Diskussion über die Völkerschlacht geht weiter

leipzig1813aDie Diskussion zur Nachstellung (Reenactment) der Völkerschlacht in Leipzig vor zwei Jahren geht in der 4. Ausgabe des Forums Kritische Archäologie weiter.  Wer sich damit noch auseinandersetzen möchte, , gerne, hier nachzulesen…  Darüber, dass Schlachtenreenactment so viel mehr Aufmerksamkeit bekommt, als die friedliche Darstellung,  habe ich hier schon nachgedacht, vielleicht in dem Zusammenhang noch mal nachlesenswert: Nagelprobe für Reenactment?

Euer Isidorus

„Völkerschlacht überrollt Sachsen“

„Völkerschlacht überrollt Sachsen“

Dieser Satz wurde zum Programm am Wochenende des 19. und 20.10.2013.

Der Eindruck von mir (Reenactor Frühmittelalter)  als Zuschauer bei dieser Großveranstaltung ist zwiespältig. Auf der einen Seite die wirklich riesigen Biwaks, die vielen Teilnehmer aus der ganzen Welt und die eigentlich gut choreografierte Schlachtdarstellung. Auf der anderen Seite eine Organisation, die von ihrem eigenen Werbeerfolg praktisch überrollt wurde.

Aber der Reihe nach.

Die ganze Woche stand in Leipzig im Zeichen der Völkerschlacht. Man konnte den Medien nicht entgehen. Das Thema wurde ausführlich von allen Seiten bearbeitet. Störend fiel mir nur auf, dass man sich als Reenactor für sein Hobby rechtfertigen muss. Warum eigentlich?

Am Sonnabend waren wir in Liebertwolkwitz.  Der öffentliche Nahverkehr funktionierte. Und so haben wir relativ schnell das Dorf erreicht. Bereits beim Zugang zum Dorf (Eintritt 8€) fiel auf, dass mit dermaßen vielen Leuten kaum einer gerechnet hatte. Lange Schlangen überall, zu wenig Speise- und Getränkeversorgung, die noch dazu vorzeitig ausverkauft war, und sehr schnell kam bei einigen Leuten Unmut auf. Im Großen und Ganzen aber eine schöne Veranstaltung, zumal der ganze Ort am Geschehen teilnahm. In und bei Liebertwolkwitz gab es noch Biwaks. Diese konnte man ebenfalls besichtigen. Und auch hier gaben sich die Darsteller große Mühe, ihre jeweils spezielle Darstellung zu erklären. Die Abendveranstaltung „Entzünden der Wachfeuer“ kostete nochmals Eintritt 6€.

Von Liebertwolkwitz ging es weiter nach Markleeberg und Dölitz. Hier in den Biwaks das gleiche Bild. Schöne Biwaks (der Besuch nur der Biwaks ohne Programm war kostenfrei), nette Erklärer und sehr viele Besucher.

Am Sonntag dann das Hauptevent -> die Schlachtdarstellung. Hier zeigte sich dann, dass die Organisation für die Darsteller halbwegs funktionierte, die Organisation für die zahlenden Zuschauer (Eintritt 15€) jedoch völlig überfordert war. Im Unterschied zu den vergangenen Jahren war ein anderes, deutlich größeres Gelände gewählt und abgesperrt worden. Was für die Darsteller viel Platz einbrachte, war für die Zuschauer eher frustrierend, denn geschätzte 70% der Zuschauer durften vom Geschehen auf dem Schlachtfeld mangels Sicht aus der 3. bis letzten Reihe sehr wenig mitbekommen haben. Es gab nur verhältnismäßig wenig Stehplätze, die einen Einblick auf das Schlachtfeld und somit das Geschehen gestatteten. Die Schlacht konzentrierte sich auf den mittleren bis rechten Teil des Schlachtfeldes. Der linke Teil sah zwar die französische Armee aufmarschieren und vorgehen, der Rest des Geschehens war dann aber weit weg oder nicht zu sehen und somit nicht mehr gut zu verfolgen. Hinzu kamen die mangelhaften Erklärungen zum Geschehen. Zwischendurch gab es sogar eine halbstündige Lücke ohne jegliche Erklärung. Als Erläuterung für dieses Schweigen wurde gesagt, dass das Fernsehen auch originalen Gefechtslärm wollte, und so wurde eben gar nichts mehr erklärt. Die Handlungen, die in ca. 3 Stunden die Schlacht von 4 Tagen zusammenfassen sollte, liefen somit im Pulverdampf für die meisten Zuschauer als Rätsel ab. Der Gipfel des Geschehens war der Abschluss mit einer Schweigeminute für die vor 200 Jahren gefallenen Soldaten und zivilen Opfer. Nicht einmal auf dem Schlachtfeld kehrte wirklich die erwartete Ruhe ein. Es wurden weiter Befehle gebrüllt und Einheiten marschierten weiter. Von Gedenken kaum eine Spur.

Der Moderator der Veranstaltung verstieg sich bereits am Anfang zu der Bemerkung, er wäre überrascht über die vielen Gäste. Was sollte denn dies bedeuten? Wenn ich 27.000 Karten im Vorkauf verkaufe, dann muss ich damit rechnen, dass diese Leute auch wirklich kommen. Und 15€ für einen Stehplatz nur für die Gefechtsdarstellung ist ja nicht gerade wenig. Also sollte dieser Besucherandrang nicht überraschend sein. Letztendlich werden ca. 32.000 – 35.000 Zuschauer bei dieser Veranstaltung gewesen sein. Und dafür war sowohl das Gelände für die Zuschauer als auch die Versorgung nicht geplant. Ein schönes Erlebnis war es wohl nur für die Besucher des VIP-Bereiches, der Presse und der Tribünen, die direkt am Zentrum lagen. So bleibt bei vielen ein schaler Nachgeschmack. Dass die LVB in dem Ansturm kaum bewältigte, war dann nur noch ein Punkt in der organisatorischen Fehlleistung. Frech auch die Meinung des Veranstalters auf mdr 1 Radio Sachsen, wer nichts sehen konnte, weil er hinten stand, hätte eben eher kommen müssen. Dazu das bekannte Zitat von Gorbatschow (Wer zu spät kommt, …). Dass so viele Besucher nichts sehen konnten, lag nicht am Zuspätkommen. Wer sich die Luftbilder der Gefechtsdarstellung vom Sonntag ansieht, kann erkennen, dass diese Darstellung nur für das Fernsehen (MDR) und für die VIPs organisiert wurde.

So bleibt festzuhalten, es hätte sehr schön werden können, wenn nur nicht so viele Zuschauer gekommen wären. -> „Völkerschlacht überrollt Leipzig“

Noch einige Bemerkungen vom Reenactor zum Reenactment:

–         Perkussionsgewehre gehören nicht in die Darstellung der Befreiungskriege.

–         Wer 2.000 – 3.000€ für seine Uniform ausgibt, sollte die 200€ für richtige Schuhe auch noch drauflegen. Was hier manchmal gezeigt wurde, war schon gruselig. Auch wenn man es auf den Fotos kaum erkennen kann.

–         Die Gefechtsdarstellung auf zwei Tage zu verteilen, wäre für die Zuschauer sicher angenehmer gewesen.

–         Die Darstellungen müssen erklärt werden, gerade die Gefechtsdarstellungen. Auch die jeweils agierenden Gruppen/Truppen hätten wenigstens kurz beschrieben werden müssen.

Wenigstens hat es den meisten Darstellern gefallen.

Fazit: Beim nächsten Großevent in Leipzig nur noch die Biwaks, die Gefechte dann im Fernsehen. Das ist preiswerter und man sieht wenigstens etwas.

Mit Grüßen Rike, Hemmo und Buteo

Völkerschlacht als Nagelprobe für Reenactment?

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Gemälde von Hans Kohlschein

Ursprünglich wollte ich hier blogen, wie lebendige Geschichte auch aussehen kann, nämlich wie im Sonderteil des MDR-Fernsehens zur Völkerschlacht in Leipzig 1813.  Hier gefällt besonders der fiktionale Teil „MDR TOPNEWS: Völkerschlacht überrollt Sachsen“ mit Tagesthemen Ingo Zamperoni. Ich hatte zwar keinesfalls vor, zum Schlachtenevent mit Reenactment selbst zu fahren, da mir die Knallerei zuviel ist, aber ich hatte schon vor, die Sache mit Sympathie und kleinen Zeitbudget aus der Ferne zu verfolgen.

Geschichte ist zu wichtig, um sie den Historikern zu überlassen.

Aber plötzlich stieß ich auf die Stimmen der Empörten: Stellvertretend das Interview  mit Prof. Reichel auch beim MDR, hier nachzulesen … Er hält Reenactment für einen unhistorischen Umgang mit der Geschichte und meint im Interview: „Es ist zu wenig, im Umgang mit der Geschichte nur Spaß zu haben.“ Finden wir auch. Geschichte ist so ernst, dass es bedenklich wäre, ihre Deutung nur den Historikern zu überlassen (die anscheinend mit ihrem Job gar keinen Spaß haben, könnte man denken).  Es wird das Spektakel kritisiert, dass um die Völkerschlacht gemacht wird. Befürchtet wird, dass dabei das Leid der Menschen vergessen wird. In diese Kerbe schlägt z.B. der von mir sehr geschätzte Stefan Nölke bei MDR-Figaro. Das ist llegitim!Der MDR selbst scheint die Empörung schon geahnt zu haben, viele Beiträge z.B. der Korrespondenten beschäftigen sich eben mit dem angemahnten Leiden durch die Schlacht. Sehr bewegend der Beitrag von Vivienne Radermacher über die „Marie Louises“ – Frankreichs letztes Aufgebot.

Tatsächlich wird aus der Sache ein Riesenspektakel gemacht. Da kann schon gefragt werden, ist das angemessen? Aber bitte angesichts der vielen Dokumentationen und Verfilmungen mir nicht so kommen: … jeder kann sich seinen Freizeitspaß selbst aussuchen…  (Zitat Nölke). Was soll das denn? Ist es denn nicht eher die Öffentlichkeit selbst, die das Spektakel wünscht? Ein Beispiel: Sitze ich ruhig am Feuer und koche oder  handwerke ich, interessiert es nur für kurze Zeit, aber wenn die Kameraden mit dem Schwert trainieren, bildet sich sofort eine Traube von Menschen: Guck mal, wie toll die Ritter kämpfen! Und sind es nicht auch die Historiker, die wieder der Ereignisgeschichte mehr Bedeutung zumessen als dem Alltag der Menschen wie z.B. unlängst bei der 3. „Otto-Ausstellung“ in Magdeburg geschehen, wo man unverhüllt vom Kaiserglück träumte.

Wie geht man angemessen mit diesem Jubiläum um? Die Reenactors vor Ort, die sich umfangreich mit dem Alltagsleben beschäftigt haben, wissen wohl am Besten um das Leid der damaligen Menschen. Aber wissen es all die Verantwortlichen in Politik und Medien? Ich bin mir nicht so sicher. So ist die Völkerschlacht keinesfalls eine Nagelprobe für das Reenactment, das ja allerhöchstens eine Illustration mit lebendigen Bildern darstellt, sondern sie ist eine Nagelprobe für die gesamte Öffentlichkeit, die hin- und herschwankt zwischen Faszination und Schrecken einer Schlacht. Das sollte thematisiert werden und nicht der „Verkleidungsfasching“ einiger Enthusiasten. Warum rufen denn die Völkerschlacht, Waterloo oder Hastings solche Begeisterung hervor? Der Bote der schlechten Nachricht ist nicht die schlechte Nachricht selbst, Herr Nölke, aber gerne köpft man ihn dennoch, oder?

Mit Grüßen vom Scharfrichter Isidorus