlager ist, stellt sich von Beginn an die Frage, ob sich ein solcher Aufwand dann überhaupt lohnt und nicht von vornherein ein Privatlager zu planen ist, bei dem wir uns natürlich über jeden spontanen Besucher genauso freuen. So hatten wir nur wenige, aber sehr interessierte Besucher, die auch lange blieben und am nächsten Tag wiederkamen. Vom geplanten Programm haben wir immerhin eine abgespeckte Version geliefert.

Wir haben uns als Reisende tatsächlich ausgeruht. Es war ein schönes verlängertes Wochenende mit Erfahrungsaustausch mit ottonischen Darstellern. Wir führten Handarbeiten und Handwerk aus, probten Bögen und Schleudern und den Kampf mit Schild und Speer. Dazu gehörte auch ein Beschusstest auf eine genietete Kettenhaube. Viele von uns sehen sich oft nur einmal im Jahr und da ist diese Gelegenheit auch immer ein Treffen unter alten Freunden. Ganz klar! Für die gute Essens- und Getränkeversorgung ergehen viele, viele Pluspunkte an die Orga. Ebenso für den Platz und überhaupt für die Organisation. Ja, und am Ende vielen Dank an diejenigen, die uns so lieb bekochten!

Perspektiven für weiteres ottonisches Engagement für Augsburg und Königsbrunn wurden auch ausgelotet. Ein nächstes Ottonenlager im Süden könnte z.B. beim Lechfeldschlachtpavillon stattfinden. Dazu müßten Gespräche mit der Stadt und den Gruppen vor Ort geführt werden. Es ist auch noch nicht raus, ob unser Wilderich die Organisation ein weiteres Mal übernehmen möchte. Darüber wird noch zu reden sein. Wir verließen den Bärenbachplatz mit vielen traurigen Gefühlen und der schönen Erinnerung an drei Nächten und über zwei Tagen in der Ottonenzeit.

Ganz viele Fotos von dem Treffen gibt es hier ….

Euer Isí

Heerbann 2012

Das Schlachtfeld sah aus wie ein Saustall

Odo von Craien

Heerbann 2012

Der Heerbann ist vorrangig ein Kämpfertreffen, aber nicht nur …

Für uns ist der Heerbann in Berlin-Brandenburg schon  wieder vorbei. Aber einige von uns werden heute noch bis zum Ende bleiben und das schöne Wetter in Bruchmühle genießen. Sehr schade, dass wir nicht das Zelt aufbauen konnten (aber der Lebensunterhalt bzw. die Verpflichtungen anderen gegenüber gehen vor), denn das Wetter wäre unserem arabischen Zelt sehr entgegen gekommen. So haben wir die Gastfreundschaft der Templer-Komturey von Berlin und der Gruppe Liudolfinger-Mannen (Ottonen wie wir) in Anspruch genommen. Dafür ganz herzlichen Dank.

2007 fand der erste Heerbann in Berlin-Brandenburg mit ca. 184 Teilnehmern statt (auch schon eine stolze Zahl!), lt. Odos Zählung haben sich am diesjährigen Heerbann 2012 705 Teilnehmer  versammelt. Die Stimmung war ausgezeichnet und so habe ich das Gefühl, Odos Anliegen, die unterschiedlichen Gruppen und Gruppierungen innerhalb der Mittelalter-Szene zu einem (harmonischen) Lager zusammen zu schweißen, ist angenommen worden. Jeder akzeptiert den anderen (auch wenn in den Lagern trotzdem ein wenig über den anderen gelästert wird, wir sind ja auch nur Menschen) unabhängig davon, welcher Gruppierung man angehört oder welchen Glauben man hat. Es waren viel weniger Odin-Rufe als früher zu hören. Annette sah sogar Wikis mit Kreuzen.

Nicht nur ein Kämpfertreffen …

Heerbannn 2012

Das „Damenkränzchen“: Während die Kämpfer/innen sich austobten, gingen Damen (und Herren) ihren handwerklichen Tätigkeiten nach.

Natürlich ist der Heerbann vorrangig ein Kämpfertreffen (ca. 350 waren gemeldet), aber nicht nur: Es werden Workshops angeboten, z.B. Glasperlen oder Schleudern z.B., viele Händler bieten ihre nützlichen und weniger nützlichen Dinge an oder die Darsteller finden sich einfach zusammen wie z.B. beim „Damenkränzchen“, bei dem genäht, gestickt oder brettchengewebt wurde. Auch der „Mittelalterflohmarkt“ war ein Hit!

Natürlich überwiegt weiterhin die Kampfdarstellungen in allen Lagern, aber dieses Jahr hatte ich das Gefühl, dass es in Zukunft in Richtung eines „Familientreffen“ der Mittelaltergruppen in Berlin-Brandenburg (und Umgebung) gehen wird. Wir wissen, dass wir dort viele Freunde treffen werden und anderen wird es auch so gehen.

Heerbann 2012
Nicht nur das Schlachtfeld war belebt, auch die vielen Lager waren voller Darsteller, hier z.B. bei der Templer-Komturey

Und die Qualität der Darstellung ?

Hat sich bei vielen Gruppen erheblich gesteigert, so mein Eindruck. Bei einigen Gruppen ist es schön zu beobachten, wie sie die Qualität ihrer Darstellung im Laufe der Jahre gesteigert haben. Aber auch beim schönsten Treffen gibt es immer noch etwas zu kritisieren bzw. zu verbessern: Natürlich das übliche Problem von modernen Sachen, die in vielen Lagern noch zu sehen waren. Um es mal auf den Punkt zu bringen: Wenn die Keramik nicht immer passend ist, wäre ja nicht so schlimm, aber eines ist klar: Wikis (und andere) haben keine Bierflaschen gehabt! Viel schlimmer war die  Sache mit der “Helmpflicht”. Ich habe nur ganz wenig Fotos von Training und Kämpfen gemacht, habe aber überall Leute ohne Helm drauf (siehe z.B. ganz oben und das unterste Foto).  Was passiert, wenn jemand zufällig einen Kopftreffer bekommt und keinen Helm trägt, wißt ihr als Kämpfer selbst ganz genau.

Am Ende meiner diesjährigen Heerbannsblogerei das melancholische Bild eines Kämpfers, der sich plötzlich einsam, verlassen auf dem Schlachtfeld wieder fand.

Euer Isí

Heerbann 2012

einsam, verlassen?! Vielleicht überlegt er auch nur, warum die Leute, die auf ihn zustürmen, alle keinen Helm auf haben … ???

Heuschrecken des Kaiser

Ich bin lange nicht mehr zum (geschichts)blogen gekommen. Es liegen hier noch zwei Artikel im Speicher und zwei oder drei Ideen im Kopf. Es wird Herbst,  die dunkle Zeit, da werde ich wohl etwas mehr Zeit finden zu schreiben und zu blogen.

Der erste Eintrag ist eigentlich ein Nachtrag zu unserer Zeit auf der Lütjenburg. Immer wenn uns der dortige Museumschef Herr Eller antraf, dann waren wir am Futtern oder am Kochen. Deswegen, deutsche Museumlandschaft aufgepaßt, überall, wo wir auftauchen, wächst kein Gras mehr, denn wir sind die

Heuschrecken des Kaiser
Zeichnung: Maic Gronych, Ottonenzeit/Huginn

Unser nächstes Treffen wird im Geschichtspark Bärnau-Tachow stattfinden. Wir werden auf den Seiten des Geschichtsparks lobend erwähnt und möchten den Dank gleich weiter an unsere „Südschiene“, die dort so fleißig geschafft hat, weiterreichen. Die Nordlichter aus Berlin, Leipzig und Halle werden sich erst dieses Wochenende das Gelände anschauen und danach kann ich darüber berichten. Einige Freunde von uns waren schon da und was haben sie dort gemacht. Natürlich gekocht und gegessen:


Euer

Isi

Die Turmhügelburg zu Pfingsten

Wir sind wieder für eine Woche auf der Turmhügelburg. Und wir erwarten weitere Freunde aus der „Ottonenzeit“.  Von Ihnen wird im Verlauf des Berichtes die Rede sein. Am Ende gibt es eine Liste mit den beteiligte Gruppen bei unserer diesjährigen „Burgbelebung“.

Turmhügelburg Lütjenburg

Lütjenburg liegt nördlich von Hamburg. Es ist ein kleiner Ort in Ostholstein an der Ostseeküste. Ostholsteins Besonderheit ist, dass es relativ spät deutsch erobert und besiedelt worden ist. Erst im 12./13. Jhd. wurde es kolonisiert und christianisiert. Hölzerne Turmhügelburgen entstanden deswegen etwas später als im übrigen Heiligen Römischen Reich.  Eine große Rolle spielten dabei die Schauenburger Grafen, hier dazu mehr Informationen …

Nahe Lütjenburg im Nienthal wurde eine Turmhügelburg der Schauenburger Zeit von einem rührigen Verein rekonstruiert und neu errichtet. Sie besteht aus dem Eichenholzturm, der „eingemottet“ auf einem Hügel steht und von einem Wassergraben umgeben ist. Nur eine schmale Holzbrücke, die leicht zu entfernen ist, führt hinauf zu diesem letzten Verteidigungspunkt. In der Vorburg steht ein Ensemble von 5 Wohn- und Wirtschaftsgebäuden und die Kapelle. Umgeben ist die Vorburg von einem Wall, der von einem Flechtzaun bekrönt ist. Es ist also keine Steinsburg des Klischeemittelalters, drohendes Gemäuer auf einem Berg oder Hügel, sondern eine Vorform, wie es sie auch im Frühmittelalter in zahlreichen Niederungen gab (deswegen aus Niederungsburg). Wir passen als Ottonen hier also ganz gut herein, wenn auch die meisten Gebäude nicht aus „unserer Zeit“ sind.

Lageplan Turmhügelburg

Am Pfingstwochenende findet auf der Festwiese traditionell das „Wikingerfest“ statt. Deswegen konnten wir unsere Belebung erst am Pfingstmontag beginnen. Diesmal schlafen wir nicht im Gesindehaus, sondern im Wirtschaftsgebäude. Die meisten „Wikinger“ waren bereits abgereist, als wir kamen. Auch Bodendieks Gesinde, die Burgtruppe, zu der seit Neustem auch unser Jaegoor gehört, waren am Abreisen.

Wirtschaftsgebäude Turmhügelburg

Vorher saßen wir zusammen, aßen gemeinsam Hirsebrei und erzählten uns die neusten Erlebnisse. Das ist auch in Zeiten des Internets und der Informationsüberflutung schön. Oder gerade deswegen! Die stillen Tage in Lütjenburg begannen. Selten hatten wir es so ruhig.

Im Sommer am frühen Morgen, wenn die Sonne scheint und bevor die ersten Besucher komme, ist es in der Burg am Schönsten: Ich sitze im Ritterhaus oder in der Sonne auf dem Platz vor der Schmiede und schreibe. Der Tag beginnt gut.

Ritterhaus Turmhügelburg

Die Ruhe währt nicht ewig. Die Bodendieks sind abgereist, aber die ersten Freunde sind angekommen und wollen untergebracht werden: Elke und Jürgen, die Zähringer, sind zwei junggebliebene und herzensgute Schwaben, die uns damals in Tilleda sehr geholfen haben und die arme Orga immer wieder aufgerichtet haben, sie wohnen im Turm. Das war immer schon Jürgens Traum.

Burgturm Turmhügelburg

Kathrin und Holger kennen wir von unserer ersten ernstzunehmenden Veranstaltung in Quedlinburg 2006, dem Reenactorlager auf dem Schlossberg. Jonathan ist Kathrins Sohn. Sie haben ein Zelt neben der Kapelle aufgeschlagen.

Kapelle mit Zelt Turmhügelburg

In dieser Ruhe und Stille drängt sich die Frage auf: Was macht man den ganzen Tag in der Burg?

Die Frage ist einfach zu beantworten, aber nicht so einfach zu erklären: Wir „beleben“ die Turmhügelburg, die sich von Beginn an als „Lebendiges Museum“ verstanden hat. Was heißt das? Natürlich, wir tragen mittelalterliche Kleidung. Das ist nicht so einheitlich, wie man sich das so vorstellt. Fast 1000 Jahre dauerte das Mittelalter, das ist länger als der Zeitraum vom Ende des Mittelalters bis heute. Da wechselten oft Kleidung und Baustile. Die lütjenburger Turmhügelburg repräsentiert nur den letzten Rest dieser Zeit, etwa ab dem 11. Jahrhundert mit dem „ältesten Gebäude“ der Anlage, dem „Wohn- und Stallgebäude“ bis zum Ende des Spätmittelalters mit dem jüngsten Gebäude, der Kapelle. Dennoch kann man sich so etwa eine Anlage um 13oo vorstellen. Es ist natürlich nur Rekonstruktion und im Nienthal stand nie eine Burg. Doch rund um Lütjenburg fanden sich  allein 11 dieser kleinen adligen Befestigungsanlagen (im Kreis Plön etwa 45) und so gehört die Turmhügelburg ganz eindeutig zur typisch mittelalterlichen Geschichte der Gegend.

Der Bau von Turmhügelburgen begann in Deutschland etwa ab dem 10./11. Jahrhundert, in Frankreich noch früher, Spanien ging mit seinen Stadtburgen eigene Wege und über Italien weiß ich nicht viel. In Ostholstein errichtete der Holsteinisch-Sächsische Adel diese Burgen, um die slawischen Einwohner zu unterwerfen und das Land deutsch zu kolonisieren. Wie aus anderen Untersuchungen (z.B. auf Rügen und in Mecklenburg) zu ersehen ist, war es z.T. auch der einheimische Adel, der sich dem neuen Oberherr, hier die Schauenburger Grafen, unterworfen hat und sich den neuen Sitten anpaßte, d.h. Adelsburgen auf seinem Besitz baute. Die Bewohner der Turmhügelburgen müssen also nicht immer „Deutsche“ gewesen sein.

Turmhügelburg Belebung

Was machen wir noch, außer unsere rekonstruierte Kleidung zu tragen, in unserem Fall die Mode der Ottonen- und Salierzeit? Eins können wir nicht und zwar mittelalterlichen Alltag nachstellen. Uns fehlen hierbei die täglichen Aufgaben, die Tiere etc. Wir können kleinen Handwerken nachgehen, einfache Handarbeiten machen, unser tägliches Essen kochen. Und wir machen einen guten Eindruck natürlich. Von Zeit zur Zeit und wenn man nett ins Gespräch kommt, führen wir die Besucher auch gerne durch das Gelände.

Inzwischen sind fast alle angekommen. Unsere Berliner Freunde Buteo, Hemmo u. Rieke waren leider aber nur kurz da. Der Uhl zu Wilhaim, seine Frau Cutani und die zwei Kinder Natalie und Jenny sind in das Gesindehaus gezogen, Kerstin mit Zelt auf die Wiese, Lis und Hermann in den Kornspeicher, die Liudolfinger Bruno und Baldwin und Jörn und Familie zu uns ins Wirtschaftsgebäude. Lis und Hermann von Gesinde der Burg schlafen im Kornspeicher.

Doch nun regnet es. Das hat uns leider unseren Schleuderwettbewerb geschmissen. Zu allem Überfluss ist auch noch unser Schleudermeister, der Jaegoor, krank geworden. Deshalb fühlte sich unsere Schleuderscheibe etwas allein gelassen.

Schleuderscheibe Turmhügelburg

Historisches Steinschleudern ist eine der Aktivitäten, die sich auf den Wiesen an der Seite der Turmhügelburg ausgezeichnet durchführen lassen. Im Mittelalter war eher die Stabschleuder verbreitet, da sich diese leichter bedienen ließ als das Spezialistenwissen der Bedienung der Handsteinschleuder mit Schlingen, die eher weitflächig in der Antike verbreitet war, jedoch als Waffe auch noch im Mittelalter nachweisbar ist (s. Funde z.B. in Schleswig).

Backofen Turmhügelburg

Ein Höhepunkt des diesjährigen Aufenthalts auf der Turmhügelburg war die Inbetriebnahme des kleinen Lehmbackofens neben dem Kräuterbeet. Das war etwas, was ich eher zum Alltagsleben einer Turmhügelburg zählen würde, leicht von einem Mann zu bewältigen. Wir waren dagegen zu viert/fünft: Zuerst wurde Holz gehackt, möglichst klein zum Anzünden und weiterbefeuern. Bruno machte Feuer und blieb zum Weiterbefeuern einige Stunden dabei. Der Mann, die Frau oder das Kind damals wird seinen Ofen gekannt haben, wir dagegen mussten uns erst mit ihm vertraut machen, bevor er richtig heiß wurde. Der Huginn-Ofen in Tilleda hatte, so erinnerten wir uns, einen Abzug, oder? Dieser hier nicht! Dennoch kamen am Ende drei leckere Brot und da die Hitze noch vorhanden war, ein sehr schmackhaftes Fischgericht aus Plattfischen und Kräutern der Provinz heraus (dem Schleifischer und dem Ökohof Tuch herzlichen Dank!). Sicherlich der kulinarische Höhepunkt des Aufenthaltes, ohne den kochenden Damen und Herren nahe treten zu wollen: Auch Hollunderküchle, die Gerstenfladen und die Zwiebelhühner in Weinsauce in den Kugeltöpfen waren ausgesprochen lecker! Mein Favorit aber war diesmal das Backofen-Menü! Hier zwei Bilder:

Fischgericht Turmhügelburg

 Brot Turmhügelburg

Da dieser Bericht endlich einmal zu Ende gehen muss und auf die Veröffentlichung wartet, nur noch einige schöne Kleinigkeiten, an denen sich bestimmt alle gerne erinnern: Die Nachtwanderung durch die Hügel von Ostholstein bis zu einem geheimnisvollen See. Auch die „Kampfübungen“ mit den Kindern trugen sehr zur Unterhaltung bei. Was ich immer wieder feststelle: Die Zeit geht viel zu schnell vorbei.

Am Ende gab es noch etwas Feierliches. Ein Templer kam und der Altknappe von leider erkrankten Jaegoor, Kai, wurde Ritter. Da waren wir aber schon am Einräumen und schon fast auf der Straße nach Hause. Auch hier ein schönes Bild davon.

Turmhügelburg Ritterschlag

Wir sind wieder zu Hause. Aus den in der Küche gestapelten Kisten und dem Geschirr entströmt noch der Geruch des Holzfeuers … Die Turmhügelburg fehlt uns jetzt schon sehr!

Beteiligte Gruppen der Ottonenzeit mit ggf. Internetseiten

Regenbogen Turmhügelburg

Bis bald !

Turmhügelburg Nachtschau

 

Das neue Jahr 2011

Ein gebrochener Fuß und ein beängstigend hohes Hochwasser haben den Januar ganz schön bewegt gemacht. Inzwischen kann wieder aufgeatmet werden.

Das neue Jahr ist schon wieder weit fortgeschritten und wir haben eine Menge Termine gemacht, zu denen wir (Ausnahme Mitgliederversammlung des Lebendige Geschichte e.V.) die mit uns befreundeten Ottonen und Ottonenzeitliche herzlich einladen. Gleichzeitig sind auch einige Schleuderertermine dabei, an denen wir Wettbewerbe abhalten und Graduierungen vergeben. Wer noch einige ottonenzeitliche Termine weiß oder anderes Interessantes, dann nehme ich es gerne auf. Hier die bislang gesammelten Termine.

Eigentlich wollte ich das Jahr etwas ruhiger angehen lassen, nur basteln und ganz lange nach Spanien fahren. Mit Spanien klappt es. Und ich werde aufmerksam nach ottonenzeitlichen und anderen interessanten Bauwerken und Funden Ausschau halten. Wie das mit der Ruhe und dem Basteln wird, das werden wir noch sehen. Ich wünsche jedenfalls allen Ottonen, Freunden und Bekannten eine gute Saison 2011, wie die Zuberwölfin so schön schrieb: Das Jahr der zweitausend Elfen !

Euer Isí