Memleben als Schlüssel zum ottonischen Monumentalbau ?

Unsere (alt-)sächsischen Könige und Kaiser, die am Beginn des (Heiligen) Römischen Reiches (Deutscher Nation) standen, haben als frühmittelalterliche Herrscher einerseits eine Überhöhung am Beginn “deutscher Geschichte” erfahren müssen, andererseits den Ruf von Barbarenkönigen aus den Wäldern erhalten (siehe bei Duby: “Eine Welt in den Fängen des Hungers”). Immerhin ist die “Ottonik” als Vorstufe zur Romanik inzwischen allgemein anerkannt. Aber Otto und Co. als Monumentelbauherren ? Ist das vorstellbar ?
Gerade die nachfolgende Dynasten, die Salier, sind uns durch ihre “Kaiserdome” bekannt. Was von den Ottonen übrig blieb in Deutschland und Italien (Mailand, Gernrode, Quedlinburg, Köln und Hildesheim) ist beeindruckend genug, aber was unter der Erde in Magdeburg und Memleben verborgen liegt, zeugt von einem gesteuerten monumentalen Programm und geschickten infrastrukturellen Entscheidungen, denn es entstanden gerade an der Grenze des Reiches gewaltige Kirchen, Ausdruck ottonischen Glaubens und Machtwillens.

Der Sterbeort der frühen Ottonen

Der Styx der Ottonen war die Unstrut. In der lieblich gelegenden Pfalz Memleben starb es sich anscheinend gut und würdevoll. Für das Reisekönigtum der Herrscher des Frühmittelalters hatten Pfalzen die Bedeutung von zeitweiligen Hauptstädten. Memleben war bereits in karolingischen Zeiten eine Herrscherpfalz und behielt diese Bedeutung unter den Ottonen bei. Besonders König Heinrich I. liebte diesen Ort und starb hier im Jahre 936. Königin Mathilde betete den Chroniken nach in der Pfalzkirche, als es den König zu seinem Schöpfer befahl.Wie dieses Gotteshaus aussah, wissen wir nicht, denn bereits 942 ließ Heinrichs Sohn Otto I. eine neue Kirche bauen, an der mehrere Priester zum Gedächtnis Heinrichs Gebete sprachen. Diese Kirche mußte deshalb repräsentativ sein und die Kleriker benötigten zusätzliche Güter zur Versorgung. Bereits jetzt mußte die Kirche zwischen der Thüringer Pforte und der Enge zwischen Memleben und Nebra weit sichtbar gewesen sein. Welche große Bedeutung mußte dieses Tal für die frühmittelalterlichen Sachsenherrscher gehabt haben, dass sie es zu ihrem Totental erwählten ? Zufall ?

Als Otto I. nach einem langjährigen Italienaufenthalt und dem großartigen Hoftag 973 zu Ostern in Quedlinburg feierte, hatte er unsägliche Strapazen hinter sich, war Kaiser geworden, hatte seinen Sohn mit der Griechin Theophanu verheiratet und das Reich geordnet. Nun ging er zur Erholung nach Memleben oder war er bereits entschlossen nach seinem Vater über die Unstrut zu rudern ?  Ob bereits mit dem Leben abgeschlossen oder aus dem prallen Herrscherleben geworfen, jedenfalls starb auch Otto I. 973 in dem Ort an dem kleinen Fluß. Die Chroniken vermitteln uns das Bild eines würdigen und gefaßten Sterbens.

Memleben als (Reichs-) Kloster ein geistiges Zentrum des Reiches

Kaiser Otto II. und seine Frau Kaiserin Theophanu stifteten Heinrich I. und Otto I., diesen aus ihrer Sicht ruhmreichen und frommen Ahnen, 979 oder früher in Memleben ein Reichskloster, das Fulda, Corvey und der Reichenau gleichgestellt wurde und mit großen Besitztümern ausgestattet wurde. Wiederholen wir es ruhig noch einmal: Memleben war eines der großen geistigen Zentren des Reiches !

Für dieses Kloster oder bereits auf Veranlassung Otto I. entstand eine der gewaltigsten Kirchen der damaligen Zeit, von der leider heute nur noch Mauerreste und Fundamente vorhanden sind. Wir können nur noch rekonstruieren, wie dieses Bauwerk einmal ausgeschaut haben mag. Immerhin verfügen wir über die Maße: Die Kirche war 82 m lang und 28 m breit und hatte die Form einer doppelchorigen Basilika mit einem dreiapsidigen Ostchor und einer niemals ausgeführten, aber geplanten Westkrypta. Vielleicht war diese für den früh verstorbenen Otto II. gedacht ? Im städtisch unterentwickelten Sachsen war dieses Gotteshaus ein Weltwunder, für seine Fertigstellung mußten die Ansässigen gewaltige logistische und finanzielle Schwierigkeiten überwinden.  Doch das Totenhaus der Ottonen an der Unstrut wurde vollendet. Nur die Ottonen zogen weiter. Sachsen war ihnen zu klein geworden, als neues Zentrum wurde nicht Memleben, sondern Rom erkoren.

Vermutlich war die gewaltige Kirche in Memleben Vorbild für den späteren Bau von St. Michael in Hildesheim, während Memleben selbst vom etwas größeren “alten Dom” in Köln, desssen Fundamente unter dem heutigen Dom zu Tage traten, inspiriert wurde. Neben den zwei Querhäusern war die Memlebener Basilika aber noch auf anderer Weise ihrer Zeit weit voraus: Die ausgeschiedene Vierung ist im Memleben nachweisbar und taucht als Architekturform im 11. Jahrhundert als Regel bei allen kreuzförmigen Kirchen auf.

Stichwort “ausgeschiedene Vierung”

Vierung, der in der Kreuzung von Mittelschiff, Querhaus und Chor gelegene, mittlere, rechteckige Raum des Querhauses, der mit den anschließenden Räumen durch je eine weitere Bogenöffnung über Pfeilervorlagen oder Mauerzungen verbunden ist. Die ausgeschiedene Vierung [Hervorhebung durch das Netzwerk] erhebt sich über quadrat. Grundriß; ihre V.bogen sind gleich hoch und ruhen auf Pfeilervorlagen, deren Tiefe geringer ist als ihre Breite; außerdem fluchten alle vier angrenzenden Räume mit den V.seiten.
(Zitiert nach Koepf/Binding: Bildwörterbuch der Architektur, Stuttgart, 3. Aufl., 1999.)

Das Ende eines Reichsklosters

Unter Otto II. und noch mehr in der Ära der Regentschaft für Theophanu für Otto III. verlagerte sich das Zentrum des Reiches an den Rhein und nach Italien. Gestorben ist in Memleben kein Ottone mehr. Dennoch blieb zunächst der Status eines reichsunmittelbaren Klosters bestehen, bis Abt Reinhold, der 992 sein Amt antrat, in seinem Kampf um den Erhalt Memlebens als geistiges Gedächtniszentrum für die sächsischen Ottonen gegen den “bayrischen” Ottonen Heinrich II. ein gewaltsames Ende fand und die Brüder ganz unchristlich in alle Welt zerstreut würden. Für die Förderung seines neuen geistigen Zentrums Bamberg und der Gründung des dortigen Bistums, das ihm die “Heiligkeit” einbrachte, brauchte Heinrich u.a. die Besitztümer Memlebens, die er gewinnbringend mit dem Kloster Hersfeld tauschen konnte. Gleichfalls mußte der Schweinfurter Graf dranglauben, aber das ist eine andere Geschichte.

Mit dem Stern von Memleben als Reichskloster verging auch die gewaltige Kirche des 10. Jahrhunderts. Im 13. Jahrhundert wurde aus den Resten direkt daneben eine neue Kirche erbaut, das Kloster bestand Hersfeld untergeordnet weiter fort bis zur Reformation. Das Totengedenken für die frühen Ottonen war lange schon zu einer bedeutungslosen Formsache verblaßt.

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