Die wüste Mark Treben

Plan der Burgwallanlage in der Wüste Mark  Treben (Dehlitz)

Mit Dorf- und Siedlungswüstungen aus dem Mittelalter haben wir uns an dieser Stelle bereits mehrmals beschäftigt, dennoch zu Beginn die kurze Definition, dass es sich bei einer Wüstung um eine dauerhaft verlassene Siedlung handelt, an die noch teilweise oberirdische Baudenkmäler und/oder Bodendenkmäle bzw. auch Einträge in Urkunden erinnern. Wer sich ganz schlau darüber machen würde, hier der Verweis in der Wikipedia…

Wie mich das archäologische Landesamt aufklärte, handelt es sich bei Treben in der Nähe von  Dehlitz/Weißenfels nicht um eine Wüstung, sondern die Anlage wird als Wüste Mark Treben bezeichnet. Daran wollen wir uns im Folgenden halten. Im Gegensatz dazu taucht Treben im Denkmalführer (Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, 1987 ) als wüster Burgward Treben oder als ottonische Höhenburg bei Dehlitz auf.

Der slawische Friedhof im Bildband

Aufmerksam wurden wir auf Treben durch einen Bildband von unserem Freund Janos Stekovics. Im Rahmen eines kleinen Osterpicknicks suchten wir den Ort auf, aber vorher war er gar nicht so leicht zu finden. An die Wüste Mark Treben erinnern heute einzig eine erhaltene teilweise romanische Kirche, einige Wallreste in der Landschaft )  und im Verlauf einer Grabung von 1919/1920 wiederaufgefundene Steinsetzungen eines Friedhofs des 12. /13. Jhds.

Blick auf einen Teil des slawischen Friedhofs

Die historische Überlieferung

Der Burgwardhauptort Treben muß einst bedeutend gewesen sein. Lt. Mike Sachse (1992) gab es bereits eine erste Erwähnung im 9. Jahrhundert.  In Trebuni urkundeten Otto II. 979 und Heinrich II.  1004 für das Bistum Merseburg. Zu salischer Zeit schenkte Heinrich III. einem Ministerialen im Burgward 10 Hufen und 1108 bekam das Bistum Meißen 9 Höfe im Gebiet geschenkt. Danach endet die Überlieferung. 1555 wird das Dorf als wüst bezeichnet. Bis heute erhalten hat sich die Kirche. Es folgten 1919/20 die Grabungen von N. Niklason, der sich 1932 auch um die Wallanlagen bemühte. Während Niklasons Grabung sich hauptsächlich um die Südseite der Kirche bekümmerte, wurde aus Feuchtigkeitsgründen Ende der 1990er Seite auch die Nordseite der Kirche abgetragen.

In Teilen romanisch, die Kirche der Wüste Mark Treben

Romanische Kirche außerhalb der Straße der Romanik

Aus der Zeit von Otto II und Heinrich II.  stammt der Vorgängerbau der heutigen Kirche. Wie Sachse mit Bezug auf Rempel (1966) schreibt: Ihr Vorhandensein wurde bei der Anlage eines Gräberfeldes um 1000 … berücksichtigt. Die heutige Kirche ist in Teilen bis in die Romanik zu datieren: Turm und Chorapsis stammen aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Weitere Erweiterungen, Um- und Ausbauten erfolgten im 13. und 18. Jahrhunderten.  Leider ist die Kirche nur von außen zu besichtigen. Verwundert hat mich zudem, dass sie nicht ins Programm „Straße der Romanik“ aufgenommen worden ist. Darin gibt es Objekte, die weit weniger romanisch oder lediglich Rekonstruktionen sind.

Ein slawischer Friedhof?

Das ist aber nicht das einzige,  was an diesem Ort wunderlich ist: Das Wallinnere rund um die Kirche wird bis heute als Friedhof genutzt.  Deswegen stieß man auch 1919 bei einer neuen Grabanlage auf große Steinblöcke. Die bereits oben erwähnte Grabung von N. Niklason vom Vorgängeramt unseres heutigen archäologischen Landesamtes brachte 31  unbearbeitete Steine und zahlreiche Bestattungen zu Tage. Die Steine sind bis 2,20 m hoch, 1,30 breit und 0,60 m dick. Das Ergebnis der Ausgrabungen ergab, dass hier ca. 50 – 60 Personen bestattet wurden, und der Friedhof allerhöchstens 50 – 75 Jahre genutzt wurde. Grabbeigaben waren lt. Sachse verschiedene Bronzegegenstände, Perlen aus Bergkristall und ein eiserner Schlüssel. Aufgrund dieser Funde und „anderer Umstände“ (welche das auch immer waren) wurde die Friedhofsbelegung von der ersten Hälfte bis zum Ende des 12. Jahrhunderts datiert. Die erhaltenen Steine dienten wohl ursprünglich als Grababdeckungen. Die dem heutigen Betrachter eindrucksvoll präsentierte „slawische Friedhof“ an zwei  Seiten der Kirche ist wohl eher durch die aus dem 19. Jhd. stammende Ruinenromantik des Ausgräbers entstanden. Steinsetzungen alá Skandinavien wirken natürlich eindruckvoller als ein Haufen herumliegender Stein (Grababdeckungen). Eine Zuordnung der bereits hochmittelalterlichen Bestattung zu einer Ethnie ist auch durch die Begleitumstände von spätslawischer Keramik sehr spekulativ.

Grabsteine oder Grababdeckungen?

Der doppelte Burgwall

kaum noch im Gelände zu sehen: Die Reste des Walles

 Von der Doppelwallanlage (siehe Grafik oben u. Bild rechts) ist im Gelände nur noch wenig zu sehen. Der innere Wall ist zum Teil noch erkennbar, der äußere Wall wurde abgetragen oder durch Pflügen beseitigt. Aufgrund der Urkundenhäufigkeit in spätottonischer und salischer Zeit kann eine Errichtung in diesem Zeitrahmen angekommen werden. Holz- oder Steineinbauten sind nicht nachgewiesen. Eine Palisadenbekrönung wurde nicht untersucht.  An der Nordspitze der Burg (siehe Grafik oben) sind noch Reste einer rechteckigen Einbauung in den Wall zu sehen. Sachse vermutet hier eine spätere Errichtung.

Keramik und Fazit

An Keramikscherben wurden  in Treben mittel- und spätslawische Ware der Leipziger Grupe gefunden, die „im 12./13. Jahrhundert mit der Herausbildung einer ethnisch nicht mehr trennbaren hochmittelalterlichen Keramik“ (Sachse) endet. Ob die spärlichen Funde auf dem Friedhof diese ethnische Zuordnung wirklich rechtfertigen, ist aufgrund der fehlenden Fundbeschreibung im Moment nicht feststellbar. Warum die Bewohner trotz einer ottonischen Burganlage (Brückenkopf östlich der Saale) und damit 200 Jahren deutscher Herrschaft noch einen „slawischen Friedhof“ errichtet haben sollen, erschließt sich mir nicht.  Niemand käme auf die Idee, einen ins Hochmittelalter datierten Friedhof z.B. in Halle oder Magdeburg als slawisch zu bezeichnen. Die Anlage in Treben ist ein ungewöhnliches und gut erhaltenes Beispiel für einen hochmittelalterlichen Friedhof im Saalegebiet. So sollte es ausgezeichnet und bekannt gemacht werden. Als er angelegt wurde, war Landgraf Ludwig der Springer gerade gestorben und als man den Friedhof aufgab, hatte die Christenheit Jerusalem inzwischen wieder an Saladin und die Dynastie der Ayyubiden verloren. Die slawische Bevölkerung im Saalegebiet war längst in der Gesamtbevölkerung aufgegangen, zumal sie auch das Christentum angenommen hatte. Ich denke, erhaltener „Hochmittelalterlicher Friedhof“ reicht völlig aus.

Euer Isidorus

Jüdisches Leben in der Ottonenzeit

Efraim Joel gewidmet

Mein Beitrag „Juden in der Ottonenzeit“ ist ein unfertiger Versuch, den ich einem alten, leider schon verstorbenen Freund widmen möchte. Waren die Juden in der Ottonenzeit Fremde (fremde Händler?) oder bereits Einwohner? Dieser Frage möchte ich vorsichtig nachgehen.  Wie schwierig Zugehörigkeiten noch heute zu beantworten sind, zeigt das Beispiel meines Freundes: Efraim, mein Freund, fühlte sehr deutsch und liebte die deutsche Sprache, er war am Ende seines Lebens aus Notwendigkeit israelischer Staatsbürger. Der jüdischen Religion aber stand er nie sehr nahe. „Die heiligen Männer“, wie er sie nannte, waren ihm nicht geheuer. Sein Misstrauen gegen Fundamentalismus jeglicher Art hat sich tief in mir eingeprägt.

Kontinuität oder Neubeginn ?

Vor über 1000 Jahren stand das jüdische Leben in Mitteleuropa erst am Beginn. Lediglich am Rhein, in Städten wie Köln gab es länger zurückliegende jüd. Traditionen. Kürzlich erfolgte Ausgrabungen dort belegen eine Kontinuität vom Altertum bis in die Ottonenzeit. Sven Schütte und Kollegen belegen eindrucksvoll die Kontinuität der Kölner Gemeinde von der Spätantike bis zum Progrom 1096 und ab 1105 bis 1424. (siehe: „Von der Ausgrabung…“ in der Literatur).  Mit dem Untergang des römischen Reiches scheinen andere bestehende jüdische Gemeinden jedoch verschwunden zu sein. Viele gründeten sich im Frühmittelalter neu und begannen einen Neuanfang. Diese jüdischen Siedlungsanfänge nutzten die beginnende Stabilität im ottonischen Ostfrankenreich. Dazu kam die Sicherheit durch den kaiserlichen Rechtschutz, unter den die Juden ab den Karolingern und Ottonen standen. Dieser Grundsatz schlug sich noch im Sachsenspiegel Eike von Repkows (1220 – 1235) nieder: Ein Christ, der einen Juden tötet, wird aus diesem Grunde enthauptet.

Sie kamen als Händler

Durch die Ausgrabungen in Köln ist klargeworden, dass einiges vom in der Antike entstandenen jüdischen Leben bis in die Ottonenzeit Bestand hatte. Nachrichten über jüdisches Leben im Frankenreich sind dagegen spärlich (wie über manch anderes auch!), aber vorhanden: Bei der Rückeroberung von Narbonne leisteten jüdische Einwohner 759 den Franken Waffenhilfe und eine Gesandtschaft Karl des Großen nach Bagdad war nur mit jüdischer Hilfe möglich. Bei der Durchsicht der spärlichen Quellen und der Nachrichten scheint es mir so, das Fernhandel zwischen Europa und den Gebieten des Orients (inkl. Spanien), sogar bis nach Indien und China zu einer jüdischen Angelegenheit geworden war. Der arabische Schriftsteller Obbaidallah ibn Khardadtbeh erwähnt um 870 die jüdischen Kaufleute und ihre weitreichenden Handelswege, die vom Frankenreich bis nach Palästina, über den Seeweg über das Rote Meer bis nach Sind, Indien und China reichen. Auch nach Byzanz, nach Bagdad und ins Land der Chasaren führen diese Handelswege. Diese jüdischen Händler sind auch für die Ottonenzeit belegt: Ibn Jakubs „Berichte von Fürstenhöfen des 10. Jahrhunderts“ beweisen seine Anwesenheit u.a. in Prag und in Magdeburg. Es waren auch jüdische Händler, die den „Slawenhandel“ über Prag, Regensburg (Funde von Fußfesseln), Verdun nach Spanien organisierten. Laut dem arabischen Geographen ibn Hauqal übernahmen die jüdischen Händler die nötigen Operationen zur „Herstellung“ der begehrten slawischen Eunuchen, die nach nach Spanien weiterverkauft wurden. Vermutete Gegenleistung für die durch Kriegszüge erbeuteten Slawen waren Waffen für die ottonischen Miles aus den Waffenmanufakturen von Al Andalus (islamisches Spanien). Besonders der Winterfeldzug 928/929 von Heinrich I. scheint diese Vermutung sehr zu unterstreichen. Die spanischen Waffen wurden dringend gegen die Ungarnabwehr gebraucht. Jüdische „Slawenhändler“ waren es auch, die den Abgesandten von Otto I., Jahannes von Gorze, an den Hof des Kalifen von Córdoba geleiteten. Und auch der Gegenbesuch von Recemund von Elvira im Auftrag des Kalifen bediente sich des Netzwerkes jüdischer Händler und ihrer weitgespannten Verbindungen.

Weitere Händler sind in Magdeburg (965) und Halle (973) nachgewiesen. Wieweit in Siegmar von Schultze-Galléras zweibändigem Werk „Das mittelalterlicher Halle“ die Ansiedlung von Juden in der Ottonenzeit im Stadtgebiet von Halle bereits erfolgte, bleibt fraglich. Allerdings kann ich seinem Gedanken folgen, das Juden in eigenen Viertel deswegen siedelten, nicht weil sie sich als Juden separierten oder separiert wurden, sondern weil sie als Händler zusammen einem Gewerbe nachgingen, das zu dieser Zeit fast ausschließlich ihnen überlassen wurde.

Die ersten Gemeinden

Evt. 4000 bis 5000 jüdische Einwohner wird es um 1000 im ostfränkischen Reich gegeben haben. Vorhanden war eine jüdische „Urbevölkerung“ (siehe oben Köln), zusätzlich erfolgte ein Zuzug hauptsächlich aus Italien und Frankreich. Belegt ist z.B. die Übersiedlung der Familie Kalonymos von Lucca (Italien) nach Mainz. Thietmar von Merseburg berichtet darüber, in welcher Nähe sich besagter Kalonymos zu Otto II. im Jahr 982 befand:
„Da fielen, – o der schmerzlichen Erinnerung! – am 13. Juli Richari, der Lanzenträger des Kaisers, ferner Herzog Udo, der Oheim meiner Mutter, und die Grafen Thietmar, Bezelin, Gevehard, Günther [Markgraf zu Meißen], Ezelin und dessen Bruder Bezelin, nebst Burchard und Dedi und Konrad und unzähligen anderen, deren Namen nur Gott weiß. Der Kaiser aber entkam mit seinem Neffen Otto fliehend ans Meer, und wie er in der Ferne ein Schiff, eine sogenannte Salandria, erblickte, schwamm er auf dem Rosse des Juden Calonymos darauf zu; das Schiff aber fuhr vorüber, ohne ihn aufnehmen zu wollen.
Als er dann wieder nach den Schutzwerken am Ufer zurückkehrte, fand er den Juden noch daselbst stehen, indem er voll Angst abwartete, wie es seinem geliebten Herrn ergehen möchte. Als nun der Kaiser die Feinde herankommen sah, fragte er den Juden traurig, was nun wohl aus ihm werden sollte? Dann warf er sich, als er auf einer anderen Salandria, die der ersten nachfolgte, einen ihm wohlgesinnten Mann bemerkte, von dem er Hülfe erwarten konnte, aufs neue mit dem Rosse ins Meer, erreichte das Schiff und ward, indem ihn nur jener eine, der sein Dienstmann war, Namens Heinrich, auf Slavisch Zolunta genannt, erkannte, von demselben ins Fahrzeug gelassen und auf das Bett des Schiffsherrn gebracht. “
Geschildert wurden die Geschehnisse um die verloren gegangene Schlacht am Cap Colonna gegen die Sarazenen, die im Prinzip ein Patt war, da die Araber ihren Anführer verloren und so starke Verluste hatten, dass sie sich nach Sizilien zurückziehen mussten. Auch die ottonische Reichsgewalt war stark angeschlagen, aber immerhin lebte Otto II. noch. Allerdings überlebte er nur  dank der Hilfe eines Juden, eines Slawen und der Besatzung eines byzantinischen Schiffes.
Die ältesten Gemeinden sind  Köln und Mainz, die durch Zuzug im 10. Jahrhundert neu erblühten, Magdeburg ist lt. Backhaus 961 unzweifelhaft belegt.  Bei Regensburg als Drehscheibe für den „Slawenhandel“ ist es nicht verwunderlich, dass dort um 981 bereits eine jüdische Gemeinde erwähnt wird. Halles Gemeinde ist für die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts archäologisch durch einen Friedhof nachgewiesen. Weitere Gemeinden in Trier (1066), Worms (1084) und Speyer (1090) folgten. Zunächst bevorzugten die Gemeinden für den Handel die frühen urbanen Zentren bevorzugt im Rheinland. Sie bekamen von König oder ortsansässigen Bischof Rechte und Privilegien und werteten die Stadt mit ihren (zunächst überwiegend) Handelshäusern auf. Ob sie Schrittmacher einer frühen Urbanisierung waren, das halte ich allerdings für zu hoch gegriffen. Dafür war ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung im 10. u. 11. Jahrhundert zu gering. Von dort breiteten sich die Gemeinden später aber auch in ländliche Regionen aus: Jüdische Bauern produzierten im ländlichen Wein den eigenen (koscheren) Wein für die nachfragenden Gemeinden und sind neben den Mönchsorden wohl für die Verbreitung des Weinbaus in Deutschland verantwortlich.

Stätten jüdischer Gelehrsamkeit

Während sich in den dt. Stämmen im 10. Jahrhundert so etwas wie ein Gefühl der Gemeinsamkeit entwickelt (womöglich zuerst im kriegsführenden Adel), das zu gemeinsamer Sprache und Kultur der Deutschen führte., waren es die in den Rheinlandgemeinden Worms, Speyer und Mainz beheimateten Talmud-Schulen (Jeschiwen), die eine neue Ausrichtung des Judentums begründeten: Die dort im 10. u. 11. Jahrhundert entstandenen Schulen prägten den Begriff „Aschkenasim“ (=der Deutschen). „Aschkenasim“ bezog sich seitdem auf alle Juden Europas ausgenommen die Sepharden (Sepharad=Spanien) Spaniens, Portugals und ihrer späteren Diasporas in Europa und im Orient (u.a. im osmanischen Reich).
Durch regen Austausch von Lehrern und Lehrmeinungen verbreitete sich die die aschkenasische Interpretation des Talmuds in weiten Teilen Europas, wurde bedeutend, wenn nicht gar beherrschend. Die aschkenasischen Lehrer bewerteten den überlieferten sogenannten babylonischen Talmud (500 n. Chr. entstanden) neu und wandten sich  demokratischeren Wurzeln in der Gesetzeslehre zu.
Bedeutende Vertreter der Aschkenasim in der Ottonenzeit und kurz danach waren Rabbi Gerschom ben Juda (ca. 960 – 1028), der in Mainz lehrte und wirkte, und der aus der Wormser und Mainzer Schule hervorgegangene Rabbi Salomon ben Isaak genannt Raschi, der später in Troyes lehrte:

  1. Rabbi Gerschom mit dem Beinamen „Licht des Glaubens“ versuchte das jüdische Recht mit dem damals u.a. geltenden Recht „Lex Salica“ in Einklang zu bringen. Er verbot die noch im Judentum erlaubte Polygamie, auch die Scheidung gegen den Willen der Frau und sorgte bei den internen Rechtsfällen innerhalb der Gemeinden für eine autonome Rechtssprechung bis hin zu Körperstrafen und Einzug des Eigentums. Gleichzeitig mit dem Recht erfolgte eine Festigung der Sitten und Gebräuche innerhalb der jüdischen Gemeinden. Das Judentum erfand sich im aschkenasischen Lehrgebiet also neu und im Austausch mit der Umgebung („Wie es so christelt, so jüdelt es sich“ und umgekehrt). Das in der Rechtsprechung enthaltene Bannrecht gegen Gemeindemitglieder konnte von der Führungsschicht natürlich auch gegen Zuzügler oder unliebsame Personen ausgesprochen werden.
  2. Aus den rheinischen Jeschiwen stammte auch Raschi von Troyes, der als größter Talmudkommentator des Mittelalters gilt und dessen Auslegungen bis heute im Studium und in der religiösen Erziehung Gültigkeit haben. In der von mir gerne gehörten Radiosendung „Zum Sabbat“ bin ich auch wiederholt auf Raschi gestossen worden.

Wichtig für die aschkenasische Richtung des Judentums war die bereits erwähnte Kalonymos-Sippe, deren weite Verzweigungen, weitgespannte Handelsverbindungen und deren Einfluß für eine weite Verbreitung sorgt. Als späte Nachfahrin der Familie gilt die deutsche Lyrikerin Else Lasker-Schüler.

(Mind.) 1000 Jahre Gemeinsamkeit

Am Beispiel der Kalonymiden wird klar, wie Nationalismus und Antisemitismus ein ungeheures Verbrechen ab 1933 an unseren Landsleuten, den Aschkenasim, verübt haben. Die im 7. – 13. herrschende Wärmeperiode ließ Händler zuerst im Rheinland, später auch an den Handelsrouten sesshaft werden. Ihre Umgangssprache wechselte vom Arabisch zum Rheinfränkischen, später zum Mittelhochdeutschen, aus dem sich das Jiddische entwickelte. Dieses hatte wiederum großen Einfluss auf das Hochdeutsche und seine Dialekte. Hebräisch verblieb dagegen als Schrift, Kult- und Wissenschaftssprache. Eine ähnliche Zweiteilung können wir auch zwischen Volkssprache und Latein feststellen. Von einigen unserer Sagen sind die ältesten erhaltenen Exemplare in hebräischen Buchstaben überliefert. Dies nur als Beispiel vieler Gemeinsamkeiten, die in der Ottonenzeit begannen. Die Könige und Kaiser, die den ersten jüdischen Gemeinden Rechte und Schutz gewährten, handelten weise und sahen den Vorteil und die Bereicherung durch neue Einwanderer. Die Geschichte der Aschkenasim begann unter den Ottonen, sie darf nicht beendet sein. Nach über 1000 Jahren gemeinsamer Geschichte, wenn auch mit sehr viel Leid vermischt, darf ich sagen: Wir sind ein deutsches Volk aus Juden, Christen, Moslems und vielen anderen mehr.

Falsche Orientalistenromantik

Bei meinen Recherchen bemerkte ich folgenden Sachverhalt, der mich störte und gerade deswegen korr. werden muss: Gerne werden die Verfolgungen der Kreuzzugszeit zum Anlass genommen, das Emirat/Kalifat Córdoba bezüglich der Lebensverhältnisse und einer  Gleichberechtigung der Juden dort zu verklären. Zunächst war das Kalifat in Spanien längst Geschichte, als die Kreuzzüge begannen! Und es wird vergessen, dass bereits 1066 ersten Pogrome an Juden in Granada stattfanden, lange vor den Kreuzzügen, und die Vertreibungen und Progrome der aus Afrika gekommenen Almoraviden-Sekte zeitgleich mit denen des Kreuzzugsmob stattfanden. Die jüdischen Flüchtlinge wurden übrigens von den christlichen Königen auf der Halbinsel mit offenen Armen empfangen. Nein, Juden und Christen wurden (und werden) im Islam als „Religionen des Buches“ geachtet, das hinderte Fanatiker jedoch nicht, Verfolgungen und Vertreibungen zu unternehmen. Islamischer Verfolgung jüdischen (und christlichen) Lebens fehlte lediglich die im Christentum durch Teilen der Institution Kirche installierte Verfolgungsideologie. Diese stand oft im krassen Widerspruch zum Rechtschutz christlicher Herrscher (auch geistlicher). Das Geduldetsein war in beiden Kulturkreisen gefährlich, wie die Geschichte zeigt. Da gibt es nichts zu romantisieren oder zu verklären. Leider.

In einen zweiten Teil möchte ich mich dem jüdischen Leben im Mittelalter in Halle widmen. Bis dahin, Euer Isí

Empfohlene Literatur:

Backhaus, Fritz: Die Juden von Halle im Mittelalter in: Geschichte der Stadt Halle / Mitwirkung (sonst.): Minner, Katrin. Herausgegeben von Freitag, Werner / Ranft, Andreas. – 1. Auflage – Halle : Mitteldeutscher Verlag, 2006. – 2 BD. Gebunden in Schube.

Die Chronik des Thietmar von Merseburg / nach der Übers. von J. C. M. Laurent, J. Strebitzki und W. Wattenbach. Neu übertr. und bearb. von Robert Holtzmann. Mit Ill. von Klaus F. Messerschmidt
[Halle] : mdv, Mitteldt. Verl., 2007

Gidal, Nachum T.: Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik : Mit einem Geleitwort von Marion Gräfin Dönhoff / Nachum T. Gidal. – Köln : Könemann Verlagsgesellschaft mbH, 1997. – 440 S.

Hilton, Michael: Wie es sich christelt so jüdelt es sich : 2000 Jahre christlicher Einfluss auf das jüdische Leben / Michael Hilton. – Berlin : Jüdische Verlagsanstalt, 2000. – 319 S.

Jüdisches Leben in christlicher Umwelt : Ein historischer Längsschnitt / Herausgegeben und bearbeitet von Wolfgang Borchardt und Reinhard Möldner. – 1. Aufl. – Düsseldorf : Cornelsen, 1991. – 192 S. – (Themen und Probleme der Geschichte)

Jüdisches Leben in Deutschland
Bonn : Bundeszentrale für Polit. Bildung, 2010; 307

Von der Ausgrabung zum Museum – Kölner Archäologie zwischen Rathaus und Praetorium : Ergebnisse und Materialien 2006 – 2012 / Sven Schütte [(Hrsg.) im Auftr. der Stadt Köln] ; Marianne Gechter. Mit Beitr. von Astrid Bader … 2., erw. und verb. Aufl. [Bramsche] : Rasch, 2012. – 331 S. : zahlr. Ill., graph. Darst., Kt.

Ottos Situla

gefunden im Victoria-and-Albert-Museum, London, datiert ca. 980, Elfenbein und mit der Widmungsinschrift für den „Augustus Otto“, gemeint ist Otto II., Fundort: Mailand, Italien, Mu..Nr.: A 18-1933

100_6786100_6787Dieses Weihwassereimerchen (Situla) wurde höchstwahrscheinlich nach Museumsangaben für den Besuch von Otto II. in Italien gefertigt. Es könnte für den Einzug des Kaisers in die jeweilige Stadt (evt. nur Mailand) benutzt worden sein, um Beteiligte mit Weihwasser zu besprengen und den Besuch des Kaisers damit gleichzeitig zu heiligen, wie den Einzug Jesus in Jerusalem.

Da Otto II. in Italien gestorben und in Rom beerdigt worden ist, zeigt eine gewisse geschichtliche Ironie.

Euer Isí