Alexanderkirche Kloster Neuwerk in Halle: „Es ist eine große Kirche!“

Im Beitrag dieser Woche geht es um eine Wiederentdeckung und Berichtigung einer bisherigen historischen Meinung durch einen archäologischen Neufund: Am 28. Mai 2020 um 11 Uhr lud das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt die Presse (dazu gehören auch Archäologiebloger wie wir) ein, eine bedeutende Entdeckung bei Ausgrabungen im Botanischen Garten in Halle näher kennenzulernen. Für ausführliche Erläuterungen standen die Projektleiterin Dr. Caroline Schulz (Mittelalter/Stadtarchäologie), der Grabungsleiter Dirk Blaschta M.A, der stellvertretende Landesarchäologe Dr. Reichenberger und der Landesarchäologe Prof. Dr. Meller (Herr der Himmelsscheibe) höchstpersönlich zur Verfügung. Auch Herr Stahl von der Denkmalpflege war zugegen. Ein großes Aufgebot, aber angebracht, denn zahlreiche Pressevertreter folgten der Einladung: Am Ende kamen an der Ausgrabungsstätte ca. 40 Personen zusammen. Natürlich wurden corona-bedingte Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Es wurde Abstand gehalten und bis auf Vertreter der Lokalpresse trugen auch alle Anwesenden eine Mund-Nase-Maske. Nach der Ausgrabung baut hier die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg ein Herbarium für den botanischen Garten. Nebst anderen Gebäuden wird das Bauvorhaben 23 Millionen Euro verschlingen. Dies wird zu 80 % von der Europäischen Union gefördert.

Von der Ratlosigkeit zur Erkenntnis!

Oben steht „Bedeutende Entdeckung“ und dies möchte ich in Sensation umändern, denn noch vor wenigen Jahren habe ich Frau Dr. Schulz nach dem Kloster und archäologischen Hinweisen gefragt, denn ich beschäftigte mich mit dem Erzbischof Adalgot und dem Bürger aus Halle, Hazecho, die zusammen das Kloster nach der siegreichen Schlacht auf dem Welfesholz (Febr. 1115) gegen die Salier gründeten. Die Archäologin schrieb mir damals etwas ratlos: „archäologisch gibt es meines Wissens nichts vom Kloster Neuwerk, auch bei der letzten Grabung im Bereich der Hochschule Giebichenstein ist nichts vom eigentlichen Kloster herausgekommen.“

Dr, Reichenberger, Dr. Schulz, im Hintergrund die noch vorh. Laurentiuskirche, Pfarrkirche von Neumarkt

So schnell kann es sich ändern! Das ist in der Wissenschaft so: Erkenntnisse, die gestern noch galten, sehen heute ganz anders aus: „Es ist eine große Kirche!“, rief Frau Dr. Schulz neben der Ausgrabungsfläche aus. Diese kann nur zum Kloster Neuwerk gehört haben, muss also die Klosterkirche gewesen sein, fuhr sie fort. Prof. Dr. Meller setzte noch einen drauf, so wie wir es von ihm kennen: „Das war die wichtigste Kirche des südlichen Sachsen-Anhalt!“ Gut, Sachsen-Anhalt gab es damals noch lange nicht, aber eine der wichtigsten Kirchen im damaligen Erzbistum Magdeburg war die Kirche des Kloster Neuwerks ganz sicher. Würde sie noch existieren, wäre sie ein ganz großer Höhepunkt auf der Straße der Romanik. Ein Erzbischof ist für ihren Beginn verantwortlich, Adalgot, ein anderer für ihr Ende, Kardinal Albrecht. Dazu gleich mehr.

Die Funde

Gefunden haben die Archäologen unter dem Grabungsleiter Blaschta M.A 20 000 Knochen, 10 000 Keramikteile und einige wenige Metallgegenstände, die ich noch ansprechen werde. Gegraben wurde an zwei Stellen vor den geplanten Baumaßnahmen: Von Juli bis Nov. 2019 wurden 21 Bestattungen freigelegt, die zum Friedhof der benachbarten Laurentiuskirche gehörten, der ursprünglich größer war als heute. Ab März 2020 kam die Grabungskampagne im Bereich des geplanten Herbariums hinzu. Hier wurden weitere 117 Bestattungen von Männern, Frauen und Kindern östlich der Hauptapsis der nun wiedergefundenen Klosterkirche freigelegt. Diese datieren ins Hoch- und Spätmittelalter. Hier fanden sich in einem Grab Brakteaten von Herzog Bernhard von Sachsen-Wittenberg, die zwischen 1183 und 1212 ihren Ursprung haben müssen. Ein herausragendes Grab direkt an der Seitenapsis besaß ein stark korrodiertes Eisenobjekt in der Herzgegend. Zudem enthielt ein Kindergrab ein zusammengefaltetes Bleitäfelchen mit Inschrift mit Hintergrund des mittelalterlich-magischen Volksglaubens. Darunter befanden sich Besiedlungsspuren, die bis in die Späte Bronzezeit/Frühe Eisenzeit (ca. 9./8. Jhd. v. Chr.) zurückreichen. Die Archäologen vermuten aufgrund der Funde, dass es sich um eine dörfliche Siedlung von Salzwirkern gehandelt hat. Danach scheint auf dem Gelände niemand mehr gewohnt oder gearbeitet zu haben, denn die nächsten frühmittelalterlichen Keramikspuren belegen eine Wiederbesiedlung ab dem 10./11. Jahrhundert, einer der nicht wenigen slawischen Siedlungsflecken im heutigen Stadtgebiet von Halle? Sicher belegt ist, dass hier 1116 das Kloster Neuwerk gegründet wurde. Gefunden wurden auch in Abbruchschichten des 16. Jahrhunderts in der Nordostecke der Grabungsfläche die südliche Seitenapsis und die Hauptapsis eines großen Kirchenbaus. Weitere Reste der Kirche werden bis außerhalb des Geländes des Botanischen Gartens bis unter der Straße „Am Kirchtor“ erwartet. Dies kann aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr ausgegraben werden. Etwas überraschend ist die Entdeckung schon, denn die Klosterkirche wurde lange Zeit viel näher an der Saale vermutet.

Der Haupttäter: Ein Kardinal!

Diese Ungewissheit hat jedenfalls ein Ende. Aber warum wussten wir so lange nichts über den Verbleib bzw. den genauen Standort eines der im Mittelalter bedeutenden Kloster im Osten des mittelalterlichen römischen Reiches (Deutscher Nation)? Dies ist einfach zu beantworten. Die Augustinerchorherren, die sich ab 1116 hier mit Hilfe des Mutterklosters Reichersberg (Passau) niederließen, standen einem mächtigen Mann im Weg, Kardinal Albrecht (1490 bis 1545). Da er Privilegien, Besitz und Gerichtsbarkeit des Klosters einer eigenen Stiftung am Dom in Halle übertragen wollte, sorgte er für den Abbruch der Klosterkirche bis „zur gründlichen Herausnahme der Steine.“ (Dr. Schulz). Die Ironie der Geschichte ist, nachdem einer der mächtigsten Katholischen Führungspersönlichkeiten für den Abbruch eines Katholischen Klosters gesorgt hatte, um ein neues Katholisches Machtzentrum in Halle zu errichten, spülte ihn die Bewegung eines ehemaligen Augustinerchorherren, Martin Luther, davon, die Reformation. Die Universität, die nun durch Baumaßnahmen für die Wiederentdeckung sorgt, trägt seinen Namen. Interessant ist übrigens, dass selbst das Ökumenische Heiligenlexikon (https://www.heiligenlexikon.de) der Reformation die Schuld für das Ende von Neuwerk gibt und nicht dem machthungrigen Kardinal.

Die Alexanderkirche

Die Kirche wurde 1124 geweiht und wurde mit Reliquien des Heiligen Alexanders ausgestattet, einem frühchristlichen Märtyrer. Da heutige Klöster noch sein Patronat besitzen (Ottobeuren z.B.) ist von einer einer großen Alexanderkirche neben der Kirche von Laurentius auszugehen. Die Augustinerchorherren von Neuwerk waren bereits ab 1121 nicht nur mit umfangreichen Besitz an Land, Mühlen (Steinmühle in Halle) und Pfarrrechten ausgestattet, sondern besaß auch Markt- und Zollrechte, sowie Verwaltungs- und Gerichtsfunktionen. Zudem besaß das Kloster ab 1144 mit dem Prior Lambert von Neuwerk auch einen eigenen Heiligen, an dessen Grab Wunderheilungen bezeugt sein sollen. Dazu noch einmal das oben erwähnte Heiligenlexikon:

Berichtet wird, dass auf seine Fürbitte Lamberts mehrere Klosterschüler, die in der Saale zu ertrinken drohten, wundersam gerettet wurden. Auch die Heilung des tödlich verwundeten Graf Heinrich von Bodenburg an seinem Grab wird Lambert zugeschrieben.“

Zudem erfolgte rings um das Kloster die Gründung der Amtsstadt Neumarkt, die laut archäologischen Landesamt „jahrhundertelang wirtschaftlich stark mit Halle konkurrierte.“ Nach dem Niedergang der frühmittelalterlichen Civitas rings um die Burg Giebichenstein war dies das eigentliche städtische Zentrum an der Saale. Ab 1184 griff Neuwerk/Neumarkt auch nach Halle über und stellte dort lt. Prof. Meller die Pfarrer für die Stadt. Die Stellung als einflussreiches Archidiakonat ist allerdings nur schlecht zu dokumentieren, da hier die Belege unzureichend vorhanden sind.

Entmachtung und Wiederentdeckung

Auch nach der endgültigen Entmachtung von Neuwerk durch Kardinal Albrecht durch die Übergabe 1528, der Aufhebung des Klosters 1530 und dem Singen der letzten Messe am 24. August 1531, blieben Teile des Klosterareals erhalten, besonders die Wirtschaftsgebäude, die nun anderweitig genutzt wurden. Das Amt Giebichenstein hatte hier seine Brauerei. Durch die Industrialisierung und der städtischen Ausbreitung und Verdichtung von Halle verschwanden die letzten Reste mit Ausnahme des Braukellers. Das Kloster wurde historisch, denkmalpflegerisch und archäologisch fast vergessen, wie auch die Aussage der Archäologin weiter oben zeigt. Noch vorhandene Pläne und Ansichten zeigten eine Situation, die zu Fehlinterpretationen führte, die nun archäologisch berichtigt worden sind. Eine weitere Sache, die darüber nachdenken lässt, dass auch historische Quellen immer auch kritisch zu beleuchten sind.

Die Wiederentdeckung von Neuwerk ist eine Sensation, die weit über die stadthistorische Relevanz der Stadt Halle hinausreicht. Es gibt aber auch noch offene Fragen. Der bei den Apsiden freigelegte Friedhof enthielt Skelette beiderlei Geschlechts und auch Kindergräber. Wo aber war der Friedhof der Chorherren? Wenn sich auch aus der vorhandenen Fundlage nicht vollständig eine viertürmige romanische Basilika rekonstruieren lässt, muss das Klosterensemble aus Alexanderkirche und der Pfarrkirche Laurentius doch ein beeindruckendes Bild ergeben haben. Die Rolle von Neuwerk mit all seinen Außenstellen und Betrieben ist historisch bei der Betrachtung der Entwicklung der Region in den letzten Jahren, auch ideologisch bedingt, stiefmütterlich behandelt worden. Das sollte sich nun ändern, denn die Wiederentdeckung der Alexanderkirche des Klosterneuwerks ist mehr als ein Fund.

Fotos und Text: Torsten Kreutzfeldt (Isidorus)

Ein letzter Blick auf die Reste der Klosterkirche, die nach der Neubebauung bald nicht mehr zu sehen sein werden.

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