Ottos Gandalf: Gerbert von Aurillac

Für den belgischen Historiker Henri Pirenne war Gerbert von Aurillac der „größte Gelehrte seiner Zeit“. Heutige Historiker nennen ihn den „bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit“, immerhin. Da sind sich Autoren aus Ost und West sogar einig gewesen. Kritisch betrachtet wurde er lediglich von der papstkritischen Nachwelt in der Stauferzeit. Ein gewisser Walther von der Vogelweide, bekannter Propagandist der Staufer und ihres Anhangs, rückte ihn in der Nähe des Teufels bzw. unterstellte ihm in seiner Eigenschaft als Wissenschaftler und Papst ein Bündnis mit dem Herrn Luzifer. Sollte es Gerbert geschafft haben, nur ein wenig Licht in das Dunkle seiner Welt gebracht zu haben, möchte man hier sogar zustimmen.

Gerbert von Aurillac wurde ca. im Jahr 950 in Aquitanien geboren. Er soll aus bescheidenen Verhältnissen gestammt haben, möglicherweise war er ein nicht erbberechtigter Sohn aus niederen Adel. Eine vorherige Laienbruderschaft, wie spekuliert wird, halte ich für unwahrscheinlich. Fest steht: Er konnte als Mönch eine Ausbildung zum Gelehrten im Kloster St. Geráud in Aurillac absolvieren und muss sich dort so hervorgetan haben, dass er von seinem Abt dem catalanischen Grafen Borell II. von Barcelona empfohlen wurde. Dieser nahm den jungen Mönch mit in seine in den Pyrenäen gelegenen Gebiete. Auf diese Weise konnte Gerbert seine Ausbildung im Kloster Ripoll und beim Bischof Hatto an der Domschule von Vich absolvieren. Im Jahr 970/71 gelangte Gerbert das erste Mal nach Rom und lernte dort nicht nur Geranus von Reims, sondern auch den mächtigen Kaiser Otto I. kennen. Dies bedeutete eine Wende in seinem Leben, denn Gerbert blieb der Herrscherfamilie aus Sachsen sein ganzes Leben verbunden.

Kloster Ripoll in Catalunya

Zunächst setzte er aber seine Studien an der Kathedralschule in Reims fort, bis er nach einem Streitgespräch mit dem Gelehrten Othrich über das Thema, ob Mathematik oder Physik mehr Realität und Vollkommenheit aufweisen, Otto II. so beeindruckte, dass dieser ihm 981 die Abtei Bobbio in Italien zusprach. So richtig gut schien es ihm dort allerdings nicht ergangen zu sein, denn er wandte sich mit einem Hilfegesuch an den Kapellan Hugo (Vertrauter der Kaiserin Theophanu). Nach dem Tod von Otto II. fehlte ihm zudem die politische Unterstützung, sich in Bobbio als Abt halten zu können.

Könnte Gerbert so ausgesehen haben?, Ausschnitt Gebetbuch Otto III.

Aber er fand in den Kaiserinnen Adelheid und Theophanu neue Arbeitgeberinnen, erhielt von ihnen 983 Instruktionen und mischte sich bereits 984 auf Seiten Otto III. in den Thronstreit mit Heinrich den Zänker ein. In einem Brief bittet er Imiza, einem weiteren Vertrauten Theophanus, der Kaiserin auszurichten, dass die französischen Könige Otto III. sehr gewogen seien. Zudem reiste er zurück nach Reims, um zu Gunsten der Regentschaft von Theophanu und Adelheids einzutreten. Dies tat er erfolgreich, denn der Herzog von Baiern musste am Ende aufgeben und sich der Gnade der Kaiserinnen aussetzen, die ihm aber nach seiner Aufgabe wieder in seine Ämter einsetzten und in die Familie aufnahmen. Gerbert hatte zu dieser Zeit bereits auf das Amt des Erzbischofs von Reims spekuliert, aber dies war strittig, erst ab 991 (bis 996) konnte er dies Amt ausüben. Wegen den fortwährenden Streitereien um den Erzbischofsstuhl, Details erspare ich uns hier, wurde sogar im März 992 unter dem Vorsitz der Kaiserin Theophanu eine Reichssynode abgehalten. Gerbert blieb jedenfalls bis zum Jahr 996 Erzbischof in Reims. Später, als Papst, hatte er die Größe, seinen erbitterten Widersacher im Streit um den Stuhl in Reims persönlich zu bestätigen.

Renovatio Imperii Romanorum

Aber so weit sind wir noch nicht. Nachdem Gerbert bereits in den Diensten von Mutter und Großmutter gestanden hat, traf er 996 in Rom auf Otto III. und muss auch persönlich einen außergewöhnlichen Eindruck auf den jugendlichen Kaiser gemacht haben, denn dieser bat ihn, ihm Unterricht in der griechischen und der lateinischen Sprache, außerdem in den Wissenschaften, besonders in der Mathematik, zu geben. 997 erfolgte sein Eintritt in die Hofkapelle, jenen erlauchten Kreis von Klerikern, die den Kaiser umgaben, dabei nicht nur mit geistlichen, sondern auch weltlichen, juristischen und politischen, Aufgaben betraut wurden. Gerbert übernahm in diesem Kreis eine weitere Aufgabe als Lehrer und Wissenschaftler. Einig sind sich auch alle Historiker, dass Gerbert von Aurillac eine große Rolle als Ideengeber von Ottos „Renovatio Imperii Romanorum“ spielte. Das beinhaltete nicht nur die Wiedererrichtung des römischen Imperiums, sondern auch „Rom sollte wieder Mittelpunkt der Welt werden“ (Henri Pirenne). Für diese machtpolitische Perspektive ist Otto III. von der Nachwelt viel gescholten worden. Der Ruhm von Gerbert von Aurillac blieb von dieser Kritik unberührt, als wäre er ein vollkommen Unbeteiligter am Vorgehen des jungen Kaisers gewesen. Wie sehr er Otto III. verbunden war, zeigte sein nächster Werdegang: 998 investierte ihn der Kaiser zum Erzbischof von Ravenna und am 9. April 999 wurde Gerbert als Sylvester II. nach dem Tod von Gregor V. (einem Urenkel von Otto I. und somit Verwandten von Otto III.) zum Papst. Eine unglaubliche Karriere von Mönch in Aurillac hatte in Rom ihren Abschluß gefunden. Auch sein Name war Programm: Wie Sylvester I. dem Kaiser Konstantin an der Seite gestanden hatte, so wollte Gerbert dem neuen Konstantin Roms, Otto III., Begleiter an der Spitze des neuen christliche-römischen Imperiums sein.

Kaiser Otto III., Ausschnitt Gebetbuch Otto III.

Ein erneuter Aufstand der rebellischen Römer im Jahr 1001, die Belagerung und Flucht aus der Stadt, sowie der Tod von Otto III. am 23. Januar, beendeten diesen famosen Triumph abrupt. Dennoch kehrte Gerbert 1002 nach Rom zurück und scheint seiner Arbeit als Papst bis zu seinem Tod am 12. Mai 1003 beflissen nachgekommen zu sein. Nach seinem Tod gewannen wieder die römischen Patriziergeschlechter Einfluss auf das Papstamt. Rom hatte seine Chance auf die Wiederherstellung seiner Macht unter den Ottonen verspielt. Aber dass war ohnehin eine Illusion gewesen, ist man der Meinung: So war der Historiker Gerald Beyreuther überzeugt, dass Ottos und Gerberts Politik der Fokussierung auf Rom auch gescheitert wäre, wenn beide mehr Zeit dafür gehabt hätten, denn „mit einer offenen Fürstenerhebung im deutschen Reichsteil musste gerechnet werden“.

Es bleibt die Erinnerung an einen Gelehrten, dessen Kenntnisse der Mathematik und der klassischen Autoren noch der hochmittelalterlichen Nachwelt unheimlich war. Vermutlich war er der erste abendländische Gelehrte der arabische Zahlen benutzte (aber noch nicht die Null). Für seine astronomischen Beobachtungen verfügte Gerbert über ein Astrolabium, um Beobachtungen und Berechnungen durchzuführen. So viel Licht hatte Rom anscheinend nicht verdient und dies würde auch lange nicht mehr so hell brennen.

Euer Isidorus, Fotos: To. Kreutzfeldt

Literatur:

  • Brüggemeier/Schenkluhn: Die Welt im Jahr 1000. Herder, Freiburg 2000. ISBN 978-3-451-27090-1.
  • Beyreuther, Gerald: Otto III. in Deutsche Könige und Kaiser des Mittelalters, Ausgabe 1989, von Evamaria Engel (Herausgeber)
  • Fößel, Amalie: Die Königin im mittelalterlichen Reich : Herrschaftsausübung, Herrschaftsrechte, Handlungsspielräume, Stuttgart : Jan Thorbecke Verlag, 2000
  • Lexikon des Mittelalters, Teil: Bd. 4: Erzkanzler bis Hiddensee / München [u.a.] : Artemis-Verl., 1989
  • Pirenne, Henri: Histoire de l’Europe des invasions au XVIe siècle, Paris/Brüssel 1936 (dt.: Geschichte Europas. Von der Völkerwanderung bis zur Reformation, Berlin 1956)
  • Stern, Leo: Deutschland in der Feudalepoche von der Wende des 5./6. Jahrhunderts bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts / von Leo Stern und Hans-Joachim Bartmuß, Berlin : Dt. Verl. der Wiss., 1963

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