10 Jahre Archaeoforum

Archaeoforum10
Seit vielen Jahren in schwarzer Farbe, das Archaeoforum…

Seit vielen Jahren ist es für mich eine Heimat zum Diskutieren und Neuigkeitenaustauschen in der Archäologie und zur Rekonstruktion und Darstellung, das Archaeoforum. Daran hat auch facebook und Co. nichts geändert. Und nun ist es 10. Jahre geworden. Ich stelle fest, ich bin immer noch eifrig dabei und freue mich über jeden neuen Fund, den ich dort kennenlerne, und über jede neue Erkenntnis, die ich dort gewinne. Deswegen: Archaeoforum, ganz herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Der Krieg gehört ins Museum

Ein volles Haus, so wird Archäologie zum Ereignis. Foto: T. Kreutzfeldt
Ein volles Haus, so wird Archäologie zum Ereignis. Foto: To. Kreutzfeldt

so erläuterte Landesarchäologe Harald Meller programmatisch bei der Eröffnung der neuen Sonderausstellung „Krieg“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Selten war die Archäologie so politisch wie heute. Die Spurensuche der Hallenser geriet sich zu einem Mahnmal gegen Krieg und Vertreibung allgemein. Obwohl man das Ausstellungskonzept bereits seit Jahren im Kopf gehabt hatte, waren Meller und Mitarbeiter doch überrascht, wie aktuell Funde und Artefakte angesichts der „Flüchtlingskrise“ sind. Kultusminister Dorgerloh befand in seinem Grußwort: „Wenn wir für jeden Panzer und jedes Sturmgewehr, dass Deutschland in die Welt liefert, einen Flüchtling aufnehmen müßten, ist das Ende der Flüchtlingsaufnahme noch lange nicht erreicht.“

Eine Blockbergung wie ein mahnender Monolith

Über die politische Dimension hinaus, die während der Konzeption der Ausstellung über die Macher hereingebrochen ist, gelang dem Team eine beeindruckende archäologische Sicht auf den Krieg als Kulturphänomen, das die Menschheit nur eine kurze Zeit ihrer Geschichte erlernt hatte und beherrschte. Eine Kulturtechnik, die wir als Menschen  „auch wieder verlernen sollten“. (Meller)

Mahnmal oder Inszenierung einer gewaltigen Blockbergung? Foto: To. Kreutzfeldt
Mahnmal oder Inszenierung einer gewaltigen Blockbergung? Foto: To. Kreutzfeldt

Ein wenig erinnert mich das Ganze an den alten Science-Fiction-Film „2001 – Odysee im Weltall“, in dem ein schwarzer Monolith eine Hauptrolle spiel und Menschenaffen den Krieg erlernen. (tatsächlich, Max-Planck Leipzig demonstriert dies in einem Nachbarraum mit dem Beispiel der Schimpansen!). Dieser Monolith scheint sich direkt ins Foyer des Museums materialisiert zu haben, dem Hauptraum der Sonderausstellung, in dem die Schlacht von Lützen (Dreißigjähriger Krieg) thematisiert wird. Die gewaltige Blockbergung eines Massengrabes vom Schlachtfeld, in dem Soldaten ausgeplündert bis aufs Hemd in die Grabgrube geworfen wurden, steht damit mehr als Mahnmal denn als Ausstellungsstück zu Beginn der Ausstellung und überlagert alles.  Hunderte von Geschosskugeln liegen in einer Vitrine davor.  Das typische Schwarz der Hallenser dominiert die Ausstellungswände, an den Seiten Fotos vom heutigen Schlachtfeld, ein nächtlicher Blick. Ist es wieder mehr Kunst als Archäologie? Das volle Haus zur Eröffnung, Menschen, die auf allen Galerien standen, erscheint tatsächlich als Pop-Event der Archäologie mit dem Landesarchäologen als Hohepriester. Seine Zuhörer klatschen gemessen, das Thema ist ernst.

Funde vom Schlachtfeld bei Lützen (1632) auf einer zeitgenössischen Darstellung der Schlacht. © LDA, Foto: Juraj Lipták
Funde vom Schlachtfeld bei Lützen (1632) auf einer zeitgenössischen Darstellung der Schlacht. © LDA, Foto: Juraj Lipták

Living History ist im Landesmuseum angekommen

Zu jeder guten Inszenierung  gehören auch Statisten: In diesem Fall waren es etwas mehr als ein Dutzend Reenacter von unterschiedlichen Gruppen, die Darstellungen im Zeitfenster Dreißigjähriger Krieg machen. Pikenmänner im Lagerfeuerschein begrüßten die geladenen Gäste im Schein von Lagerfeuern. (Cool, dafür wurden extra designierte Feuerkisten angeschafft, ein bißchen mit dem Flair einer brennenden Mülltonne!), Marketenderinnen gaben nach den Begrüßungs- und Einleitungsworten den Besuchern Brot, Entenbeine etc., Wasser und Wein zur Stärkung aus. Alles, lt. dem Landesachäologen, „in den umliegenden Geschäften geplündert worden“. Die Darsteller waren von einer guten Qualität, soweit ich das beurteilen kann. Über moderne Brillen kann man sich immer streiten. Ins Programm sind sie außer Fanfarenstöße zur Eröffnung nicht einbezogen gewesen, aber die Gruppen erhalten schließlich noch ein eigenes Wochenende zur Entfaltung, hier zu lesen … Archäologie wird so lebendiger, schön, dass es in Halle auch angekommen ist. In UK gehört es wie selbstverständlich dazu, wie wir z.B. im Museum von Culloden erfahren konnten (eigener Bericht, folgt bald).

Tollensetal, eine Schlacht in der Bronzezeit

Schädel mit Hiebverletzung, Fund vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr. © LDA, Foto: Juraj Lipták
Schädel mit Hiebverletzung, Fund vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr. © LDA, Foto: Juraj Lipták

 Natürlich kann die Sonderausstellung, die ohnehin den Schwerpunkt „Lützen“ hat, nicht den Krieg in allen seinen Entwicklungsstufen und Abschweifungen bis heute darstellen. Genausowenig kann ich der Ausstellung mit all ihren detaillierten Informationen in diesem kleinen Artikel gerecht werden. Aber besonders gefreut habe ich mich auf die Funde vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr., wieder einmal vom Künstler Karol Schauer dramatisch illustriert (wie die ganze Ausstellung). Die Funde werden hier in Halle das erste Mal einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt. Anders als bei der annährend zeitgleichen Schlacht von Kadesch besitzen wir darüber keinerlei historische Aufzeichnungen. Gesichert ist nur eine eine große Gruppe junger bronzezeitlicher Kämpfer, zu kleinen Teil beritten, an den Fluss kam und versuchte diesen zu überqueren. Dabei wurden sie von einer anderen Gruppe Kämpfer mit Pfeilbeschuss bekämpft und am Fluss gestellt. Dabei gerieten mehrere Tausend Männer aneinander. Gekämpft wurde mit Bogen, Holzkeulen, weniger mit Schwertern und im Nahkampf auch mit Messern. Über Steinschleuderbeschuss ist nichts bekannt. Wer diese Schlacht gewonnen hat und worum es ging, entzieht sich auch der Kenntnis der Ausstellungsmacher. Fast hätte ich nicht gemerkt, dass das Hallenser Schwarz plötzlich in den Seitenräumen der Ausstellung zu einem dunklen Blau geworden war.

„Krieg ist eine Sache der jungen Männer, das lerne ich hier“, sagte die beste Ehefrau von allen. Und auch der Landesarchäologiehohepriester schlug in diese Kerbe, in dem er Frauen als Beute und Gewinn im Kriege in seiner Einführung bezeichnete. Frauen schuldlos an den Kriegen? So einfach kann es sicher nicht gesehen werden. Denn zur Gruppengehörigkeit und Ausgrenzung anderer, die Kriege mitverursacht, gehören auch die „Weibchen“ und tragen ihren Teil mit zu bei, wie jeder, der an solchen Prozessen beteiligt ist, rasch merken wird, wenn sie auch in der Geschichte, von kleinen Ausnahmen abgesehen, eher weniger an an Kampfhandlungen beteiligt waren.

„Fischschwanzdolch“ aus Feuerstein aus Bebertal (Sachsen-Anhalt). Das Objekt datiert in die Frühe Bronzezeit um 2300-1800 v. Chr.). © LDA, Foto: Juraj Lipták
„Fischschwanzdolch“ aus Feuerstein aus Bebertal (Sachsen-Anhalt). Das Objekt datiert in die Frühe Bronzezeit um 2300-1800 v. Chr.). © LDA, Foto: Juraj Lipták

Und selbst in den Krieg ziehen?

Ich lade jedenfalls ganz herzlich ein, sich selbst ein Bild zu machen. Zusammen mit der inzwischen größer gewordenen Dauerausstellung (wir sind inzwischen mit dem „Swebenzimmer“ bei den ´ömern angelangt) lohnt sich für diese Sonderausstellung auf jeden Fall eine längere Fahrt, viele sensationelle Leihgaben kann ich hier nicht einzeln erwähnen (z.B. siehe Abb. links)

Geöffnet hat der Krieg von Di-Fr von 9-17 Uhr, Sa, So und Feiertage: 10-18 Uhr, Montag nach Vereinbarung, 24. und 31.12.2015 geschlossen. Die Eintrittskarten (berechtigt zum Eintritt von Sonder- und Dauerausstellung) kosten für Erwachsene 8,- €, ermäßigt 6,- €. Kinder  6-14 Jahre brauchen nur 3,- € bezahlen. Gruppen (ab 10 Pers.) bezahlen 6,- € pro Person. Schulklassen können für 1,- € pro Person herein. Eine Familienkarte (Mutter, Vater und die lieben Kleinen) bezahlen zusammen 16,- €. Weitere Informationen über die Kriegsführung gibt es hier … Und hinweisen möchte ich besonders auf das umfangreiche Veranstaltungs- und Vortragsprogramm hinweisen. Die Sonderausstellung ist vom 06. Nov. 2015 bis zum 22. Mai 2016 geöffnet.

Euer Isidorus

Diskussion über die Völkerschlacht geht weiter

leipzig1813aDie Diskussion zur Nachstellung (Reenactment) der Völkerschlacht in Leipzig vor zwei Jahren geht in der 4. Ausgabe des Forums Kritische Archäologie weiter.  Wer sich damit noch auseinandersetzen möchte, , gerne, hier nachzulesen…  Darüber, dass Schlachtenreenactment so viel mehr Aufmerksamkeit bekommt, als die friedliche Darstellung,  habe ich hier schon nachgedacht, vielleicht in dem Zusammenhang noch mal nachlesenswert: Nagelprobe für Reenactment?

Euer Isidorus

Auf den Feldern von Waterloo…

Reenactment und Living History, anläßlich der Völkerschlacht von Leipzig noch in die Nähe der Kriegstreiberei gerückt z.B. von Stefan Nölke vom MDR , gewinnt auch langsam in den Medien an Akzeptanz. Neben der hervoragenden Doku. von ARTE gab es auch einen neuen Beitrag heute im ARD-Morgenmagazin unter dem Motto:

Die wollen einfach nur in die Geschichte eintauchen…

Schöner Bericht über ein (unser) Hobby von den Feldern von Waterloo, auf denen vor 200 Jahren ein Größenwahn sein Ende fand: http://www.tagesschau.de/ausland/waterloo-105.html

Kriegsaustreiber Isí

Geschichtsdarstellers Bücherfrühling (2015)

Viele Bücher ergeben nur Brei … deswegen meine Vorschau

Es ist zwar noch nicht Frühling, aber dennoch wage ich bereits einen Blick auf drei Neuerscheinungen in diesem Frühjahr, die für Geschichtsdarsteller bzw. Reenactors interessant sein könnten. Alle drei Titel möchte ich im Laufe des Jahres noch ausführlich besprechen, werde sie aber schon einmal kurz vorstellen:

  1.  Für meinen Lieblingstempler Odo könnte dieses Buch, das bereits im nächsten Monat erscheint, interessant sein: Paul M. Cobb erzählt in seinem „Kampf ums Paradies“ die Geschichte der Kreuzzüge auf Basis der auch zahlreich vorhandenen islamischen Quellen. Ich kann mich gut erinnern, dass in einem Buch in meinem Bestand christliche und islamische Quellen bereits gegenüber gestellt worden sind (Peter Milger: Die Kreuzzüge, 1988). Ansonsten ist die Annahme des Autors völlig richtig: Die Geschichte der Kreuzzüge wird in Schule und Historie aus der christlichen Sicht erzählt. Manches Vorurteil alter Kreuzzugspredigten scheint bis heute im Staub der Studierstuben überlebt zu haben. Mit der Veröffentlichung der im Escorial aufgefundenen Lebensgeschichtes des syrischen Ritters Usama ibn Munqidh ergab sich erstmals ein wichtiger Perspektivwechsel. Meine Hoffnung ist, dass uns Herr Cobb mit der Hinzuziehung weiterer Quellen eine ganz andere Sicht auf die Kreuzzüge eröffnet. Andererseits herrscht bei mir eine große Angst vor, dass diese neue Publikation wieder nur ein weiterer Fall für die Abteilung „Orientalistenromantik“ wird. Drücken wir gemeinsam die Daumen! Mit 29,95 € ist jeder Kreuzfahrer und Glaubenskrieger dabei!
  2. Die Mode der frühen Hellenen unter dem Titel „Helenas Töchter – Frauen und Mode im frühen Griechenland“ von Klaus Junker und Sina Tauchert macht mich sehr neugierig. Paris erstes Anliegen nach dem Raub der Helena war, wie seine neue Braut zu angemessener Kleidung und Ausstattung kam. Haben die frühen Griechen die Mode erfunden? Oder ist schöne Kleidung von Mann und Frau der erste Schritt in die Zivilisation für die alten Griechen? Denn wie elegant schon Altägypter, Zweistromländler und Etrusker waren, wissen wir. Ich bin zwar definitiv aus dem Alter raus, um nach der schönen Helena zu haschen, aber für jeden Darsteller, der über den Tellerrand gucken möchte, ist dies eine unerläßliche Ergänzung für die Bibliothek. Das Werk erscheint im April und kostet 29,95 €
  3. Kehren wir ins Mittelalter zurück (dort, wo wir hingehören): Nach „Mittelalter selbst erleben“ und „Spielen wie im Mittelalter“ bringt Doris Fischer nun auch „Kochen wie im Mittelalter“ heraus. Nach den beiden ersten Bänden erwarte ich kein Werk auf Darstellerniveau, eher gute Einstiegsliteratur wie bei den ersten beiden Bänden auch. „Mittelalter selbst erleben“ wartete mit einigen guten Tipps auf. „Spielen wie im Mittelalter“ fand ich sehr oberflächlich, wenn man sich mit Originalquellen beschäftigt hat. Nicht viel erwartend, möchte ich dennoch von der Kochkunst von Doris Fischer gerne überraschen lassen. Denn was es bislang in der Hinsicht auf dem Markt gibt und uns bereits zu einem eigenen internen „Kochführer“ gezwungen hat, ist zum größten Teil nicht zum Genießen und bezieht sich stets auf das Spätmittelalter. Mal sehen, ob Frau Fischer für uns bekömmlicher abschmeckt.  Für 16,95 € sollte ein Gast bei ihr satt werden. Nichts für den sorfortigen Hunger, denn aufgetischt wird erst im Mai.

Euer Bücher-Blumenpflücker Isidorus

 

Die Gedanken zum Jahr 2014

Ich bin anscheinend nicht der einzige, der sich Gedanken über das neue Jahr gemacht hat. Waren meine sehr spezieller Natur, so hat sich Markus von tribur.de allgegemeine Gedanken über unser Hobby und seine Protagonisten, über Rezeption, Verbreitung und Akzeptanz gemacht. Aber lest selbst:

Gedanken zur Reenactmentszene
16/01/2014 Markus Zwittmeier

Es gab einmal eine Szene, die von außen gerne als homogen angesehen wird. Auch wenn Sie auftreten sehen sie sich selbst sehr gerne als homogen. Aber im Inneren brodelt es. Da werden einige Gruppen bereits als nicht authentisch bezeichnet weil sie gerne mal eine andere Musik hören als die andere Gruppe und wieder andere tragen die falsche Kleidung, oder sind zu bunt angezogen. Wieder andere sind nicht fantasievoll genug oder zu fantasievoll. Und dann vfindet man auch immer wieder Militaria, was den Anderen wieder zu viel ist. Zu allem Überfluss tummeln sich dann auch hin und wieder ein paar versprengte Nazis darunter,aber es heißt dann: “Ach wir sind doch unpolitisch”

Hat jetzt jemand die Mittelalterszene erkannt? Echt? Wirklich? Reingelegt, stimmt aber gar nicht! Ich hab gerade von Gothicszene gesprochen in der ich auch hin und wieder unterwegs bin! Hier weiterlesen …

Das die „A-Seite“, von der Markus spricht, Schattenseiten hat und ermüdet ist, zeigen mir die Aussteiger, die in den letzten Jahren von uns gegangen sind (einige sind noch Freunde, andere „böse Feinde“ geworden). Machen wir uns deswegen bewußt, das wir eine Subkultur sind, zwar mit wissenschaftlichen Hintergrund, aber dennoch… Und Subkultur oder Kultur müssen auch Sinn haben und Spaß machen. Solange ich Neues entdecken kann wie den jüdischen Friedhof am Jägerplatz, das Buch über die Möbel usw. und solange Geschichte mir Spaß macht, werde ich dabei bleiben. Mal über Odos Heerbann im Krückstock gehen, das wäre doch was… oder?

Euer alter Knochen Isí

„Völkerschlacht überrollt Sachsen“

„Völkerschlacht überrollt Sachsen“

Dieser Satz wurde zum Programm am Wochenende des 19. und 20.10.2013.

Der Eindruck von mir (Reenactor Frühmittelalter)  als Zuschauer bei dieser Großveranstaltung ist zwiespältig. Auf der einen Seite die wirklich riesigen Biwaks, die vielen Teilnehmer aus der ganzen Welt und die eigentlich gut choreografierte Schlachtdarstellung. Auf der anderen Seite eine Organisation, die von ihrem eigenen Werbeerfolg praktisch überrollt wurde.

Aber der Reihe nach.

Die ganze Woche stand in Leipzig im Zeichen der Völkerschlacht. Man konnte den Medien nicht entgehen. Das Thema wurde ausführlich von allen Seiten bearbeitet. Störend fiel mir nur auf, dass man sich als Reenactor für sein Hobby rechtfertigen muss. Warum eigentlich?

Am Sonnabend waren wir in Liebertwolkwitz.  Der öffentliche Nahverkehr funktionierte. Und so haben wir relativ schnell das Dorf erreicht. Bereits beim Zugang zum Dorf (Eintritt 8€) fiel auf, dass mit dermaßen vielen Leuten kaum einer gerechnet hatte. Lange Schlangen überall, zu wenig Speise- und Getränkeversorgung, die noch dazu vorzeitig ausverkauft war, und sehr schnell kam bei einigen Leuten Unmut auf. Im Großen und Ganzen aber eine schöne Veranstaltung, zumal der ganze Ort am Geschehen teilnahm. In und bei Liebertwolkwitz gab es noch Biwaks. Diese konnte man ebenfalls besichtigen. Und auch hier gaben sich die Darsteller große Mühe, ihre jeweils spezielle Darstellung zu erklären. Die Abendveranstaltung „Entzünden der Wachfeuer“ kostete nochmals Eintritt 6€.

Von Liebertwolkwitz ging es weiter nach Markleeberg und Dölitz. Hier in den Biwaks das gleiche Bild. Schöne Biwaks (der Besuch nur der Biwaks ohne Programm war kostenfrei), nette Erklärer und sehr viele Besucher.

Am Sonntag dann das Hauptevent -> die Schlachtdarstellung. Hier zeigte sich dann, dass die Organisation für die Darsteller halbwegs funktionierte, die Organisation für die zahlenden Zuschauer (Eintritt 15€) jedoch völlig überfordert war. Im Unterschied zu den vergangenen Jahren war ein anderes, deutlich größeres Gelände gewählt und abgesperrt worden. Was für die Darsteller viel Platz einbrachte, war für die Zuschauer eher frustrierend, denn geschätzte 70% der Zuschauer durften vom Geschehen auf dem Schlachtfeld mangels Sicht aus der 3. bis letzten Reihe sehr wenig mitbekommen haben. Es gab nur verhältnismäßig wenig Stehplätze, die einen Einblick auf das Schlachtfeld und somit das Geschehen gestatteten. Die Schlacht konzentrierte sich auf den mittleren bis rechten Teil des Schlachtfeldes. Der linke Teil sah zwar die französische Armee aufmarschieren und vorgehen, der Rest des Geschehens war dann aber weit weg oder nicht zu sehen und somit nicht mehr gut zu verfolgen. Hinzu kamen die mangelhaften Erklärungen zum Geschehen. Zwischendurch gab es sogar eine halbstündige Lücke ohne jegliche Erklärung. Als Erläuterung für dieses Schweigen wurde gesagt, dass das Fernsehen auch originalen Gefechtslärm wollte, und so wurde eben gar nichts mehr erklärt. Die Handlungen, die in ca. 3 Stunden die Schlacht von 4 Tagen zusammenfassen sollte, liefen somit im Pulverdampf für die meisten Zuschauer als Rätsel ab. Der Gipfel des Geschehens war der Abschluss mit einer Schweigeminute für die vor 200 Jahren gefallenen Soldaten und zivilen Opfer. Nicht einmal auf dem Schlachtfeld kehrte wirklich die erwartete Ruhe ein. Es wurden weiter Befehle gebrüllt und Einheiten marschierten weiter. Von Gedenken kaum eine Spur.

Der Moderator der Veranstaltung verstieg sich bereits am Anfang zu der Bemerkung, er wäre überrascht über die vielen Gäste. Was sollte denn dies bedeuten? Wenn ich 27.000 Karten im Vorkauf verkaufe, dann muss ich damit rechnen, dass diese Leute auch wirklich kommen. Und 15€ für einen Stehplatz nur für die Gefechtsdarstellung ist ja nicht gerade wenig. Also sollte dieser Besucherandrang nicht überraschend sein. Letztendlich werden ca. 32.000 – 35.000 Zuschauer bei dieser Veranstaltung gewesen sein. Und dafür war sowohl das Gelände für die Zuschauer als auch die Versorgung nicht geplant. Ein schönes Erlebnis war es wohl nur für die Besucher des VIP-Bereiches, der Presse und der Tribünen, die direkt am Zentrum lagen. So bleibt bei vielen ein schaler Nachgeschmack. Dass die LVB in dem Ansturm kaum bewältigte, war dann nur noch ein Punkt in der organisatorischen Fehlleistung. Frech auch die Meinung des Veranstalters auf mdr 1 Radio Sachsen, wer nichts sehen konnte, weil er hinten stand, hätte eben eher kommen müssen. Dazu das bekannte Zitat von Gorbatschow (Wer zu spät kommt, …). Dass so viele Besucher nichts sehen konnten, lag nicht am Zuspätkommen. Wer sich die Luftbilder der Gefechtsdarstellung vom Sonntag ansieht, kann erkennen, dass diese Darstellung nur für das Fernsehen (MDR) und für die VIPs organisiert wurde.

So bleibt festzuhalten, es hätte sehr schön werden können, wenn nur nicht so viele Zuschauer gekommen wären. -> „Völkerschlacht überrollt Leipzig“

Noch einige Bemerkungen vom Reenactor zum Reenactment:

–         Perkussionsgewehre gehören nicht in die Darstellung der Befreiungskriege.

–         Wer 2.000 – 3.000€ für seine Uniform ausgibt, sollte die 200€ für richtige Schuhe auch noch drauflegen. Was hier manchmal gezeigt wurde, war schon gruselig. Auch wenn man es auf den Fotos kaum erkennen kann.

–         Die Gefechtsdarstellung auf zwei Tage zu verteilen, wäre für die Zuschauer sicher angenehmer gewesen.

–         Die Darstellungen müssen erklärt werden, gerade die Gefechtsdarstellungen. Auch die jeweils agierenden Gruppen/Truppen hätten wenigstens kurz beschrieben werden müssen.

Wenigstens hat es den meisten Darstellern gefallen.

Fazit: Beim nächsten Großevent in Leipzig nur noch die Biwaks, die Gefechte dann im Fernsehen. Das ist preiswerter und man sieht wenigstens etwas.

Mit Grüßen Rike, Hemmo und Buteo

Völkerschlacht als Nagelprobe für Reenactment?

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Gemälde von Hans Kohlschein

Ursprünglich wollte ich hier blogen, wie lebendige Geschichte auch aussehen kann, nämlich wie im Sonderteil des MDR-Fernsehens zur Völkerschlacht in Leipzig 1813.  Hier gefällt besonders der fiktionale Teil „MDR TOPNEWS: Völkerschlacht überrollt Sachsen“ mit Tagesthemen Ingo Zamperoni. Ich hatte zwar keinesfalls vor, zum Schlachtenevent mit Reenactment selbst zu fahren, da mir die Knallerei zuviel ist, aber ich hatte schon vor, die Sache mit Sympathie und kleinen Zeitbudget aus der Ferne zu verfolgen.

Geschichte ist zu wichtig, um sie den Historikern zu überlassen.

Aber plötzlich stieß ich auf die Stimmen der Empörten: Stellvertretend das Interview  mit Prof. Reichel auch beim MDR, hier nachzulesen … Er hält Reenactment für einen unhistorischen Umgang mit der Geschichte und meint im Interview: „Es ist zu wenig, im Umgang mit der Geschichte nur Spaß zu haben.“ Finden wir auch. Geschichte ist so ernst, dass es bedenklich wäre, ihre Deutung nur den Historikern zu überlassen (die anscheinend mit ihrem Job gar keinen Spaß haben, könnte man denken).  Es wird das Spektakel kritisiert, dass um die Völkerschlacht gemacht wird. Befürchtet wird, dass dabei das Leid der Menschen vergessen wird. In diese Kerbe schlägt z.B. der von mir sehr geschätzte Stefan Nölke bei MDR-Figaro. Das ist llegitim!Der MDR selbst scheint die Empörung schon geahnt zu haben, viele Beiträge z.B. der Korrespondenten beschäftigen sich eben mit dem angemahnten Leiden durch die Schlacht. Sehr bewegend der Beitrag von Vivienne Radermacher über die „Marie Louises“ – Frankreichs letztes Aufgebot.

Tatsächlich wird aus der Sache ein Riesenspektakel gemacht. Da kann schon gefragt werden, ist das angemessen? Aber bitte angesichts der vielen Dokumentationen und Verfilmungen mir nicht so kommen: … jeder kann sich seinen Freizeitspaß selbst aussuchen…  (Zitat Nölke). Was soll das denn? Ist es denn nicht eher die Öffentlichkeit selbst, die das Spektakel wünscht? Ein Beispiel: Sitze ich ruhig am Feuer und koche oder  handwerke ich, interessiert es nur für kurze Zeit, aber wenn die Kameraden mit dem Schwert trainieren, bildet sich sofort eine Traube von Menschen: Guck mal, wie toll die Ritter kämpfen! Und sind es nicht auch die Historiker, die wieder der Ereignisgeschichte mehr Bedeutung zumessen als dem Alltag der Menschen wie z.B. unlängst bei der 3. „Otto-Ausstellung“ in Magdeburg geschehen, wo man unverhüllt vom Kaiserglück träumte.

Wie geht man angemessen mit diesem Jubiläum um? Die Reenactors vor Ort, die sich umfangreich mit dem Alltagsleben beschäftigt haben, wissen wohl am Besten um das Leid der damaligen Menschen. Aber wissen es all die Verantwortlichen in Politik und Medien? Ich bin mir nicht so sicher. So ist die Völkerschlacht keinesfalls eine Nagelprobe für das Reenactment, das ja allerhöchstens eine Illustration mit lebendigen Bildern darstellt, sondern sie ist eine Nagelprobe für die gesamte Öffentlichkeit, die hin- und herschwankt zwischen Faszination und Schrecken einer Schlacht. Das sollte thematisiert werden und nicht der „Verkleidungsfasching“ einiger Enthusiasten. Warum rufen denn die Völkerschlacht, Waterloo oder Hastings solche Begeisterung hervor? Der Bote der schlechten Nachricht ist nicht die schlechte Nachricht selbst, Herr Nölke, aber gerne köpft man ihn dennoch, oder?

Mit Grüßen vom Scharfrichter Isidorus