Schlaglicht ins Mittelalter: Der Teppich von Bayeux von Pierre Bouet und Francois Neveaux

Mittelalter? Das ist eine Zeit, die seit 200 Jahren in Deutschland (und auch anderswo) fortwährend romantisiert wird. Dieses „gefühlte Mittelalter“ wird fortgesetzt durch Romane, (Hollywood-) Filme, Mittelalterspektakel und z.T. sogar durch Museumsveranstaltungen. Authentische Einblicke in die Zeit, die fast 1000 Jahre umspannte, geben alte Bauwerke oder Chroniken, dies aber nur unzureichend. Bauwerke, sofern erhalten, sind leider oft verändert, den Bedürfnissen der jeweiligen Besitzer angepaßt worden. Chroniken, sofern vorhanden, lesen sich knochentrocken, beziehen sich zudem oft nur auf kurz erwähnte Ereignisse im Leben eines Herrschers (z.B. „Wilfried der Haarige gründet das Kloster Ripoll im Jahre 879“). Gründe erfahren wir selten. Begleitumstände und ausführliche Beschreibung der Ortschaften und Handelnden erfahren wir in der Regel gar nicht.

Stickkunst des Mittelalters, selten erhalten: Die stürzenden Pferde auf dem „Teppich“

Einen wesentlich lebendigeren Einblick, sozusagen ein Schlaglicht ins Mittelalter, bietet der Gegenstand der in diesem Jahr erschienenen Publikation von Pierre Bouet und François Neveaux. Allerdings ist auch bereits die Betitelung „Teppich“ falsch, denn so wird erklärt: Der sogenannte Teppich ist gar keiner, sondern ein gigantisches Stickwerk auf einer Länge von 68,56 m und 50 cm Breite. Es ist sicherlich das größte textile Werk, das uns aus dem Mittelalter überliefert ist. Es ist ein erstaunlicher Glücksfall, dass der „Teppich von Bayeux“ sich erhalten hat und er steht heute als einzigartiges Werk da. Aber wie die Autoren auf Seite 206 ihrer Abhandlung ausführen, waren monumentale Textilien im Umfeld von großen Herrschern üblich:

„Die Könige oder Fürsten zogen je nach Jahreszeit oder diplomatischen und militärischen Erfordernissen häufig von einer Burg zur nächsten. Dabei hatten sie jeweils alles Notwendige mit im Gepäck: die Tische und die Gestelle, Kisten voller Tischtücher und Geschirr und selbstverständlich die Wandbehänge zum Schmücken und Wärmen der Hallen und Zimmer. Im 11. Jh. war das sicherlich nicht anders.“

Ob so ein monumentaler Wandbehang wie der Teppich von Bayeux (wir müssen bei dieser Bezeichnung der Stickerei bleiben!) jedem Herrscher oder kleinen Fürsten zur Verfügung stand, ist dagegen ungewiß. Können wir von einem erhaltenen Stück auf alle Hofhaltungen schließen? Zudem ist nicht klar, ob dieses Werk länger im Gebrauch von Wilhelm dem Eroberer stand. Fest überzeugt sind die Autoren dagegen von der Entstehungszeit der Stickerei unmittelbar nach der Eroberung Englands (1067 – 1069):

Odo, ganz links, mit seinen Brüdern Wilhelm und Robert

„Aufgrund dieser frühen Zeitstellung können wir annehmen, dass der Wandbehang sehr rasch von mehreren (weltlichen oder kirchlichen) Stickwerkstätten ausgeführt wurde, die gleichzeitig jeweils an einem anderen Abschnitt arbeiteten. Diese Stücke wurden anschließend zusammen gefügt; die Nähte sind auch heute gut zu sehen.“

Auftraggeber und Inhalt

Eine herrscherliche Feierabendarbeit (ggf. von der Königin Mathilde und ihren Hofdamen) scheidet also aus. Mit romantischen Mittelalter können die Autoren nicht dienen. Wer gab das monumentale Werk in Auftrag? Als Auftraggeber haben die Autoren Odo von Bayeux ausgemacht. Dieser war zur Eroberungszeit Bischof des Ortes und zudem Halbbruder des Eroberers. Er war an der Schlacht von Hastings zusammen mit seinen Vasallen, die auch auf dem Teppich abgebildet sind, beteiligt. Vieles deutet alles auf ihn. Als Bischof verfügte er ebenso über materielle und logistische Hintergründe, diese Arbeit ausführen zu lassen.

Die Schlacht von Hastings (Abb. aus dem Buch)

Kommen wir zum Inhalt der Stickerei (und der vorliegenden Abhandlung darüber): Es geht um die Ereignisse der Jahre 1064 – 1066 in der Normandie (Nordfrankreich) und in England. Die Autoren merken dazu an (S. 10):

„Was den Inhalt betrifft, so ist der Wandbehang zunächst einmal ein hervorragendes Zeugnis über das Alltagsleben am Ende des 11. Jh. In dieser Hinsicht ist er für Historiker und Archäologen eine unerschöpfliche Quelle. Er zeigt uns Monumente, Kirchen, Paläste, Burgen und Häuser, Schiffe nach dem überlieferten Vorbild der Wikinger, Pferde in voller Aktion während der Schlacht oder auch zahlreiche Männer in Zivil oder Kampfausstattung. Er ist demnach ein lebendiges und naturgetreues Werk.“

Hinzufügen sollte man, dass Frauen kaum abgebildet worden sind. Auftraggeber Odo von Bayeux hatte eindeutig keine Gender-Beauftragte in seinen Reihen.

 

Der Wandbehang wird Szene für Szene erklärt

Für die Einführung über ihr Werk über den „Teppich von Bayeux“ haben die Autoren die Chefkonservatorin Sylvette Lemagnen gewinnen können. Ein erklärendes Vorspiel geht dem Blick auf dem Teppich voraus. Im Anschluss erklären die Autoren den Teppich Szene für Szene, natürlich mit dem dementsprechenden großformatigen Abbildungen ausgestattet. Das ist das eigentliche Vergnügen an dem Buch, denn es lassen sich die Einzelheiten des Stickwerks in Ruhe betrachten, mit oder ohne Kommentar, ganz wie gewünscht. Dafür alleine würde sich der Kauf des Buches lohnen. Die Detailfreude der gestickten männlichen Tätigkeiten, besonders was das Kriegshandwerk des 11. Jh. betrifft, lassen kaum einen Wunsch offen. Wenn die Autoren noch an anderer Stelle schreiben, dass es sich hier um ein „außergewöhnliches Zeugnis über das Leben im 11. Jahrhundert handelt“, so haben sie recht, was den kriegerischen Mann in jener Zeit betrifft. Alltagsleben von Frauen, Bauern und Handwerkern, die nicht mit der Kriegsvorbereitung beschäftigt sind, spart der Wandbehang aus. Die Idee, den Teppich authentisch im Buch „aufzurollen“, war zunächst eine gute. Allerdings sind die Abb. dadurch im Endeffekt sehr klein geraten und ich bin mit der Druckqualität nicht ganz zufrieden.

Ein unvollendetes Werk

Wer war Aelfgyva? Die rätselhafte Frauengestalt auf dem Teppich.

 

Nach der großformatigen Dokumentation des Stickwerks folgt die historische Erklärung bzw. der wissenschaftliche Teil. Dieser kann, verglichen mit der Vielzahl an Untersuchungen zum Thema, nur überblickshaft sein, gibt dem Geschichtsinteressierten aber bereits ein fundiertes Grundwissen an die Hand: Der Teppich als Geschichtsquelle zur Eroberung Englands 1066, was der Wandbehang verschweigt und ausläßt (wir aus anderen Quellen wissen), die Rätsel des Teppichs (dazu gehört das fehlende Ende) und der Teppich als Quelle des Alltagsleben (mit den Einschränkungen, bereits erwähnt). Die Autoren Bouet und Neveaux lassen auch den Herstellungsprozeß nicht aus, widmen sich sich dem Färben und den verwendeten Garnen und machen sich auch an eine Deutung des Stickwerks. Dazu führen sie die lateinischen Inschriften inkl. Übersetzung auf, versuchen die Rätsel des Teppichs zu lösen und am Ende schließt das Buch mit einer nicht weniger spannenden Schilderung, wie das Kunstwerk auf uns kam. Dieser Teil hat mich sehr begeistert!

In diesem Buch sitzt man mit Odo, Wilhelm und Robert an einem Tisch

 

Während sich die Normannen auf die Schlacht vorbereiten, amüsieren sich die Engländer mit „Weibsvolk“

Für mich ist in „Der Teppich von Bayeux : Ein mittelalterliches Meisterwerk“ die Geschichte lebendig geworden. Selbst mit Vorwissen (zur Ergänzung würde ich “ Jörg Peltzer: 1066 : Der Kampf um Englands Krone“ empfehlen) ist man von den Bildern, die vor fast 1000 Jahren gestickt worden sind, fasziniert und wird in diese dramatische Zeit des 11. Jh. hineingezogen.  Die Autoren entwickeln ihre eigene Deutung und Datierung („Versöhnungswerk“, 1067-1069) und begründen dies schlüssig und ausführlich, erheben es aber nicht zum Dogma. Und auch wenn die beiden Franzosen den Teppich nicht als Comic ansehen wollen, so hat sich auch der Comic inzwischen weiter entwickelt und eine Grafic Novel des 11. Jh. über die Eroberung Englands durch die Normannen ist das Werk auf jeden Fall. Und so wird der Teppich als letzter Überlebender des Normannenreiches des 11. Jahrhunderts bald wieder England erobern. Der französische Präsident Macron hat zugestimmt, dass der Teppich von Bayeux in England gezeigt werden darf. Ein Termin für eine Ausstellung steht allerdings noch nicht fest. Über die Umstände dürfen sich nun Restauratoren und Experten streiten: Man darf gespannt sein, wie diese neue Schlacht um Hastings ausgeht. Ich empfehle derweil den Kauf des soeben besprochenen Buches.

TK

 

Der Teppich von Bayeux : Ein mittelalterliches Meisterwerk

Odo, ganz links, mit seinen Brüdern Wilhelm und Robert

Mitarbeit: Lemagnen, Sylvette, Übersetzung: Henninger, Hanne; Rosbach, Heike

Bouet, Pierre , Neveux, François

Originaltitel: La Tapisserie de Bayeux

Verlag: Theiss (2018)

Sprache: Deutsch

Gebunden, Mit Schutzumschlag, 240 S., 330 Farbabb.

ISBN-10: 3-8062-3690-9, 49,95 €

Schreibe einen Kommentar