Die mittelalterlichen Stadtbefestigungen

Thomas Biller hat mit dem zweibändigen und rund 720 Seiten zählenden Handbuch der mittelalterlichen Stadtbefestigungen (im deutschsprachigen Raum) eine Mammutaufgabe abgeliefert, die ihn nach eigenen Angaben 10 Jahre lang beschäftigt und „jeden Urlaub geschluckt“ hatte. Die Lebensgefährtin und spätere Frau Billers hatte romantische Stunden nur noch in der Nähe von Stadtmauern erleben dürfen und die Abgabefrist beim Verlag hatte sich um gute 7 Jahre verschoben. Am Ende erhebt er den Anspruch ca. 99 % der erhaltenen Baureste gesehen und begutachtet zu haben. Rechtfertigt das Ergebnis den Aufwand? Leider muss ich schreiben: Bauhistorisch sicherlich, historisch habe ich einige Zweifel beim Lesen bekommen. Das macht mich angesichts des Aufwandes traurig, dazu am Ende mehr.

Der Rezensent hat sich natürlich darüber gefreut, dass es jetzt ein Standartwerk zum Thema Stadtbefestigungen gibt und fürchtet doch gleichzeitig, dass man mit einer kurzen Buchbesprechung diesem gewaltigen Werk niemals gerecht werden kann. Versuchen wir es mit einem Überblick: Band 1 des Handbuchs von Biller befaßt sich auf 360 Seiten systematisch mit Forschungsstand, der geschichtlichen Entwicklung (von der spätrömischen Befestigung bis zum Festungsbau), der Organisation der Mauerverteidigung und der Stadtmauer als Städtisches Symbol. Band 2 geht auf 360 Seiten topographisch vor und kann von Stadtmauerfreunden als einer Art „Mauerreiseführer“ durch den (im Mittelalter) deutschsprachigen Raum benutzt werden.

billerDie Freude am (Stadtmauer-)Detail

Im ersten Band erfahren wir alles über die mittelalterliche Befestigung. Wir steigen ein in die geschichtlichen Entwicklung dieser wichtigen städtischen Einrichtung, die als Stadtmauerbau erst im 12. Jahrhundert so richtig in Gang kam. Keinesfalls war eine Stadtmauer rechtlich notwendig, um den Status einer Stadt zu erlangen, erklärt der Autor. Der Leser kann sich anschließend ausführlich den einzelnen Komponenten einer Schutzanlage, zu der Mauerkörper, Türme und Tore gehören, widmen. Da HalleSpektrum-Redakteure sich gerade die Vor- und Nachteile einer spätmittelalterlichen Kanone („Feuerwaffen werden sich nie durchsetzen!“) haben vorführen lassen: Wie mussten sich die Verteidigungsanlagen einer Stadt im Zeitalter der Feuerwaffen ändern? Bei dieser Freude zum Detail blieb auch noch Zeit, sich über Organisation und Instandhaltung einer solchen Anlage Gedanken zu machen. Philosophisches wie die „Stadtmauer als Symbol“ kommt am Ende und geht fließend in einer längeren Zusammenfassung des ersten Bandes über.

Die falsche Brille bei der regionalen Betrachtung

Band zwei beginnt im Österreichischen Alpenland und die Reise (im Buch) endet im Deutschordensland Preußen. Dabei wird mehrmals die Grenze der heute noch mehrheitlich deutschsprachigen Länder überschritten. So sind Südtirol, Elsass, Lothringen, Schlesien, und Pommern selbstverständlich drin. Es fehlt allerdings Nordschleswig. Auch ein Kapitel „norddeutsche Hansestädte“ fehlt, stattdessen wurden Lübeck, Bremen und Hamburg mit Niedersachsen und Schleswig-Holstein in ein knapp sechsseitiges Kapitel gestopft. Die Erklärung für diese Kürze überzeugt nicht wirklich. Ob die Niederlanden noch hinein gehört hätten, darüber kann gestritten werden. Biller hat sich dagegen entschieden. Die Vermischung von heutigen Bundesländern und historischen Landschaften wirkt inkonsequent.

Der Abschnitt, der Sachsen-Anhalt betrifft, beginnt auf Seite 204 des 2. Bandes und endet bereits mit Seite 210 (im Anschluss kommt Sachsen S. 211 bis 220). Das ergibt einen recht guten Überblick über die noch vorhandenen Stadtmauern in unserem Bundesland (und wie sie einmal ausgesehen haben mögen). Höhepunkt für den Autor ist Zerbst: Der Ort „besitzt die besterhaltene Mauer in Sachsen-Anhalt, die ins 13. Jahrhundert zurückreicht.“ Die Stadtmauer in Halle des 10. Jahrhunderts (rund um den alten Markt) streicht Biller ersatzlos, da wäre nur ein Graben nachgewiesen. Halles Befestigung begann nach dem Autor ab 1182 als Umwallung, die später in Stein ausgeführt worden ist. Wiprecht von Groitzschs Bemühungen um eine Stadtbefestigung wird mit den Worten „war eine Burg“ abgetan. (Genauer gesagt war es nur ein Wohnturm, aber adlige oder bürgerliche Wohntürme als Teil der städtischen Verteidigung kommen bei Biller nicht vor). Auch der spätmittelalterliche Ausbau der Befestigungen von Halle, Zwingeranlagen und Leipziger Turm werden erwähnt. Die zwei erzbischöflichen Burgen innerhalb des heutigen Stadtgebietes fehlen. Magdeburg wird nur kurz abgehandelt, da durch den späteren Festungsbau die Stadtmauer des 13. Jahrhunderts bereits verschwunden war. Eine ottonische Befestigung wäre bis jetzt nicht aufgefunden worden, so Biller.

Eingeschränkt als Handbuch zu verwenden

Biller konzentriert sich auf die Beschreibung der Stadtmauern und ihrer Bauteile. Das kann er, es gelingt ihm ausgezeichnet. Landwehren werden erwähnt, aber nicht ausführlich beschrieben. Innere Befestigungsteile wie Burgen und Wohntürme kommen wenig bis gar nicht vor. Insgesamt wirkt es das Werk etwas süddeutschlandlastig, was aber mein persönlicher Eindruck sein kann. Auch über einige historische Ungenauigkeiten, die bei einem derartig umfangreichen Werk geschehen können, mag gnädig hinweg gelächelt werden. Wie aber über mittelalterliche Städte und ihre Befestigungen berichtet werden kann, ohne das Phänomen der Handels- und Städtebündnisse (z.B. die Hanse) überhaupt zu erwähnen, hat mich nicht nur wegen meiner lübschen Abstammung entsetzt. Ich habe deswegen noch extra gesucht, ob ich etwas überlesen habe. Nein, das scheint so gewollt gewesen zu sein. Was auch immer mit dieser Weglassung beabsichtigt worden ist, sie befremdet. Oder sollte der bauhistorische Experte für mittelalterliche Stadtbefestigungen noch nie von der Hanse gehört haben? Wie sind angesichts dessen alle anderen Informationen zu bewerten? Für mich ist das „Handbuch“ insgesamt ein fleißiger „Handbuchversuch“, eine Anregung, oder ein Stadtmauerreiseführer, wie ich schon schrieb. Die enthaltenen Informationen sind vor Ort zu überprüfen und lassen sich durchaus auch anders bewerten.

Die mittelalterlichen Stadtbefestigungen im deutschsprachigen Raum, 2 Teile, Ein Handbuch. Systematischer Teil / Topographischer Teil, Biller, Thomas, Verlag: Zabern (2016), Gebunden, 720 S., 529 SW-Abb., Subskriptionspreis 99,95 € (ab 01.02.17 129,00 €)

TK

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Während die alle anderen unterwegs sind, z.B. im Geschichtspark Bärnau-Tachov oder auf der Turmhügelburg Lütjenburg (mache auch auf Hansekoggen, dazu bald mehr), beschäftige ich mich momentan nur theoretisch mit Geschichte. Und für unsere Eremitage in Thüringen liegen schon einige Bücher zum Lesen bereit: Gespannt bin ich auf „Die mittelalterlichen Stadtbefestigungen“ und auf „Die Kreuzzüge“. Zu den Kreuzzügen ist wieder einmal „Das Standartwerk“ herausgekommen, ich bin schon sehr gespannt.

Eure Geschichtsleseratte Isidorus