Die Kreuzzüge

Kreuzzüge
Quelle: Verlag Zabern

Warum noch ein Buch über die Kreuzzüge? Wenn ich in die Buchkataloge oder auch nur in mein Regal schaue, gibt es zahllose Publikationen dazu. Deswegen hat mich das Werk des Cambridger Professors Jonathan Riley-Smith wirklich überrascht. Es eröffnet einen neuen Blick auf die Zeit der Kreuzzüge und revidiert an vielen Stellen alten Forschungsstand. Besonders durch die Klarheit der Vermittlung ist es nicht nur ein Buch für Fortgeschrittene, historisch Interessierte und Mittelalterbegeisterte, sondern ein wichtiges Buch für alle über diese Epoche. Wer die ausgefahrenen Gleise verlassen und vorgefassten Bilder über Bord werfen möchte, für den könnte der Griff zu diesem Buch mehr als hilfreich sein. Wer aber einen kurzgefassten Überblick die Kreuzzüge sucht, würde sich mit den fast 500 Seiten und den Aufbau des Werkes überheben.
Um einen Überblick zu gewinnen, sind die ersten Seiten des Werkes von Riley-Smith den verschiedenen Interpretationsschulen der Geschichtswissenschaft zu den Kreuzzügen gewidmet. Traditionalismus, Materialismus und verschiedenen Alternativen in der Geschichtswissenschaft in Bezug zu den Kreuzzügen werdendiskutiert. Um zu unterstreichen, wie sehr sich das Bild der Öffentlichkeit von den Kreuzzügen im Vergleich zum aktuellen Forschungsstand unterscheidet, führt Riley-Smitz die Wirkung populärer Stoffe wie Sir Walter Scotts Kreutzfahrerromane wie „The Talisman“ und „Ivanhoe“ auf. Er vergisst auch nicht den auch in Deutschland stark wirksamen Film „Königreich der Himmel“. Riley-Smith möchte mit seinen neuen „Die Kreuzzüge“ eine breitere Öffentlichkeit mit den Vorstellungen der Forscher bekanntmachen, um einen realistischeren Blick auf die Kreuzzüge und ihre Wirkung auf unsere europäische Kultur zu eröffnen.

Theorie und Geburt der Kreuzzugsbewegung

Nach dieser Einführungen in die verschiedenen Interpretationsversuche der Geschichtswissenschaft geht es im 1. und 2. Abschnitt des Werkes um die theologischen Grundlagen und Bezüge der Kreuzzüge (von S. 47 bis 86). Das Entstehen der Kreuzzugsbewegung aus der Theologie wird in historischen Werken zwar immer auch angerissen, aber so ausführlich und anschaulich habe ich es selten abgehandelt gelesen. Vieles habe ich erst jetzt verstanden und die entsprechenden Kapitel lohnen sich, sie ein weiteres Mal zu lesen. Hier drängt sich der Kirchenhistoriker positiv in den Vordergrund. Die theologischen Hintergründe der Kreuzzüge sind in ihren Aspekten als Heilige Kriege und als Bußwallfahrten untersucht und erklärt. An dieser Stelle kommen auch die „Grauen Kästen“ (erklärende Exkurse) das erste Mal ins Spiel. Denn auch jemand mit christlichen oder gar katholischen Hintergrund sind die Begrifflichkeiten Buße und Ablass unter Berücksichtigung der Denkweise im 11. Jahrhundert nicht gänzlich geläufig, für einen völligen Laien sind diese Erklärungen absolut notwendig, um einen Fuß in die Tür zu bekommen.

Es begann am 27. November 1095

Jonathan Riley-Smith setzt den Beginn der Kreuzzugsbewegung konsequent (und macht dies auch in seiner Zeitleiste klar) in das Jahr 1095. Er kehrt zurück zum Bittgang der Byzantiner auf dem Konzil Piacenza ausgelöst durch den Vormarsch der türkischen Seldschuken und deren Sieg 1071 in der Schlacht von Manzikert. Am 27. November 1095 auf dem Konzil von Clermont erging nach einer längeren Predigtreise von Papst Urban II. der groß inszenierte Aufruf zum Kreuzzug. Sogenannten „Kreuzzugsvorgängern“ erteilt der Autor eine Absage und weiß dies auch theologisch und sachlich gut zu begründen. Predigten z.B. zur Befreiung Spaniens vom Islam hatte es bereits vorher gegeben. Sie hatten aber nicht die theologische Konsequenz und Wirkung wie das, was Urban II. in Clermont auf den Tisch brachte. Der Waffendienst als Buße war etwas, was Riley-Smith nicht in den Abwehrkampf gegen die Mauren verortet, sondern seine Wurzeln im Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst hatte. Die Sündhaftigkeit der Welt und die eigene Sündhaftigkeit war vor Gott nur mit einem außerordentlichen Bußgang zu tilgen. Mit dem Kreuzzug und der Hinwendung auf (imaginär göttliches) Jerusalem hatte das Papsttum einen Ausweg geschaffen. Eine Idee, die länger im Bewusstsein blieb, als wir es bisher annahmen. Ein Abebben der Kreuzzugsideen und -Bewegung bereits im Hochmittelalter erteilt der Autor eine klare Absage. Bislang galten die „Kreuzzüge im Innern“ als Pervertierung der Kreuzzugsidee. Auch hier stellt Riley-Smith klar, dass diese Einsätze von Beginn an bereits in der Kreuzzugstheologie fest inbegriffen waren. Nach dem Motto: Einheit im Innern, Zugriff auf Jerusalem und das Heilige Land draußen. Die Kreuzzüge waren vordergründig auch keine Raubzüge. Der Autor stellt klar, dass Herrscher und Kirche des Abendlandes unerhörte Lasten durch Finanzierung, Organisation und Durchführung von Kreuzzügen zu stemmen hatten. Einzelne Teilnehmer verschuldeten sich in unglaublicher Weise. Der Gewinn durch Raub und Handel finanzierte die Verteidigung des Heiligen Landes oder blieb in den Händen italienischer Stadtrepubliken. Dennoch blieb der Kreuzzugsgedanken in vielen Familien über Generationen erhalten. Wäre es um Bereicherung durch Raub gegangen, dann waren Kreuzzüge eher der falsche Weg.

Pilgerfahrten der büßenden Krieger

Tempelritter heute
Tempelritter heute, Quelle: Odo von Crain

Ab dem 3. Kapitel ist das Buch eine Schilderung der Ereignisgeschichte der Kreuzzüge wie bereits 100x (gefühlt) an anderer Stelle gelesen. Allerdings mit einem großen Unterschied: Es ist glasklar aus der Perspektive des Papsttums geschrieben (was bei einem Kirchenhistoriker keine Verwunderung hervorruft!). Die eher sprunghaft geschriebene Ereignisgeschichte ist immer klar und verständlich, wenn es bei der Linie von Exkursen, Erläuterungen und Abschweifungen bleibt. Eine Zeitleiste im Anhang kann selbst bei leichter Verwirrung auf den Ereignispfad zurückführen. Das Buch wird schlecht, wenn Riley-Smith versucht, zu viele Informationen und Daten in kurze Textabschnitte zu verarbeiten. In diesem Fall hetzt der Leser mit durch die Datenfülle und das Gefühl schwingt mit, dass auch dem Autor die betreffenden Abschnitte nicht richtig Spaß gemacht hatte, sie aber der Vollständigkeit halber enthalten sein mussten.

Frauen in den Kreuzzügen

Ein wichtiges Anliegen von Riley-Smith ist die Rolle der Frau in den Kreuzzügen. Ausgehend von Mathilde von Tuszien als Mentorin der „Denkfabrik“ des Investiturstreits über Elenore von Aquitanien bis zu Alix von Blois, die ihre eigenen Truppenkontingente kommandierte. Auch der Frauenorden der Johanniter spielte eine große Rolle in der Kreuzzugsbewegung.
Die Schlacht von Hattin und der Verlust von Jerusalem wird von Riley-Smith in einen genaueren geschichtlichen Zusammenhang gestellt. Denn hier war die Kreuzzugsbewegung nicht an ihr Ende gekommen, sondern „Die Kreuzzugsbewegung wird erwachsen“, wie der Autor sein 7. Kapitel überschreibt, um dort auf den 3. Kreuzzug und die treibenden Kräfte danach einzugehen, z. B. Papst Innozenz III. , der wie keine anderer theologisch und politisch die Kreuzzugsbewegung prägte. Er geht auch auf Familientraditionen (in Frankreich) ein, die den Kreuzzug zu einer quasi weltlichen Familiensache machten: Urgroßvater war beim ersten Kreuzzug dabei, Großvater beim zweiten, Vater mit dem Sohn auf den dritten Kreuzzug, Sohn war Teilnehmer beim vierten Kreuzzug. „Die vor 1187 entstandenen Familientraditionen machten das Kreuzfahrertum zudem zu einem Bestandteil so weltlicher Angelegenheit wie der Abstammung, des Aussehens und der häuslichen Sitten.“ (S.215)
Die Kreuzzüge verloren ihre Jerusalem-Fixiertheit und verlagerten sich mehr und mehr in andere Richtungen: Ketzerkreuzzüge, Politische Kreuzzüge, ständige Kreuzzüge ins Baltikum. Erst der französische König Ludwig IX., der Heilige, brachte der Kreuzugsbewegung mit Truppen, Geld und weiteren Kreuzzügen neuen Schwung. Doch all diese Anstrengungen blieben vergebens. Das Heilige Land ging verloren. Es war abzusehen gewesen. Warum es dennoch nach 1272 keinen weiteren Unterstützungskreuzzug mehr gegeben hat, erklärt der Autor auf Seite 308. Der komplexe Kontext ist ihm leider bei der vielen Ereignisgeschichte etwas zu knapp ausgefallen.

Auf zum Pauschalkreuzzug!

Der Rest ist Epilog könnte man denken. Aber mit dem Verlust des Heiligen Landes kam die Kreuzzugsbewegung weder theologisch noch praktisch zu einem Ende. Konsequent ist Riley-Smiths 10. Kapitel deswegen mit „Die Vielfalt der Kreuzugsidee (ca. 1291 – 1523)“ überschrieben. Während die Templer untergingen, gelang es den anderen Ritterorden, ihr Aufgabenfeld zu verlagern. Erheitert nimmt man zur Kenntnis, dass die vom Deutschen Orden „angebotenen“ Preußenreisen zu einer Art Pauschalkreuzzügen wurden.
Die spanischen Verhältnisse, Kreuzzüge in der Reconquista, hält er kurz und knapp, ist sich wohl selbst bewusst, dass er hier nicht auf den neuesten Forschungsstand ist. Aufgeräumt wird von ihm auf jeden Fall die alte Mär, dass die Pyrenäenfeldzüge französischer und catalanischer Adliger trotz Segen des Papstes als eine Art Ouvertüre zu den Kreuzzügen zu betrachten sind. Catalanische und nordspanische Christen schlossen sich demzufolge auch dem ersten Kreuzzug an, da sie zwischen dem sarazenischen Feind, der das Heilige Land besetzt hielt, und dem maurischen Nachbarn, bei dem man rauben ging und der einen beraubte, zu dem man aber auch oft freundschaftliche Beziehung pflegte (sogar verwandtschaftliche) ganz klar unterschieden.

Der Papst glaubt nicht mehr dran (ab 1344)

Mehr und mehr verlagerte sich der Kreuzzugskampf auf das Meer. Kreuzzüge werden von Kreuzzugsligen abgelöst. Riley-Smith stellt fest, das der Heilige Stuhl ab 1344 nicht mehr mit einer Rückeroberung von Palästina-Syrien rechnete. Denn auch viele Seesiege über die Türken halten die osmanischen Sultane auf dem Land nicht auf. Nordafrika und der Balkan werden unterworfen, die Türken stehen am Ende vor Wien. Die Christen haben mehr mit sich selbst zu tun: 1378 – 1417 führte das große abendländische Schisma, d.h. mehrere Päpste existierten gleichzeitig, zu vermehrten internen Kreuzzüge. Es folgten 1420 – 1431 fünf Hussitenkreuzzüge, dies „waren beinahe die sinnlosesten Kriege der ganzen Kreuzzugsbewegung.“ Die Eroberung von Konstantinopel 1453, der Hauptstadt der griechischen Christenheit, durch die Osmanen führte zu einem Beleben der Kreuzugsidee und es folgen „Renaissancekreuzzüge“, ebenso wie „Armenkreuzzüge“ auf dem Balkan gegen die Türken und „ungläubige Adlige“. Wahrscheinlich war die Eroberung des maurischen Granada 1482 – 1492 durch die vereinigten Heere der katholischen Könige Isabela und Ferdinand das letzte große Ergebnis der Päpste. Das dieser fanatische „Kreuzzug“, in dessen Verlauf Isabela sich angeblich nicht die Unterröcke gewaschen hatte bis Granada fiel, vorbereitet wurde durch die Vertreibung der sephardischen Juden, eines nicht kleinen Teils der Bevölkerung, verschweigt uns Riley-Smith, denn er muss weiter durch die Geschichte hetzen: Die Kreuzzüge Karls V., bzw. Karls I., dem Enkel von Isabela, die Kreuzzüge Philipps II. und seine Sieg gegen die Türken bei Lepanto (seine Vertreibung der spanischen Mauren verschweigt uns der Autor wieder), auch Philipps gescheiterter Angriff der Armada gegen Spanien war ein päpstlich unterstützter Kreuzzug.

Portugals Adel verloren in der Wüste

Besonders der Kreuzzug des portugiesischen Königs Sebastian, der 1578 versuchte mit seinem Heer durch Nordafrika bis Palästina zu marschieren, wird in der Geschichte als eine Tat eines religiösen Fanatikers, ja Verrückten, charakterisiert. Es war der „letzte Kreuzzug alter Machart“. Nach Riley-Smith entstammte diese Idee von der spanischen Kirche und den Päpsten lange gehegte Plänen, den Islam aus Nordafrika zu verdrängen und danach Palästina zurückzuerobern. Demzufolge begleiteten päpstliche Legaten den Kreuzzug. Sein Scheitern wird symbolisch für den „langsamen Tod der Kreuzugsbewegung 1553 -1892“. Fast jeder waffenfähige Mann des portugiesischen Adels wird in der marrokanischen Wüste abgeschlachtet. Wieder verschweigt uns Riley-Smith die Folgen: Portugal wird im Anschluss von Spanien annektiert, eine Wunde, die bis heute nicht ganz geschlossen ist, kein Papst ruft Philipp II. zur Ordnung.
Warum das Thema bis zum bitteren Ende ausgelutscht werden muss und krampfhaft noch ein Beispiel für die Kreuzzugsbewegung Ende des 19. Jhd. gefunden werden muss, versteht vielleicht nur der Autor. Bereits im Imperialismus gab es mehr Kreuzfahrerrhetorik als wirkliche Kreuzzugsmotivation. Erst im 20. Jahrhundert ist das Thema Kreuzzüge in Europa nach Riley-Smiths Meinung vollkommen vergessen. Es würde keiner von uns mehr „das Kreuz nehmen“, oder? Aber die Leute wallfahren wieder in Massen nach Compostela, Rom, Jerusalem und „Werweißgottwohin“. Ich habe auch nicht geglaubt, dass nationales Gedankengut wieder so salonfähig wird.

Warum nicht wieder einen Kreuzzug?

Ich denke, es ist Riley-Smith gelungen, dem Leser trotz einiger Schwächen im Buch einen aktuellen Gesamtüberblick über die derzeitige Kreuzzugsforschung zu geben. 11 Karten zu Beginn und ein Anhang mit kommentierter Bibliographie, Zeittafel, Abkürzungsregister und Namens- und Ortsregister runden den Band ab. Genaue wissenschaftliche Quellenangaben sind nicht vorhanden. Am Ende noch ein Lob für die Übersetzer und das Lektorat. Hier ist sehr sorgsam übertragen und lektoriert worden. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich.

TK

In Zusammenarbeit mit dem Hallespektrum
Riley-Smith, Jonathan: Die Kreuzzüge
Übersetzung: Gabel, Tobias; Möhring, Hannes
Originaltitel: The Crusades
Verlag: Zabern (2016)
Gebunden, 484 S., 7 SW-Abb., 11 Ktn.
ISBN-10: 3-8053-4959-9
49,95 €
im Original zuerst erschienen bei Bloomsbury Academic 2014

Astrolabium und Krim

Wir sind nicht die einzigen, die sich mit der „Hightech des Frühmittelalters, dem Astrolabium, beschäftigen. Ich habe dazu einen interessanten Link gefunden, und zwar hier …, den ich allen gerne ans Herz lege.

Über die Krim, die gerade in diesen Momenten völkerrechtswidrig der Ukraine von Hexenmütterchen Rußland und ihrem Kampfschlumpf  Putin weggenommen wird, redet im Moment die Welt.  Dies kann man auch historisch reflektieren, wie es Rainer Schreg in seinem archäologischen Blog unter dem Titel „Konkurrierende Nachbarschaften auf der Krim – Ein archäologisches Modell zur Völkerwanderungszeit im Licht der aktuellen Krim-Krise“ klingt etwas sperrig, ist aber angesichts des nationalen Getöses allerorten höchst aufschlußreich. Ich gebe aber zu, ich muss es mir selber zwecks des endgültigen Verstehens noch einmal durchlesen.

Euer Isí