Die Kunst der Bibel in der British Library

Die gesammelten Wunder aus den Handschriftensammlungen der British Library liegen nun vorgestellt von Scot McKendrick und Kathleen Doyle in einem (bezahlbaren) Prachtband aus dem Theissverlag vor. Beide Autoren sind, wen wundert es, auch Mitarbeiter der British Library. So ist Dr. McKendrick Chef der „Western Heritage Collections“ und Dr. Doyle ist führende Kuratorin der Bilderhandschriftensammlungen. Die beiden stellen uns u.a. den Evangeliar von Lindesfarne vor, den Harley-Evangeliar, die Silos-Apokalypse und, und, und, es sind 45 Bilderbibel insgesamt. Es fehlt eigentlich nur der Luttrell Psalter, aber dieser wurde bereits von der British Library oft und gerne publiziert.

Einführung in die Welt der Bibel für ein breites Publikum

links der Erklärungsteil, rechts großformatige Abb.

Dieses prächtige Buch soll in die Welt der Bibel einführen und ist deswegen auch für ein breites Publikum geschrieben. Selten habe ich eine so gute Einführung in die Materie gelesen wie das Einführungskapitel „Tausend Jahre Kunst und Schönheit“. Der Schwerpunkt liegt, wie die Autoren ausführen, im Mittelalter, endet aber mit dem Ende des 17. Jhd. mit einer Bibel aus Gondar, einer äthiopischen Bibelhandschrift. Die Autoren haben den Ehrgeiz, die Bibel zu erklären und was unter einer Bilderhandschrift zu verstehen ist. Dabei wird auch die Illumination (Herstellung und Zweck) erläutert. Selbst auf das Problem der heutigen Zugänglichkeit der Bilderhandschriften kommen die Autoren zu sprechen. Denn deswegen haben sie auch das vorliegende Buch erstellt: „Wir bemühen uns aber hier, einen möglichst großen Überblick über illustrierte Bibeln aus ganz Europa und darüber hinaus zu geben.“ Es ist ihnen gelungen!

So kann sich auch der unchristlichste und (bisher) unkundigste Leser gewappnet an die einzelnen Handschriften wagen kann. Wo anders als in Konstantinopel kann man sich mit dem Studium von Bibelhandschrift beschäftigen. Deswegen springen wir auf die Seite 110 und schauen uns exemplarisch den Theodor-Psalter für alle Bibelhandschriften an. Links beginnt der Text, rechts ist ein prächtiges Bild aus dem Psalter zu sehen. Neben dem Erläuterungstext zur Bilderhandschrift gibt es zu Beginn kurze Informationen zur Sprache (griechisch), Entstehungsort (Konstantinopel) und Datierung (1066). Auch die Größe des Buchblocks (ohne akt. Bindung) wird angegeben (beim Psalter 230 x 200 mm), die Blattanzahl (208) und die Signatur in der British Library (Additional 19352). Diese Kurzinformationen werden im Text natürlich breiter ausgeführt. Auch zu der Entstehungsgeschichte der jeweiligen Handschrift gibt es eine Menge zu berichten. Zudem gibt es zu den prächtigen Abbildungen einzelne Erklärungen am Rand (z.B. „Der thronende Christus überwacht, wie Moses und Aaron die Israeliten führen …“

Besonders interessant waren auch unbekannte und exotische Bilderhandschriften wie z.B. ein syrischer Lektionar, der zwischen 1216 und 1220 entstand, ein armenisches Evangeliar oder die bereits erwähnte äthiopische Handschrift. Aber auch eine anglonormannische Offenbarung (13. Jhd.) oder Utrechter Bibel in niederländisch von 1440 – 1445 fand Gefallen. Insgesamt sind es allerdings nur Bibelhandschriftappetithäppchen, die uns die beiden Autoren hier servieren. Für den einen mag es genügen, um einen guten Überblick über die Buchmalerei (wie sie in der British Library vorhanden ist) zu bekommen, der andere mag vielleicht noch mehr sehen. Wer nach der Lektüre also noch Hunger hat, kann auch den Online-Service der British Library nutzen und weiter in den Handschriften blättern (hier auch mit kleinen Erläuterungen zum Buch, aber ohne Erklärungen zu einzelnen Abb.):

http://www.bl.uk/manuscripts/Default.aspx

Der einzige Fehler dieses wundervollen Buches, das mit 310×250 mm selbst ein „mittelalterliches Format“ hat, ist der Untertitel der deutschen Ausgabe: Die schönsten Bibeln des Mittelalters sind hier natürlich nicht versammelt, sondern die der British Library. Der vollständige engl. Titel sei deswegen hier noch einmal angegeben: The Art of the Bible. Illuminated Manuscripts from the Medieval World. Für Kunstfreunde ist das Werk gegebenfalls auch ein wundervolles (Weihnachts-) Geschenk.

Beitrag zuerst erschienen am 29. Okt. 2017 im Hallespektrum

Euer Isidorus

Titelangaben:

Heilige Pracht : Die schönsten Bibeln des Mittelalter, Übersetzung: Henninger, Hanne; Rosbach, Heike McKendrick, Scot , Doyle, Kayla. Originaltitel: The Art of the Bibl, Verlag: Theiss (2017, Halbleinen, 336 S., 300 farb. Abb. , ISBN-10: 3-8062-3617-8 , EUR 59,95