Stuhl einer Madonna

Stuhl-barca1aus dem Königreich Aragón-Catalunya zur Zeiten der Romanik Ende 11., Anfang 12. Jahrhundert, mit der ich „Die Sache mit den Möbeln“ fortsetzen möchte.

Die Madonna ist eine der sogenannten Pyrenäenmadonnen und stammt ursprünglich aus dem Kloster Santa María de Obarra (Link Spanisch). Interessant ist aber hier nicht die Madonna, sondern der Stuhl, auf dem sie sitzt, deswegen auch der Schwerpunkt des Fotos. Dieser Stuhl ist ein sogenannter Pfostenstuhl, wie wie ihn auch schon aus Bilderhandschriften kennen. Die Lehne ist sehr flach. Die Pfosten enden in gedrechselten oder geschnitzten runden Abschlüssen evt. mit einem Kreuz versehen. Sehr kunstvoll ist der Zwischenraum zwischen den Pfosten an der Seite gestaltet. Dieser ähnelt einem dreigliedrigen romanischen Fenster.

Heute ist der Stuhl und die Madonna darauf im Nationalmuseum für Kunst von Catalunya-Aragón in Barcelona zu finden.

Mit einem Blick auf den Stuhl von vorne verabschiedet sich Euer Isí

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Holzkästchen mit Schiebedeckel

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Abb.1: Holzkästchen Stift Gandersheim
Quelle: Portal zur Geschichte Bad Gandersheim
Schätze neu entdecken! Kurzführer, Delmenhorst, 2007.

Es lohnt sich, Interesse und Herz auch an kleine Dinge zu hängen. Mein Enthusiasmus an einem kalten Januarnachmittag galt einem kleinen Ausstattungsding, das ich mit dem Begriff Holzkästchen oder Holzkasten mit Schiebedeckel bezeichnen möchte. Ich hielt diese Form, wie sie heute noch als Kastenform für Weinflaschen, Geschenke etc. benutzt wird, anfangs für einen singulären Fund. Zuerst begegnete er mir in Form eines Holzkästchen aus dem ehemaligen ottonischen Stift Gandersheim, das in das 10. Jahrhundert datiert wurde (Abb. 1). Aber bei meinen Recherchen zu Möbeln in Überlieferung und arch. Fundgut sind mir inzwischen weitere Kästchen mit Schiebedeckeln begegnet. Ich möchte einige Beispiele exemplarisch herausgreifen:

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Abb. 2: römisches Holzkästchen
Quelle: Riha: Kächchen, Truhen, Tische, Augst, 2001.

Wenn wir über Möbel und Ausstattung anfangen zu reden, müssen wir direkt in die Zivilisation reisen. Das heißt natürlich ins Römische Reich. Praktischerweise gibt es direkt zu provinzialrömischen Kästchen und Kisten die schöne Publikation von Emilie Riha zu Kästchen und Möbelteilen aus Augusta Raurica in der heutigen Schweiz (s. Quellen). Dort kann z.B. eine Menge römischer Metallscharniere bestaunt werden. Für diese würde ich, sollte ich sie an meiner Ausstattung benutzen, wahrscheinlichen einen Unauthentikpreis bekommen. Sei es drum, denn sie sehen wirklich so aus, wie aus dem nächsten Baumarkt entwendet. Die Kästchen, Kästen und Truhen aus Augusta Raurica haben dementsprechend auch Deckel mit Scharnieren, Schlösser, Kanten und Verzierungen aus Metall, der pure Luxus alles! Aber darunter war auch ein Metallstück, das zu einem Kästchen mit Schiebedeckel gehören könnte, dies so ähnlich wie eine Rekonstruktion von H.U. Nuber von einem Kästchen mit Schiebedeckel aus der römischen Ansiedlung Sontheim-Brenz (Abb. 2). Diese Rekonstruktion erfolgte aufgrund der noch vorhandenen Metallteile. Holz war nicht mehr vorhanden. Das Kästchen war mit einer Schließplatte und Schließvorrichtung ausgestattet.

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Abb. 3: Schiebekästchen der römischen Eisenzeit
Quelle: Grodde: Hölzernes Mobiliar im vor- und frühgeschichtlichen Mittel- und Nordeuropa, Frankfurt a. M, 1989.

Ein ähnliches Kästchen, auch mit einem Schiebedeckel rekonstruiert und mit metallenen Schließbestandteilen gefunden, stammt von der dänischen Insel Lolland aus einem Frauengrab der römischen Eisenzeit, ggf. könnte das Kästchen auch aus provinzialrömischer Produktion stammen. Das muss aber nicht sein, denn unzweifelhaft sind derartige Kästchen auch im skandinavisch-germanischen Kulturkreis hergestellt und benutzt worden. Aus Schweden ist uns vom „Opferplatz Karingsjön“ sogar ein bemalter Deckel eines Kästchen mit Schiebedeckel bekannt (Ab. 4).

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Abb. 4.: Deckelbemalung aus Käringsjön
Quelle: Arbman: Käringsjön, Stockholm, 1945.

Die Entdeckung von Käringsjön gelang bereits 1941. Kurz danach im Jahr 1945 brachte der Ausgräber Holger Arbman seine Ergebnisse in einer ausführlichen Publikation unter, die sogar mit einem engl. Sumary ausgestattet war, damit ich mich nicht durch das Schwedische quälen mußte (s. Quellen). Danke schön! Käringsjön war eine Anlage aus Holz rund um einen See, die höchstwahrscheinlich der Depotierung von Opfergaben diente. Der See verlandete und versumpfte, womit sich auch Holzgegenstände ausgezeichnet erhielten. Eine Ansiedlung gab es in der Nähe nicht. Herr Arbman äußert die Vermutung,  dass die Deponierungen aus mehreren ländlichen Ansiedlungen aus der Umgebung stammten, Käringsjön sozusagen ein zentraler Ort war, in dem Gegenstände bis zum 4. Jahrhundert unserer Zeit geopfert wurden. Für das 5. Jahrhundert sind keine Funde mehr feststellbar. Holger Arbman identifizierte die rechts abgebildeten Deckelfragmente als Teil eines Holzkästchen mit Schiebedeckel ähnlich dem Fund im dänischen Vimose, Insel Fünen, den er als Vergleichsfund benutzt und der gleichfalls aus einem Moor stammt. Mit seiner Deckelbemalung steht das Kästchen aus Käringsjön einzeln da. Da Keramikgefässe fettige Opfergaben enthielten, ist es auch möglich, dass eine nicht erhaltene Gabe in dem Kästchen gelegt wurde und im Moorsee geopfert wurde.

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Abb. 5: Kästchen aus Vimose
Quelle: Arbman: Käringsjön, Stockholm, 1945.

Das von Arbman herangezogene Vimose ist die letzte Station unserer kleinen Kästchenreise (Abb. 5). Und wie an der Abb. gut zu erkennen ist, ist dies keine Rekonstruktion, sondern der Erhaltungszustand des Fundes. Es gibt hier keinen Zweifel, dass es sich um ein Holzkästchen mit Schiebedeckel handelt. Datiert ist der Opferplatz von Vimose, in dem noch tausende Funde mehr gemacht wurden, in der Zeit vom 2. – 3. Jahrhundert unserer Zeit.

Kurzes Fazit: Das Holzkästchen mit Schiebedeckel, das ich selbst aus meiner Kindheit kenne und in dem ich meine Schätze gelagert hatte, ist ein sehr altes Ausstattungsstück der Menschen in Europa. Für eine Darstellung der römischen Eisenzeit bis zum Mittelalter hinein bis zur heutigen Gegenwart kann es benutzt werden. Es gibt einfache Varianten, Varianten mit Verschluss und sogar Varianten mit bemalten Deckel. Zur Herstellung eines solchen Kästchens vertröste ich auf einen eigenen Blogbeitrag in der Zukunft.

Euer Isí

Quellen:

  1. Portal zur Geschichte Bad Gandersheim
    Schätze neu entdecken! Kurzführer, Delmenhorst, 2007.
  2. Riha, Emilie: Kästchen, Truhen, Tische – Möbelteile aus Augusta Raurica / Emilie Riha. – Augst : Römerstadt Augusta Raurica, 2001
  3. Grodde, Barbara: Hölzernes Mobiliar im vor- und frühgeschichtlichen Mittel- und Nordeuropa / Barbara Grodde. – Frankfurt am Main [u.a.] : Lang, 1989
  4. Arbman, Holger: Käringsjön : studier i halländsk järn°alder
    / Holger Arbman. – Stockholm : Wahlström & Widstrand [i komm.], 1945

Die Sache mit den Möbeln

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Sprossenstuhl aus Lund (Schweden), datiert ca. 1020 n. Chr.
Links Reste der Rückenlehne, rechts eine zeichnerische Rekonstruktion
aus: Grodde, B.: Hölzernes Mobiliar im vor- und frühgeschichtlichen Mittel- und Nordeuropa, S. 459, Tafel 73

Die Möbelfrage treibt mich schon lange um. Damit meine ich jetzt nicht eine Beschäftigung mit dem sogenannten „Steckstuhl“, wie er auf im „Marktmittelalter“ (Schräg, schräger, Marktmittelalter, so Blogerkollege Hiltibold)  und im LARP (Live-Rollenspiel) gerne benutzt wird. Nein, ich meine damit die Frage, wie die Möbel im Frühmittelalter tatsächlich aussahen. Dabei haben mich die Lösungen, die ich bisher in Reenactment und Lebendige Geschichte gesehen habe, auch nicht so richtig zufrieden gestellt. Was ich selbst so baute, stammte von Abbildungen (in letzter Zeit) oder war pure Phantasie (in der Anfangszeit). So könnte es sein, aber auch nicht viel mehr. Handwerklich fragwürdig allemal!

Fest steht, Menschen saßen und lagen immer schon, Geschirr und Kleidung u.a. mußte verstaut werden. Möbelformen haben sich nicht groß verändert. Tisch, Stuhl, Bett blieben seit der Bronzezeit fast unverändert, wenn auch gewisse Möbelformen inzwischen aus der Mode gekommen sind: Da wir nicht mehr wie die Römer im Liegen essen, ist die Kline nicht mehr im Gebrauch; Auch Truhen, früher unverzichtbar als eigenständiges Möbelstück und als Aufbewahrungsort mit vielfältiger Funktion, werden heute in modernen Haushalten kaum noch verwendet.

So wird der Winter wieder zur Schatzsuche in meiner Lieblingsbibliothek genutzt. Erinnern wir uns: In Ebstorf habe ich Jörn genötigt, ein Buch über die dortigen Truhen zu erstehen. In diesem Buch fand isch ein Literaturhinweis auf Grodde, Barbara: Hölzernes Möbiliar in vor- und frühgeschichtlichen Mittel- und Nordeuropa. Vergeßt „Karfunkel“ und für was ihr sonst so euer Geld ausgebt. Die Seiten 22 – 34 in Groddes Buch reichen für Anfänger und Fortgeschrittene vollkommen aus, wenn sie die ersten Schritte in den eigenständigen Möbelbau wagen wollen.  Techniken und Holzarten für die Möbelherstellung, detaillierte archäologische Quellen für einzelne Möbelarten sind mit vielen Beispielen inkl. eines umfangreichen Tafelteils vorhanden. Da hält es mich gar nicht mehr auf meinem Sofa in der Archäologie, sondern ich möchte ab in die Werkstatt und losschreinern oder -zimmern. Möbel für das Frühmittelalter, diesmal aber richtig! Und gleich mal Jörn fragen, wie weit er mit seinen Truhen ist…

Euer Isí