Helenas Töchter

helena1Ich gebe zu, Griechenland und die Spätarchaik ist wahrlich nicht mein Acker, aber wie blöd würde der Mensch in die Welt schauen, wenn er nicht von Zeit zu Zeit über den Tellerrand hinaus seinen Blick verlängern könnte! Daneben sind Kleidung, Mode und sein ggf. mögliche Rekonstruktion natürlich ein Hauptthemen im Blog und Verein. Da bietet „Helenas Töchter“ von Sina Tauchert und Klaus Junker eine Menge für uns, was wir sonst in Publikationen vermissen: Einen fest umrissenen Zeitrahmen (Kleidung des archaischen Griechenlands mit einem Ausblick auf die Klassik), eine konsequent verfolgte Abhandlung eines Aspekts (Frauenkleidung, Männer bitte draußen bleiben!) und die Konzentration darauf (die Abschweifungen hielten sich zum Glück sehr in Grenzen). Auch die Sprache war konzentriert und sachlich. Das Lektorat konnte Unkonzentriertheiten (fast) gänzlich aus dem Text heraushalten. Der Leser dankt es herzlich! Einziger Kritikpunkt: Das Einführungskapitel mit Beschreibung der Arbeit, Forschungsgedöns mit Abschweifungen und Konzeption des Buches war viel zu lang. Fast wäre ich darüber abgestorben! Hier wäre der Spagat zwischen allgemeinen Publikum und angesprochenes Fachauditorium besser zu meistern.

 Reise in die Modewelt vor über 25oo Jahren

Wer es also nicht aushalten kann:  Auf Seite 17 geht es endlich los. Mit Textausstellen aus Homer und ersten (groben) Bildzeugnissen wird versucht, einen ersten Blick auf die archaische Mode des antiken Griechenlands zu werfen. Die Bilder sind eindrucksvoll (und war für ein Werk aus der Reihe „Zaberns Bildbände zur Archäologie“ auch so zu erwarten), aber die Autoren sind sich der Grenzen daraus Kleidung und Mode zu beschreiben, geschweige denn zu rekonstruieren, durchaus bewußt. Immer haben sie im Hinterkopf: Ist es Kunst oder beschreibt es real existierende Kleidung der Zeit?

Wie wurde die archaische Kleidung hergestellt? Beeindruckend ist die Abbbildung eines Webstuhls auf einem zyprischen Teller um 700 v. Chr. und die Rekonstruktion dazu in München im Rahmen eines Ausstellungsprojektes. Zu den Geweben und der Trageweisen der archaischen Kleidung gehen die Autoren kurz ein, allerdings mit Grafiken ausgestattet, die wenige Fragen offen lassen, jedenfalls was die Hauptkleiderformen Peplos und Chiton betrifft.

Ausführlich eingegangen wird im Anschluss auf die Darstellung der früharchaischen Frauenkleidung auf Vasenbildern und Statuen. Der Leser wird nicht mit dutzenden Beispielen erschlagen, sondern einige charakteristische Beispiele werden herausgegriffen und exemplarisch behandelt. Für die Mühen bei der Auswahl ist der Leser dankbar. Einen besonderen Schwerpunkt bilden dabei die Koren (=Jungfrau, Mädchen), Weihe- und Grabstatuen der Archaik.

Von Samos ging die Mode aus

Ein Name steht lt. der Autoren für kreative Impulse in der Mitte des 6. Jahrhunderts: Cheramyes. Dieser mutmaßliche Aristokrat auf der Insel Samos stiftete um 560 v. Chr. mehrere Koren für das Hera-Heiligtum auf der Insel. Zwei sind erhalten geblieben, leider ohne Köpfe. Traditionelles und Eingewandertes aus Karien und Altägypten verwandelten sich hier zu einer neuen Modekonzeption aus drei Gewändern: gegürteter Chiton, Schleidertuch bis zum Gürtel und einem aus schweren Tuch bestehenden Mantel, der asymetrisch drapiert wird. Aber ist das schon Mode? Oder ist es nur die Kunst eine Kore zu gestalten? Natürlich können die Autoren diese Frage nicht beantworten. So gibt es an dieser Stelle zunächst einen Exkurs in das frühe 20. Jahrhundert und zum Schöpfer der „Delphos-Kleider“, der sich von der Antike und den Koren hat inspirieren lassen.

Wir kehren in die Antike zurück: Die Geneleosgruppe, 550 v. Chr. auf Samos, nach ihrem überlieferten Künstler benannt, setzt die Kleidungskonzeption des  Cheramyes fort.  Schrägmantel und Gewandraffen tauchen bald im gesamten griechischen Raum auf. Die Untersuchung beruft sich auf wenige Beispiele und ist dennoch gründlich.

Von den Marmorweißästhetikern

Farbrekonstruktionen als beeindruckender Teil des Buches
Farbrekonstruktionen als beeindruckender Teil des Buches

Es scheint der Wiederholung zu bedürfen und so müssen es auch die zwei Autoren formelhaft reklamieren: Unser klassisches Bild einer weißen und hehren Antike ist falsch! Die Antike war bunt, bunt, bunt… Wer sich mit antiker Kleidung auseinandersetzt, ist mit dem berühmten weißen Bettlaken völlig auf dem Mamorweg. Aber die Winckelmanns und Goethes dieser Welt prägen mit ihrer Marmorweißästhetik unser Bild von der Antike bis heute. Ist es doch kaum aus den Köpfen heraus zu bekommen, obwohl bereits im frühen 19. Jahrhundert widerlegt. Und selbst heute erntet man ungläubiges Staunen, von einem „Wiederauffinden der Farbigkeit archaischer Gewänder, zu dem die Publikation von Junker und Tauchert beiträgt, sind wir in der Öffentlichkeit noch weit entfernt.

Der Abschnitt „Von Weben, Färben und Verzieren“ fand besonders unser Interesse. Hier stehen wenige Originalfunde für die Untersuchung zur Verfügung. Aber sogar ein Beispiel für Antike Stickerei wird aufgeführt. Der Abschnitt ist zwar kurz, aber kompetent ausgeführt. Da gab es bereits schlechteres zu lesen! Ein weiterer Abschnitt behandelt die Farbuntersuchung an den archaischen Koren. Beeindruckend sind die aufgeführten Rekonstruktionen.

Die Mode der Akropoliskoren

Ausführlich wird auf die Modeentwicklung im archaischen Athen anhand der Untersuchung der Akropoliskoren eingegangen. Das war in der Tat der spannendste Teil des Buches. In der zweiten Hälfte des 6. Jhd., wenn wir den Koren glauben wollen, wird die „Schrägmanteltracht“ und Chiton, nicht nur in Athen zur beliebten Mode des archaischen Griechenlands. Dem männlichen Betrachter springt beim Betrachten der Koren sofort ins Auge: Hey, das archaische Griechenland war ganz schön sexy und extravagant. (was die Mode betrifft). Das sollte sich aber bald wieder ändern, als die Tyrannen aus Athen vertrieben wurden und die attische Demokratie zu blühen begann. Im Kapitel „Kleidermode zwischen Aristokratie und Demokratie“ können die Autoren mit dem Geschichtsmythos aufträumen, die Aristokratie hätte in der Tyrannis zu leiden gehabt und wäre gar verdrängt worden. Nein, das Gegenteil ist der Fall: Erst in der Demokratie ist Schluß mit Sexy-Schrägmantel und durchsichtiger Chiton der Aristokraten! Es geht „Zurück zum Peplos“ und mit einem Exkurs zur Kleidung in der klassischen Zeit schließt das Buch. Fazit: Die Tyrannis lieferte ausgefallene und extravagante Mode, die Demokratie führte zu Einfachheit und Verhüllung.

Euer Isidorus

Helenas Töchter
von Junker, Klaus; Tauchert, Sina;
Frauen und Mode im frühen Griechenland. Zaberns Bildbände zur Archäologie Sonderbände der Antiken Welt 136 S. 28 SW-Abb., 72 Farbabb.  2015 Zabern
ISBN 3-8053-4858-4 Preis: 29,95 €

Ein kleines Detail der Bekleidung

Die Darstellungen von Tuniken sind häufig nicht einfach zu interpretieren. Aus diesem Grund hält man sich bei den Kitguides und bei der Darstellung an die wenigen gefundenen Originale. In den Abbildungen von Tuniken sieht man jedoch häufiger einen schlüssellochförmigen Ausschnitt, der wirklich eng am Hals anliegt und nicht durch eine Fibel geschlossen wird. Näht man dann eine Tunika mit einem solchen engen Halsausschnitt, stellt man fest, dass man diesen Schlitz offen lassen muss, um die Tunika anziehen zu können. Nach dem Anziehen muss man den Halsausschnitt schließen.  Aber wie,  wenn keine Fibel eingesetzt werden soll? Die meisten zeitgenössischen Darstellungen geben darauf keine Auskunft. Umso interessanter ist daher eine Darstellung, die genau den Verschluss des Halsausschnittes an einer solchen Tunika zeigt. Und dies praktischerweise in einer Darstellung, die nicht so weit von den Ottonen entfernt ist.

Bei einem Besuch des Domes in Merseburg in diesem Jahr haben wir uns auch wieder die Grabplatte von Rudolf von Rheinfelden,  Herzog von Schwaben und Gegenkönig zu Heinrich IV.,  angesehen.

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Diese Grabplatte wurde nach dem Tode von König Rudolf nach der Schlacht von Hohenmölsen im Jahre 1080 von Bischof Werner von Merseburg in Auftrag gegeben und stellt das älteste figürliche Grabmal eines deutschen Königs dar.

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Detailliert zeigt die Grabplatte die Bekleidung eines ostfränkischen – salischen Königs. Von besonderem Interesse ist hierbei der im Detailfoto dargestellt Bereich.

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Deutlich ist der über der rechten Schulter gefibelte Mantel zur erkennen. Die Fibel ist viereckig mit leicht eingezogenen Seiten und verziert. Über der Borte des Mantels am Hals erkennt man die Borte der Tunika, und im Streiflicht ist deutlich zu erkennen, dass diese Tunika am Halsausschnitt durch eine Schleife geschlossen wurde. Auf den meisten Fotos der Grabplatte ist dieses Detail nicht zu erkennen. Erst wenn man es einmal gesehen hat, erkennt man es auch auf anderen Fotos der Grabplatte, die in Büchern (z.B. Salierkatalog 1992) abgebildet sind.

Gruß Buteo

Nachtrag:

im Buch: “ Königinnen der Merowinger“ von Patrick Périn wird die Tunika (bestickter Überwurf)  der Königin Balthilde vorgestellt. Auch hier ist der Halsauschnitt enganliegend. Dabei wird der Ausschnitt seitlich (über der rechten Schulter) geöffnet. Und auch dieser Ausschnitt wird durch Bändsel – Schleifen geschlossen.

Gruß Buteo

Kleidung des 1. Weltkriegs

Ich freue mich sehr darüber, dass Alltagsgegenstände und Kleidung in historischen Ausstellungen wieder mehr in den Fokus rücken. So ist Historische Kleidung aus der Zeit des 1. Weltkriegs in der Ausstellung „1914 – Mitten in Europa“ des LVR-Industriemuseum und des Ruhr Museum ab 30. April 2014 in der Mischanlage der Kokerei Zollverein in Essen zu sehen.

Es sind Robben und Arbeiterkleidung aus dem Kaiserreich anzuschauen, aber auch für Kinder der typische Matrosenanzug, der ab 1900 die patriotische Gesinnung des Nachwuchses zeigen sollte. Die 20er Jahre spiegeln ein Charlestonkleid, Autofahrermantel, Arbeiterkleidung und ein „Stresemann“ für den Herrn wieder.

Ich hoffe, auch andere Ausstellungen in diesem Jubiläumsjahr des 1. Weltkriegs haben Schwerpunkte auf Alltagsgeschichte. Das ist etwas, was große Mittelalterausstellung wie z.B. in Magdeburg zuletzt schmerzlich vermissen ließen. Dort träumte man zuletzt vom „Kaiserglück“, etwas was im Matsch, Blut und Zerstörung in den Schützengräben des 1. Weltkriegs gründlich ausgetrieben worden ist. Leider nicht gründlich genug…

Euer „Frontschwein“ Isidours