Huysburg: Ein Wochenende im Kloster

Ich habe eine lange Zeit (seit November) nichts mehr in der Ottonenzeit geschrieben. Es war ein wenig wie Winterschlaf.  Aber es gab auch ein paar unschöne Ereignisse, die mich sehr betrübt haben. Einige gute Nachrichten gibt es dagegen von der Turmhügelburg Lütjenburg, die ihre Internetseite erneuert hat. Ehrlich gesprochen, habe ich mich noch nicht damit anfreunden können. Für Burgbelebungsgruppen gibt es die Nachrichten, dass die Burg ihren Obulus pro Nase (keine Kindernasen) auf drei Euro gesenkt hat. Die Burg ist auch schon wieder ganz schön ausgebucht. Ob es Ottonen in diesem Jahr auf der Burg geben wird, kann ich noch nicht sagen. Morgen fahren wir ins Kloster Drübeck zur „Winterklausur“ unseres kleinen Vereins. Da werden wir es u.a. besprechen. Wir waren dieses Jahr übrigens schon einmal in einem mittelalterlichen Kloster, davon handelt Annettes Bericht:

Die Klosterkirche der Huysburg

Schon zum wiederholten Male fanden vom 26. bis 29. Januar 2017 „Klostererfahrungstage“ auf der Huysburg bei Halberstadt statt. Eingeladen hatte der Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e. V. in Zusammenarbeit mit der Katholischen Erwachsenenbildung Magdeburg.

Um „Erfahrung“ sollte es vorrangig gehen, das klang spannend. Die Teilnehmer waren in der Mehrzahl „Kulturlandschaftsführer*innen“, die der Landesheimatbund ausbildet. Klöster bilden einen prägenden Teil unserer Kulturlandschaft (allein im Harzgebiet gibt es 20), sie sind somit ein wichtiger Teil unseres kulturellen Erbes. Aber es sollte nicht nur um das kulturhistorische Erbe, sondern um das Klosterleben gehen.

Das Benediktinerkloster Huysburg bestand seit 1080 bis zur Aufhebung (Säkularisation) im Jahre 1804. 1972 wurde es wiedergegründet, so dass derzeit wieder Mönche in dem alten Gemäuer leben. Die Teilnehmer*innen waren eingeladen, am Lebensrhythmus der Mönche teilzunehmen. So begann für alle, die es rechtzeitig aus den Federn geschafft hatten, der Tag um 6 Uhr mit dem Nachtgebet (Vigil), als erste von 5 täglichen Gebetszeiten. Im Chorgestühl der romanischen Klosterkirche wurden gregorianische Gesänge im Wechsel gesungen. Auch im Tagesverlauf waren immer wieder Zeiten für Ruhe und Besinnung reserviert. Das Mittag- und Abendessen wurde, wie in Klöstern üblich, schweigend eingenommen. Dazwischen gab es Vorträge zum Klosterleben früher und heute, zu Stundengebet und Musik, eine Führung durch Kirche und Kloster sowie eine Exkursion in die umliegende Kulturlandschaft. Bruder Jakobus als promovierter Kunsthistoriker beantwortete in erfrischender und offener Weise alle fachlichen und persönlichen Fragen.

Eine lebendige Mönchsgemeinschaft

Der Abteikeller, in dem wir gegessen (und geschwiegen haben)

Heute ist die Huysburg eine lebendige Mönchsgemeinschaft und ein Tagungs- und Gästehaus, das keinen Komfort vermissen lässt. Räumlichkeiten und Veranstaltungen sind teilweise schon weit im voraus reserviert. Allen, die etwas über das Klosterleben erfahren möchten (das Wie und das Warum), sei ein Besuch auf der Huysburg empfohlen. Wer allerdings auf die „Linie“ achten muss, sollte sich eher zu einer Fastenwoche anmelden.

 

Der Landesheimatbund Sachsen-Anhalt e. V. mit Sitz in Halle ist die Dachorganisation für zahlreiche regionale Kulturvereine. Mit 6000 natürlichen und korporativen Mitgliedern ist er eine Institution im Bereich der Kulturförderung, das Themenspektrum reicht von Regionalgeschichte über Sprache, Bau- und Musikkultur bis zu den Kulturlandschaften und dem immateriellen Kulturerbe (wie z. B. Bräuche, Sagen, Handwerkstechniken). Neben Kulturlandschaftsführer*innen werden Kulturbotschafter und Ortschronisten ausgebildet. Die Förderung von bürgerschaftlichem Engagement und Demokratie sowie Weiterbildung für interessierte Bürger gehören zu seinen Aufgaben.

Unter den Teilnehmern der „Klostererfahrungstage“ waren etliche „Wiederholungstäter“, die teils in diesem Jahr ihre Partnerinnen mitgebracht hatten („das nächste Mal musst du unbedingt mitkommen“). Die Mischung aus Wissensvermittlung und Stille hat allen gutgetan, so dass ein durchweg positives Fazit gezogen wurde. Wer nächstes Jahr am letzten Januarwochenende mit von der Partie sein möchte, wird sich rechtzeitig anmelden müssen.

Die Reste des Kreuzgangs

Annette Kreutzfeldt

Dieser Artikel erschien zuerst im HalleSpektrum. Unter dem Titel „tres culturas“ (drei Kulturen) stellt Hallespektrum in Anlehnung an die „Stadt der drei Kulturen – Toledo“ die kulturellen Wurzeln Europas vor, bestehend aus Judentum, Christentum und Islam.

Die mittelalterlichen Stadtbefestigungen

Thomas Biller hat mit dem zweibändigen und rund 720 Seiten zählenden Handbuch der mittelalterlichen Stadtbefestigungen (im deutschsprachigen Raum) eine Mammutaufgabe abgeliefert, die ihn nach eigenen Angaben 10 Jahre lang beschäftigt und „jeden Urlaub geschluckt“ hatte. Die Lebensgefährtin und spätere Frau Billers hatte romantische Stunden nur noch in der Nähe von Stadtmauern erleben dürfen und die Abgabefrist beim Verlag hatte sich um gute 7 Jahre verschoben. Am Ende erhebt er den Anspruch ca. 99 % der erhaltenen Baureste gesehen und begutachtet zu haben. Rechtfertigt das Ergebnis den Aufwand? Leider muss ich schreiben: Bauhistorisch sicherlich, historisch habe ich einige Zweifel beim Lesen bekommen. Das macht mich angesichts des Aufwandes traurig, dazu am Ende mehr.

Der Rezensent hat sich natürlich darüber gefreut, dass es jetzt ein Standartwerk zum Thema Stadtbefestigungen gibt und fürchtet doch gleichzeitig, dass man mit einer kurzen Buchbesprechung diesem gewaltigen Werk niemals gerecht werden kann. Versuchen wir es mit einem Überblick: Band 1 des Handbuchs von Biller befaßt sich auf 360 Seiten systematisch mit Forschungsstand, der geschichtlichen Entwicklung (von der spätrömischen Befestigung bis zum Festungsbau), der Organisation der Mauerverteidigung und der Stadtmauer als Städtisches Symbol. Band 2 geht auf 360 Seiten topographisch vor und kann von Stadtmauerfreunden als einer Art „Mauerreiseführer“ durch den (im Mittelalter) deutschsprachigen Raum benutzt werden.

billerDie Freude am (Stadtmauer-)Detail

Im ersten Band erfahren wir alles über die mittelalterliche Befestigung. Wir steigen ein in die geschichtlichen Entwicklung dieser wichtigen städtischen Einrichtung, die als Stadtmauerbau erst im 12. Jahrhundert so richtig in Gang kam. Keinesfalls war eine Stadtmauer rechtlich notwendig, um den Status einer Stadt zu erlangen, erklärt der Autor. Der Leser kann sich anschließend ausführlich den einzelnen Komponenten einer Schutzanlage, zu der Mauerkörper, Türme und Tore gehören, widmen. Da HalleSpektrum-Redakteure sich gerade die Vor- und Nachteile einer spätmittelalterlichen Kanone („Feuerwaffen werden sich nie durchsetzen!“) haben vorführen lassen: Wie mussten sich die Verteidigungsanlagen einer Stadt im Zeitalter der Feuerwaffen ändern? Bei dieser Freude zum Detail blieb auch noch Zeit, sich über Organisation und Instandhaltung einer solchen Anlage Gedanken zu machen. Philosophisches wie die „Stadtmauer als Symbol“ kommt am Ende und geht fließend in einer längeren Zusammenfassung des ersten Bandes über.

Die falsche Brille bei der regionalen Betrachtung

Band zwei beginnt im Österreichischen Alpenland und die Reise (im Buch) endet im Deutschordensland Preußen. Dabei wird mehrmals die Grenze der heute noch mehrheitlich deutschsprachigen Länder überschritten. So sind Südtirol, Elsass, Lothringen, Schlesien, und Pommern selbstverständlich drin. Es fehlt allerdings Nordschleswig. Auch ein Kapitel „norddeutsche Hansestädte“ fehlt, stattdessen wurden Lübeck, Bremen und Hamburg mit Niedersachsen und Schleswig-Holstein in ein knapp sechsseitiges Kapitel gestopft. Die Erklärung für diese Kürze überzeugt nicht wirklich. Ob die Niederlanden noch hinein gehört hätten, darüber kann gestritten werden. Biller hat sich dagegen entschieden. Die Vermischung von heutigen Bundesländern und historischen Landschaften wirkt inkonsequent.

Der Abschnitt, der Sachsen-Anhalt betrifft, beginnt auf Seite 204 des 2. Bandes und endet bereits mit Seite 210 (im Anschluss kommt Sachsen S. 211 bis 220). Das ergibt einen recht guten Überblick über die noch vorhandenen Stadtmauern in unserem Bundesland (und wie sie einmal ausgesehen haben mögen). Höhepunkt für den Autor ist Zerbst: Der Ort „besitzt die besterhaltene Mauer in Sachsen-Anhalt, die ins 13. Jahrhundert zurückreicht.“ Die Stadtmauer in Halle des 10. Jahrhunderts (rund um den alten Markt) streicht Biller ersatzlos, da wäre nur ein Graben nachgewiesen. Halles Befestigung begann nach dem Autor ab 1182 als Umwallung, die später in Stein ausgeführt worden ist. Wiprecht von Groitzschs Bemühungen um eine Stadtbefestigung wird mit den Worten „war eine Burg“ abgetan. (Genauer gesagt war es nur ein Wohnturm, aber adlige oder bürgerliche Wohntürme als Teil der städtischen Verteidigung kommen bei Biller nicht vor). Auch der spätmittelalterliche Ausbau der Befestigungen von Halle, Zwingeranlagen und Leipziger Turm werden erwähnt. Die zwei erzbischöflichen Burgen innerhalb des heutigen Stadtgebietes fehlen. Magdeburg wird nur kurz abgehandelt, da durch den späteren Festungsbau die Stadtmauer des 13. Jahrhunderts bereits verschwunden war. Eine ottonische Befestigung wäre bis jetzt nicht aufgefunden worden, so Biller.

Eingeschränkt als Handbuch zu verwenden

Biller konzentriert sich auf die Beschreibung der Stadtmauern und ihrer Bauteile. Das kann er, es gelingt ihm ausgezeichnet. Landwehren werden erwähnt, aber nicht ausführlich beschrieben. Innere Befestigungsteile wie Burgen und Wohntürme kommen wenig bis gar nicht vor. Insgesamt wirkt es das Werk etwas süddeutschlandlastig, was aber mein persönlicher Eindruck sein kann. Auch über einige historische Ungenauigkeiten, die bei einem derartig umfangreichen Werk geschehen können, mag gnädig hinweg gelächelt werden. Wie aber über mittelalterliche Städte und ihre Befestigungen berichtet werden kann, ohne das Phänomen der Handels- und Städtebündnisse (z.B. die Hanse) überhaupt zu erwähnen, hat mich nicht nur wegen meiner lübschen Abstammung entsetzt. Ich habe deswegen noch extra gesucht, ob ich etwas überlesen habe. Nein, das scheint so gewollt gewesen zu sein. Was auch immer mit dieser Weglassung beabsichtigt worden ist, sie befremdet. Oder sollte der bauhistorische Experte für mittelalterliche Stadtbefestigungen noch nie von der Hanse gehört haben? Wie sind angesichts dessen alle anderen Informationen zu bewerten? Für mich ist das „Handbuch“ insgesamt ein fleißiger „Handbuchversuch“, eine Anregung, oder ein Stadtmauerreiseführer, wie ich schon schrieb. Die enthaltenen Informationen sind vor Ort zu überprüfen und lassen sich durchaus auch anders bewerten.

Die mittelalterlichen Stadtbefestigungen im deutschsprachigen Raum, 2 Teile, Ein Handbuch. Systematischer Teil / Topographischer Teil, Biller, Thomas, Verlag: Zabern (2016), Gebunden, 720 S., 529 SW-Abb., Subskriptionspreis 99,95 € (ab 01.02.17 129,00 €)

TK

Der Geschmack des Mittelalters

fischer1Angekündigt war es für Mai, erst Mitte September lag es auf meinem Büchertisch: Nach “Mittelalter selbst erleben” und “Spielen wie im Mittelalter” bringt Doris Fischer nun auch “Kochen wie im Mittelalter” heraus. Nach den beiden ersten Bänden erwartete ich kein Werk auf Darstellerniveau, eher gute Einstiegsliteratur wie bei den ersten beiden Bänden auch. “Mittelalter selbst erleben” wartete mit einigen guten Tipps auf. “Spielen wie im Mittelalter” fand ich sehr oberflächlich, wenn man sich mit Originalquellen beschäftigt hat. Nun ging es also ans Kochen! Und was es bislang in der Hinsicht auf dem Markt gibt und uns bereits zu einem eigenen internen “Kochführer” gezwungen hat, ist zum größten Teil nicht zum Genießen und bezieht sich in der Regel auf das Spätmittelalter. Wir sollten angenehm überrascht werden:

 Statt Einsteigereintopf ein rundes Mahl auch für Fortgeschrittene

Für das große Menue hat sich Doris Fischer die Museumspädagogin

Das Feuer ist entzündet, Thb Lütjenburg 2015
Das Feuer ist entzündet, Thb Lütjenburg 2015

Gisela Besau an die Kochstelle geholt. Als zeitlichen Schwerpunkt haben sie sich das Hochmittelalter gewählt. Aber auch für Früh- und Spätmittelalterliche ist das Buch mehr als nur einen Blick wert. Denn beide Autorinnen servieren uns ein rundes Festmahl, ausgewogen und kaum einen Wunsch übrig lassend: Auf der umfangreichen Vorspeisenplatte befindet sich eine „Spurensuche“, in der umfassend auf Schriftquellen, Bildquellen, archäologische Funde (und Interpretationen) und Experimente eingegangen wird. Dem Profi wird es bekannt vorkommen, der Anfänger und Laie erhält eine Einführung in das mühsame Geschäft der Rekonstruktion. Die weiteren Vorspeisen folgen lecker und ansprechend serviert: „Rund um die Küche“, „Rund um den Herd“, „Der gedeckte Tisch“ (Tafeldetails wie Tischwäsche, Besteck etc), „An der Tafel“, „Die Nahrungsmittel“ und „Getränke“. Die Teile „Tisch“ und „Tafel“ profitierten stark von Anne Schulz: Essen und Trinken im Mittelalter (2011). Wer diese dicke Untersuchung nicht lesen mag (oder die Zeit dazu findet), ist mit dieser Zusammenfassung gut bedient. Bei Getränken kommt natürlich auch vor: Wasser. „Selbstverständlich wurde im Mittelalter Wasser getrunken, auch wenn man oft anderes liest“ (S. 44), wie die Autorinnen schreiben. Die Rolle der Frauen bei der Bierproduktion aufzuführen, war den beiden ein großes Anliegen.

Schwerpunkt: Hochmittelalter und Mitteleuropa

Sind wir bereit für den nächsten Gang? Der ist etwas schwerer verdaulich, aber wichtig: Es geht um religiöse Speiseangebote, Fastenzeiten und koschere Küche. Besonders für die kurze Erwähnung der koscheren Küche gab es bei uns besonders viele Pluspunkte. Genauso wichtig und zwar für die christliche Welt waren die Fastenzeiten: „Ein Drittel des Jahres fasten … war für die Menschen des Mittelalter nicht so ungewöhnlich.“ (S.49) Im Reenactment läßt sich das kaum darstellen! Vorratshaltung, ernährungsbedingte Krankkeiten (Stichwort Mutterkorn) und regionalbedingte Ernährungsweisen bilden die nächsten im Buch gereichten Tellerchen. Wie unterschiedlich die Ernährungsweisen auf Burg, auf dem Land, in der Stadt und im Kloster sein konnten, wird im Teil „Ernährung und Lebensraum“ erläutert. Hier hätten die beiden Frauen etwas ausführlicher auf die ummauerten Gärten mit Spalierobst im Hochmittelalter eingehen können, aber ich möchte nicht nörgeln..

Jahreszeitlich kochen !

Kommen wir stattdessen zu den Hauptgängen. Zum Kochen auf mittelalterliche Art gehört das Feuermachen, das offene Feuer, das Kochen im Keramiktopf und das Kochen im Metalltopf. Auch Tipps zum Geschirrreinigen dürfen nicht fehlen.

Jetzt kommt der spannendste Teil, der Höhepunkt des Mahles, die Rezepte. Dabei wird das Problem mit den fehlenden Mengenangaben und den Varianten offen und ehrlich angesprochen und zum eigenen Experimentieren eingeladen. Und immer daran denken: Natürlich kann nur mit den Zutaten gekocht werden, die es in der Jahreszeit auch gab! Der Rezepteteil besteht aus 5 Teilen: Grundrezepte, Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Jede Jahreszeit ist mit einer kurzen Einführung zur Ernährunsweise und den Ernährungsproblemen versehen. Wie praktikabel die Rezepte sind, können wir noch nicht beim trockenen Lesen beurteilen, aber  auf zwei mit der Lagerküche vertrauten Frauen, die mitgelesen haben, machten die Rezepte einen guten Eindruck. Eine Anschlusskritik muss hier also folgen. Einen Minuspunkt gibt es für den Kühlschrank auf S. 65. Alle Rezepte sind mit Hinweisen wie „Lagerküche“, „Lagerküche Gruppen“, „vegan“, „jüdische Küche“ etc. versehen. Kann man machen ! Mit dem andalusischen Hühnchen haben die Autorinnen ein wenig das hochmittelalterliche Europa verlassen,  auch die vielen jüdischen Rezepte sehen wir aber eher positiv. Es sind sehr einfache Sachen dabei, ich habe gerade die Seite mit den Zwiebeln aus der Glut aufgeschlagen liegen (S. 105, Winter), oder auch sehr edle Rezepte wie Fasan mit Quitten- und Kastanienmus (S. 93, Herbst). Mengenangaben und Beschreibungen scheinen mir einleuchtend zu sein. Sehr gut: Bei einigen Rezepten sind auch Hinweise auf arch. Fundorte, datierte Zeit eingesponnen. Ich bin schon gespannt auf das Kochen.

Projektvorschläge und Lebensmittelliste

Kommen wir zu den Nachspeisen. Auch hier gibt es noch zwei Gänge: Die Autorinnen geben praktische Tipps zum Selbermachen: Für die Museumspädagogik geeigent. Am Ende fügen sie eine Liste der Lebensmittel und Kräuter an, die es im Hochmittelalter schon gab (in Europa). Welche Mühe letzteres macht, davon können wir aus eigener Erfahrung ein Lied singen. Und es gibt natürlich einige Unschärfen, auf die wir im Detail nicht eingehen möchten. Diese Liste bitte mit eigenen Quellen verbessern, erweitern und verfeinern. Um ein Beispiel zu nennen, bei der Forelle würde das heißen: Bachforelle ja, Lachsforelle ja, Regenbogenforelle nein, da aus Amerika.

Denn damit wir uns nicht falsch verstehen, „Kochen wie im Mittelalter“ (in dieser Reihe „Orange“, wie man schon sagen kann) ist kein wissenschaftliches Werk, Quellen werden zu einzelnen Stellen selten erwähnt. Der Teil „Weiterführende Literatur“ ist allerhöchstens im journalistischen Sinn als Quelle anzusehen, ist aber mit allen erwähnten Titeln, die mir zum Teil bekannt sind, sehr brauchbar. Die Autorinnen fassen einige neue wissenschaftliche Publikation auf eine brauchbare Weise zusammen. Das Buch ist in die Ratgeberliteratur einzuordnen, da aber in die gehobene Kategorie.

Fazit:

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Das Kochen beginnt: Die Zutaten werden geschnitten, Thb Lütjenburg 2015

Auf so ein Buch haben wir lange gewartet ! Doris Fischer und Gisela Besau ist mit „Kochen wie im Mittelalter“ ein großer Wurf gelungen, der mit Maßstäben der lebendigen Geschichte mithalten kann, also weit über das Einsteigerniveau hinaus geht. Im Bereich Kochen brauchen Anfänger (soweit sie Hochmittelalter machen) kein anderes Buch und auch alte Hasen können noch etwas dazu lernen. Kurz: Dieses Buch gehört in die Büchertruhe! Auch für Frühmis noch brauchbar! Und mit 16,95 € hat uns der Theiss-Verlag auch einen verdammt guten Preis gemacht! Greift also zu oder legt es Euren Leuten später zum Christfest auf den Gabentisch!

Ohne Vorbehalte begeistert, Euer Isidorus

Mittelalterliche Medizin gegen Krankenhauskeime

Wie ein Rezept aus einer Handschrift aus dem 10. Jhd. auch gegen Krankenhauskeime wirksam sein kann, zeigen die Versuche der Universität von Nottingham. Hier ist ein Text auf Deutsch vom Standart in Österreich, hier klicken …

und interessanter mit Video der Originalbeitrag der Universität von Nottingham inkl. einem Video mit Erklärungen, hier klicken…

Euer Isí

Ein Heiliger Krieg ist schlecht für das Geschäft

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Ausgekämpft! Das Paradies vom Büchersofa geräumt…

Paul M. Cobbs „Kampf ums Paradies“ 

„Der Islam gehört zu Deutschland“ sagen die einen und die anderen formieren sich als sogenannte „Patrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Das römisch-katholische Abendland entdeckte sich womöglich durch die (kurzfristigen) Gemeinsamkeiten in den Kreuzzügen. Wie aber wurde dieser historische Aufbruch, der vom Papsttum gleichzeitig zur Befriedung der innerchristlichen Streitigkeiten begriffen wurde (Gottesfriedenbewegung), auf der Seite des Islams aufgenommen? Professor Paul M. Cobb von der Universität von Pennsylvania hat mit seinem „Kampf ums Paradies“ versucht, die Perspektive zu drehen und die Kreuzzüge und ihre Zeit aus islamischer Sicht zu schildern. Ob dies schon eine islamische Geschichte der Kreuzzüge ist (so auch der Titel im engl. Original) dazu kommen wir noch. Mir lag die dt. Übersetzung von Michael Sailer vor, die in diesem Frühjahr im Verlag Philipp von Zabern erschienen ist. Wer eine kurze Bewertung möchte, der kann gleich unten das Fazit lesen.

Tausendundeine Zerstörung Syriens

Natürlich darf in Prof. Cobbs Darstellung der aktuelle Bezug zum heutigen Syrienkonflikt nicht fehlen. Erschreckend nimmt man zur Kenntnis, dass Syrien nicht nur heutzutage vollkommen zerstört wird, sondern auch in Cobbs Buch tausendundeine totale Zerstörung aus der Vergangenheit geschildert wird. Aber hinzugefügt wird der verzweifelte Appell an den Leser: …weder der Islam noch das Christentum ist von Natur aus gewaltätig; beide waren und sind als Denksysteme innerlich viel zu breit gefächert, um auf diesen einfachen Nenner gebracht zu werden. (S. 42, Dt. Ausgabe). Widmen wir uns nun den einzelnen Kapiteln des Buches:

Die Welt des Islam und die Barbaren

Das erste Kapitel ist eine intensive Einführung in das Thema: Obwohl bereits lange Handelsbeziehungen in den barbarischen Norden bestanden, war das Wissen über die Völker Europas, im folgenden „Franken“ genannt, im „Haus des Islams“ begrenzt. Im ersten Kapitel beschreibt Cobb zunächst die Weltsicht der islamischen Welt im Mittelalter und ihr Wissen über benachbarte Landschaften und Völker, hier besonders die Welt der „Franken“. Erschreckend muss er feststellen, dass das Wissen und Verstehen der christlichen Welt bei islamischen Gelehrten, Geistlichen und Herrschern im Verlauf der Zeit der Kreuzzüge weder zugenommen, noch sich verändert hat. Sind unsere christlichen Vorfahren so barbarisch und verbohrt gewesen, wie der Islam sie schildert, oder war die islamische Welt einfach unbelehrbar und von den eigenen Vorurteilen überzeugt? Die zivilisatorischen Unterschiede zwischen einem urbanen Orient und einem noch überwiegend ländlich geprägten Abendland, werden zu diesen Urteilen beigetragen haben. Kurz geht Cobb auf den „Ring der Gerechtigkeit“ in der islamischen (Staats-)lehre ein, darauf kommt er im weiteren Buchinhalt immer wieder zurück. Auch gibt es wichtige Worte zum Unterschied zwischen Kreuzzug und Dschihad. Bei seiner Darstellung benutzt der Autor nach eigenen Angaben islamische Quellen, greift aber zum Vergleich auch auf „fränkische“ Chronisten zurück.

 Überraschende Angriffe auf die Häuschen des Islam

Darstellungen der Kreuzzüge beginnen in der Regeln mit den ersten Kreuzzugspredigten der Päpste, bei den Volkskreuzügen und Judenprogromen (s. z.B. Runciman: Geschichte der Kreuzzüge). Bei neueren Darstellungen taucht auch die Papst-Predigt von 1063 und der Angriff auf die maurische Stadt Barbastro und deren Einnahme durch südfranzösische Kreuzfahrer 1064 auf. Cobb versucht im Gegensatz dazu die islamische Welt umfassender zu sehen, schildert wie bei beginnender Instabilität(sunnitisch-schiitische Auseinandersetzungen)im 11. Jahrhundert die Angriffe der „Franken“ auf das islamische Haus zunehmen. Dabei kann in dieser Zeit nach dem Zusammenbrüchen der beiden letzten großen Kalifate Córdoba und Bagdad (Bagdad bestand nur noch auf dem Papier unter der Herrschaft der türkischen Großseldschuken weiter) nicht mehr von einem Haus des Islam geredet werden, sondern von vielen Häuschen und Hütten, zwischen denen tiefe Gräben und Mauern gezogen waren. Ich möchte niemanden mit den vielen Namen der „Kalifate“, Sultanate und Emirate langweilen, die sich in der ganzen islamischen Welt von Spanien bis in den Fernen Osten selbstständig gemacht hatten. Ein starkes einheitliches Haus des Islam gag es schon lange nicht mehr, als die Kreuzzüge losgingen.

Und wann fing es an?

Mit irgendetwas muss es begonnen haben und das zweite Kapitel des Buches verrät es uns: Für Prof. Cobb beginnen die Kreuzzüge mit den Eroberungszügen, die die Normannen auf Sizilien unternommen haben. Einen zweiten Start setzt er mit der beginnenden christlichen Reconquista in Al-Andalus (Spanien). Trotz dieser Attacken war die islamische Welt überrascht und gedemütigt, als durch Anatolien die fränkischen Streitkräfte zogen und ihre Eroberungen in Syrien/Palästina fortsetzten. Dieser Angriff auf die islamische Levante geschah gerade zu einer Zeit, in der die große Regionalmacht Ostrom/Byzanz dort tatenlos und machtlos jeden Einfluss verloren haben schien. Von Ostrom drohte der islamischen Welt keine Gefahr mehr. Die neuen Angreifer waren auch Christen, aber von einem ganz anderen Zuschnitt als die Römer. Diese Barbaren aus dem Norden eroberten also innerhalb kurzer Zeit weite Teile von Syrien und Palästina, darunter die auch dem Islam heilige Stadt Jerusalem, in der die Kreuzfahrer das bereits hinlänglich bekannte Blutbad anrichteten. Nur wenige Städte (Damaskus) und kleine Emirate (Schaizar der ibn Munquid) konnten sich halten.
Und hier setzt meine erste Kritik an. Für die islamischen Quellen, wie sie uns Cobb präsentiert, kamen die Angriffe und Eroberungen in Al-Andalus, Sizilien und Syrien (inkl. Palästina) wie aus dem Nichts. War das so?

Was Cobb vergisst: Söldner und Landsuchende

Denn all dies hat eine Vorgeschichte, ohne die die gesamte adlige Kreuzzugsbewegung nicht erklärbar ist: So ahnungslos können die islamischen Chronisten nicht gewesen sein, dass sie den Sieg der Araber in Süditalien gegen den gesamten Reichsadel der deutschen Herzogtümer nicht erwähnt haben. Danach holte der Papst zum Schutz des Kirchenstaats normannische Söldner ins Land, deren Nachkommen den Angriff auf Sizilien starteten, um ihr Gebiet zu vergrößern und quasi als Vorwärtsverteidigung. Eine ähnliche Struktur von Kämpfern und Söldnern bildete sich in den christlichen Königreichen und Grafschaften Spaniens, von Richard Fletcher in seiner Cid-Monographie im Kapitel „Wenige Männer in einem großen Land“ eindrucksvoll geschildert: Hier waren es nicht die Normannen, sondern die Castellanos (Kastilier), die aus ihrer kleinen Grafschaft heraus bald die ganze Halbinsel dominieren sollten und es sprachlich heute noch tun. Da diese „ritterlichen“ Söldner des 11. Jahrhunderts auch für islamische Herrscher und Byzanz in den Krieg zogen, waren sie dem Islam bekannt, aber ihre Gefährlichkeit ist wohl schlicht und einfach unterschätzt worden. Wie gut man diese Männer, Normannen, Kastilier und andere, bezahlen musste, erwähnt Osama ibn Munquid in einer Anekdote. Da sich auch der Islam Soldtruppen und Wafffensklaven bediente, wäre dieses Phänomen einem näheren Blick wert gewesen. Aber eine Beleuchtung der Strukturen (Militär- und Alltagsgeschichte) wollte und konnte Cobb anscheinend nicht leisten. Schade!

 Gewohnter Ablauf der Ereignisse

Von nun nimmt auch diese Geschichte der Kreuzzüge den gewohnten Ablauf von Eroberungen und Rückeroberungen im Heiligen Land. Die Sicht aus den islamischen Quellen heraus eröffnet jedoch auf viele Ereignisse eine völlig neue Sicht. Die uns gut bekannten Anekdoten von Usama ibn Munquid erhalten endlich den nötigen geschichtlichen Rahmen. Cobb zeigt aus den Quellen heraus, dass sich die islamische Welt nur einmal von den „Franken“ überraschen ließ. Danach waren die Herrscher in Ägypten, Syrien und Anatolien erstaunlich gut informiert, was sich in den fränkischen Ländern abspielte und wer dort wieder für einen Zug in Richtung der syrischen Levanteküste oder nach Ägypten rüstete. Herausragend der Abschnitt über Friedrich II. von Hohenstaufen (7. Kapitel), der in Verhandlungen Jerusalem wieder gewann. Das war zwar nur ein kurzfristiger politischer Erfolg, aber garantiert von ihm auch so geplant gewesen. In diesem Abschnitt kommt das schöne Zitat über die Vorgehensweise mancher islamischer Herrscher in der Kreuzzugszeit vor: Ein Heiliger Krieg ist schlecht für das Geschäft. (S. 268, dt. Ausgabe).

Im Jahr 1291 ist es nicht vorbei

Als die Mamluken (Waffensklaven) Ägyptens, die inzwischen Saladins Familie abgelöst hatten, 1291 Akkon eroberten, ist für die meisten Historiker die Kreuzzugszeit vorbei. Die Christen sind von der syrischen Levanteküste und aus dem Heiligen Land vertrieben. Alles andere ist Schlussgeplänkel. Das die Mamluken ihren Aufstieg auch ihren taktisch klugen Siegen gegen die Mongolen verdanken, kommt in den meisten Darstellungen vor. In den Quellen, die Cobb benutzte, sind diese ägyptisch-mongolischen Auseinandersetzungen aber nicht auf eine Schlacht beschränkt geblieben. Dreimal gewinnen die Mamluken, einmal die Mongolen. Das reichte, um die Oberhand zu behalten. Cobb endet mit dem osmanischen Aufstieg, der Vertreibung der Mauren aus Spanien und einem wunderschön poetischen Epilog.

Schlecht bewältigt: Spanien und Saladin

Bei aller Begeisterung gibt es auch ein, zwei negative Anmerkungen: Ganz schlecht wirkte auf mich das 3. Kapitel: Hier hatten sich im Teil über Al-Andalus viele den Inhalt entstellende Druckfehler eingeschlichen. Aber sachlich war dies ein Tiefpunkt: Ein rascher Blick in die Monographie über El Cid von Fletcher hätte gezeigt, das der Herr von Vivar 1063 noch viel zu jung war, um königlicher General der Kastilier im Gefecht von Graus zu sein (hier agierte sein Mentor Sancho, Infant von Kastilien) Das ist eine läßliche Sünde, aber ich hatte danach Zweifel, ob Prof. Cobb wirklich so sorgfältig mit allen Fakten umgegangen ist, wie er behauptet. Oder sind die Schnitzer im 3. Kapitel der dt. Übertragung anzulasten? Was dann Herrn Cobb im Saladin-Abschnitt (6. u. 7. Kapitel) geritten hat, das entzieht sich meiner Kenntnis. Da im gesamten Buch eine sachliche Darstellung vorherrschend ist, die angenehm zu lesen und spannend erzählt herüber kam, so tauchte im Saladin-Abschnitt plötzlich Emotion und Bewertung auf. Wenn er Saladins Rolle in der Kreuzzugszeit entmystifizieren wollte, dann war dies definitiv der falsche Moment. Dies ist auch bereits besser gelungen (z.B. Möhring: Saladin: der Sultan und seine Zeit, 1138-1193). Man erkennt Cobbs Absicht und ist verstimmt, wie es so schön heißt. Ähnlich neben die Sachebene gehauen wie beim Saladin-Abschnitt sind die Bewertungen von Schlachten bei Cobb. Da er kein Militärhistoriker ist, hätte er besser die Finger davon gelassen oder in die entsprechenden Publikationen geschaut.

Fazit

Der Autor bietet einen sehr guten historischen Überblick über die Kreuzzugszeit aus „islamischer Sicht“, eine islamische Geschichte der Kreuzzüge ist es meiner Meinung nicht. Die sachliche und spannende Bewältigung des Themas ist beeindruckend. „Der Kampf ums Paradies“ liest sich weg wie ein Krimi. Insgesamt liefert er nur wenig neue Fakten, auch wenn der Blickwinkel aus den islamischen Quellen heraus seinen besonderen Reiz hat. Die Ratlosigkeit dieser Quellen gegenüber den Angriffen der „Franken“ gibt uns Cobb weiter. Eine nähere Betrachtung der Vorgeschichte der Normannen in Süditalien und des Aufstiegs von Kastilien u.a. hätte Cobb dem Phänomen näher gebracht. Dementsprechende (vorhandene) Quellen standen ihm nicht zur Verfügung oder er ließ sie aus. Er kann uns außer einer weiteren Ereignisgeschichte der Kreuzzüge nichts bieten. Es ist eine wichtige Ergänzung zu den herkömmlichen Darstellungen, aber beim Propheten, da hätte er mehr daraus machen können.

Der Kampf ums Paradies von Cobb, Paul M.;
Eine islamische Geschichte der Kreuzzüge. Übersetzung: Sailer, Michael .   Originaltitel: The Race for Paradise 432 S. 15 SW-Abb., 10 Ktn. 230 mm 850g , in deutscher Sprache.
2015   Zabern, ISBN 3-8053-4884-3, Preis: 29,95 €

Euer Isidorus

Beisetzung eines Königs

Es ist schon schwierig mit den mittelalterlichen Königen: Richard III, der  letzte der Plantagenets , die vom 12. bis 15. Jhd. das mittelalterlich England prägten, ist vor kurzem unter einem Parkplatz wiedergefunden worden und durch einen späten, späten Verwandten über DNA-Abgleich identifiziert worden. Zwar wäre ein Abgleich mit den Gebeinen anderer Plantagenets sicherer gewesen, aber da gab es wohl Probleme (vielleicht hätte man mal in Frankreich nachfragen können, ob die evt. bei Richard Löwenherz…?). Jetzt wurde Richard III. mit großer Anteilnahme der Bevölkerung in der Kathedrale von Leicester beigesetzt, aber ohne royale Ehren, siehe hier Bericht mit Video bei der ARD, die sich in einem Kommentar einer Häme im Stil der Tudor-Propaganda nicht enthalten kann. Nun, nach über 500 hätte die Queen dem Kollegen Richard III. ja mal verzeihen, was auch immer, und ihren Buttler zur Beerdigung vorbeischicken können. Schließlich hat man Bosworth gewonnen! Und warum ergreifen die heutigen Windsors eigentlich die Partei der damaligen Tudors (diese Thronräuber aus Wales)?

fragt sich Euer Isí

Essen und Trinken

essentrinken
Quelle: Verlagsinformationen

Schon lange plane ich unseren ottonischen Küchenführer (Kitchen-Guide) zu akt. und zu überarbeiten. Deswegen war ich sehr gespannt, das Buch „Essen und Trinken im Mittelalter (1000-1300)“ in die Hände zu bekommen, das zwar nur im Zeitrahmen die Spätottonik berührt, aber dennoch für uns interessant und hilfreich zu sein scheint. Da es wie Mechhilds Müllers Werk zur Kleidung im Reallexikon der Germanischen Altertums, Ergänzungsbände Nr. 74, erschienen ist, konnte ich es mir vom Preis her auch nicht einfach und unbesehen kaufen. Ich mußte warten, bis das Werk in der Bibliothek für mich greifbar war. Erst jetzt konnte ich einen ersten Blick hinein werfen.

Über 800 Seiten Essen und Trinken

Da heißt es vorsichtig sein und zunächst einige Appetithäppchen nehmen. Wir können natürlich auch in  die Speisekarte bzw. das Inhaltsverzeichnis schauen, um uns einen Überblick zu verschaffen. Es war ein bißchen wie beim „Griechen“ mit den vielen Gerichten, auch das Inhaltsvereichnis ist so umfangreich, dass ich es hier an dieser Stelle kurz zusammenfassen möchte, sonst würde es den Rahmen sprengen:

  1. Einführung (inkl  launische Bemerkungen über Mittelaltermärkte)
  2. Essen und Trinken in der höfischen Literatur
  3. Die (Essens-)Tafel im Bild
  4. Ländliches, städtisches und kirchliches Ernährungswesen in der Dichtung
  5. Archäologisch erschlossene Nahrungsmittel
  6. [sehr knapp abgehandelt] Tischgerät und Küchenutensilien
  7. Interessante Anhänge z.B. “Karfunkelabwatschen”, Konservierung von Lebensmittel, Lebensmittelverfälschung, ernährungsbedingte Krankheiten.

Wie aus der Inhaltsangabe ersichtlich, liebt der Schwerpunkt von Anne Schulz auf der Literaturanalyse unter Berücksichtigung von Ernährung, Tischsitten und -gebräuche. Dies setzt sie aber in Bezug auf die Archäologie, da

sich gerade die epische Dichtung an Idealen orientiert.

Geradezu genervt hat Anne Schulz (neben der Karfunkellektüre), dass Literatur über das Essen im Mittelalter, auch wissenschaftliche, hauptsächlich mit Quellen ab 1300 arbeitet.  Das heißt: Das Bild das bislang in Öffentlichkeit, Schule und Wissenschaft über die Ernährung des Mittelalters verbreitet wurde, ist geprägt vom Spätmittelalter und der frühen Neuzeit. Aber ein Analogieschluss von den Kochbüchern des Spätmittelalters auf die Ernährung des Hochmittelalters ist lt. Anne Schulz nicht statthaft. Deswegen auch ihre strenge Einschränkung auf den Zeitrahmen von 1000 – 1300. Diese Erkenntnis ist in bei seriösen Geschichtsdarstellern schon länger verbreitet. Es wird auch keine Völkerschlacht mit Waffen des 1. Weltkriegs dargestellt. Aber wir freuen uns, dass bei der Wissenschaft diese Erkenntnis nun auch endlich angekommen ist. Aber Frau Schulz ist inzwischen dieser Wissenschaft auch verloren gegangen und arbeitet für ein Schulungszentrum der Bundeswehr.

Erste Blicke ins Werk: Beim Adel arme Kost, einige Mönche schlemmten

Nach einem Nachmittag des Hineinlesens kann ich über ein 800 Seiten umfassendes Werk keine Besprechung verfassen, ich möchte allerhöchstens erste Einblicke geben: Lt. Auswertung der Fundlage kam Wildfleisch nicht in großen Mengen im Hochmittelalter auf die herschaftlichen Tafeln. Auch Fleisch war nicht in Hülle und Fülle auf Herrenhöfen und Burgen vorhanden. Oft unterschiedlich die Ernährung des Herren nichts wesentlich von der seiner Bauern. Festmähler waren Ausnahmefälle. Aber das hatten wir auch schon angenommen. Die Klosterernährung lief nach untersuchten Klöstern nicht immer korrekt nach der Benediktinerregel ab. Bei drei Beispielen war eines (Schaffhausen) in Übereinstimmung mit den Ernährungsbestimmungen der Regel, die Hirsauer Mönche aber haben ihre Kost mit sehr viel Huhn ergänzt. Bei Corvey kamen auch Vierfüßer in den Topf, nach Befund kann man hier auch von Luxusküche sprechen. Aber diese Ausfälle wurden auch schon von Zeitgenossen gegeißelt.

Bei der Verwertung von Tieren wurde alles verwertet. Entgegen der üblichen Lektüre gab es keine Vorlieben des Adels im Hochmittelalter für Brot etc. aus Weizen. Bei der Ernährung der Menschen im Hochmittelalter wurden lt. Anne Schulz sehr viele Wildpflanzen verwertet. Insgesamt war die Küche (natürlich) sehr saisonal geprägt. Die „Vergetreidung des Mittelalters“, wie es Frau Schulz nennt, also die Ernährung durch „Brot, Wein und Mus“ war auch beim Adel greifbar.

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Das salzige Zeitalter

Das Hochmittelalter war ein salziges Zeitalter. Eine authentische Zubereitung würde uns, so lächelt die Anne Schulz zwischen den Zeilen, wohl versalzen vorkommen. Deswegen war auch eine große Menge Getränke vonnösten, wie es sich in der Literatur wiederspiegelt. Die Lehrmeinung von Hungersnöten im Hochmittelalter läßt sich lt. Frau Schulz auch nicht halten.

Die Unwägbarkeiten solcher archäologischen Untersuchungen sind Frau Schulz bekannt und sie stellt sie auch stets im Zusammenhang und in den Vergleich mit der literarischen Überlieferung. Es gibt eine Menge Anhaltspunkte, was damals gegessen wurde, aber wir wissen sehr wenig, wie die Nahrung damals (genau) verarbeitet wurde. Sie plädiert deswegen für „Tabula rasa“ aufgrund der Quellenlage. Rezepte des Hochmittelalter sind nach ihren Ausführungen schlimmstes „Histotainment“, ja pure Erfindung.

Es ist nicht nur eine Fleißarbeit, da steckt auf jeder Seite Substanz dahinter. Und ich nehme auch Frau Schulz nicht die launigen Bemerkungen über die Mittelalterszene übel, sie hat mit vielen Bemerkungen darüber recht.

Ein Fazit traue ich mich (noch) nicht. Was die Praxis in lebendiger Geschichte und Reenactment (den unbelehrbaren Mittelaltermarkt klammer ich hier gleich aus) keinesfalls tun sollte, ist die Erkenntnis der Anne Schulz zu ignorieren. Mit diesem Buch liegt den Kochtruppen des Hochmittelalters ein schwere Stein auf der Brust. Diesen einfach wegzurollen, ist wohl keine Lösung…

Euer Isí

Stuhl einer Madonna

Stuhl-barca1aus dem Königreich Aragón-Catalunya zur Zeiten der Romanik Ende 11., Anfang 12. Jahrhundert, mit der ich „Die Sache mit den Möbeln“ fortsetzen möchte.

Die Madonna ist eine der sogenannten Pyrenäenmadonnen und stammt ursprünglich aus dem Kloster Santa María de Obarra (Link Spanisch). Interessant ist aber hier nicht die Madonna, sondern der Stuhl, auf dem sie sitzt, deswegen auch der Schwerpunkt des Fotos. Dieser Stuhl ist ein sogenannter Pfostenstuhl, wie wie ihn auch schon aus Bilderhandschriften kennen. Die Lehne ist sehr flach. Die Pfosten enden in gedrechselten oder geschnitzten runden Abschlüssen evt. mit einem Kreuz versehen. Sehr kunstvoll ist der Zwischenraum zwischen den Pfosten an der Seite gestaltet. Dieser ähnelt einem dreigliedrigen romanischen Fenster.

Heute ist der Stuhl und die Madonna darauf im Nationalmuseum für Kunst von Catalunya-Aragón in Barcelona zu finden.

Mit einem Blick auf den Stuhl von vorne verabschiedet sich Euer Isí

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Tatort Mittelalter

tatortSchnellgericht zu Giebichenstein im Palas des Erzbischofs zu Magdeburg. Vorsitzender Richter: Isidorus de Arévalo. Beisitzer: Erzbischof Adalgot zu Magdeburg, Wilhelm von Nogaret sowie Markgraf Albrecht der Bär als Träger der örtlichen Gerichtsbarkeit, denn die Hauptanklagten sind in Berlin im Brandenburgischen zu Hause.

Vorsitzender: Ich bitte die Angeklagten vorzuführen.

Es werden die Hauptangeklagten Malte Heidemann und Franziska Schäfer zuerst vorgeführt. Sie betreiben eine sogenannte Textbaustelle in Berlin und scheinen Serientäter zu sein, höchst verdächtige Gestalten also! Die Angeklagten Jule Vollmer und Thomas Krause scheinen dagegen kleine Lichter zu sein. Sie wurden von den Hauptangeklagten als sogenannte Sprecher missbraucht. Als Haupttäter gilt auch Olaf Hemker, der anscheinend der Hintermann des gesamten Verbrechens ist. Er  hat Regie geführt, was auch immer das zu bedeuten hat. Die Richter betrachten ihn deswegen als Anstifter. Mit den Angeklagten kommt auch der Anwalt herein, ein Herr Eike von Repgow aus Sachsen. Er stellt noch vor Verlesen der Anklagepunkt einen Befangenheitsantrag gegen den Herrn
Wilhelm von Nogaret, „da er in einem der Teile des „Tatort Mittelalters nicht nur erwähnt wird, sondern auch eine tragende Hauptrolle spielt“. Zudem hat er sich bereits im Vorfeld in der Presse dahingehend geäußert, „er ließe sich keinen Justizmord unterschieben“. Das Gericht berät sich kurz, dann wird dem Antrag des Herrn von Repkow stattgegeben. Es geht weiter mit einer Erklärung des Herrn Markgrafen Albrecht. Er erklärt, dass er alleinig für die Aburteilung der Angeklagten zuständig sei, die Gerichtsbarkeit wegen der Schwere des Falles aber an das Giebichensteiner Schnellgericht überträgt. Damit sind hoffentlich die Formalitäten erledigt und die Anklage kann vorgelesen werden.

Vorsitzender: Es wird den Angeklagten vorgeworfen, ein Hörbuch mit dem Titel „Tatort Mittelalter“ erstellt, besprochen und in den Umlauf gebracht zu haben. Ein gleichnamiges Buch ist heute nicht Gegenstand der Anklage. Darin sollen berühmte mittelalterliche Kriminalfälle präsentiert sein inkl. einer Erklärung des mittelalterlichen Strafrechtes. Trifft dies zu?

Der Vorsitzende wendet sich an die Angeklagten, diese stimmen zu, bevor ihr Verteidiger einschreiten kann, der ruft nur noch aus: „Ist dies verboten?“. Das provoziert den Erzbischof, der grummelt: „Dieses Machwerk hätte zumindest der Kirche vorgelegt werden müssen.“ Nogaret, der inzwischen im Zuschauerraum stehen muss, ruft  herüber: „Verbrennt sie!“ Von Repkow fährt herum und brüllt zurück  ins Volk: „Ketzerkinder, haben hier gar nichts zu melden!“ Der Vorsitzende bleibt ganz unbeeindruckt, sondern fährt fort:

Ruhe, ihr Herren! Herr von Repkow und Herr Norgaret, ich bitte um Beherrschung, sonst lasse ich Sie aus dem Saal führen. Damit die Schwere der Schuld bewusst wird, möchte ich für die Beisitzer und dem Volk die Verbrechen kurz im Detail schildern. Ist der Herr Advokat von Repkow damit einverstanden?“

„Ich bitte darum.“

„Also gut. Die Angeklagten beginnen mit einer recht brauchbaren Einführung in das Rechtsdenken des Mittelalters. All die Vorurteile über Mord und Totschlag entkräften sie, es wird dargestellt, dass eine klare Rechtsauffassung im Mittelalter, also keinesfalls ein rechtsfreier Raum. Diese Auffassung wird als entlastend betrachtet, allerdings tun die Angeklagten so, als wäre unser Rechtswesen irgendwie zurückgeblieben, despotisch und barbarisch. Wir wären nicht modern! Das habe ich sehr übel vermerkt. Das wird sich strafverschärfend auswirken. Die Einführung über das Rechtsdenken wird hernach an mehreren Beispielen im Detail ausgeführt, des kommen vor: Der Fall des Philosophen Abaelard, das Verfahren gegen Heinrich von Bayern und Sachsen, der Prozess gegen die Templer, gegen den Piraten Klaus Störtebeker, gegen den Münzmeister von Thann und gegen die Jungfrau von Orleans. Das sind alles sehr bekannte Fälle, aber unter der Rechtsauffassung des Mittelalters begriffen, wir wollen das nicht negativ sehen. Auch mag das breite Publikum diese Fälle nicht so kennen wie wir Experten, die wir uns mit der Materie länger beschäftigen.“

Erzbischof Adalgot wendet ein: „Doch möchte ich anmerken,  mir fällt auf, das alle diese Fälle im Hochmittelalter und Spätmittelalter vorgefallen sind. Kein einziger Fall aus dem Frühmittelalter oder dem frühen Hochmittelalter ist dabei. Das vermittelt doch den Eindruck, das waren die rechtlosen Zeiten, unausgesprochen. Oder wollen die Angeklagten etwa damit behaupten, diese Zeiten hätte es nie gegeben?“

Der Advokat mischt sich ein: „Eine Unterstellung. Derartiges wurde nie von uns gesagt oder behauptet.“ „Der Eindruck bleibt“, beharrt der Erzbischof von Magdeburg, „Ich beantrage deswegen Strafverschärfung.“

„Tot durch Verbrennen!“, ruft Nogaret und wird danach unsanft aus dem Saal geführt.

„Ich wäre froh, wenn wir jetzt zu einem Urteil kommen könnten“, brummt Albrecht der Bär, „Wir sind hier ein Schnellgericht und kein Philosophenkreis. Sie sind eindeutig schuldig und damit ist es gut. Ich habe noch anderes zu tun.“

Der Vorsitzende wendet sich an den Erzbischof: „Schuldig, aber damit sie davon nicht verzagt sind, dürfen die Angeklagten vor Vollstreckung der Strafe bei mir beichten und ihre Sünden bereuen.“

Der Vorsitzende lässt die Angeklagten aufstehen, ignoriert den Advokaten, der sich gerade mit einer Verteidigungsrede mit einem Exkurs besonders über das sächsische Recht in Position bringen wollte, und verkündet das Urteil: „Strafmildernd wurde desweiteren berücksichtigt, dass der Preis des Machwerkes sehr günstig ist, dass sich alle dies leisten könnten.“

„Das würde ich eher als strafverschärfend werten“, unterbricht ihn der Erzbischof.

„Nun gut, werten wir es gar nicht. Herr von Repkow, ich bitte um Beruhigung, sonst lasse ich dich auch herausführen und zu Herrn Nogaret in eine Kammer sperren.

Im Namen des Schnellgerichtes vom Giebichenstein ergeht also folgendes Urteil: Die Angeklagten haben keine Gnade zu erwarten, sondern werden im Gegenteil dazu verurteilt, eingekerkert und in Ketten weitere Werke zur Gerichtsbarkeit und zum Mittelalter zu verfassen, bis der Tod sie erlöst oder der Kaiser sie begnadigt.

Die Angeklagten werden hinausgeführt. Dramatische Szenen spielen sich ab. Wir werden Zeugen von Zusammenbruch und Tränen im Gesicht. Nur Franziska Schäfer bleibt gefasst, so wie wir es schon oft bei Frauen erlebt haben. Das Gericht erhebt sich und verlässt den Saal. Herr von Repkow schaut sich ein letztes Mal das entscheidende Beweisstück an: Tatort Mittelalter, 1 Audio-CD von Heidemann, Malte; Schäfer, Franziska; CD
Berühmte Kriminalfälle aus dem Mittelalter. 70 Min.. Gesprochen von Krause, Thomas . 57g In Mappe , in deutscher Sprache.
2013 Wissenschaftliche Buchgesellschaft Auditorium Maximum ISBN 3-654-60377-7, 12,90 Euro

Euer Gerichtsberichterstatter