Die wüste Mark Treben

Plan der Burgwallanlage in der Wüste Mark  Treben (Dehlitz)

Mit Dorf- und Siedlungswüstungen aus dem Mittelalter haben wir uns an dieser Stelle bereits mehrmals beschäftigt, dennoch zu Beginn die kurze Definition, dass es sich bei einer Wüstung um eine dauerhaft verlassene Siedlung handelt, an die noch teilweise oberirdische Baudenkmäler und/oder Bodendenkmäle bzw. auch Einträge in Urkunden erinnern. Wer sich ganz schlau darüber machen würde, hier der Verweis in der Wikipedia…

Wie mich das archäologische Landesamt aufklärte, handelt es sich bei Treben in der Nähe von  Dehlitz/Weißenfels nicht um eine Wüstung, sondern die Anlage wird als Wüste Mark Treben bezeichnet. Daran wollen wir uns im Folgenden halten. Im Gegensatz dazu taucht Treben im Denkmalführer (Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 1987 ) als wüster Burgward Treben oder als ottonische Höhenburg bei Dehlitz auf.

Der slawische Friedhof im Bildband

Aufmerksam wurden wir auf Treben durch einen Bildband von unserem Freund Janos Stekovics. Im Rahmen eines kleinen Osterpicknicks suchten wir den Ort auf, aber vorher war er gar nicht so leicht zu finden. An die Wüste Mark Treben erinnern heute einzig eine erhaltene teilweise romanische Kirche, einige Wallreste in der Landschaft )  und im Verlauf einer Grabung von 1919/1920 wiederaufgefundene Steinsetzungen eines Friedhofs des 12. /13. Jhds.

Blick auf einen Teil des slawischen Friedhofs

Die historische Überlieferung

Der Burgwardhauptort Treben muß einst bedeutend gewesen sein. Lt. Mike Sachse (1992) gab es bereits eine erste Erwähnung im 9. Jahrhundert.  In Trebuni urkundeten Otto II. 979 und Heinrich II.  1004 für das Bistum Merseburg. Zu salischer Zeit schenkte Heinrich III. einem Ministerialen im Burgward 10 Hufen und 1108 bekam das Bistum Meißen 9 Höfe im Gebiet geschenkt. Danach endet die Überlieferung. 1555 wird das Dorf als wüst bezeichnet. Bis heute erhalten hat sich die Kirche. Es folgten 1919/20 die Grabungen von N. Niklason, der sich 1932 auch um die Wallanlagen bemühte. Während Niklasons Grabung sich hauptsächlich um die Südseite der Kirche bekümmerte, wurde aus Feuchtigkeitsgründen Ende der 1990er Seite auch die Nordseite der Kirche abgetragen.

In Teilen romanisch, die Kirche der Wüste Mark Treben

Romanische Kirche außerhalb der Straße der Romanik

Aus der Zeit von Otto II und Heinrich II.  stammt der Vorgängerbau der heutigen Kirche. Wie Sachse mit Bezug auf Rempel (1966) schreibt: Ihr Vorhandensein wurde bei der Anlage eines Gräberfeldes um 1000 … berücksichtigt. Die heutige Kirche ist in Teilen bis in die Romanik zu datieren: Turm und Chorapsis stammen aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Weitere Erweiterungen, Um- und Ausbauten erfolgten im 13. und 18. Jahrhunderten.  Leider ist die Kirche nur von außen zu besichtigen. Verwundert hat mich zudem, dass sie nicht ins Programm „Straße der Romanik“ aufgenommen worden ist. Darin gibt es Objekte, die weit weniger romanisch oder lediglich Rekonstruktionen sind.

Ein slawischer Friedhof?

Das ist aber nicht das einzige,  was an diesem Ort wunderlich ist: Das Wallinnere rund um die Kirche wird bis heute als Friedhof genutzt.  Deswegen stieß man auch 1919 bei einer neuen Grabanlage auf große Steinblöcke. Die bereits oben erwähnte Grabung von N. Niklason vom Vorgängeramt unseres heutigen archäologischen Landesamtes brachte 31  unbearbeitete Steine und zahlreiche Bestattungen zu Tage. Die Steine sind bis 2,20 m hoch, 1,30 breit und 0,60 m dick. Das Ergebnis der Ausgrabungen ergab, dass hier ca. 50 – 60 Personen bestattet wurden, und der Friedhof allerhöchstens 50 – 75 Jahre genutzt wurde. Grabbeigaben waren lt. Sachse verschiedene Bronzegegenstände, Perlen aus Bergkristall und ein eiserner Schlüssel. Aufgrund dieser Funde und „anderer Umstände“ (welche das auch immer waren) wurde die Friedhofsbelegung von der ersten Hälfte bis zum Ende des 12. Jahrhunderts datiert. Die erhaltenen Steine dienten wohl ursprünglich als Grababdeckungen. Die dem heutigen Betrachter eindrucksvoll präsentierte „slawische Friedhof“ an zwei  Seiten der Kirche ist wohl eher durch die aus dem 19. Jhd. stammende Ruinenromantik des Ausgräbers entstanden. Steinsetzungen alá Skandinavien wirken natürlich eindruckvoller als ein Haufen herumliegender Stein (Grababdeckungen). Eine Zuordnung der bereits hochmittelalterlichen Bestattung zu einer Ethnie ist auch durch die Begleitumstände von spätslawischer Keramik sehr spekulativ.

Grabsteine oder Grababdeckungen?

Der doppelte Burgwall

kaum noch im Gelände zu sehen: Die Reste des Walles

 Von der Doppelwallanlage (siehe Grafik oben u. Bild rechts) ist im Gelände nur noch wenig zu sehen. Der innere Wall ist zum Teil noch erkennbar, der äußere Wall wurde abgetragen oder durch Pflügen beseitigt. Aufgrund der Urkundenhäufigkeit in spätottonischer und salischer Zeit kann eine Errichtung in diesem Zeitrahmen angekommen werden. Holz- oder Steineinbauten sind nicht nachgewiesen. Eine Palisadenbekrönung wurde nicht untersucht.  An der Nordspitze der Burg (siehe Grafik oben) sind noch Reste einer rechteckigen Einbauung in den Wall zu sehen. Sachse vermutet hier eine spätere Errichtung.

Keramik und Fazit

An Keramikscherben wurden  in Treben mittel- und spätslawische Ware der Leipziger Grupe gefunden, die „im 12./13. Jahrhundert mit der Herausbildung einer ethnisch nicht mehr trennbaren hochmittelalterlichen Keramik“ (Sachse) endet. Ob die spärlichen Funde auf dem Friedhof diese ethnische Zuordnung wirklich rechtfertigen, ist aufgrund der fehlenden Fundbeschreibung im Moment nicht feststellbar. Warum die Bewohner trotz einer ottonischen Burganlage (Brückenkopf östlich der Saale) und damit 200 Jahren deutscher Herrschaft noch einen „slawischen Friedhof“ errichtet haben sollen, erschließt sich mir nicht.  Niemand käme auf die Idee, einen ins Hochmittelalter datierten Friedhof z.B. in Halle oder Magdeburg als slawisch zu bezeichnen. Die Anlage in Treben ist ein ungewöhnliches und gut erhaltenes Beispiel für einen hochmittelalterlichen Friedhof im Saalegebiet. So sollte es ausgezeichnet und bekannt gemacht werden. Als er angelegt wurde, war Landgraf Ludwig der Springer gerade gestorben und als man den Friedhof aufgab, hatte die Christenheit Jerusalem inzwischen wieder an Saladin und die Dynastie der Ayyubiden verloren. Die slawische Bevölkerung im Saalegebiet war längst in der Gesamtbevölkerung aufgegangen, zumal sie auch das Christentum angenommen hatte. Ich denke, erhaltener „Hochmittelalterlicher Friedhof“ reicht völlig aus.

Euer Isidorus

Der Akt von Gnesen

Die Ottonenzeit und Polen – Dem Jahr 1000 in ausgewählter Literatur auf der Spur

Im Sommer war ich in Gnesen (Polen, Landschaft Großpolen). Es ist eine kleine Stadt mit einer breiten Durchgangsstraße. Auf der einen Seite liegt die Altstadt mit der Kathedrale, auf der anderen Seite die Plattenbauten des Sozialismus. In der Umgebung der Kathedrale, dort wo zum Ärger Magdeburgs am Grab des heiligen Adalbert ein erstes polnisches Erzbistum entstand, erinnert heute alles an den jüngst geheiligten polnischen Papst, so als hätte Jan Pawel erst Polen missioniert und das Land wäre nicht schon seit der Ottonenzeit christlich und katholisch.

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Gnesen heute, der Dom im Hintergrund

Ich war schon früher in Gnesen gewesen. Allerdings nur mit Hilfe meines Kindergeschichtsbuch, denn dort gab es ein Bild, das Otto III. am Endpunkt seiner Wallfahrt nach Gnesen am Grab des heiligen Adalbert zeigte. Er betete inbrünstig. Der junge Kaiser war aber nicht allein. Der polnische König betete an seiner Seite am Grab des durch die Hände der heidnischen Prussen umgekommenen Märtyrers. Beide erwarteten die Ankunft Christi und das jüngste Gericht. Dieses Bild prägte sich mir tief ein und hatte lange mehr meine Spiritualität beeinflusst als jeder Religionsunterricht. Leider fand ich das Buch mit dem Bild nicht wieder. Ich möchte mich deswegen auf die Spurensuche in zufällig vorhandener Literatur begeben:

Rätselhaft und unwichtig für Deutsche und Polen?

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Moderne Skulptur, die Ottos Besuch in Polen zeigt. Ein rätselhafter Besuch?

Der Besuch von Kaiser Otto III. in Polen (beide Länder standen am Beginn ihrer Geschichte) und der „Akt von Gnesen“ wird von Manfred Alexander „in vielen Details rätselhaft“ bezeichnet. (in: „Kleine Geschichte Polens, 2003). War es die Visite des Kaisers bei einem Vasallen oder ein Freundschaftsbesuch bei einem engen Verbündeten, gar Vertrauten? Denn hatte der polnische Herzog Boleslav I. (dem es erst später gelang, das Königtum zu erlangen) nicht bewiesen, dass er an der Seite des christlichen Kaiserreiches stand? Er hatte den Prager Erzbischof bei seinen Missionsbemühungen in Polen unterstützt und sogar seinen Adalberts Leib nach dem Martyrium bei den Prussen freigekauft und in der Burg Gnesen christlich bestattet. Warum machte Otto III. die weite Reise in das von zahlreichen Burgen geschützte Kernland der Piasten, der ersten polnischen Herrscherdynastie?

Historische Freundschaft keine Erwähnung wert …

Was für Manfred Alexander rätselhaft ist, ist dem aktuellen Schulbuch der Oberstufe (Polnische Geschichte, Sek. II., 2007) bis auf einen Eintrag in einer Zeitleiste keine Erwähnung wert. Hier heißt es knapp: „1000 Gründung des Erzbistums Gnesen … Treffen unter dem Leitgedanken einer Renovatio Imperii“ Das war es! Die Geschichte der Polen und Deutschen beginnt mit einem gemeinsamen Projekt: Die Wiederherstellung des römisches Reiches mit dem christlichen Leitgedanken unter der Führung von Kaiser und Papst. Unwichtig! Für das aktuelle Geschichtsbuch der Oberstufe beginnt die gemeinsame Geschichte mit der (hoch-)mittelalterlichen Ostbesiedlung und dem Deutschen Orden. Im der Kartenvergleichsaufgabe auf S. 34 wird klar, dass sich das heutige Polen fast exakt dort befindet, wo die Piasten Mieszko I. und Boleslav I. im 10. Jahrhundert ausgehend vom Gebiet um Gnesen und Posen das „Projekt Polen“ begonnen hatten. Natürlich können dadurch spätere Besiedlungen nicht negiert werden. Aber wo Polen begann und heute noch (wieder) ist, wird ziemlich klar. Doch das ist nicht Thema von Lehrplänen.

Auch in den „Informationen zur Politischen Bildung“ (Polen, Heft 311, 2011) der Bundesregierung gibt es ein Heft zum Thema Polen. Im dortigen Kapitel „1000 Jahre wechselvoller Geschichte“ steht die Wallfahrt von Otto III. am Beginn der Abhandlung. Gnesen wird hier zur ersten Hauptstadt des Landes. Es wird in heutigen Kategorien gedacht. Nach dieser Logik wären Quedlinburg oder Memleben die ersten deutschen Hauptstädte. Aber lesen wir weiter: Am Grab Adalberts erklärt Otto den Herzog Boleslav zum „Bruder und Mitarbeiter des Landes“. Das sah Ottos Zeitgenosse Thietmar von Merseburg, der hier zitiert wird, eher kritisch. Aber der war ein Mann von Heinrich II.. Die unsinnigen und langjährigen Kriege von Ottos Nachfolger aus Bayern sind, obwohl unstrittig zur wechselvollen Geschichte gehörig, gar nicht erst erwähnt, auch im obigen Schulbuch der Sek. II. nicht. Wir kommen ggf. auf diesen Bruch in der Zeitenwende zwischen Otto III. und Heinrich II. später noch mal zurück.

… und im Lexikon kaum vorhanden!

Das Lexikon des Mittelalters (Taschenbuchausgabe 2002) gibt nichts her, was das Stichwort „Akt von Gnesen“ betrifft. Das ist bedauerlich. Der Artikel unter dem Stichwort „Gnesen“ selbst ist sehr ausführlich, auch was archäologische Details betrifft. Der Besuch von Otto vor Ort taucht unter Absatz „II. Erzbistum“ auf. Die Beteiligten sind namentlich genannt: Adalbert bzw. dessen Grab, Kaiser Otto III., Boleslav I., ein päpstlicher Legat, Radim, der als Halbbruder Adalberts als erster Erzbischof von Gnesen vorgesehen war und als Widerpart Unger, Bischof des Missionsbistums Posen, das durch die Einrichtung von Gnesen an Bedeutung verlor. Der Ausdruck „Akt von Gnesen“ wird im LDM. vermieden, ich denke, mit voller Absicht.

Die prägnanteste Darstellung des Vorgangs findet sich nicht im Lexikon (LDM), sondern in der Reihe „C.H.Beck Wissen“ (Heyde, Jürgen: Geschichte Polens, 2006). Im ersten Absatz des Kapitels „Die Grundlagen der Fürstenmacht im 11. Jahrhundert“ erzählt Heyde die wichtigsten Geschehnisse und zählt die daraus resultierenden Konsequenzen auf:

  • Einrichtung eines eigenen Erzbistums
  • Polens erste Erwähnung
  • Polen nun Teil des abendländisch-christlichen Imperiums
  • Polens Wandel vom tributpflichtigen Randland zum Partner des Imperiums
  • Anerkennung Polens Anspruch auf die Vorherrschaft in der Sclavinia

Während die Einrichtung einer eigenen Kirchorganisation Bestand hatte, führte die politische Aufwertung durch Otto III. zu den Kriegen mit Heinrich II., der Polen gern wieder auf dem Status eines Tributpflichtigen zurückgestuft hätte. Aber Polen konnte sich dieses Mal noch behaupten.

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Mittelalterliche Endzeitstimmung in Polen? Otto war kein Träumer, im Gegenteil! Szene aus dem Lednica-Museum

Endzeitstimmung in Gnesen?

Zu den gängigen Mittelalterklischees gehört die immer noch verbreitete Mär von der Endzeitstimmung und Massenpanik vor dem Jahr 1000. Das Buch „Die Welt im Jahr 1000“ (Brüggemeier, Franz-Josef ; Schenkluhn, Wolfgang (Hrsg), 2000) räumt gründlich mit dieser Vorstellung auf. Die Legende von der Endzeitstimmung im Jahr 1000 ist durch die Schriften des franz. Historiker Jules Michelet (1798-1874) und wurde lange Zeit immer wieder abgeschrieben und übernommen. Ein Echo davon fand sich in meinem Schulbuch aus den Siebziger Jahren des 20. Jhds. wieder.
„Als Fazit bleibt, daß es sich bei der vermuteten millenaristischen Panik des Jahres Eintausend mehr um eine nachträgliche Konstruktion handelt“
Angela Schottenhammer geht in demselben Buch im Artikel „V. Kommunikation, Transport und Verkehr“ auf S. 289/290 auf unsere Gnesener Geschichte ein. Sie deutet Ottos Wallfahrt als Versuch der „Wiedergewinnung der Gebiete östlich der Elbe“ und spricht von einer Inszenierung „im großen Stil“. Dazu gehören die Errichtung des bereits erwähnten Erzbistums Gnesen in Absprache mit Ottos Lehrer, dem Papst Sylvester II. alias Gerbert von Aurilac, ebenso wie das Geschenk einer Nachbildung der Heiligen Lanze an den poln. Herzog. Der wurde damit zum „Freund und Mithelfer des Reiches“ (so unterschiedlich kann übersetzt werden!) und zum „Verteidiger der römisch-katholischen Kirche“ Um seine Mission zu unterstreichen führte Otto III. den Titel „servus Jesu Christie“ wie der Apostel Paulus auf seinen Missionsreisen. Schottenhammer stellt deutlich heraus, das Otto III., anders als vielfältig behauptet, in Kauf nahm, dass der Herzog von Polen das Königtum anstreben würde, was auch tatsächlich geschah. Das erkannt auch Thietmar von Merseburg hellsichtig und in Zorn. Aber Ottos Ambitionen lagen im Bereich der Schaffung einer mit ihm verbundenen Ordnungsmacht im Osten. Dafür musste er Polen stärken und nicht klein halten. Boleslav I. brachte gute Voraussetzungen für Ottos Pläne mit. Die heidnischen Stämme zwischen dem Reich und Polen würden langsam zwischen dem Reich und dem Piastenland zerrieben werden. Von Endzeitstimmung in Gnesen war keine Spur. Es wurde knallharte Realpolitik betrieben. War nicht eher Heinrich II. ein Ttraumtänzer, als er diese Pläne verwarf und dafür sorgte das erst wieder im 13. Jahrhundert die Grenze des Reiches von der Elbe ostwärts wandern konnte?

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Ottos Reiseweg nach Gnesen (zum Vergrößern bitte klicken) – Grafik aus dem Lednica-Museum

Ottos kirchliche Ostpolitik brachte Freiheit und keine Unterwerfung

So nennt Friedrich Prinz (Neue Deutsche Geschichte, Bd. 1: Prinz, Friedrich: Grundlagen und Anfänge : Deutschland bis 1056, 1993) Ottos Verhandlungen und Vorgehen. Er schildert die bereits bekannten Ereignisse, nennt es eine „sakrale Legitimierung“ der Herrschaft von Boleslav I. und „ein entscheidener Schritt auf dem Weg zur Nationwerdung Polens“ Für Prinz geht Otto ähnlich vor bei der Einrichtung des ungarischen Erzbistums Gran ein Jahr später als Gnesen. Prinz sieht dies als Maßnahmen zur Unterstützung der ottonischen „renovatio imperii Romanum“, der aber die Unterstützung durch den deutschen Reichsteil fehlte. War das so? Was die beiden Erzbistümer betrifft, führte Otto anders als seine Nachfolger eine realistische Politik der Anbindung von Polen und Ungarn an das Reich, ähnlich der Freundschaftspolitik seines Urgroßvaters Heinrich I. bei den deutschen Herzogtümern. Das Bild vom „Träumer Otto III.“ sollte wirklich revidiert werden!
Da wir jetzt schon beim Theoretischen und der spezielleren historischen Literatur sind: So gibt Hagen Kellers „Ottonische Königsherrschaft“ (2002) leider wenig bis gar nichts zum Thema her! Schade! Dagegen geht Ernst-Dieter Hehl (in Kaisertum im ersten Jahrtausend, 2012) in seinem Artikel „Zwei Kaiser im mittelalterlichen Europa. Eine problematische Geschichte“ (S. 271 ff.) darauf ausführlich ein: „Otto III hat sich genau an das gehalten, was Nikolaus [Papst Nikolaus I., 858-867] für kaiserliche Missionstätigkeit gefordert hatte.“ Der Kaiser ist in Gnesen als „demütiger Pilger“ aufgetreten. Ich möchte Hehl ausführlich beim Wort nehmen:
„Otto handelt in Gnesen zwar so, wie es von einem christlichen Kaiser in Fragen von Mission und Christianisierung zu erwarten ist, aber er ist dort nicht Kaiser. Unterwegs war Otto als ein Herrscher, der seine kaiserliche Stellung Christus verdankte, dem Erlöser (salvator) und Befreier (liberator) der Menschen. Auch Otto brachte Freiheit und er forderte keine Unterwerfung.
Otto III. handelte nicht nur politisch pragmatisch, sondern vielmehr auch christlich und kaiserlich. Die deutsche Provinz verstand es nicht (und versteht es bis heute nicht). Der Kaiser der deutschen Provinz war Heinrich II., der die Konfrontation mit Polen suchte. Und wurde von der Kirche heiliggesprochen, obwohl er im Falle Polens Krieg und nicht Frieden brachte, also nach der Def. nicht christlich und nicht kaiserlich handelte. Aber wer hat gesagt, dass die Kirche sich an die eigenen Vorgaben halten muss?

Zwischenstation in der Burg Ostrów Lednicki

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Blick von der teilrekonstruierten Brücke auf den Lednica-See

Die vorletzte Station auf dem Überflug einer Auswahl der Literatur zum „Akt von Gnesen“ geht direkt zu einer Ortsbesichtigung über (Górecki, Janusz: Gród na Ostrowie Lednickim …, pol., nach 2001). Auf dem Weg nach Gnesen macht Otto III. Station in Posen und danach in der Burganlage auf der Insel Lednica. Die später wüst gefallene Anlage ist nebst einigen Rekonstruktionen und einem kleinen Museum das Muss für Ottonenfreunde auf einer Polenreise. Der Autor Górecki zählt die Zentralburgen des Piastenreiches von Boleslaw I. um das Jahr 1000 die Burgen Posen, Gnesen, Ostrów Lednicki und Giecz. Die archäologische Funddichte auf Ostrów Lednicki ist unerhört reich, u.a. 300 Waffenstücke, darunter ein vollständiges Kettenhemd, Schwerter, Lanzen, Dutzende von Äxten, aber es gibt auch sakrale Gegenstände, Schmuck, Funde des Alltags und des Handwerk. All dies kann an dieser Stelle nicht einzeln aufgeführt werden. Die Reste der Palast- und Sakralbauten in Stein auf Lednica sind für mich wesentlich beeindruckender als der Vergleichsfundplatz Tilleda. Die monumentale Architektur und die gewaltigen Holzbrücken über den See von insgesamt 610 m werden selbst den italienische Pracht gewöhnten Theophanusohn Otto beeindruckt haben. Die Gegend um die Burg und See war und ist fruchtbar, noch heute hat man den Eindruck von einer Kornkammer des Piastenreiches. Dies bestätigen auch zahlreiche Funde zum Ackerbau.

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Ein Stück Alltagskultur: Eisenpfanne (Stiel ca. 80cm) und Schalen aus der Küche der Piasen – Lednica-Museum

Zwei singuläre Funde sakraler Art könnten lt. Górecki aus dem ottonischen Reich stammen, Mitbringsel von Otto sein? Viele der Waffenfunde verweisen dagegen auf skandinavische Herkunft, auf eine Gefolgschaft von Nordmännern am Piastenhof, eine Annahme, die von Grabfunden im nahen Lubowo bestätigt wird. Es scheinen sich die die Piasten zumindest in Lednica auf eine größere Anzahl bewaffneter Skandinavier verlassen zu haben. Ob dies ein gezielte Ansiedlung war oder nur zeitweilige Soldtruppen, ob es an allen piastischen Standorten üblich war oder nur auf der Burginsel können wir aufgrund der Fundlage nicht aussagen.

Kontinuität in der Polenpolitik

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Aus der Waffenkammer der Piasten … – Lednica-Museum

Beenden möchte ich diese Durchsicht zum „Akt von Gnesen“ mit einem Blick in den „Otto-Katalog“ (Otto der Große, Bd. I. Essays, 2001). Hier stellt Klaus Zernach in seinem Artikel „Otto der Große und die slawischen Reiche“ die Pilgerreise nach Gnesen als Fortsetzung der Polenpolitik von Otto I. dar. 963 war Mieszko I. vom Markgrafen Gero (Gernrode) militärisch geschlagen worden und damit dem ottonischen Imperium tributpflichtig. Mit der Verheiratung mit Dobrava aus Böhmen und der Annahme des Christentums (Taufe angeblich in Ostrów Lednica, was aber nach Górecki eine Legende ist), trat Polen in eine Kooperation mit dem Reich ein. Als Resultat dieser Kooperation wurde in Posen im Jahre 968 ein Missionsbistum eingerichtet, das nicht dem „Ostmissionszentrum“ Magdeburg unterstellt wurde, sondern eigenständig war. Es bahnte sich hier zwischen Polen und Sachsen eine Amicitia an, die auch durch Konflikte nicht erschüttert wurde, die der Kaiser im Gegenteil zu schlichten versuchte.
„Von der Polenpolitik Ottos des Großen ist der Weg nach Gnesen im Jahr 1000 folgerichtig“
vermerkt Zernach und sieht sogar Otto den Großen nach Osten schielen:
„… bei den wenigen erkennbaren Merkmalen ist schon in der Zeit Ottos I. der strukturelle Unterschied zwischen dem straff organisierten Polenstaat und dem traditionsbelandenen, schwachen Königtum im deutschen Regnum beachtenswert. Ottos Interesse an dem Aufbau des Königslandes in der Gero-Mark ist vielleicht auch in dieser Perspektive zu erklären.“
Ist also das ottonische Burgensystem eine Folge der Kooperation mit den Burgen des Polenstaates? Wenn auch die Ottonen durch Kooperation und Amicitia den Polen zum Vorrang in der Sclavinia verhalf, wie Zernach meint, so muss er doch dennoch resigniert feststellen:
„… Die Zukunft gehörte der Expansion deutscher Territorialgewalten und der deutschen Ostsiedlung und nicht mehr dem deutsch-polnischen Kooperationsmodell der Ära Ottos des Großen und der seines Enkels.“

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Rekonstruktion des ottonenzeitlichen Doms von Posen – Dom Posen

Die Gelegenheit für neue Freundschaft

Doch diese Zeit ist vorbei. Wir haben nach 1000 Jahren Leidens- und Konfrontationsgeschichte die Chance, in die Zeit der ottonischen Kooperation und Freundschaft zurückzukehren. Polen ist heute geografisch und kulturell wieder westlich gerückt (ungefähr da, wo sich bereits das Piastenreich befand). Es ist ein gastfreundliches und sich wirtschaftliche gut entwickeltes Land. Gnesen, Posen, Lednica usw. sind ottonisch-polnische Erinnerungsorte. Nach dem „Kniefall von Warschau“ wir es vielleicht Zeit für einen neuen „Akt von Gnesen“, einem Akt echter Freundschaft. Polen ist zu nah, um uns fern zu sein. Freundschaft ist so einfach, denn man muss sie nur wollen.

Euer Isidorus

P.S.: Diesem Artikel ist eine dreiwöchige Ortsbesichtigung vorausgegangen. Ganz herzlichen Dank deswegen den gastfreundlichen Menschen in Danzig, Gnesen, Posen, Krakau und an vielen anderen Orten in Polen.

Danzig 997

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Danzig um 997, Reko.-Bild aus dem Meeresmuseum von Danzig

Danzig wird das erste Mal in der Lebensbeschreibung von Adalbert von Prag erwähnt, als dieser auf dem Weg zu seiner Missionsreise zu den heidnischen Prußen in der Hafenstadt Halt machte.  Er kam nach Danzig mit einem Boat, dass ihm Boleslav I. von Polen, zur Verfügung stellte. Als Begleitung hatte er 30 schwerbewaffnete Miles des Polen mit, die ihn sicher nach Danzig begleiten sollten. In der Hafenstadt feierte er eine Messe und taufte viele Leute, wie es in seiner Lebensbeschreibung heißt. Als Adalbert Danzig erreichte, war Danzig bereits ein zum Piastenkönigreich gehöriger Seehafen mit Kaianlagen, Handelsmöglichkeiten und ggf. Werften so wie auf dem Rekonstruktion oben zu sehen.

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Mit so einem slawischen Boot könnte Adalbert Danzig erreicht haben, Reko. aus dem Danziger Meeresmuseum
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Adalbert erreicht Danzig, Detail der Bronzetür im Dom von Gnesen, 12. Jhd.

Von Danzig brach Adalbert mit wenigen Begleitern und ohne seine polnische Bedeckung auf, um die baltischen Prußen (von denen es später zum Namen Preußen kam) zum christlichen Glauben zu bekehren.

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Bernsteinspielsteine aus dem Danzig des 10. Jhd., Malbork-Museum

 Der prußischen Sprache nicht mächtig und den Gebräuchen der Balten nicht kundig, war es klar, das dies eine Reise in den Tod bedeutete. Von den Prußen für einen polnischen Spion gehalten, wurde Adalbert erschlagen. Später erwarb Boleslav seine Überreste und ließ sie im Vorgängerbau des heutigen Doms von Gnesen bestatten. An seinem Grab betete im Jahre 1000 Kaiser Otto III.  auf seiner Polenreise. Aber das ist bereits eine andere Geschichte …

Euer Isí

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Blick von der heutigen Hafenausfahrt von Danzig auf die Ostsee

 

Ottonenland Sachsen-Anhalt

ottonenlandAb 29. Juli (Ausstellungseröffnung 16 Uhr) wird für einen Monat wird im Landesverwaltungsamt Halle, in der Maxim-Gorki-Straße 7 die Ausstellung „Ottonenland Sachsen-Anhalt – Von der Peripherie zur Zentralregion in Europa“ eröffnet. Konzipiert und entwickelt wurde die Wanderausstellung vom Zentrum für Mittelalterausstellungen in Magdeburg. Sinn und Absicht des Zentrums für Mittelalterausstellungen ist es nach eigenem Bekunden, die Mittelalterliche Geschichte und Kulturgeschichte Mitteldeutschlands einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das ZMA ist in der Kulturstiftung Kaiser Otto Magdeburg verankert. Hinsichtlich seiner Aufgaben und Ziele versteht es sich als unterstützende und ergänzende Institution an der Seite des Kulturhistorischen Museums Magdeburg. Das wird auch in der stark kunsthistorisch ausgerichten Ausstellung deutlich:

Tafelausstellung über 12 Stationen

Die Ausstellung widmet sich zwölf Kunst- und Kulturdenkmälern der ottonischen Ära im Bundesland Sachsen-Anhalt. Am Beispiel ausgewählter Sehenswürdigkeiten behandelt sie politische, gesellschaftliche und kulturelle Aspekte der ottonischen Geschichte. Einzigartige Denkmäler gehören zu den vorgestellten Orten: Die Kirche St. Cyriakus, die eine der am besten erhaltenen ottonischen Kirchen überhaupt ist. Quedlinburg, Ort festlicher ottonischer Hoftage sowie die Pfalzanlage Tilleda oder Memleben, der Sterbeort Heinrichs I. und Ottos des Großen. Das Zentrum der Schau, wie auch des ottonischen Herrschaftsbereiches, bildet Magdeburg. Hier lag die Lieblingspfalz Ottos des Großen, der Mittelpunkt des von ihm gegründeten Erzbistums und Ort der Grablege des Kaisers. Erst vor wenigen Jahren bestätigten sensationelle archäologische Funde, dass in Magdeburg auch Ottos I. erste Gemahlin Editha bestattet worden war. Während der Regierungszeit Ottos des Großen (936-973) erlebte das ottonische Herrschaftszentrum zwischen Harz und Elbe eine Blütezeit, die von kulturellem und wirtschaftlichem Aufschwung sowie dem Ausbau der Kirchenstruktur geprägt war. Mit Hinblick auf die politischen Verbindungen des Adelshauses kann man mit Recht behaupten, dass die Ottonen innerhalb kurzer Zeit in die europäische Machtelite aufgestiegen waren. Heiratsbeziehungen nach England, Ausdehnung des politischen Einflussgebietes nach Italien und Expansionskriege gegenüber den Dänen und Slawen prägten ihre Herrschaft. Der enorme Machtzuwachs der Ottonen wurde auch in ihrem heimatlichen Kerngebiet spürbar, das sich binnen kurzer Zeit von einer ländlichen Peripherie zur Zentralregion im Herzen Europas wandelte.
Nach erfolgreichen Präsentationen in Magdeburg und Berlin wird die Schau nun in Halle und anschließend in Braunschweig zu sehen sein. Weitere Stationen im In- und Ausland werden folgen. Weiteres zur Ausstellung im Katalog…

Es ist sicher keine Ausstellung, zu der man sich ins Auto setzt, um durch das ganze Bundesgebiet zu fahren. Aber die Bewohner von Halle, Leipzig und dem ganzen Süden Sachsen-Anhalts dürften herzlich eingeladen sein, sich über die Ottonen zu informieren. Ein Thema, das im Schulunterricht nur am Beginn der Sekundarstufe I. vorkommt, auch im Ottonenland Sachsen-Anhalt. Eine Ausstellungskritik folgt etwas später, leider nicht gleich nach der Eröffnung, sondern erst Mitte August.

Euer Isí

Ottonenpark im Norden Sachsen-Anhalts geplant

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Ottonische Märchentante – Das wird es bald auch in Sachsen-Anhalt geben

Heute früh am 1. April flatterte uns  eine Presseerklärung des für museale Belange zuständigen Ministeriums  Sachsen-Anhalts ins Haus. Nach dieser Erklärung ist ein neues Freilichtmuseum, der sogenannte „Ottonenpark“ im Norden Sachsen-Anhalts geplant: „Drei Standorte stehen dazu zur Auswahl. Anfang Mai wird der Favorit bekannt gegeben. Mitte September soll mit dem Bau begonnen werden“, so der zuständige Minister in seiner Erklärung, „Dazu werden wir die vorhandenen Kräfte im Land bündeln müssen. Einige Standorte werden wir dafür aufgeben. Andere sind schlicht unsinnig.“ Genaueres schrieb der Minister allerdings nicht. Es ist aber keine Geheimnis, dass er besonders mit einem Standort nahe Sangerhausen sehr unzufrieden ist. Der wird wohl fallen müssen.Details zum „Ottonenpark“ werden in der Presseerklärung auch genannt, und das ist viel interessanter für uns als mögliche Standorte oder Standortschließungen. So soll es

  1. „kein Experimentiergelände werden“
  2. übliche Klischees wie Holzhütten sollen vermieden werden oder nur am Rand aufgebaut werden
  3. die Bauzeit soll innerhalb von 5 Jahren erfolgen
  4. „der Glanz des ottonischen Kaisertums“ soll mit Steinbauten offenbart werden, dazu wird es auch Fördermittel vom Bund geben
  5. die pädagogische Arbeit soll weniger aufs Alltagsleben, sondern auf die Funktion der Herrschaft und des Kaiserhauses im Mittelalter fokusiert werden. „Dadurch soll auch dem jungen Besucher klar werden, das Herrschaft legitimiert ist und deswegen geachtet werden muss. Damit erhoffen wir uns auch einen Bezug zum Heute. Aufgabe von Politik klarzumachen und das Politik und der Politiker mehr Achtung verdient“, so schreibt das Ministerium zur zukünftigen pädagogischen Ausrichtung.
  6. Vorbilder der Bauten für den „Ottonenpark“ werden ottonenzeitliche Bauten oder ihre Rekonstruktionen aus dem ganzen Bundesgebiet mit Schwerpunkt auf Mitteldeutschland. „Hier pocht ohnehin das Herz des Ottonentums“, wie es der Minister so schön ausgedrückt hat.

Wir dürfen gespannt sein. Ich stehe jetzt wg. diesem spannenden Projekt in Schrift- und Telefonkontakt mit den Verantwortlichen. Aber wie wir es bereits an den Ausstellungsprojekten in Magdeburg und den dortigen „Otto-Festen“ erlebt haben, ist unser Fachwissen und unsere Erfahrung wenig gefragt.  Anscheinend hat man für die Recherche einen wenig erfahrenen Historiker, der bisher mit Mediavistik wenig zu tun hatte, und für die Ausführung einen „Mittelalter“-veranstalter, mit dem die zuständige Referentin aus dem Ministerium „näher befreundet“ ist, ins Ottonenpark-Team geholt. Letztere ist mir persönlich bekannt. Kurzer Anruf brachte mir einen Anraunzer an. „Aufn Feuerrumgebrutzle wirds im Oddopark nicht gebe, da wird feudale Hofhaltung gemacht. Für die Kleidung haben wir eine Kostümbildnerin vom Theater, die wird das schon richtig machen. Die wird außerdem von Magdeburger Museum und Herrn Rapper aus Sangerhausen beraten. Und für die Hüdde, habe wir ein paar Arbeitslose im Kiddel, eigentlich brauche wir euch nich …“ Dann nicht, an dem Punkt habe ich das Telefonat beendet. Es wird wohl einen „Ottonenpark“ ohne uns Ottonen geben. Schade!

Euer Isí

 

Jüdisches Leben in der Ottonenzeit

Efraim Joel gewidmet

Mein Beitrag „Juden in der Ottonenzeit“ ist ein unfertiger Versuch, den ich einem alten, leider schon verstorbenen Freund widmen möchte. Waren die Juden in der Ottonenzeit Fremde (fremde Händler?) oder bereits Einwohner? Dieser Frage möchte ich vorsichtig nachgehen.  Wie schwierig Zugehörigkeiten noch heute zu beantworten sind, zeigt das Beispiel meines Freundes: Efraim, mein Freund, fühlte sehr deutsch und liebte die deutsche Sprache, er war am Ende seines Lebens aus Notwendigkeit israelischer Staatsbürger. Der jüdischen Religion aber stand er nie sehr nahe. „Die heiligen Männer“, wie er sie nannte, waren ihm nicht geheuer. Sein Misstrauen gegen Fundamentalismus jeglicher Art hat sich tief in mir eingeprägt.

Kontinuität oder Neubeginn ?

Vor über 1000 Jahren stand das jüdische Leben in Mitteleuropa erst am Beginn. Lediglich am Rhein, in Städten wie Köln gab es länger zurückliegende jüd. Traditionen. Kürzlich erfolgte Ausgrabungen dort belegen eine Kontinuität vom Altertum bis in die Ottonenzeit. Sven Schütte und Kollegen belegen eindrucksvoll die Kontinuität der Kölner Gemeinde von der Spätantike bis zum Progrom 1096 und ab 1105 bis 1424. (siehe: „Von der Ausgrabung…“ in der Literatur).  Mit dem Untergang des römischen Reiches scheinen andere bestehende jüdische Gemeinden jedoch verschwunden zu sein. Viele gründeten sich im Frühmittelalter neu und begannen einen Neuanfang. Diese jüdischen Siedlungsanfänge nutzten die beginnende Stabilität im ottonischen Ostfrankenreich. Dazu kam die Sicherheit durch den kaiserlichen Rechtschutz, unter den die Juden ab den Karolingern und Ottonen standen. Dieser Grundsatz schlug sich noch im Sachsenspiegel Eike von Repkows (1220 – 1235) nieder: Ein Christ, der einen Juden tötet, wird aus diesem Grunde enthauptet.

Sie kamen als Händler

Durch die Ausgrabungen in Köln ist klargeworden, dass einiges vom in der Antike entstandenen jüdischen Leben bis in die Ottonenzeit Bestand hatte. Nachrichten über jüdisches Leben im Frankenreich sind dagegen spärlich (wie über manch anderes auch!), aber vorhanden: Bei der Rückeroberung von Narbonne leisteten jüdische Einwohner 759 den Franken Waffenhilfe und eine Gesandtschaft Karl des Großen nach Bagdad war nur mit jüdischer Hilfe möglich. Bei der Durchsicht der spärlichen Quellen und der Nachrichten scheint es mir so, das Fernhandel zwischen Europa und den Gebieten des Orients (inkl. Spanien), sogar bis nach Indien und China zu einer jüdischen Angelegenheit geworden war. Der arabische Schriftsteller Obbaidallah ibn Khardadtbeh erwähnt um 870 die jüdischen Kaufleute und ihre weitreichenden Handelswege, die vom Frankenreich bis nach Palästina, über den Seeweg über das Rote Meer bis nach Sind, Indien und China reichen. Auch nach Byzanz, nach Bagdad und ins Land der Chasaren führen diese Handelswege. Diese jüdischen Händler sind auch für die Ottonenzeit belegt: Ibn Jakubs „Berichte von Fürstenhöfen des 10. Jahrhunderts“ beweisen seine Anwesenheit u.a. in Prag und in Magdeburg. Es waren auch jüdische Händler, die den „Slawenhandel“ über Prag, Regensburg (Funde von Fußfesseln), Verdun nach Spanien organisierten. Laut dem arabischen Geographen ibn Hauqal übernahmen die jüdischen Händler die nötigen Operationen zur „Herstellung“ der begehrten slawischen Eunuchen, die nach nach Spanien weiterverkauft wurden. Vermutete Gegenleistung für die durch Kriegszüge erbeuteten Slawen waren Waffen für die ottonischen Miles aus den Waffenmanufakturen von Al Andalus (islamisches Spanien). Besonders der Winterfeldzug 928/929 von Heinrich I. scheint diese Vermutung sehr zu unterstreichen. Die spanischen Waffen wurden dringend gegen die Ungarnabwehr gebraucht. Jüdische „Slawenhändler“ waren es auch, die den Abgesandten von Otto I., Jahannes von Gorze, an den Hof des Kalifen von Córdoba geleiteten. Und auch der Gegenbesuch von Recemund von Elvira im Auftrag des Kalifen bediente sich des Netzwerkes jüdischer Händler und ihrer weitgespannten Verbindungen.

Weitere Händler sind in Magdeburg (965) und Halle (973) nachgewiesen. Wieweit in Siegmar von Schultze-Galléras zweibändigem Werk „Das mittelalterlicher Halle“ die Ansiedlung von Juden in der Ottonenzeit im Stadtgebiet von Halle bereits erfolgte, bleibt fraglich. Allerdings kann ich seinem Gedanken folgen, das Juden in eigenen Viertel deswegen siedelten, nicht weil sie sich als Juden separierten oder separiert wurden, sondern weil sie als Händler zusammen einem Gewerbe nachgingen, das zu dieser Zeit fast ausschließlich ihnen überlassen wurde.

Die ersten Gemeinden

Evt. 4000 bis 5000 jüdische Einwohner wird es um 1000 im ostfränkischen Reich gegeben haben. Vorhanden war eine jüdische „Urbevölkerung“ (siehe oben Köln), zusätzlich erfolgte ein Zuzug hauptsächlich aus Italien und Frankreich. Belegt ist z.B. die Übersiedlung der Familie Kalonymos von Lucca (Italien) nach Mainz. Thietmar von Merseburg berichtet darüber, in welcher Nähe sich besagter Kalonymos zu Otto II. im Jahr 982 befand:
„Da fielen, – o der schmerzlichen Erinnerung! – am 13. Juli Richari, der Lanzenträger des Kaisers, ferner Herzog Udo, der Oheim meiner Mutter, und die Grafen Thietmar, Bezelin, Gevehard, Günther [Markgraf zu Meißen], Ezelin und dessen Bruder Bezelin, nebst Burchard und Dedi und Konrad und unzähligen anderen, deren Namen nur Gott weiß. Der Kaiser aber entkam mit seinem Neffen Otto fliehend ans Meer, und wie er in der Ferne ein Schiff, eine sogenannte Salandria, erblickte, schwamm er auf dem Rosse des Juden Calonymos darauf zu; das Schiff aber fuhr vorüber, ohne ihn aufnehmen zu wollen.
Als er dann wieder nach den Schutzwerken am Ufer zurückkehrte, fand er den Juden noch daselbst stehen, indem er voll Angst abwartete, wie es seinem geliebten Herrn ergehen möchte. Als nun der Kaiser die Feinde herankommen sah, fragte er den Juden traurig, was nun wohl aus ihm werden sollte? Dann warf er sich, als er auf einer anderen Salandria, die der ersten nachfolgte, einen ihm wohlgesinnten Mann bemerkte, von dem er Hülfe erwarten konnte, aufs neue mit dem Rosse ins Meer, erreichte das Schiff und ward, indem ihn nur jener eine, der sein Dienstmann war, Namens Heinrich, auf Slavisch Zolunta genannt, erkannte, von demselben ins Fahrzeug gelassen und auf das Bett des Schiffsherrn gebracht. “
Geschildert wurden die Geschehnisse um die verloren gegangene Schlacht am Cap Colonna gegen die Sarazenen, die im Prinzip ein Patt war, da die Araber ihren Anführer verloren und so starke Verluste hatten, dass sie sich nach Sizilien zurückziehen mussten. Auch die ottonische Reichsgewalt war stark angeschlagen, aber immerhin lebte Otto II. noch. Allerdings überlebte er nur  dank der Hilfe eines Juden, eines Slawen und der Besatzung eines byzantinischen Schiffes.
Die ältesten Gemeinden sind  Köln und Mainz, die durch Zuzug im 10. Jahrhundert neu erblühten, Magdeburg ist lt. Backhaus 961 unzweifelhaft belegt.  Bei Regensburg als Drehscheibe für den „Slawenhandel“ ist es nicht verwunderlich, dass dort um 981 bereits eine jüdische Gemeinde erwähnt wird. Halles Gemeinde ist für die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts archäologisch durch einen Friedhof nachgewiesen. Weitere Gemeinden in Trier (1066), Worms (1084) und Speyer (1090) folgten. Zunächst bevorzugten die Gemeinden für den Handel die frühen urbanen Zentren bevorzugt im Rheinland. Sie bekamen von König oder ortsansässigen Bischof Rechte und Privilegien und werteten die Stadt mit ihren (zunächst überwiegend) Handelshäusern auf. Ob sie Schrittmacher einer frühen Urbanisierung waren, das halte ich allerdings für zu hoch gegriffen. Dafür war ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung im 10. u. 11. Jahrhundert zu gering. Von dort breiteten sich die Gemeinden später aber auch in ländliche Regionen aus: Jüdische Bauern produzierten im ländlichen Wein den eigenen (koscheren) Wein für die nachfragenden Gemeinden und sind neben den Mönchsorden wohl für die Verbreitung des Weinbaus in Deutschland verantwortlich.

Stätten jüdischer Gelehrsamkeit

Während sich in den dt. Stämmen im 10. Jahrhundert so etwas wie ein Gefühl der Gemeinsamkeit entwickelt (womöglich zuerst im kriegsführenden Adel), das zu gemeinsamer Sprache und Kultur der Deutschen führte., waren es die in den Rheinlandgemeinden Worms, Speyer und Mainz beheimateten Talmud-Schulen (Jeschiwen), die eine neue Ausrichtung des Judentums begründeten: Die dort im 10. u. 11. Jahrhundert entstandenen Schulen prägten den Begriff „Aschkenasim“ (=der Deutschen). „Aschkenasim“ bezog sich seitdem auf alle Juden Europas ausgenommen die Sepharden (Sepharad=Spanien) Spaniens, Portugals und ihrer späteren Diasporas in Europa und im Orient (u.a. im osmanischen Reich).
Durch regen Austausch von Lehrern und Lehrmeinungen verbreitete sich die die aschkenasische Interpretation des Talmuds in weiten Teilen Europas, wurde bedeutend, wenn nicht gar beherrschend. Die aschkenasischen Lehrer bewerteten den überlieferten sogenannten babylonischen Talmud (500 n. Chr. entstanden) neu und wandten sich  demokratischeren Wurzeln in der Gesetzeslehre zu.
Bedeutende Vertreter der Aschkenasim in der Ottonenzeit und kurz danach waren Rabbi Gerschom ben Juda (ca. 960 – 1028), der in Mainz lehrte und wirkte, und der aus der Wormser und Mainzer Schule hervorgegangene Rabbi Salomon ben Isaak genannt Raschi, der später in Troyes lehrte:

  1. Rabbi Gerschom mit dem Beinamen „Licht des Glaubens“ versuchte das jüdische Recht mit dem damals u.a. geltenden Recht „Lex Salica“ in Einklang zu bringen. Er verbot die noch im Judentum erlaubte Polygamie, auch die Scheidung gegen den Willen der Frau und sorgte bei den internen Rechtsfällen innerhalb der Gemeinden für eine autonome Rechtssprechung bis hin zu Körperstrafen und Einzug des Eigentums. Gleichzeitig mit dem Recht erfolgte eine Festigung der Sitten und Gebräuche innerhalb der jüdischen Gemeinden. Das Judentum erfand sich im aschkenasischen Lehrgebiet also neu und im Austausch mit der Umgebung („Wie es so christelt, so jüdelt es sich“ und umgekehrt). Das in der Rechtsprechung enthaltene Bannrecht gegen Gemeindemitglieder konnte von der Führungsschicht natürlich auch gegen Zuzügler oder unliebsame Personen ausgesprochen werden.
  2. Aus den rheinischen Jeschiwen stammte auch Raschi von Troyes, der als größter Talmudkommentator des Mittelalters gilt und dessen Auslegungen bis heute im Studium und in der religiösen Erziehung Gültigkeit haben. In der von mir gerne gehörten Radiosendung „Zum Sabbat“ bin ich auch wiederholt auf Raschi gestossen worden.

Wichtig für die aschkenasische Richtung des Judentums war die bereits erwähnte Kalonymos-Sippe, deren weite Verzweigungen, weitgespannte Handelsverbindungen und deren Einfluß für eine weite Verbreitung sorgt. Als späte Nachfahrin der Familie gilt die deutsche Lyrikerin Else Lasker-Schüler.

(Mind.) 1000 Jahre Gemeinsamkeit

Am Beispiel der Kalonymiden wird klar, wie Nationalismus und Antisemitismus ein ungeheures Verbrechen ab 1933 an unseren Landsleuten, den Aschkenasim, verübt haben. Die im 7. – 13. herrschende Wärmeperiode ließ Händler zuerst im Rheinland, später auch an den Handelsrouten sesshaft werden. Ihre Umgangssprache wechselte vom Arabisch zum Rheinfränkischen, später zum Mittelhochdeutschen, aus dem sich das Jiddische entwickelte. Dieses hatte wiederum großen Einfluss auf das Hochdeutsche und seine Dialekte. Hebräisch verblieb dagegen als Schrift, Kult- und Wissenschaftssprache. Eine ähnliche Zweiteilung können wir auch zwischen Volkssprache und Latein feststellen. Von einigen unserer Sagen sind die ältesten erhaltenen Exemplare in hebräischen Buchstaben überliefert. Dies nur als Beispiel vieler Gemeinsamkeiten, die in der Ottonenzeit begannen. Die Könige und Kaiser, die den ersten jüdischen Gemeinden Rechte und Schutz gewährten, handelten weise und sahen den Vorteil und die Bereicherung durch neue Einwanderer. Die Geschichte der Aschkenasim begann unter den Ottonen, sie darf nicht beendet sein. Nach über 1000 Jahren gemeinsamer Geschichte, wenn auch mit sehr viel Leid vermischt, darf ich sagen: Wir sind ein deutsches Volk aus Juden, Christen, Moslems und vielen anderen mehr.

Falsche Orientalistenromantik

Bei meinen Recherchen bemerkte ich folgenden Sachverhalt, der mich störte und gerade deswegen korr. werden muss: Gerne werden die Verfolgungen der Kreuzzugszeit zum Anlass genommen, das Emirat/Kalifat Córdoba bezüglich der Lebensverhältnisse und einer  Gleichberechtigung der Juden dort zu verklären. Zunächst war das Kalifat in Spanien längst Geschichte, als die Kreuzzüge begannen! Und es wird vergessen, dass bereits 1066 ersten Pogrome an Juden in Granada stattfanden, lange vor den Kreuzzügen, und die Vertreibungen und Progrome der aus Afrika gekommenen Almoraviden-Sekte zeitgleich mit denen des Kreuzzugsmob stattfanden. Die jüdischen Flüchtlinge wurden übrigens von den christlichen Königen auf der Halbinsel mit offenen Armen empfangen. Nein, Juden und Christen wurden (und werden) im Islam als „Religionen des Buches“ geachtet, das hinderte Fanatiker jedoch nicht, Verfolgungen und Vertreibungen zu unternehmen. Islamischer Verfolgung jüdischen (und christlichen) Lebens fehlte lediglich die im Christentum durch Teilen der Institution Kirche installierte Verfolgungsideologie. Diese stand oft im krassen Widerspruch zum Rechtschutz christlicher Herrscher (auch geistlicher). Das Geduldetsein war in beiden Kulturkreisen gefährlich, wie die Geschichte zeigt. Da gibt es nichts zu romantisieren oder zu verklären. Leider.

In einen zweiten Teil möchte ich mich dem jüdischen Leben im Mittelalter in Halle widmen. Bis dahin, Euer Isí

Empfohlene Literatur:

Backhaus, Fritz: Die Juden von Halle im Mittelalter in: Geschichte der Stadt Halle / Mitwirkung (sonst.): Minner, Katrin. Herausgegeben von Freitag, Werner / Ranft, Andreas. – 1. Auflage – Halle : Mitteldeutscher Verlag, 2006. – 2 BD. Gebunden in Schube.

Die Chronik des Thietmar von Merseburg / nach der Übers. von J. C. M. Laurent, J. Strebitzki und W. Wattenbach. Neu übertr. und bearb. von Robert Holtzmann. Mit Ill. von Klaus F. Messerschmidt
[Halle] : mdv, Mitteldt. Verl., 2007

Gidal, Nachum T.: Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik : Mit einem Geleitwort von Marion Gräfin Dönhoff / Nachum T. Gidal. – Köln : Könemann Verlagsgesellschaft mbH, 1997. – 440 S.

Hilton, Michael: Wie es sich christelt so jüdelt es sich : 2000 Jahre christlicher Einfluss auf das jüdische Leben / Michael Hilton. – Berlin : Jüdische Verlagsanstalt, 2000. – 319 S.

Jüdisches Leben in christlicher Umwelt : Ein historischer Längsschnitt / Herausgegeben und bearbeitet von Wolfgang Borchardt und Reinhard Möldner. – 1. Aufl. – Düsseldorf : Cornelsen, 1991. – 192 S. – (Themen und Probleme der Geschichte)

Jüdisches Leben in Deutschland
Bonn : Bundeszentrale für Polit. Bildung, 2010; 307

Von der Ausgrabung zum Museum – Kölner Archäologie zwischen Rathaus und Praetorium : Ergebnisse und Materialien 2006 – 2012 / Sven Schütte [(Hrsg.) im Auftr. der Stadt Köln] ; Marianne Gechter. Mit Beitr. von Astrid Bader … 2., erw. und verb. Aufl. [Bramsche] : Rasch, 2012. – 331 S. : zahlr. Ill., graph. Darst., Kt.

Ottos Situla

gefunden im Victoria-and-Albert-Museum, London, datiert ca. 980, Elfenbein und mit der Widmungsinschrift für den „Augustus Otto“, gemeint ist Otto II., Fundort: Mailand, Italien, Mu..Nr.: A 18-1933

100_6786100_6787Dieses Weihwassereimerchen (Situla) wurde höchstwahrscheinlich nach Museumsangaben für den Besuch von Otto II. in Italien gefertigt. Es könnte für den Einzug des Kaisers in die jeweilige Stadt (evt. nur Mailand) benutzt worden sein, um Beteiligte mit Weihwasser zu besprengen und den Besuch des Kaisers damit gleichzeitig zu heiligen, wie den Einzug Jesus in Jerusalem.

Da Otto II. in Italien gestorben und in Rom beerdigt worden ist, zeigt eine gewisse geschichtliche Ironie.

Euer Isí

Jubiläumsbelebung auf der Turmhügelburg

100_6611Und schon ist es wieder vorbei! Lange haben wir uns auf den Besuch und die Burgbelebung auf der Turmhügelburg Lütjenburg gefreut, siehe ausführlicher Bericht über die Burg, aber nichts ist von Dauer. Es waren wieder schöne Tage, leider diesmal nur mit kleiner Besetzung (aber mit vielen, vielen Kindern) und ohne befreundete Gruppen, aber die Freude ist natürlich groß, dass die Zusammenarbeit zwischen Ottonenzeit und Turmhügelburg Lütjenburg bereits 5. Jahre lang andauert und wir unsere 5. Burgbelebung gerade erfolgreich durchführen konnten. Bei Lis u. Hermann, bei Herrn Eller und dem gesamten Vorstand des Vereins „Gesellschaft der Freunde der mittelalterlichen Burg in Lütjenburg e. V.“ möchten wir uns für die schöne Zeit und die Unterstützung ganz herzlich bedanken. Jedes Jahr ist es ein bisschen anders, finde ich. Und ob es wirklich Werwölfe auf Lütjenburg gibt, tja, dass kann in diesem Blog, der sich der strengen Wissenschaftlichkeit unseres Hobbies verschreibt, auch nicht beantwortet werden.
Da es dort, wo ich gerade bin, ausgiebigst regnet, habe ich auch noch die Muße ein, zwei Impressionen von diesem Jahr einzustellen:

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Kräutergarten und Motte der Turmhügelburg Lütjenburg
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Die Hüter des Feuers – Im Gesindehaus der Turmhügelburg Lütjenburg
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Wir bauen ein Mühlespiel – vor dem Gesindehaus Turmhügelburg Lütjenburg
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Sommeridylle – vor der Motte der Turmhügelburg Lütjenburg
Abendstimmung vor der Schmiede der Turmhügelburg Lütjenburg

Das letzte Fotos ist von Torsten Mann. Herzlichen Dank. Allen diesjährigen Belebern sei am Ende auch noch gedankt. Und die sieht ihr alle hier:

Bis zum nächsten Mal auf der Turmhügelburg!

Euer Isí (oben ganz rechts)

Wetterbericht

um das Jahr 1000 und drum herum:

Guten Tag,

es folgt der ausführliche Wetterbericht für Karolinger, Ottonen und Salier. Im Anschluß noch eine Wetterwarnung für „unsere Jungs“, die gegen den ungerechten Kaiser Heinrich V. auf dem Welfesholz kämpfen müssen.

Zunächst die Vorhersage für das 8. – 10. Jahrhundert: Es ist mit relativ kalten Wintern bzw. Wintermonaten zu rechnen. Planen Sie bitte auch warme und trockene Sommer ein. Insgesamt wird in Mitteleuropa ein überwiegend kontinentales Klima vorherrschen. Besonders der Sommer 993 wird extrem trocken und heiß ausfallen. Die Feldfrüchte benötigen Bewässerung, sonst können sie nicht zur Reife gelangen. Im Winter 993/994 ist mit großer Kälte und extremen Schneefall zu rechnen, der an einigen Orten von Nov.  bis Mai gehen kann. Im Jahr 994 kann sogar noch im Juli mit Nachtfrost zu erwarten sein. Außerdem herrscht gleichzeitig extreme Trockenheit. Führen Sie rechtzeitig ihren Fischteichen Wasser zu, damit es nicht zu Schäden bei den Fischen kommt. Schützen Sie außerdem ihre Bevölkerung vor Seuchen.

Kommen wir jetzt zur Vorhersage für das 11. Jahrhundert, zunächst der Überblick: Die Sommermonate werden überwiegend war/heiß und trocken, es ist mit kühlen Herbsttemperaturen zu rechnen, die Winter werden streng und kalt und der Frühling zumeist feucht.

Hier nun die Detailprognosen für das frühe 11. Jahrhundert: Im Gegensatz zu den überwiegend heißen Sommern des 11. Jahrhunderts ist 1oo1 mit einem sehr feuchten Sommer zu rechnern, ebenso 1012 und 1018. Im Trend bzw. mit besonders großer Hitze liegen die Jahre 1022, 1030, 1039. Warnung: Es wird ein großer Wassermangel vorherrschen! 1041 – 1060 sind gegen den Trend nasse und kalte Sommer zu erwarten. 1043 wird sogar mit eher winterlichen Temperaturen zu rechnen sein. Achtung! Der Wein wird sauer, die Ernte schlecht. Hinweis an die Herrschaft: Das Aufkommen verstärkter Landflucht wird zu erwarten sein.

Zum Herbst im 11. Jahrhundert liegen uns leider nur ungenügende Informationen vor. Die Tendenz neigt zur Kühle. Es ergehen Sturmflutwarnungen für die Reichsküste im Jahr 1014 und im Jahr 1042. 1057 und 1070 werden angenehme und warme Herbstmonate angezeigt. 1077 rechnen Sie bitte mit einem frühen Wintereinbruch bereits im Herbst.

Der Winter von 1000 bis etwa 1180 wird überwiegend sehr kalt, nur unterbrochen von einem warmen Jahrzehnt von 1081 bis 1090. Nun die Einzelvorhersagen: Im Jahr 1003 rechnen Sie bitte mit einem sehr strengen Winter, 1010 eher milder, 1013 ergeht die Warnung an die Donaugegend: Retten Sie sich rechtzeitig vor dem Hochwasser! 1014 wird wieder extrem kalt, aber Febr. 1016 kommen Stürme auf Sie zu. Schneereich wird es im Winter 1029, ebensolche Ausnahmewinter kommen auf Sie 1036, 1040, 1042 zu. Sorgen Sie für ausreichend Feuerholz und warme Kleidung. Erst 1086 gibt es Entspannung. Das wird ein sehr warmer und angenehmer Winter.

Was macht der Frühling in diesen Jahren? Rechnen Sie immer und stets mit einem feuchten Frühjahr! Warme Frühlingsgefühle gibt es lediglich 1011 und 1014. In den Jahren 1013 und 1018 sind Frühjahrstürme zu erwarten. 1035 ergeht eine Hochwasserwarnung für die Mosel. 1057 wird es noch am 1. Mai Schnee geben. 1063 gibt es im Frühjahr einen starken Kälteeinbruch. Der Frühling 1068 ist verregnet, 1077 ist sich auf strengen Winter bis Ende März einzurichten.

Am Ende der Spezialwinterbericht Winter 1115 für die erwarteten Kämpfe zwischen unseren (Sachsen-)Jungs und den Kaiserlichen: Zieht Euch warm an, verdammt warm. Im Febr. 1115 ist mit sehr tiefen Temperaturen und Schneefall zu rechnen, evt. sogar mit Schneestürmen. Es kann sein, dass ihr die Schlacht sogar um einen oder mehrere Tage verschieben müßt. Aber, im Namen des Herrn, siegt !

Ihr Wetterfrosch Isidorus

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P.S.: Alle Angaben stammen aus: Glaser, Rüdiger: 1200 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen. Mit Prognosen für das 21. Jahrhundert. 3., unveränd. Aufl., Sonderausg. VIII, 264 S. m. 67 meist farb. Abb. u. 11 Tab. sowie 36 farb. Ktn. 27,5 cm 1234g , in deutscher Sprache. 2013   Primus Verlag, ISBN 978-3-86312-350-5
sehr zum Weiterlesen empfohlen!

913 Ersterwähnung Kassel

2013 feiert die Stadt Kassel das 1100 Jubiläum. Ein Grund zum Feiern! Zwar liegt 913 vor dem off. Beginn der Ottonenzeit, aber einer der ottonischen Könige, nämlich Heinrich I. war als sächsischer Herzog bereits der Gegenspieler des ostfränkischen Königs Konrad I. Die Umstände, wie es zur Ersterwähnung Kassels kam, hat Marcus von www.tribur.de schon sehr schön dargelegt, zum Nachlesen möchte ich an dieser Stelle nur darauf aufmerksam machen.

Euer Isí