Alchemie in Halle

Dr. Wunderlich, unser Ehrenmitglied im Lebendige Geschichte e.V. Für ihn lassen wir es schon mal krachen
Dr. Wunderlich, unser Ehrenmitglied im Lebendige Geschichte e.V., und bekannter Alchemist. Für ihn lassen wir es schon mal krachen

Wieder gab es eine Ausstellungseröffnung in Halle. Das Thema heißt „Alchemie – Die Suche nach dem Weltgeheimnis“ Natürlich war ich bei der Ausstellungseröffnung dabei. Aber dieses Mal soll es keinen eigenen redaktionellen Beitrag von mir geben, sondern ich werde mit Erlaubnis des HalleSpektrums zwei Beiträge von den Kolleg/innen übernehmen:

Alchemie – Neue Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte

Ein sensationeller Fund aus dem ehemaligen Franziskanerkloster in Wittenberg ist für das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle Anlass zu einer Sonderausstellung mit dem Titel „Alchemie – Die Suche nach dem Weltgeheimnis“. Im Mittelpunkt stehen die Überreste eines alchemischen Laboratoriums des 16. Jahrhunderts. Rund um den Fund geht die Schau nicht nur dem Thema Alchemie, sondern auch den Anfängen der modernen Naturwissenschaften bis zur heutigen Zeit nach. Hier bitte weiterlesen …

Das Puzzle aus 10.000 Scherben

Die Inszenierung der Funde im Atrium
Die Inszenierung der Funde im Atrium

Da die neue Sonderausstellung „Alchemie – Die Suche nach dem Weltgeheimnis“ im Landesmuseum für Vorgeschichte ab morgen für Besucher geöffnet hat, blickt Halle-Spektrum hinter die Kulissen. Di
eses Mal beleuchten wir die Restaurierung der Wittenberger Alchemistenfunde. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen etwa 50 alte Arbeitsgeräte der Alchemie-Werkstatt in Wittenberg aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Hier bitte weiterlesen….

Noch ein kleiner eigener Eindruck von mir am Schluss: Wie gestern der Landesarchäologe Meller sagte, ist es eine kleinere Sonderausstellung. Das kann ich bestätigen, aber es ist auch eine sehr feine Ausstellung. So etwas, eine ganze Alchemistenwerkstatt, ist noch nie gefunden, geschweige denn gezeigt worden. Ich erwarte Euch in Halle!

Euer Isidorus

Giftmischer in Halle

Foto: T. Kreutzfeldt
Foto: T. Kreutzfeldt

Zwischendurch eine wunderschöne Geschichte aus der Restaurationswerksstatt in Halle über den „Giftmischer von Wittenberg“. Damit ist nicht unser Ehrenmitglied Heinrich Wunderlich gemeint, sondern … ach, lest selbst, mit Video hier …

Auf jeden Fall eine tolle Geschichte über eine Alchemistenwerkstatt in unserer Gegend und man kann dem Spiegel nur danken, dass so etwas in diesem Magazin immer mal wieder möglich ist.

Euer Isidorus

Der Krieg gehört ins Museum

Ein volles Haus, so wird Archäologie zum Ereignis. Foto: T. Kreutzfeldt
Ein volles Haus, so wird Archäologie zum Ereignis. Foto: To. Kreutzfeldt

so erläuterte Landesarchäologe Harald Meller programmatisch bei der Eröffnung der neuen Sonderausstellung „Krieg“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Selten war die Archäologie so politisch wie heute. Die Spurensuche der Hallenser geriet sich zu einem Mahnmal gegen Krieg und Vertreibung allgemein. Obwohl man das Ausstellungskonzept bereits seit Jahren im Kopf gehabt hatte, waren Meller und Mitarbeiter doch überrascht, wie aktuell Funde und Artefakte angesichts der „Flüchtlingskrise“ sind. Kultusminister Dorgerloh befand in seinem Grußwort: „Wenn wir für jeden Panzer und jedes Sturmgewehr, dass Deutschland in die Welt liefert, einen Flüchtling aufnehmen müßten, ist das Ende der Flüchtlingsaufnahme noch lange nicht erreicht.“

Eine Blockbergung wie ein mahnender Monolith

Über die politische Dimension hinaus, die während der Konzeption der Ausstellung über die Macher hereingebrochen ist, gelang dem Team eine beeindruckende archäologische Sicht auf den Krieg als Kulturphänomen, das die Menschheit nur eine kurze Zeit ihrer Geschichte erlernt hatte und beherrschte. Eine Kulturtechnik, die wir als Menschen  „auch wieder verlernen sollten“. (Meller)

Mahnmal oder Inszenierung einer gewaltigen Blockbergung? Foto: To. Kreutzfeldt
Mahnmal oder Inszenierung einer gewaltigen Blockbergung? Foto: To. Kreutzfeldt

Ein wenig erinnert mich das Ganze an den alten Science-Fiction-Film „2001 – Odysee im Weltall“, in dem ein schwarzer Monolith eine Hauptrolle spiel und Menschenaffen den Krieg erlernen. (tatsächlich, Max-Planck Leipzig demonstriert dies in einem Nachbarraum mit dem Beispiel der Schimpansen!). Dieser Monolith scheint sich direkt ins Foyer des Museums materialisiert zu haben, dem Hauptraum der Sonderausstellung, in dem die Schlacht von Lützen (Dreißigjähriger Krieg) thematisiert wird. Die gewaltige Blockbergung eines Massengrabes vom Schlachtfeld, in dem Soldaten ausgeplündert bis aufs Hemd in die Grabgrube geworfen wurden, steht damit mehr als Mahnmal denn als Ausstellungsstück zu Beginn der Ausstellung und überlagert alles.  Hunderte von Geschosskugeln liegen in einer Vitrine davor.  Das typische Schwarz der Hallenser dominiert die Ausstellungswände, an den Seiten Fotos vom heutigen Schlachtfeld, ein nächtlicher Blick. Ist es wieder mehr Kunst als Archäologie? Das volle Haus zur Eröffnung, Menschen, die auf allen Galerien standen, erscheint tatsächlich als Pop-Event der Archäologie mit dem Landesarchäologen als Hohepriester. Seine Zuhörer klatschen gemessen, das Thema ist ernst.

Funde vom Schlachtfeld bei Lützen (1632) auf einer zeitgenössischen Darstellung der Schlacht. © LDA, Foto: Juraj Lipták
Funde vom Schlachtfeld bei Lützen (1632) auf einer zeitgenössischen Darstellung der Schlacht. © LDA, Foto: Juraj Lipták

Living History ist im Landesmuseum angekommen

Zu jeder guten Inszenierung  gehören auch Statisten: In diesem Fall waren es etwas mehr als ein Dutzend Reenacter von unterschiedlichen Gruppen, die Darstellungen im Zeitfenster Dreißigjähriger Krieg machen. Pikenmänner im Lagerfeuerschein begrüßten die geladenen Gäste im Schein von Lagerfeuern. (Cool, dafür wurden extra designierte Feuerkisten angeschafft, ein bißchen mit dem Flair einer brennenden Mülltonne!), Marketenderinnen gaben nach den Begrüßungs- und Einleitungsworten den Besuchern Brot, Entenbeine etc., Wasser und Wein zur Stärkung aus. Alles, lt. dem Landesachäologen, „in den umliegenden Geschäften geplündert worden“. Die Darsteller waren von einer guten Qualität, soweit ich das beurteilen kann. Über moderne Brillen kann man sich immer streiten. Ins Programm sind sie außer Fanfarenstöße zur Eröffnung nicht einbezogen gewesen, aber die Gruppen erhalten schließlich noch ein eigenes Wochenende zur Entfaltung, hier zu lesen … Archäologie wird so lebendiger, schön, dass es in Halle auch angekommen ist. In UK gehört es wie selbstverständlich dazu, wie wir z.B. im Museum von Culloden erfahren konnten (eigener Bericht, folgt bald).

Tollensetal, eine Schlacht in der Bronzezeit

Schädel mit Hiebverletzung, Fund vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr. © LDA, Foto: Juraj Lipták
Schädel mit Hiebverletzung, Fund vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr. © LDA, Foto: Juraj Lipták

 Natürlich kann die Sonderausstellung, die ohnehin den Schwerpunkt „Lützen“ hat, nicht den Krieg in allen seinen Entwicklungsstufen und Abschweifungen bis heute darstellen. Genausowenig kann ich der Ausstellung mit all ihren detaillierten Informationen in diesem kleinen Artikel gerecht werden. Aber besonders gefreut habe ich mich auf die Funde vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr., wieder einmal vom Künstler Karol Schauer dramatisch illustriert (wie die ganze Ausstellung). Die Funde werden hier in Halle das erste Mal einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt. Anders als bei der annährend zeitgleichen Schlacht von Kadesch besitzen wir darüber keinerlei historische Aufzeichnungen. Gesichert ist nur eine eine große Gruppe junger bronzezeitlicher Kämpfer, zu kleinen Teil beritten, an den Fluss kam und versuchte diesen zu überqueren. Dabei wurden sie von einer anderen Gruppe Kämpfer mit Pfeilbeschuss bekämpft und am Fluss gestellt. Dabei gerieten mehrere Tausend Männer aneinander. Gekämpft wurde mit Bogen, Holzkeulen, weniger mit Schwertern und im Nahkampf auch mit Messern. Über Steinschleuderbeschuss ist nichts bekannt. Wer diese Schlacht gewonnen hat und worum es ging, entzieht sich auch der Kenntnis der Ausstellungsmacher. Fast hätte ich nicht gemerkt, dass das Hallenser Schwarz plötzlich in den Seitenräumen der Ausstellung zu einem dunklen Blau geworden war.

„Krieg ist eine Sache der jungen Männer, das lerne ich hier“, sagte die beste Ehefrau von allen. Und auch der Landesarchäologiehohepriester schlug in diese Kerbe, in dem er Frauen als Beute und Gewinn im Kriege in seiner Einführung bezeichnete. Frauen schuldlos an den Kriegen? So einfach kann es sicher nicht gesehen werden. Denn zur Gruppengehörigkeit und Ausgrenzung anderer, die Kriege mitverursacht, gehören auch die „Weibchen“ und tragen ihren Teil mit zu bei, wie jeder, der an solchen Prozessen beteiligt ist, rasch merken wird, wenn sie auch in der Geschichte, von kleinen Ausnahmen abgesehen, eher weniger an an Kampfhandlungen beteiligt waren.

„Fischschwanzdolch“ aus Feuerstein aus Bebertal (Sachsen-Anhalt). Das Objekt datiert in die Frühe Bronzezeit um 2300-1800 v. Chr.). © LDA, Foto: Juraj Lipták
„Fischschwanzdolch“ aus Feuerstein aus Bebertal (Sachsen-Anhalt). Das Objekt datiert in die Frühe Bronzezeit um 2300-1800 v. Chr.). © LDA, Foto: Juraj Lipták

Und selbst in den Krieg ziehen?

Ich lade jedenfalls ganz herzlich ein, sich selbst ein Bild zu machen. Zusammen mit der inzwischen größer gewordenen Dauerausstellung (wir sind inzwischen mit dem „Swebenzimmer“ bei den ´ömern angelangt) lohnt sich für diese Sonderausstellung auf jeden Fall eine längere Fahrt, viele sensationelle Leihgaben kann ich hier nicht einzeln erwähnen (z.B. siehe Abb. links)

Geöffnet hat der Krieg von Di-Fr von 9-17 Uhr, Sa, So und Feiertage: 10-18 Uhr, Montag nach Vereinbarung, 24. und 31.12.2015 geschlossen. Die Eintrittskarten (berechtigt zum Eintritt von Sonder- und Dauerausstellung) kosten für Erwachsene 8,- €, ermäßigt 6,- €. Kinder  6-14 Jahre brauchen nur 3,- € bezahlen. Gruppen (ab 10 Pers.) bezahlen 6,- € pro Person. Schulklassen können für 1,- € pro Person herein. Eine Familienkarte (Mutter, Vater und die lieben Kleinen) bezahlen zusammen 16,- €. Weitere Informationen über die Kriegsführung gibt es hier … Und hinweisen möchte ich besonders auf das umfangreiche Veranstaltungs- und Vortragsprogramm hinweisen. Die Sonderausstellung ist vom 06. Nov. 2015 bis zum 22. Mai 2016 geöffnet.

Euer Isidorus

Ein Landesmuseum im Krieg (ab 6. Nov.)

KRIEG-plakat
© LDA

Ab Freitag, 6. Nov. 2015,  beginnt im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle eine neue Sonderausstellung, die sich der unangenehmen Eigenschaft von Menschen, blutige Kriege zu führen, archäologisch annähern soll. Da ich einige Exponate entweder aus eigener Anschauung oder aus der Literatur kenne, bin ich bereits sehr gespannt. Vielleicht finde ich nach einem eigenen Augenschein bereits am Freitag die Zeit, einiges dazu zu blogen. Bis dahin wird auf den interessanten blog der Ausstellungsmacher verwiesen. Der beinhaltet einen Blick hinter die Kulissen mit vielen interessanten Beiträgen und schönen Bildern. Selbst die Museumspädagogik stattet sich aus: Karton mit voller Ausrüstung kommt, es wird angezogen. So einfach geht also Living history ?

Eine Sonderausstellung beginnt, eine andere endet: Bis zum 9. November ist noch Zeit nach Merseburg zu fahren, um sich die Ausstellung „1ooo Jahre Kaiserdom Merseburg“ anzuschauen.

Euer Isidorus

 

 

April, April…

Einige haben es sofort gemerkt, andere sind reingefallen (was mir besonders Freude gemacht hat): Der „Ottonenpark“ war also ein Aprilscherz. Eine Presseerklärung eines Ministeriums oder eine Planung hat es nie gegeben. Zwar sind einige Dinge am Betrag nicht ganz unrichtig gewesen, aber insgesamt war es eine Erfindung meinerseits…

Ganz ernsthabt aber berichtet die LN über den Ausbau des Freilichtmuseums in Oldenburg (Holstein), hier nachzulesen …

Und auch in Halle ist eine kleine Ausstellung im Landesmuseum eröffnet worden, darüber berichtet auch der Fund des Monats April, diesmal kein Scherz…

Euer Isí

Verdammt lange her!

Gestern, am 18.03.2014, hat der Archäologe Torsten Schunke neue Erkenntnisse zur (Steinzeit-) „Stadt auf der Heide“ unter dem Titel: Großsteingrab und Steinzeitfestung – Die Dölauer Heide bei Halle in neuem Licht im Hörsaal des Landesmuseums für Vorgeschichte vortragen können.

Seit ich in Halle wohne, hat mich die gewaltige Anlage auf der „Bischofswiese“ im Waldgebiet Dölauer Heide fasziniert. Hintereinander gestaffelte Wälle schützten nicht nur wenige Häuser, sondern eine gewaltige (Stadt-)Siedlung. Tore, Wälle, Anlage, alles ist für den, der es weiß, noch deutlich im Gelände zu erkennen.  Eine ca. 25 ha umfassende Fläche war durch ein mehrfach gestaffeltes Grabensystem mit zusätzlicher Innenpalisade umfaßt und geschützt. Das monumentale Grabensystem ist heute noch im Gelände zu sehen. Aber besonders deutlich wurden die auch an den Hängen angelegten tiefen Gräben im modernen Laserscan, hier zu sehen… Durch zwei Tore kam man in die Siedlung, eines davon war durch einen sanft ansteigenden Einschnitt auch für Wagen passierbar. Für die Palisade hinter den Gräben mußten ca. 15 000 Bäume gefällt und bearbeitet werden. Zwar sind nur im Grabenbereich zahlreiche Suchschnitte angelegt worden, der Innenbereich  nur am Rand ergraben worden, aber durch umgefallene Bäume im heute bewaldeten Innenbereich kamen immer wieder Keramikscherben ans Tageslicht. Schunke nimmt an, dass auch ein großflächige Besiedlung des Bereiches Bischofswiese möglich gewesen sein könnte. Wem gehörte diese bewohnte Festung?

Die Baalberger Kultur

Wir befinden uns noch in der Steinzeit, genauer gesagt der Jungsteinzeit. Eine schöne Einführung dazu bieten die Seiten des Hallenser Landesamtes für Archäologie, hier anzuklicken… Das gesamte Elbe-Saalegebiet war entwaldet worden, wurde für den neolithischen Ackerbau benutzt und war dementsprechend dicht besiedelt. Die „Stadt auf der Heide“, wie ich die Momumentalfestung der Jungsteinzeit nenne, wird der Baalberger Kultur zugerechnet, die von ca. 6.000-5.400 Jahre vor heute nach den festgestellten Keramikfunden im oben angesprochenen Gebiet vorherrschte. Die Baalberger Kultur ist ähnlich wie der ihr folgenden Salzmünder Kultur Teil der jungsteinzeitlichen Trichterbecherkultur. Etwa vor 5600 – 5500 Jahren errichteten die Menschen der Baalberger Kultur die Momentalanlage in der Dölauer Heide. Wir haben zwar eine Menge Keramikscherben und weitere Funde, hier einige Beispiele … Aber zum Thema Häuser ist archäologisch wenig auszusagen, wie Torsten Schunke weiter ausführte. Deswegen ist seriös nichts darüber zu sagen, wie die Innenbesiedlung der Bischofswiese wirklich ausgesehen haben könnte.

Vom Monumentalwerk zur Totenstadt

Zwar wurde der Lange Berg nahe der Bischofswiese, im Vergleich dazu winzig, noch einmal von der Bernburger Kultur 5.100-4.650 Jahre vor heute besiedelt, aber danach blieb der Berg wüst und wurde später zu dem Wald, wie er heute vor uns liegt. Allerdings reihen sich am Rand der großen Hügel der Heide die z.T. verzierten Steinkammergräber der Bernburger Kultur und der späteren Schnurkeramiker (4.800-4.100 Jahre vor heute) wie Perlen auf. Diese Gräber sind im Musem oder direkt vor Ort an exponierter Stelle zu besichtigen. Das ist alles verdammt lang her …

Euer Isí

 

Die Steinzeit an den Himmel nageln

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Das Atrium mit dem Steinkammergrab aus der Dölauer Heide und dem Pfeilschauer; Foto Andrea Hörentrup, LDA Sachsen-Anhalt

 Vielleicht ergeht euch das auch so: Die Anfangschritte im Museum, frühe Steinzeit und Neolithikum, reizen mich nicht im geringsten, schnell durcheile ich diese Teile, um zu den „spannenderen Zeiten“ zu kommen. Ich geschehe dies ohne Scham, obwohl mich am gestrigen Abend, den 13. November 2013 um 19 Uhr ein befreundeter Steinzeitler eingeladen hatte. Der Grund: Es gibt eine neue Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle mit dem Titel „3300 BC : Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt“,die ab heute 14. Nov. 2013 ihre monumentalen Pforten für die breite Öffentlichkeit auftut.

 „Wir sind alle Neolithiker!“, begrüßt Landesarchäologe Harald Meller die Eröffnungsgäste und schießt mit seiner Steinzeit-Uzi einen Ausstellungspfeilhagel auf alle ab. Er ist heute locker drauf, der Herr der Scheibe weiß sich unter Freunden und Gönnern, und wer in „Science“ veröffentlicht, „hat immer recht“. Und bevor ich weiter berichte, oder wie befürchtet über das „Schauerhaus“ in Halle rumnörgele, sage ich gleich: Nein, will ich heute gar nicht, es hat mir gefallen, denn das Team in Halle, Stadelmacher, Schunke, Wunderlich und alle, haben es geschafft, ihren Chef gut in Stellung zu bringen. Es ist ihnen gelungen, neolithische Steinzeit spannend zu machen und einen regionalen Fund, das Erdwerk von Salzmünde vor den Toren von Halle, so aufzubereiten, dass es interessant wird, richtig interessant. Wenn ich das Lied des Landesarchäologen singe, fragt man sich aus welcher Alchemistenwerkstatt der Wein stammt, der zur Eröffnung ausgeschenkt wird. Nein, ich sage euch, knallharte Geschichtsbloger wie mich kann man nicht mit Leckerschinken und Rotwein überzeugen, da muss knallharte Überzeugungsarbeit ran.

Eine Bestattung am Fundplatz Salzmünde während der Ausgrabung; Foto Torsten Schunke, LDA Sachsen-Anhalt

 Bereits bei den Eröffnungsreden merkt man, Halle muss niemanden mehr etwas beweisen. Trommeln, die auf die vielen in Salzmünde gefundenen Tontrommeln hinweisen, schlagen zur Ausstellungseröffnung, wir stehen dem Pfeilhagel gegenüber, der Hohepriester des Amtes erscheint, begrüßt die Stammeshäuptlinge und danach auch jovial das Fußvolk. Finanzminister Jens Bullerjahn wegen seiner Sparpläne an der Universität eigentlich im Moment in Halle eine Unperson, ist froh, dass der Steinzeitpfeilhagel von ihm wegfliegt. Er lobt nicht nur das Landesmuseum, er ist geradezu euphorisch drauf und bringt dies kurz und knapp rüber. Beifall in Halle, das ist der Minister gar nicht mehr gewohnt! Frau Wessler stellt die Förderung durch die Volkswagen-Stiftung in den Vordergrund, gut, das ist ihr Job und wir machen einen braven Diener. Die Chauffeuse des Blogers fährt zwar lieber Renault, aber egal, denn jetzt tritt der Scheibenreiter Meller wieder an das Rednerpult und bringt uns die Bedeutung des Neolithikums für unsere heutige Welt so anschaulich rüber, dass ich am liebsten sofort den Bogen von der Wand nehmen würde, von den Pfeilen die Stahlspitzen abnehmen und mit Flintspitzen bewehren und auf der Peißnitz den Wildschweinen auf den Pelz rücken würde. Nein, nein, das ist jetzt falsch, ich werde ja auf ganz andere Weise vor den Pflug gespannt. Wir sind alle Neolithiker! Ja, auch Du!

Wenden wir uns deswegen den ersten Eindrücken von der Ausstellung zu, die ich in drei Teilen aufschlüsseln würde, die Kuratoren mögen es mir verzeihen, einen allgemeinen Teil von Jericho bis Ötzi, den Hauptteil mit den Funden vom Salzmünder Erdwerk und einen kleinen Ethno-Teil zum völkerkundlichen Vergleich, obwohl ich von diesen Vergleichen nicht viel halte. Minuspunkt, Herr Meller! Schön gedacht, aber man kann auch übertreiben! Der allgemeine Teil besticht nicht nur durch die Dominanz des Pfeilhagel, den tollen Leihgaben, die im üblichen Halle-Schwarz umrandet und präsentiert werden, den riesigen Fotos mit Hinkelsteinen von Mellerix, sondern auch mit einem gewaltigen Steingrab aus der Dölauer Heide. Endlich ist es wieder zu sehen. Die Visualisierung der neolithischen Stadt auf der Heide mit ihren Wällen, Toranlagen und 6fachen Grabensystem hat mich besonders gefreut. Ein dickes Plus! Nach einen Abstecher zu den Pfahlbausiedlungen in der Schweiz und dem ältesten Rad der Welt

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Plakat zur Sonderausstellung „3 300 BC – Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt“; LDA Sachsen-Anhalt
Weitere Informationen auf das Plakat klicken …

trete ich hinüber in den nächsten Raum hinein, hinein ins Rot.

Aber ist denn das noch Wissenschaft? Ist das noch Archäologie? Im Augenschein mit der Steinzeit-Uzi werde ich einen Teufel tun und das zu verneinen. Der Mann bringt es fertig und drückt ab. Und Meller schießt auch schneller. Mich in den (neolithischen) Graben geworfen, kann ich noch rufen: Alte Kritikpunkte, hier geäußert, bleiben: Wieder viel zu wenig für Kinder, der Vorrang der künstlerischen Inszenierung. Aber wie man so sagt: Man gewöhnt sich dran. Sogar die Nörgelbloger! Und es ist wahr, das sind unwiderstehliche Alleinstellungsmerkmale der Hallischen Archäologie-Shows: Die monolithisch stehenden Blockbergungen, die künstlerische Inszenierung und das Geschichtenerzählen oder anders gesagt: „den Toten ein Gesicht geben“. Da ist es schon fast egal, dass ein Pfeilhagel so niemals fliegt, es sei denn wie bei Don Harald mit der Steinzeit-Maschinegun, der das Sternenbanner des Neolithikums an den Himmel nagelt.

 

Sonderband über Edithas Grablegen

06Foto: LDA Sachsen-Anhalt, J. Lipták

So wie hier auf dem Bild des LDA konnte ich auch den Restauratoren unseres Landesamtes über die Schulter schauen, wenn sich die Gelegenheit ergab. Und habe auch schon zuvor darüber geschrieben, siehe Chronico. Lange habe ich auf den (vorläufig) abschließenden Band über die Untersuchungen der Grablegen der Editha (1. Frau v. Otto I.) gewartet. Jetzt ist er endlich raus und ich habe es fast vergessen. Dabei ist der Band für die Ottonendarsteller immens wichtig. So schaut er aus:

Cover_EdithaGrablegen

Wichtige Frage, wo ist der Editha-Sonderband zu bekommen, außer in unseren Lieblingsbibliotheken? Der Buchhandel hat es nicht, auch nicht die Tante A. mit den niedrigen Löhnen. Zu bekommen ist es direkt beim LDA Sachsen-Anhalt. Hier die Bestellliste. Eine Bestelladresse ist dabei. Schlagt zu, ihr werdet es nicht bereuen!

Und was steht drin? Oh, eine ganze, ganze Menge. Der Eindruck, außer das ich unseren Lieblingsheinrich dort ständig abgebildet sehe, ist ein guter! Der 289 S. starke, mit Beilagen und tollen Abb. und Fotos ausgestattete Band gliedert sich folgendermaßen:

Der erste und kürze Teil „Archäologie .- Kunstgeschichte – Historische Einordnung“ von Rainer Kuhn, Ange Neugebauer/Heiko Brandl und Caspar Ehlers schildert das Drumherum der Wiederauffindung des Grabes im Rahmen der Ausgrabungen am und im Dom von Magdeburg. Es wird kunstgeschichtlich ausführlich auf das Grabmal Edithas eingegangen. Seitenlang wird danach der historische Rahmen um die Königin geflochten, inkl Itinerar Edithas und Ottos. Sehr informativ und nützlich, muß ich zugeben.

Der größte Teil des Buches widmet sich der „Analysen – Forschung – Ergebnisse“. Und ich verspreche nicht zu viel: Alle Ottonenfreunde und Ottonendarsteller werden sich beim Lesen alle 10 Finger lecken. Ich erwähne nur kurz besondere Artikeltitel: „Aus dem Bleisarg der Editha – Untersuchung der Textilien“ (Teil 1 und Teil 2), „Die Kaiserin im roten Gewand – Zur Identifizierung des roten Textilfarbstoffes in Edithas letztem Kleid“ und „Pflanzenreste im Editha-Bleisarg aus dem Dom zu Magdeburg. Natürlich wird auch ausführlich auf die vielfältigen Insektenfunde im Bleisarg eingegangen. Da bleibt keine Frage offen. Heinrich meinte, so viel Viecherei hatte er noch nie in einem Fundgut gehabt. Moose und Mineralien werden auch untersucht. Kein Krümel, der hier unerwähnt bleibt. Freut Euch schon auf die Muster von Edithas Kleid!

Der kürzeste Teil des Bandes widmt sich dem damaligen Presseecho und ist betitelt „Königin Editha als Identifikationsfigur“ Ohne Fragezeichen, was mich etwas verwundert hat.

Das soll es zunächst gewesen sein. Jetzt geht es ans ausführliche Lesen.

Euer Isí

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Foto: LDA Sachsen-Anhalt, J. Lipták

Ich war mal wieder radioaktiv

 

Ich hatte für Chronico die Gruppe Forum Traiani im Landesmuseum Halle anläßlich der Pompeji-Ausstellung besucht. Dabei hat mich Anne Sailer von MDR-Figaro „überfallen“:

http://meinfigaro.de/inhalte/fe3bf6e2b1ad6298

Danke an Tomoko Emmerling vom Landesamt, Frau Bode und Herrn Koch vom Landesmuseum, Manuela und Andreas vom Forum Traiani und an Anne Sailer für den schönen Beitrag.

Euer Isí