Käsekuchen-Ottonen in Winterklausur

Winterklausur im Harz, Foto: Hermann
Winterklausur im Harz, Foto: Hermann

Auch im nächsten Beitrag im Ottonenzeit-Blog geht es um Küche und Ernährung. Zu Beginn des Jahres ziehen sich unsere Mitglieder und Freunde zu einer Winterklausur zurück. Diese fand vom 12. – 14. Febr. bereits zum zweiten Mal im Kloster Drübeck statt. Thema dieses Jahr war der ottonische Kitchen-Guide (Küchenführer). Dieser wurde anlässlich der „Kaiserlager“ 2007 u. 2008 erstellt und bedarf dringend einer Überarbeitung und Aktualisierung. Auch kann der Rezeptteil verbreitert und ergänzt werden.

Was wurde um 1000 gegessen und gekocht?

Gewandet im Sommer kann jeder, barfuß im Harz... Foto: Hermann
Gewandet im Sommer kann jeder, barfuß im Harz… Foto: Hermann

Die erste Frage war: Wollen wir uns überhaupt noch mit einen Küchenführer belasten? Gibt es nicht inzwischen Bücher wie die von Doris Fischer (hier im Blog besprochen)? Wir einigten uns auf eine Aktualisierung des ottonischen kitchen-guide. Allerdings soll dieser nicht als (wissenschaftliche) Publikation herauskommen, sondern als digitale Version (in ständiger Überarbeitung) weitergeführt werden. Eine Druckausgabe soll lediglich für den internen Gebrauch im Verein erstellt werden. Dazu wurde ein Vorgehen in mehreren Schritten vereinbart. Ich schätze, dass wir für eine Schlußredaktion noch eine weitere Winterklausur benötigen werden.

Natürlich gab es auch noch andere Themen zu besprechen und zur Winterklausur gehört

Ottonen und Freunde in Walkenried. Foto: Mara
Ottonen und Freunde in Walkenried. Foto: Mara

auch mind. ein Ausflug oder eine Wanderung.  Dieses Mal ging es über den Harz zum Kloster Walkenried. Einen Abschluss fand die diesjährige „ottonische“ Winterklausur beim Käsekuchen in Quedlinburg. Leider war die Wipertikrypta, die wir zur Besichtung auserkoren hatten, geschlossen. Sicherlich ein Programmpunkt zur nächsten Winterklausur.

Außerdem verweise ich hier auf eine Aktualisierung der Termine. In diesem Zusammenhang erwähnt: Die nächste Winterklausur findet vom 10. – 12. Febr. 2017 statt.

Euer Isidorus

Geschichtsdarstellers Bücherfrühling (2015)

Viele Bücher ergeben nur Brei … deswegen meine Vorschau

Es ist zwar noch nicht Frühling, aber dennoch wage ich bereits einen Blick auf drei Neuerscheinungen in diesem Frühjahr, die für Geschichtsdarsteller bzw. Reenactors interessant sein könnten. Alle drei Titel möchte ich im Laufe des Jahres noch ausführlich besprechen, werde sie aber schon einmal kurz vorstellen:

  1.  Für meinen Lieblingstempler Odo könnte dieses Buch, das bereits im nächsten Monat erscheint, interessant sein: Paul M. Cobb erzählt in seinem „Kampf ums Paradies“ die Geschichte der Kreuzzüge auf Basis der auch zahlreich vorhandenen islamischen Quellen. Ich kann mich gut erinnern, dass in einem Buch in meinem Bestand christliche und islamische Quellen bereits gegenüber gestellt worden sind (Peter Milger: Die Kreuzzüge, 1988). Ansonsten ist die Annahme des Autors völlig richtig: Die Geschichte der Kreuzzüge wird in Schule und Historie aus der christlichen Sicht erzählt. Manches Vorurteil alter Kreuzzugspredigten scheint bis heute im Staub der Studierstuben überlebt zu haben. Mit der Veröffentlichung der im Escorial aufgefundenen Lebensgeschichtes des syrischen Ritters Usama ibn Munqidh ergab sich erstmals ein wichtiger Perspektivwechsel. Meine Hoffnung ist, dass uns Herr Cobb mit der Hinzuziehung weiterer Quellen eine ganz andere Sicht auf die Kreuzzüge eröffnet. Andererseits herrscht bei mir eine große Angst vor, dass diese neue Publikation wieder nur ein weiterer Fall für die Abteilung „Orientalistenromantik“ wird. Drücken wir gemeinsam die Daumen! Mit 29,95 € ist jeder Kreuzfahrer und Glaubenskrieger dabei!
  2. Die Mode der frühen Hellenen unter dem Titel „Helenas Töchter – Frauen und Mode im frühen Griechenland“ von Klaus Junker und Sina Tauchert macht mich sehr neugierig. Paris erstes Anliegen nach dem Raub der Helena war, wie seine neue Braut zu angemessener Kleidung und Ausstattung kam. Haben die frühen Griechen die Mode erfunden? Oder ist schöne Kleidung von Mann und Frau der erste Schritt in die Zivilisation für die alten Griechen? Denn wie elegant schon Altägypter, Zweistromländler und Etrusker waren, wissen wir. Ich bin zwar definitiv aus dem Alter raus, um nach der schönen Helena zu haschen, aber für jeden Darsteller, der über den Tellerrand gucken möchte, ist dies eine unerläßliche Ergänzung für die Bibliothek. Das Werk erscheint im April und kostet 29,95 €
  3. Kehren wir ins Mittelalter zurück (dort, wo wir hingehören): Nach „Mittelalter selbst erleben“ und „Spielen wie im Mittelalter“ bringt Doris Fischer nun auch „Kochen wie im Mittelalter“ heraus. Nach den beiden ersten Bänden erwarte ich kein Werk auf Darstellerniveau, eher gute Einstiegsliteratur wie bei den ersten beiden Bänden auch. „Mittelalter selbst erleben“ wartete mit einigen guten Tipps auf. „Spielen wie im Mittelalter“ fand ich sehr oberflächlich, wenn man sich mit Originalquellen beschäftigt hat. Nicht viel erwartend, möchte ich dennoch von der Kochkunst von Doris Fischer gerne überraschen lassen. Denn was es bislang in der Hinsicht auf dem Markt gibt und uns bereits zu einem eigenen internen „Kochführer“ gezwungen hat, ist zum größten Teil nicht zum Genießen und bezieht sich stets auf das Spätmittelalter. Mal sehen, ob Frau Fischer für uns bekömmlicher abschmeckt.  Für 16,95 € sollte ein Gast bei ihr satt werden. Nichts für den sorfortigen Hunger, denn aufgetischt wird erst im Mai.

Euer Bücher-Blumenpflücker Isidorus

 

Wie kochte man in der Grafschaft Barcelona?

Die Grafschaft Barcelona ist einer der frühmittelalterlichen Nachfolgestaaten des Frankenreichen, hier kurz nachzulesen, und steht uns deswegen kulturell näher, als die eher westgotisch-islamischen Königreiche Nordspaniens. Aus diesem Grund ist es interessant einen Blick auf einige arch. Funde zu richten. Dabei möchte ich mich auf das kleine Detail Kochen konzentrieren:kochen2Aus karolingischer Zeit stammen diese Tonfunde, die vom Museum (Historisches Museum der Stadt Barcelona), als Tonbratpfanne interpretiert wurden. Ich bin etwas unschlüssig, ob ich bei dieser Interpretation mitgehen möchte. Falls aber doch, können wir unser Kochgeschirr um ein interessantes Stück Keramik erweitern. Damit zu kochen wird ein interessantes Experiment.

Der nächste Fund dürfte am ehesten von der Größe verwundern. Dafür springen wir ins 12. Jhd.: kochen3Diese zwei Herren in diesem der Romanik zugeschriebenen Bildausschnitts (im nationalen Kunstmuseum Catalunyas) benutzen einen schönen Topf, der mich an Töpfe aus römischer Produktion gemahnte (Römer, bitte an die Wissensfront !) Aufhängung und Kette sind sicher authentisch, über das zubereitete Mahl läßt sich streiten. Es handelt hier um eine der typischen Folterszenen in Märtyrerviten. Von einer Nachahmung mit Verkostung wird dringend abgeraten. Menschenfleisch stand im Mittelalter nicht auf den Speiseplan und ist deswegen nicht authentisch. Bitte den inhaltlichen Kontext beachten!

Vom Topf aus Eisen, Kupfer oder Bronze springen wir weiter zu einer Tonarbeit aus dem 13. Jhd., die ich auch sehr interessant fand:

kochen1Entschuldigt die schlechte Bildqualität, aber die Lichtverhältnisse im Museum waren schlecht und beim ersten Mal habe ich schon den Blitz benutzt, beim zweiten Mal hätte ihr mich nicht wiedergesehen! Die Wärter sind gnadenlos und machen aus Blitzern Eintopf (siehe Bild 2). Ich denke aber, Tontopf und „Stöpfchen“ für das Feuer sind doch zu erkennen. Das hat mich an die Tonfeuerstellen aus Marokko erinnert, auf die man die Tajine, den marokkonischen „Dampfkochtopf“ draufstellt. Und hier gibt es sicher auch eine Verbindung. Zwischen 11. und 13. nahmen die Einmischungen aus Nordafrika in Spanien zu. Davon ist auch Barcelona kulturell nicht unbeeindruckt geblieben. Im Beispiel aber ist die Tonfeuerstelle für einen hübschen Kugeltopf gemacht. Holzsparend und wie gemacht für Lager, wo keine Feuerstellen ausgehoben werden dürfen. Ggf. sogar für große Zelte geeignet. Kochen wie in Barcelona aber leider erst ab dem 13. Jhd., ich würde für für Leute im Cid-Zeitalter noch ein Auge zudrücken, aber nicht für Ottonen! Tut mir leid.

Und da der Missionar jetzt gar ist (siehe erneut Bild 2), muss ich zum Esstisch. In Apfelwein geschmort, schmeckt selbst der zäheste Esel gut.

Heute am Kochlöffel, euer Isí

Essen und Trinken

essentrinken
Quelle: Verlagsinformationen

Schon lange plane ich unseren ottonischen Küchenführer (Kitchen-Guide) zu akt. und zu überarbeiten. Deswegen war ich sehr gespannt, das Buch „Essen und Trinken im Mittelalter (1000-1300)“ in die Hände zu bekommen, das zwar nur im Zeitrahmen die Spätottonik berührt, aber dennoch für uns interessant und hilfreich zu sein scheint. Da es wie Mechhilds Müllers Werk zur Kleidung im Reallexikon der Germanischen Altertums, Ergänzungsbände Nr. 74, erschienen ist, konnte ich es mir vom Preis her auch nicht einfach und unbesehen kaufen. Ich mußte warten, bis das Werk in der Bibliothek für mich greifbar war. Erst jetzt konnte ich einen ersten Blick hinein werfen.

Über 800 Seiten Essen und Trinken

Da heißt es vorsichtig sein und zunächst einige Appetithäppchen nehmen. Wir können natürlich auch in  die Speisekarte bzw. das Inhaltsverzeichnis schauen, um uns einen Überblick zu verschaffen. Es war ein bißchen wie beim „Griechen“ mit den vielen Gerichten, auch das Inhaltsvereichnis ist so umfangreich, dass ich es hier an dieser Stelle kurz zusammenfassen möchte, sonst würde es den Rahmen sprengen:

  1. Einführung (inkl  launische Bemerkungen über Mittelaltermärkte)
  2. Essen und Trinken in der höfischen Literatur
  3. Die (Essens-)Tafel im Bild
  4. Ländliches, städtisches und kirchliches Ernährungswesen in der Dichtung
  5. Archäologisch erschlossene Nahrungsmittel
  6. [sehr knapp abgehandelt] Tischgerät und Küchenutensilien
  7. Interessante Anhänge z.B. “Karfunkelabwatschen”, Konservierung von Lebensmittel, Lebensmittelverfälschung, ernährungsbedingte Krankheiten.

Wie aus der Inhaltsangabe ersichtlich, liebt der Schwerpunkt von Anne Schulz auf der Literaturanalyse unter Berücksichtigung von Ernährung, Tischsitten und -gebräuche. Dies setzt sie aber in Bezug auf die Archäologie, da

sich gerade die epische Dichtung an Idealen orientiert.

Geradezu genervt hat Anne Schulz (neben der Karfunkellektüre), dass Literatur über das Essen im Mittelalter, auch wissenschaftliche, hauptsächlich mit Quellen ab 1300 arbeitet.  Das heißt: Das Bild das bislang in Öffentlichkeit, Schule und Wissenschaft über die Ernährung des Mittelalters verbreitet wurde, ist geprägt vom Spätmittelalter und der frühen Neuzeit. Aber ein Analogieschluss von den Kochbüchern des Spätmittelalters auf die Ernährung des Hochmittelalters ist lt. Anne Schulz nicht statthaft. Deswegen auch ihre strenge Einschränkung auf den Zeitrahmen von 1000 – 1300. Diese Erkenntnis ist in bei seriösen Geschichtsdarstellern schon länger verbreitet. Es wird auch keine Völkerschlacht mit Waffen des 1. Weltkriegs dargestellt. Aber wir freuen uns, dass bei der Wissenschaft diese Erkenntnis nun auch endlich angekommen ist. Aber Frau Schulz ist inzwischen dieser Wissenschaft auch verloren gegangen und arbeitet für ein Schulungszentrum der Bundeswehr.

Erste Blicke ins Werk: Beim Adel arme Kost, einige Mönche schlemmten

Nach einem Nachmittag des Hineinlesens kann ich über ein 800 Seiten umfassendes Werk keine Besprechung verfassen, ich möchte allerhöchstens erste Einblicke geben: Lt. Auswertung der Fundlage kam Wildfleisch nicht in großen Mengen im Hochmittelalter auf die herschaftlichen Tafeln. Auch Fleisch war nicht in Hülle und Fülle auf Herrenhöfen und Burgen vorhanden. Oft unterschiedlich die Ernährung des Herren nichts wesentlich von der seiner Bauern. Festmähler waren Ausnahmefälle. Aber das hatten wir auch schon angenommen. Die Klosterernährung lief nach untersuchten Klöstern nicht immer korrekt nach der Benediktinerregel ab. Bei drei Beispielen war eines (Schaffhausen) in Übereinstimmung mit den Ernährungsbestimmungen der Regel, die Hirsauer Mönche aber haben ihre Kost mit sehr viel Huhn ergänzt. Bei Corvey kamen auch Vierfüßer in den Topf, nach Befund kann man hier auch von Luxusküche sprechen. Aber diese Ausfälle wurden auch schon von Zeitgenossen gegeißelt.

Bei der Verwertung von Tieren wurde alles verwertet. Entgegen der üblichen Lektüre gab es keine Vorlieben des Adels im Hochmittelalter für Brot etc. aus Weizen. Bei der Ernährung der Menschen im Hochmittelalter wurden lt. Anne Schulz sehr viele Wildpflanzen verwertet. Insgesamt war die Küche (natürlich) sehr saisonal geprägt. Die „Vergetreidung des Mittelalters“, wie es Frau Schulz nennt, also die Ernährung durch „Brot, Wein und Mus“ war auch beim Adel greifbar.

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Das salzige Zeitalter

Das Hochmittelalter war ein salziges Zeitalter. Eine authentische Zubereitung würde uns, so lächelt die Anne Schulz zwischen den Zeilen, wohl versalzen vorkommen. Deswegen war auch eine große Menge Getränke vonnösten, wie es sich in der Literatur wiederspiegelt. Die Lehrmeinung von Hungersnöten im Hochmittelalter läßt sich lt. Frau Schulz auch nicht halten.

Die Unwägbarkeiten solcher archäologischen Untersuchungen sind Frau Schulz bekannt und sie stellt sie auch stets im Zusammenhang und in den Vergleich mit der literarischen Überlieferung. Es gibt eine Menge Anhaltspunkte, was damals gegessen wurde, aber wir wissen sehr wenig, wie die Nahrung damals (genau) verarbeitet wurde. Sie plädiert deswegen für „Tabula rasa“ aufgrund der Quellenlage. Rezepte des Hochmittelalter sind nach ihren Ausführungen schlimmstes „Histotainment“, ja pure Erfindung.

Es ist nicht nur eine Fleißarbeit, da steckt auf jeder Seite Substanz dahinter. Und ich nehme auch Frau Schulz nicht die launigen Bemerkungen über die Mittelalterszene übel, sie hat mit vielen Bemerkungen darüber recht.

Ein Fazit traue ich mich (noch) nicht. Was die Praxis in lebendiger Geschichte und Reenactment (den unbelehrbaren Mittelaltermarkt klammer ich hier gleich aus) keinesfalls tun sollte, ist die Erkenntnis der Anne Schulz zu ignorieren. Mit diesem Buch liegt den Kochtruppen des Hochmittelalters ein schwere Stein auf der Brust. Diesen einfach wegzurollen, ist wohl keine Lösung…

Euer Isí