Ottonen und Slawen von 890 bis 1025

Von Beginn des 10. bis in das 11. Jahrhundert hinein versuchte das sächsische Königshaus expansiv im Osten neuen Machtzuwachs zu erreichen, dies ging mit einer brutalen Eroberungspolitik und aufgezwungener Christianisierung einher. Nur slawische Stämme, die sich rasch dem feudalen Zeitalter anpassen konnten wie Tschechen oder Polen hatten auf Dauer eine Chance. Heidnische Stammesbünde wie die Lutizen konnten sich zwar behaupten, aber der Untergang war nur eine Frage der Zeit.

Zeit(raum) Ereignis
Um 890 Gründung der Prager Burg, des Hradschin, als Mittelpunkt des tschechischen Fürstentums.
907 Einfall der Ungarn und Untergang des Großmährischen Reiches nach der Niederlage des verbündeten mährisch-fränkischen Heeres bei Bratislava.
905-921 Unter Fürst Vratislav von Böhmen wurden die Ungarneinfälle abgewehrt. Festigung des tschechischen Staates.
921-929 Herrschaft Vaclavs (Wenzels) I. in Böhmen. Durchsetzung der Christianisierung in Böhmen. Wenzel wurde nach seiner Ermordung durch eine Adelsopposition heiliggesprochen (Heiliger Wenzel).
928/929 Beginn der Ostexpansion des sächsischen Herzogtums mit Überfällen auf Heveller, Daleminzier, Lusizi u, a. unter Führung des deutschen Königs Heinrich I. Eroberung der Brandenburg (Brennaburg).
  929 Gründung von Meißen als sächsische Zwingburg gegen Daleminzier und Milzener in der Oberlausitz.
Aufstand der Redarier gegen die deutsche Feudalherrschaft, Vorstoß bis Walsleben (Altmark), Niederlage in der Schlacht bei Lenzen.
929-967 Festigung des tschechischen Staates unter Boleslav I. Eroberung des Wislanegebietes um Krakow, erfolgreiche Abwehr der Ungarn, u. a. Teilnahme an der Schlacht auf dem Lechfeld im Jahre 955.
937 Gründung des Moritzklosters in Magdeburg als Mittel zur Einbeziehung der slawischen Gebiete zwischen Oder und Elbe in die deutsche Kirchenorganisation.
948 Gründung der deutschen Bistümer Havelberg und Brandenburg an den Mittelpunkten unterworfener slawischer Stammesgebiete.
955 Aufstand der Obodriten und Wilzen unter Führung des Obodritenkönigs Nakon und seines Bruders Stojgnew. Ihre Gesandtschaft bietet Kaiser Otto I. Frieden und Tributleistungen an gegen Zusicherung politischer Freiheit. Dieses Angebot wurde abgelehnt, der Aufstand durch die Schlacht an der Raxa (Nordmecklenburg) am 16. Oktober grausam niedergeschlagen.
962/963 bis 992 Herzog Mieszko I. aus dem Geschlecht der Piasten wurde zum Begründer des polnischen Staates durch Zusammenschluß der Stämme Großpolens und Unterwerfung der Wislanen, Pommerns und Schlesiens.
965 Reise des jüdischen Kaufmanns Ibrahim ibn Jacub aus Tortosa in Spanien von Magdeburg nach Mecklenburg bei Wismar und nach Prag. Kulturgeschichtlich bedeutsame Reisebeschreibung.
965/966 Annahme des Christentums durch Mieszko I. nach seiner Vermählung mit der tschechischen Prinzessin Dobrava. Beginn der Christianisierung Polens.
967-999 Boleslav II. von Böhmen versuchte sich zwischen deutschem Kaiserreich und dem polnischen Herzogtum zu behaupten.
968 Gründung des Erzbistums Magdeburg und der Bistümer Oldenburg, Merseburg, Zeitz und Meißen als kirchenorganisatorische Zentren zur Einbeziehung der slaw. Stämme in das Kaiserreich.
973 Gründung des Bistums Prag.
 983 Am 29. Juni begann der große Aufstand der
wilzischen Stämme, der Lausitzer und Teile der Sorben unter Führung des
Lutizenbundes. In den folgenden Jahren erheben sich die Obodriten, so
daß bis 996 die deutsche Herrschaft in den Gebieten zwischen Elbe und
Oder nahezu beseitigt wurde.

Zusammenbruch der deutschen Kirchenorganisation und der Christianisierungsversuche im slawischen Gebiet zwischen Elbe und Oder.
Vor 990 Gründung von Gdansk als Mittelpunkt
polnischer Herrschaft an der Weichselmündung, von Szczecin an der
Odermündung, von Opole in Schlesien. Eroberung der von dem
tschechischen Fürst Vratislav (905 bis 921) gegründeten und nach ihm
benannten Burg und Frühstadt (poln. Wroclaw).
990 Vertreibung des Bischofs Folkward aus Oldenburg (Wagrien/Holstein).
991 Vorübergehende Eroberung Brandenburgs durch ein deutsch-polnisches Heer.
992-1025 Boleslaw Chrobry, Sohn Mieszkos I. von
Polen, begründete ein polnisches Großreich, dem zeitweise Böhmen,
Mähren, die Ober- und Niederlausitz und das mittlere Odergebiet bis in
die Gegend des heutigen Berlin angehörten.
995 Böhmische Reichseinigung durch Beseitigung des Fürstengeschlechts der Slavnikiden mit dem Mittelpunkt Libice an der Elbe.
1000 Staatsakt von Gniezno. Der deutsche Kaiser Otto III. erkannte während seines Besuches in Gniezno die Selbständigkeit Polens an.
Gründung des Erzbistums Gniezno und der Bistümer Krakow, Wroclaw und Kolobrzeg.
1002-1018 Konflikt zwischen Heinrich II. und Boleslaw
Chrobry um die Ober-und Niederlausitz. Im Frieden von Bautzen 1018
behielt Boleslaw Chrobry diese Gebiete als deutsches Lehen. Der
heidnische Lutizenbund spielte in diesem Konflikt das Zünglein an der
Waage und wahrte seine Unabhängigkeit.
1018 Erhebung der Obodriten im Bündnis mit den
Lutizen gegen ihren Fürsten Mstislaw. Dieser floh ins Herzogtum Sachsen.
1025  Boleslaw Chrobry nahm auf dem Höhepunkt seiner Macht den Königstitel an.

Herrmann: Zwischen Hradschin und Vineta, Leipzig, 1976. Daten leicht bearb. und vom Vokabular angepaßt v. T. Kreutzfeldt. Zuerst veröffentlicht bei www.susas.de 2004.