Giftmischer in Halle

Foto: T. Kreutzfeldt
Foto: T. Kreutzfeldt

Zwischendurch eine wunderschöne Geschichte aus der Restaurationswerksstatt in Halle über den „Giftmischer von Wittenberg“. Damit ist nicht unser Ehrenmitglied Heinrich Wunderlich gemeint, sondern … ach, lest selbst, mit Video hier …

Auf jeden Fall eine tolle Geschichte über eine Alchemistenwerkstatt in unserer Gegend und man kann dem Spiegel nur danken, dass so etwas in diesem Magazin immer mal wieder möglich ist.

Euer Isidorus

Der Krieg gehört ins Museum

Ein volles Haus, so wird Archäologie zum Ereignis. Foto: T. Kreutzfeldt
Ein volles Haus, so wird Archäologie zum Ereignis. Foto: To. Kreutzfeldt

so erläuterte Landesarchäologe Harald Meller programmatisch bei der Eröffnung der neuen Sonderausstellung „Krieg“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Selten war die Archäologie so politisch wie heute. Die Spurensuche der Hallenser geriet sich zu einem Mahnmal gegen Krieg und Vertreibung allgemein. Obwohl man das Ausstellungskonzept bereits seit Jahren im Kopf gehabt hatte, waren Meller und Mitarbeiter doch überrascht, wie aktuell Funde und Artefakte angesichts der „Flüchtlingskrise“ sind. Kultusminister Dorgerloh befand in seinem Grußwort: „Wenn wir für jeden Panzer und jedes Sturmgewehr, dass Deutschland in die Welt liefert, einen Flüchtling aufnehmen müßten, ist das Ende der Flüchtlingsaufnahme noch lange nicht erreicht.“

Eine Blockbergung wie ein mahnender Monolith

Über die politische Dimension hinaus, die während der Konzeption der Ausstellung über die Macher hereingebrochen ist, gelang dem Team eine beeindruckende archäologische Sicht auf den Krieg als Kulturphänomen, das die Menschheit nur eine kurze Zeit ihrer Geschichte erlernt hatte und beherrschte. Eine Kulturtechnik, die wir als Menschen  „auch wieder verlernen sollten“. (Meller)

Mahnmal oder Inszenierung einer gewaltigen Blockbergung? Foto: To. Kreutzfeldt
Mahnmal oder Inszenierung einer gewaltigen Blockbergung? Foto: To. Kreutzfeldt

Ein wenig erinnert mich das Ganze an den alten Science-Fiction-Film „2001 – Odysee im Weltall“, in dem ein schwarzer Monolith eine Hauptrolle spiel und Menschenaffen den Krieg erlernen. (tatsächlich, Max-Planck Leipzig demonstriert dies in einem Nachbarraum mit dem Beispiel der Schimpansen!). Dieser Monolith scheint sich direkt ins Foyer des Museums materialisiert zu haben, dem Hauptraum der Sonderausstellung, in dem die Schlacht von Lützen (Dreißigjähriger Krieg) thematisiert wird. Die gewaltige Blockbergung eines Massengrabes vom Schlachtfeld, in dem Soldaten ausgeplündert bis aufs Hemd in die Grabgrube geworfen wurden, steht damit mehr als Mahnmal denn als Ausstellungsstück zu Beginn der Ausstellung und überlagert alles.  Hunderte von Geschosskugeln liegen in einer Vitrine davor.  Das typische Schwarz der Hallenser dominiert die Ausstellungswände, an den Seiten Fotos vom heutigen Schlachtfeld, ein nächtlicher Blick. Ist es wieder mehr Kunst als Archäologie? Das volle Haus zur Eröffnung, Menschen, die auf allen Galerien standen, erscheint tatsächlich als Pop-Event der Archäologie mit dem Landesarchäologen als Hohepriester. Seine Zuhörer klatschen gemessen, das Thema ist ernst.

Funde vom Schlachtfeld bei Lützen (1632) auf einer zeitgenössischen Darstellung der Schlacht. © LDA, Foto: Juraj Lipták
Funde vom Schlachtfeld bei Lützen (1632) auf einer zeitgenössischen Darstellung der Schlacht. © LDA, Foto: Juraj Lipták

Living History ist im Landesmuseum angekommen

Zu jeder guten Inszenierung  gehören auch Statisten: In diesem Fall waren es etwas mehr als ein Dutzend Reenacter von unterschiedlichen Gruppen, die Darstellungen im Zeitfenster Dreißigjähriger Krieg machen. Pikenmänner im Lagerfeuerschein begrüßten die geladenen Gäste im Schein von Lagerfeuern. (Cool, dafür wurden extra designierte Feuerkisten angeschafft, ein bißchen mit dem Flair einer brennenden Mülltonne!), Marketenderinnen gaben nach den Begrüßungs- und Einleitungsworten den Besuchern Brot, Entenbeine etc., Wasser und Wein zur Stärkung aus. Alles, lt. dem Landesachäologen, „in den umliegenden Geschäften geplündert worden“. Die Darsteller waren von einer guten Qualität, soweit ich das beurteilen kann. Über moderne Brillen kann man sich immer streiten. Ins Programm sind sie außer Fanfarenstöße zur Eröffnung nicht einbezogen gewesen, aber die Gruppen erhalten schließlich noch ein eigenes Wochenende zur Entfaltung, hier zu lesen … Archäologie wird so lebendiger, schön, dass es in Halle auch angekommen ist. In UK gehört es wie selbstverständlich dazu, wie wir z.B. im Museum von Culloden erfahren konnten (eigener Bericht, folgt bald).

Tollensetal, eine Schlacht in der Bronzezeit

Schädel mit Hiebverletzung, Fund vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr. © LDA, Foto: Juraj Lipták
Schädel mit Hiebverletzung, Fund vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr. © LDA, Foto: Juraj Lipták

 Natürlich kann die Sonderausstellung, die ohnehin den Schwerpunkt „Lützen“ hat, nicht den Krieg in allen seinen Entwicklungsstufen und Abschweifungen bis heute darstellen. Genausowenig kann ich der Ausstellung mit all ihren detaillierten Informationen in diesem kleinen Artikel gerecht werden. Aber besonders gefreut habe ich mich auf die Funde vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr., wieder einmal vom Künstler Karol Schauer dramatisch illustriert (wie die ganze Ausstellung). Die Funde werden hier in Halle das erste Mal einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt. Anders als bei der annährend zeitgleichen Schlacht von Kadesch besitzen wir darüber keinerlei historische Aufzeichnungen. Gesichert ist nur eine eine große Gruppe junger bronzezeitlicher Kämpfer, zu kleinen Teil beritten, an den Fluss kam und versuchte diesen zu überqueren. Dabei wurden sie von einer anderen Gruppe Kämpfer mit Pfeilbeschuss bekämpft und am Fluss gestellt. Dabei gerieten mehrere Tausend Männer aneinander. Gekämpft wurde mit Bogen, Holzkeulen, weniger mit Schwertern und im Nahkampf auch mit Messern. Über Steinschleuderbeschuss ist nichts bekannt. Wer diese Schlacht gewonnen hat und worum es ging, entzieht sich auch der Kenntnis der Ausstellungsmacher. Fast hätte ich nicht gemerkt, dass das Hallenser Schwarz plötzlich in den Seitenräumen der Ausstellung zu einem dunklen Blau geworden war.

„Krieg ist eine Sache der jungen Männer, das lerne ich hier“, sagte die beste Ehefrau von allen. Und auch der Landesarchäologiehohepriester schlug in diese Kerbe, in dem er Frauen als Beute und Gewinn im Kriege in seiner Einführung bezeichnete. Frauen schuldlos an den Kriegen? So einfach kann es sicher nicht gesehen werden. Denn zur Gruppengehörigkeit und Ausgrenzung anderer, die Kriege mitverursacht, gehören auch die „Weibchen“ und tragen ihren Teil mit zu bei, wie jeder, der an solchen Prozessen beteiligt ist, rasch merken wird, wenn sie auch in der Geschichte, von kleinen Ausnahmen abgesehen, eher weniger an an Kampfhandlungen beteiligt waren.

„Fischschwanzdolch“ aus Feuerstein aus Bebertal (Sachsen-Anhalt). Das Objekt datiert in die Frühe Bronzezeit um 2300-1800 v. Chr.). © LDA, Foto: Juraj Lipták
„Fischschwanzdolch“ aus Feuerstein aus Bebertal (Sachsen-Anhalt). Das Objekt datiert in die Frühe Bronzezeit um 2300-1800 v. Chr.). © LDA, Foto: Juraj Lipták

Und selbst in den Krieg ziehen?

Ich lade jedenfalls ganz herzlich ein, sich selbst ein Bild zu machen. Zusammen mit der inzwischen größer gewordenen Dauerausstellung (wir sind inzwischen mit dem „Swebenzimmer“ bei den ´ömern angelangt) lohnt sich für diese Sonderausstellung auf jeden Fall eine längere Fahrt, viele sensationelle Leihgaben kann ich hier nicht einzeln erwähnen (z.B. siehe Abb. links)

Geöffnet hat der Krieg von Di-Fr von 9-17 Uhr, Sa, So und Feiertage: 10-18 Uhr, Montag nach Vereinbarung, 24. und 31.12.2015 geschlossen. Die Eintrittskarten (berechtigt zum Eintritt von Sonder- und Dauerausstellung) kosten für Erwachsene 8,- €, ermäßigt 6,- €. Kinder  6-14 Jahre brauchen nur 3,- € bezahlen. Gruppen (ab 10 Pers.) bezahlen 6,- € pro Person. Schulklassen können für 1,- € pro Person herein. Eine Familienkarte (Mutter, Vater und die lieben Kleinen) bezahlen zusammen 16,- €. Weitere Informationen über die Kriegsführung gibt es hier … Und hinweisen möchte ich besonders auf das umfangreiche Veranstaltungs- und Vortragsprogramm hinweisen. Die Sonderausstellung ist vom 06. Nov. 2015 bis zum 22. Mai 2016 geöffnet.

Euer Isidorus

Ottonenland Sachsen-Anhalt

ottonenlandAb 29. Juli (Ausstellungseröffnung 16 Uhr) wird für einen Monat wird im Landesverwaltungsamt Halle, in der Maxim-Gorki-Straße 7 die Ausstellung „Ottonenland Sachsen-Anhalt – Von der Peripherie zur Zentralregion in Europa“ eröffnet. Konzipiert und entwickelt wurde die Wanderausstellung vom Zentrum für Mittelalterausstellungen in Magdeburg. Sinn und Absicht des Zentrums für Mittelalterausstellungen ist es nach eigenem Bekunden, die Mittelalterliche Geschichte und Kulturgeschichte Mitteldeutschlands einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das ZMA ist in der Kulturstiftung Kaiser Otto Magdeburg verankert. Hinsichtlich seiner Aufgaben und Ziele versteht es sich als unterstützende und ergänzende Institution an der Seite des Kulturhistorischen Museums Magdeburg. Das wird auch in der stark kunsthistorisch ausgerichten Ausstellung deutlich:

Tafelausstellung über 12 Stationen

Die Ausstellung widmet sich zwölf Kunst- und Kulturdenkmälern der ottonischen Ära im Bundesland Sachsen-Anhalt. Am Beispiel ausgewählter Sehenswürdigkeiten behandelt sie politische, gesellschaftliche und kulturelle Aspekte der ottonischen Geschichte. Einzigartige Denkmäler gehören zu den vorgestellten Orten: Die Kirche St. Cyriakus, die eine der am besten erhaltenen ottonischen Kirchen überhaupt ist. Quedlinburg, Ort festlicher ottonischer Hoftage sowie die Pfalzanlage Tilleda oder Memleben, der Sterbeort Heinrichs I. und Ottos des Großen. Das Zentrum der Schau, wie auch des ottonischen Herrschaftsbereiches, bildet Magdeburg. Hier lag die Lieblingspfalz Ottos des Großen, der Mittelpunkt des von ihm gegründeten Erzbistums und Ort der Grablege des Kaisers. Erst vor wenigen Jahren bestätigten sensationelle archäologische Funde, dass in Magdeburg auch Ottos I. erste Gemahlin Editha bestattet worden war. Während der Regierungszeit Ottos des Großen (936-973) erlebte das ottonische Herrschaftszentrum zwischen Harz und Elbe eine Blütezeit, die von kulturellem und wirtschaftlichem Aufschwung sowie dem Ausbau der Kirchenstruktur geprägt war. Mit Hinblick auf die politischen Verbindungen des Adelshauses kann man mit Recht behaupten, dass die Ottonen innerhalb kurzer Zeit in die europäische Machtelite aufgestiegen waren. Heiratsbeziehungen nach England, Ausdehnung des politischen Einflussgebietes nach Italien und Expansionskriege gegenüber den Dänen und Slawen prägten ihre Herrschaft. Der enorme Machtzuwachs der Ottonen wurde auch in ihrem heimatlichen Kerngebiet spürbar, das sich binnen kurzer Zeit von einer ländlichen Peripherie zur Zentralregion im Herzen Europas wandelte.
Nach erfolgreichen Präsentationen in Magdeburg und Berlin wird die Schau nun in Halle und anschließend in Braunschweig zu sehen sein. Weitere Stationen im In- und Ausland werden folgen. Weiteres zur Ausstellung im Katalog…

Es ist sicher keine Ausstellung, zu der man sich ins Auto setzt, um durch das ganze Bundesgebiet zu fahren. Aber die Bewohner von Halle, Leipzig und dem ganzen Süden Sachsen-Anhalts dürften herzlich eingeladen sein, sich über die Ottonen zu informieren. Ein Thema, das im Schulunterricht nur am Beginn der Sekundarstufe I. vorkommt, auch im Ottonenland Sachsen-Anhalt. Eine Ausstellungskritik folgt etwas später, leider nicht gleich nach der Eröffnung, sondern erst Mitte August.

Euer Isí

Blick in die Stadtarchäologie Halles

Im Moment wird bei uns im Innenstadtbereich sehr stark gebaut. Es mag bedauerlich sein, dass alte Gebäude abgerissen werden müssen und Handelsketten dort etwas Neues hinklotzen, aber für die Archäologie eröffnet es natürlich Chancen. So gibt es momentan eine kleine Grabung in der Großen Ulrichstraße: Dort sind ungestörte Teile des Friedhofes der alte Ulrichskirche, die sich dort in der Nähe befand, gefunden worden (siehe Plan, St. Ulrich.)
karte-kirchen-halleEine größere Grabung wird derzeit an der Leipziger Straße durchgeführt (unterhalb des roten Pfeils auf der Karte) und ich erhielt gestern im Rahmen des Stammtisches der Archäologischen Gesellschaft die Gelegenheit eine kleine Führung dort zu genießen. Das war eine schöne Überraschung, die ich sehr begrüßte, denn ich habe schon eine Zeitlang der der Stelle Kiebitz gespielt. Natürlich möchte ich hier nicht die Ergebnisse des Ausgräbers, Herrn Neumann, und der Stadtarchäologie vorwegnehmen. Aber so ein bißchen über das Gesehene erzählen darf ich sicherlich: Die Mauerreste reichen bis ins 16. Jhd. vielleicht auch noch später zurück. Keramik ist von spätslawischer Keramik bis Steinzeug und glasierter Keramik das ganze Spektrum der mittelalterlichen Keramik Halles gefunden worden. Alles paßt ins Bild, das auch Volker Herrmann am Marktplatz vorgefunden hat. Ein steingefasster Brunnen kam erst vor kurzem zum Vorschein und anhand bearbeiteten Horn- und Knochenteilen wird angenommen, dass sich auch hier die Werkstatt eines Knochenschnitzers und Kammmachers befand. Wie aus der Karte oben hervorgeht, liegt die Ausgrabung außerhalb der ottonischen Kernsiedlung. Inwiefern die spätslawische Keramik auf eine Besiedlung bereits im 11. Jahrhundert an dem Standort hinweist oder aus anderen Gründen in die Erde gelangte, bleibt ungeklärt.

Euer Isí

 

Jüdisches Leben in der Ottonenzeit

Efraim Joel gewidmet

Mein Beitrag „Juden in der Ottonenzeit“ ist ein unfertiger Versuch, den ich einem alten, leider schon verstorbenen Freund widmen möchte. Waren die Juden in der Ottonenzeit Fremde (fremde Händler?) oder bereits Einwohner? Dieser Frage möchte ich vorsichtig nachgehen.  Wie schwierig Zugehörigkeiten noch heute zu beantworten sind, zeigt das Beispiel meines Freundes: Efraim, mein Freund, fühlte sehr deutsch und liebte die deutsche Sprache, er war am Ende seines Lebens aus Notwendigkeit israelischer Staatsbürger. Der jüdischen Religion aber stand er nie sehr nahe. „Die heiligen Männer“, wie er sie nannte, waren ihm nicht geheuer. Sein Misstrauen gegen Fundamentalismus jeglicher Art hat sich tief in mir eingeprägt.

Kontinuität oder Neubeginn ?

Vor über 1000 Jahren stand das jüdische Leben in Mitteleuropa erst am Beginn. Lediglich am Rhein, in Städten wie Köln gab es länger zurückliegende jüd. Traditionen. Kürzlich erfolgte Ausgrabungen dort belegen eine Kontinuität vom Altertum bis in die Ottonenzeit. Sven Schütte und Kollegen belegen eindrucksvoll die Kontinuität der Kölner Gemeinde von der Spätantike bis zum Progrom 1096 und ab 1105 bis 1424. (siehe: „Von der Ausgrabung…“ in der Literatur).  Mit dem Untergang des römischen Reiches scheinen andere bestehende jüdische Gemeinden jedoch verschwunden zu sein. Viele gründeten sich im Frühmittelalter neu und begannen einen Neuanfang. Diese jüdischen Siedlungsanfänge nutzten die beginnende Stabilität im ottonischen Ostfrankenreich. Dazu kam die Sicherheit durch den kaiserlichen Rechtschutz, unter den die Juden ab den Karolingern und Ottonen standen. Dieser Grundsatz schlug sich noch im Sachsenspiegel Eike von Repkows (1220 – 1235) nieder: Ein Christ, der einen Juden tötet, wird aus diesem Grunde enthauptet.

Sie kamen als Händler

Durch die Ausgrabungen in Köln ist klargeworden, dass einiges vom in der Antike entstandenen jüdischen Leben bis in die Ottonenzeit Bestand hatte. Nachrichten über jüdisches Leben im Frankenreich sind dagegen spärlich (wie über manch anderes auch!), aber vorhanden: Bei der Rückeroberung von Narbonne leisteten jüdische Einwohner 759 den Franken Waffenhilfe und eine Gesandtschaft Karl des Großen nach Bagdad war nur mit jüdischer Hilfe möglich. Bei der Durchsicht der spärlichen Quellen und der Nachrichten scheint es mir so, das Fernhandel zwischen Europa und den Gebieten des Orients (inkl. Spanien), sogar bis nach Indien und China zu einer jüdischen Angelegenheit geworden war. Der arabische Schriftsteller Obbaidallah ibn Khardadtbeh erwähnt um 870 die jüdischen Kaufleute und ihre weitreichenden Handelswege, die vom Frankenreich bis nach Palästina, über den Seeweg über das Rote Meer bis nach Sind, Indien und China reichen. Auch nach Byzanz, nach Bagdad und ins Land der Chasaren führen diese Handelswege. Diese jüdischen Händler sind auch für die Ottonenzeit belegt: Ibn Jakubs „Berichte von Fürstenhöfen des 10. Jahrhunderts“ beweisen seine Anwesenheit u.a. in Prag und in Magdeburg. Es waren auch jüdische Händler, die den „Slawenhandel“ über Prag, Regensburg (Funde von Fußfesseln), Verdun nach Spanien organisierten. Laut dem arabischen Geographen ibn Hauqal übernahmen die jüdischen Händler die nötigen Operationen zur „Herstellung“ der begehrten slawischen Eunuchen, die nach nach Spanien weiterverkauft wurden. Vermutete Gegenleistung für die durch Kriegszüge erbeuteten Slawen waren Waffen für die ottonischen Miles aus den Waffenmanufakturen von Al Andalus (islamisches Spanien). Besonders der Winterfeldzug 928/929 von Heinrich I. scheint diese Vermutung sehr zu unterstreichen. Die spanischen Waffen wurden dringend gegen die Ungarnabwehr gebraucht. Jüdische „Slawenhändler“ waren es auch, die den Abgesandten von Otto I., Jahannes von Gorze, an den Hof des Kalifen von Córdoba geleiteten. Und auch der Gegenbesuch von Recemund von Elvira im Auftrag des Kalifen bediente sich des Netzwerkes jüdischer Händler und ihrer weitgespannten Verbindungen.

Weitere Händler sind in Magdeburg (965) und Halle (973) nachgewiesen. Wieweit in Siegmar von Schultze-Galléras zweibändigem Werk „Das mittelalterlicher Halle“ die Ansiedlung von Juden in der Ottonenzeit im Stadtgebiet von Halle bereits erfolgte, bleibt fraglich. Allerdings kann ich seinem Gedanken folgen, das Juden in eigenen Viertel deswegen siedelten, nicht weil sie sich als Juden separierten oder separiert wurden, sondern weil sie als Händler zusammen einem Gewerbe nachgingen, das zu dieser Zeit fast ausschließlich ihnen überlassen wurde.

Die ersten Gemeinden

Evt. 4000 bis 5000 jüdische Einwohner wird es um 1000 im ostfränkischen Reich gegeben haben. Vorhanden war eine jüdische „Urbevölkerung“ (siehe oben Köln), zusätzlich erfolgte ein Zuzug hauptsächlich aus Italien und Frankreich. Belegt ist z.B. die Übersiedlung der Familie Kalonymos von Lucca (Italien) nach Mainz. Thietmar von Merseburg berichtet darüber, in welcher Nähe sich besagter Kalonymos zu Otto II. im Jahr 982 befand:
„Da fielen, – o der schmerzlichen Erinnerung! – am 13. Juli Richari, der Lanzenträger des Kaisers, ferner Herzog Udo, der Oheim meiner Mutter, und die Grafen Thietmar, Bezelin, Gevehard, Günther [Markgraf zu Meißen], Ezelin und dessen Bruder Bezelin, nebst Burchard und Dedi und Konrad und unzähligen anderen, deren Namen nur Gott weiß. Der Kaiser aber entkam mit seinem Neffen Otto fliehend ans Meer, und wie er in der Ferne ein Schiff, eine sogenannte Salandria, erblickte, schwamm er auf dem Rosse des Juden Calonymos darauf zu; das Schiff aber fuhr vorüber, ohne ihn aufnehmen zu wollen.
Als er dann wieder nach den Schutzwerken am Ufer zurückkehrte, fand er den Juden noch daselbst stehen, indem er voll Angst abwartete, wie es seinem geliebten Herrn ergehen möchte. Als nun der Kaiser die Feinde herankommen sah, fragte er den Juden traurig, was nun wohl aus ihm werden sollte? Dann warf er sich, als er auf einer anderen Salandria, die der ersten nachfolgte, einen ihm wohlgesinnten Mann bemerkte, von dem er Hülfe erwarten konnte, aufs neue mit dem Rosse ins Meer, erreichte das Schiff und ward, indem ihn nur jener eine, der sein Dienstmann war, Namens Heinrich, auf Slavisch Zolunta genannt, erkannte, von demselben ins Fahrzeug gelassen und auf das Bett des Schiffsherrn gebracht. “
Geschildert wurden die Geschehnisse um die verloren gegangene Schlacht am Cap Colonna gegen die Sarazenen, die im Prinzip ein Patt war, da die Araber ihren Anführer verloren und so starke Verluste hatten, dass sie sich nach Sizilien zurückziehen mussten. Auch die ottonische Reichsgewalt war stark angeschlagen, aber immerhin lebte Otto II. noch. Allerdings überlebte er nur  dank der Hilfe eines Juden, eines Slawen und der Besatzung eines byzantinischen Schiffes.
Die ältesten Gemeinden sind  Köln und Mainz, die durch Zuzug im 10. Jahrhundert neu erblühten, Magdeburg ist lt. Backhaus 961 unzweifelhaft belegt.  Bei Regensburg als Drehscheibe für den „Slawenhandel“ ist es nicht verwunderlich, dass dort um 981 bereits eine jüdische Gemeinde erwähnt wird. Halles Gemeinde ist für die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts archäologisch durch einen Friedhof nachgewiesen. Weitere Gemeinden in Trier (1066), Worms (1084) und Speyer (1090) folgten. Zunächst bevorzugten die Gemeinden für den Handel die frühen urbanen Zentren bevorzugt im Rheinland. Sie bekamen von König oder ortsansässigen Bischof Rechte und Privilegien und werteten die Stadt mit ihren (zunächst überwiegend) Handelshäusern auf. Ob sie Schrittmacher einer frühen Urbanisierung waren, das halte ich allerdings für zu hoch gegriffen. Dafür war ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung im 10. u. 11. Jahrhundert zu gering. Von dort breiteten sich die Gemeinden später aber auch in ländliche Regionen aus: Jüdische Bauern produzierten im ländlichen Wein den eigenen (koscheren) Wein für die nachfragenden Gemeinden und sind neben den Mönchsorden wohl für die Verbreitung des Weinbaus in Deutschland verantwortlich.

Stätten jüdischer Gelehrsamkeit

Während sich in den dt. Stämmen im 10. Jahrhundert so etwas wie ein Gefühl der Gemeinsamkeit entwickelt (womöglich zuerst im kriegsführenden Adel), das zu gemeinsamer Sprache und Kultur der Deutschen führte., waren es die in den Rheinlandgemeinden Worms, Speyer und Mainz beheimateten Talmud-Schulen (Jeschiwen), die eine neue Ausrichtung des Judentums begründeten: Die dort im 10. u. 11. Jahrhundert entstandenen Schulen prägten den Begriff „Aschkenasim“ (=der Deutschen). „Aschkenasim“ bezog sich seitdem auf alle Juden Europas ausgenommen die Sepharden (Sepharad=Spanien) Spaniens, Portugals und ihrer späteren Diasporas in Europa und im Orient (u.a. im osmanischen Reich).
Durch regen Austausch von Lehrern und Lehrmeinungen verbreitete sich die die aschkenasische Interpretation des Talmuds in weiten Teilen Europas, wurde bedeutend, wenn nicht gar beherrschend. Die aschkenasischen Lehrer bewerteten den überlieferten sogenannten babylonischen Talmud (500 n. Chr. entstanden) neu und wandten sich  demokratischeren Wurzeln in der Gesetzeslehre zu.
Bedeutende Vertreter der Aschkenasim in der Ottonenzeit und kurz danach waren Rabbi Gerschom ben Juda (ca. 960 – 1028), der in Mainz lehrte und wirkte, und der aus der Wormser und Mainzer Schule hervorgegangene Rabbi Salomon ben Isaak genannt Raschi, der später in Troyes lehrte:

  1. Rabbi Gerschom mit dem Beinamen „Licht des Glaubens“ versuchte das jüdische Recht mit dem damals u.a. geltenden Recht „Lex Salica“ in Einklang zu bringen. Er verbot die noch im Judentum erlaubte Polygamie, auch die Scheidung gegen den Willen der Frau und sorgte bei den internen Rechtsfällen innerhalb der Gemeinden für eine autonome Rechtssprechung bis hin zu Körperstrafen und Einzug des Eigentums. Gleichzeitig mit dem Recht erfolgte eine Festigung der Sitten und Gebräuche innerhalb der jüdischen Gemeinden. Das Judentum erfand sich im aschkenasischen Lehrgebiet also neu und im Austausch mit der Umgebung („Wie es so christelt, so jüdelt es sich“ und umgekehrt). Das in der Rechtsprechung enthaltene Bannrecht gegen Gemeindemitglieder konnte von der Führungsschicht natürlich auch gegen Zuzügler oder unliebsame Personen ausgesprochen werden.
  2. Aus den rheinischen Jeschiwen stammte auch Raschi von Troyes, der als größter Talmudkommentator des Mittelalters gilt und dessen Auslegungen bis heute im Studium und in der religiösen Erziehung Gültigkeit haben. In der von mir gerne gehörten Radiosendung „Zum Sabbat“ bin ich auch wiederholt auf Raschi gestossen worden.

Wichtig für die aschkenasische Richtung des Judentums war die bereits erwähnte Kalonymos-Sippe, deren weite Verzweigungen, weitgespannte Handelsverbindungen und deren Einfluß für eine weite Verbreitung sorgt. Als späte Nachfahrin der Familie gilt die deutsche Lyrikerin Else Lasker-Schüler.

(Mind.) 1000 Jahre Gemeinsamkeit

Am Beispiel der Kalonymiden wird klar, wie Nationalismus und Antisemitismus ein ungeheures Verbrechen ab 1933 an unseren Landsleuten, den Aschkenasim, verübt haben. Die im 7. – 13. herrschende Wärmeperiode ließ Händler zuerst im Rheinland, später auch an den Handelsrouten sesshaft werden. Ihre Umgangssprache wechselte vom Arabisch zum Rheinfränkischen, später zum Mittelhochdeutschen, aus dem sich das Jiddische entwickelte. Dieses hatte wiederum großen Einfluss auf das Hochdeutsche und seine Dialekte. Hebräisch verblieb dagegen als Schrift, Kult- und Wissenschaftssprache. Eine ähnliche Zweiteilung können wir auch zwischen Volkssprache und Latein feststellen. Von einigen unserer Sagen sind die ältesten erhaltenen Exemplare in hebräischen Buchstaben überliefert. Dies nur als Beispiel vieler Gemeinsamkeiten, die in der Ottonenzeit begannen. Die Könige und Kaiser, die den ersten jüdischen Gemeinden Rechte und Schutz gewährten, handelten weise und sahen den Vorteil und die Bereicherung durch neue Einwanderer. Die Geschichte der Aschkenasim begann unter den Ottonen, sie darf nicht beendet sein. Nach über 1000 Jahren gemeinsamer Geschichte, wenn auch mit sehr viel Leid vermischt, darf ich sagen: Wir sind ein deutsches Volk aus Juden, Christen, Moslems und vielen anderen mehr.

Falsche Orientalistenromantik

Bei meinen Recherchen bemerkte ich folgenden Sachverhalt, der mich störte und gerade deswegen korr. werden muss: Gerne werden die Verfolgungen der Kreuzzugszeit zum Anlass genommen, das Emirat/Kalifat Córdoba bezüglich der Lebensverhältnisse und einer  Gleichberechtigung der Juden dort zu verklären. Zunächst war das Kalifat in Spanien längst Geschichte, als die Kreuzzüge begannen! Und es wird vergessen, dass bereits 1066 ersten Pogrome an Juden in Granada stattfanden, lange vor den Kreuzzügen, und die Vertreibungen und Progrome der aus Afrika gekommenen Almoraviden-Sekte zeitgleich mit denen des Kreuzzugsmob stattfanden. Die jüdischen Flüchtlinge wurden übrigens von den christlichen Königen auf der Halbinsel mit offenen Armen empfangen. Nein, Juden und Christen wurden (und werden) im Islam als „Religionen des Buches“ geachtet, das hinderte Fanatiker jedoch nicht, Verfolgungen und Vertreibungen zu unternehmen. Islamischer Verfolgung jüdischen (und christlichen) Lebens fehlte lediglich die im Christentum durch Teilen der Institution Kirche installierte Verfolgungsideologie. Diese stand oft im krassen Widerspruch zum Rechtschutz christlicher Herrscher (auch geistlicher). Das Geduldetsein war in beiden Kulturkreisen gefährlich, wie die Geschichte zeigt. Da gibt es nichts zu romantisieren oder zu verklären. Leider.

In einen zweiten Teil möchte ich mich dem jüdischen Leben im Mittelalter in Halle widmen. Bis dahin, Euer Isí

Empfohlene Literatur:

Backhaus, Fritz: Die Juden von Halle im Mittelalter in: Geschichte der Stadt Halle / Mitwirkung (sonst.): Minner, Katrin. Herausgegeben von Freitag, Werner / Ranft, Andreas. – 1. Auflage – Halle : Mitteldeutscher Verlag, 2006. – 2 BD. Gebunden in Schube.

Die Chronik des Thietmar von Merseburg / nach der Übers. von J. C. M. Laurent, J. Strebitzki und W. Wattenbach. Neu übertr. und bearb. von Robert Holtzmann. Mit Ill. von Klaus F. Messerschmidt
[Halle] : mdv, Mitteldt. Verl., 2007

Gidal, Nachum T.: Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik : Mit einem Geleitwort von Marion Gräfin Dönhoff / Nachum T. Gidal. – Köln : Könemann Verlagsgesellschaft mbH, 1997. – 440 S.

Hilton, Michael: Wie es sich christelt so jüdelt es sich : 2000 Jahre christlicher Einfluss auf das jüdische Leben / Michael Hilton. – Berlin : Jüdische Verlagsanstalt, 2000. – 319 S.

Jüdisches Leben in christlicher Umwelt : Ein historischer Längsschnitt / Herausgegeben und bearbeitet von Wolfgang Borchardt und Reinhard Möldner. – 1. Aufl. – Düsseldorf : Cornelsen, 1991. – 192 S. – (Themen und Probleme der Geschichte)

Jüdisches Leben in Deutschland
Bonn : Bundeszentrale für Polit. Bildung, 2010; 307

Von der Ausgrabung zum Museum – Kölner Archäologie zwischen Rathaus und Praetorium : Ergebnisse und Materialien 2006 – 2012 / Sven Schütte [(Hrsg.) im Auftr. der Stadt Köln] ; Marianne Gechter. Mit Beitr. von Astrid Bader … 2., erw. und verb. Aufl. [Bramsche] : Rasch, 2012. – 331 S. : zahlr. Ill., graph. Darst., Kt.

Die Steinzeit an den Himmel nageln

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Das Atrium mit dem Steinkammergrab aus der Dölauer Heide und dem Pfeilschauer; Foto Andrea Hörentrup, LDA Sachsen-Anhalt

 Vielleicht ergeht euch das auch so: Die Anfangschritte im Museum, frühe Steinzeit und Neolithikum, reizen mich nicht im geringsten, schnell durcheile ich diese Teile, um zu den „spannenderen Zeiten“ zu kommen. Ich geschehe dies ohne Scham, obwohl mich am gestrigen Abend, den 13. November 2013 um 19 Uhr ein befreundeter Steinzeitler eingeladen hatte. Der Grund: Es gibt eine neue Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle mit dem Titel „3300 BC : Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt“,die ab heute 14. Nov. 2013 ihre monumentalen Pforten für die breite Öffentlichkeit auftut.

 „Wir sind alle Neolithiker!“, begrüßt Landesarchäologe Harald Meller die Eröffnungsgäste und schießt mit seiner Steinzeit-Uzi einen Ausstellungspfeilhagel auf alle ab. Er ist heute locker drauf, der Herr der Scheibe weiß sich unter Freunden und Gönnern, und wer in „Science“ veröffentlicht, „hat immer recht“. Und bevor ich weiter berichte, oder wie befürchtet über das „Schauerhaus“ in Halle rumnörgele, sage ich gleich: Nein, will ich heute gar nicht, es hat mir gefallen, denn das Team in Halle, Stadelmacher, Schunke, Wunderlich und alle, haben es geschafft, ihren Chef gut in Stellung zu bringen. Es ist ihnen gelungen, neolithische Steinzeit spannend zu machen und einen regionalen Fund, das Erdwerk von Salzmünde vor den Toren von Halle, so aufzubereiten, dass es interessant wird, richtig interessant. Wenn ich das Lied des Landesarchäologen singe, fragt man sich aus welcher Alchemistenwerkstatt der Wein stammt, der zur Eröffnung ausgeschenkt wird. Nein, ich sage euch, knallharte Geschichtsbloger wie mich kann man nicht mit Leckerschinken und Rotwein überzeugen, da muss knallharte Überzeugungsarbeit ran.

Eine Bestattung am Fundplatz Salzmünde während der Ausgrabung; Foto Torsten Schunke, LDA Sachsen-Anhalt

 Bereits bei den Eröffnungsreden merkt man, Halle muss niemanden mehr etwas beweisen. Trommeln, die auf die vielen in Salzmünde gefundenen Tontrommeln hinweisen, schlagen zur Ausstellungseröffnung, wir stehen dem Pfeilhagel gegenüber, der Hohepriester des Amtes erscheint, begrüßt die Stammeshäuptlinge und danach auch jovial das Fußvolk. Finanzminister Jens Bullerjahn wegen seiner Sparpläne an der Universität eigentlich im Moment in Halle eine Unperson, ist froh, dass der Steinzeitpfeilhagel von ihm wegfliegt. Er lobt nicht nur das Landesmuseum, er ist geradezu euphorisch drauf und bringt dies kurz und knapp rüber. Beifall in Halle, das ist der Minister gar nicht mehr gewohnt! Frau Wessler stellt die Förderung durch die Volkswagen-Stiftung in den Vordergrund, gut, das ist ihr Job und wir machen einen braven Diener. Die Chauffeuse des Blogers fährt zwar lieber Renault, aber egal, denn jetzt tritt der Scheibenreiter Meller wieder an das Rednerpult und bringt uns die Bedeutung des Neolithikums für unsere heutige Welt so anschaulich rüber, dass ich am liebsten sofort den Bogen von der Wand nehmen würde, von den Pfeilen die Stahlspitzen abnehmen und mit Flintspitzen bewehren und auf der Peißnitz den Wildschweinen auf den Pelz rücken würde. Nein, nein, das ist jetzt falsch, ich werde ja auf ganz andere Weise vor den Pflug gespannt. Wir sind alle Neolithiker! Ja, auch Du!

Wenden wir uns deswegen den ersten Eindrücken von der Ausstellung zu, die ich in drei Teilen aufschlüsseln würde, die Kuratoren mögen es mir verzeihen, einen allgemeinen Teil von Jericho bis Ötzi, den Hauptteil mit den Funden vom Salzmünder Erdwerk und einen kleinen Ethno-Teil zum völkerkundlichen Vergleich, obwohl ich von diesen Vergleichen nicht viel halte. Minuspunkt, Herr Meller! Schön gedacht, aber man kann auch übertreiben! Der allgemeine Teil besticht nicht nur durch die Dominanz des Pfeilhagel, den tollen Leihgaben, die im üblichen Halle-Schwarz umrandet und präsentiert werden, den riesigen Fotos mit Hinkelsteinen von Mellerix, sondern auch mit einem gewaltigen Steingrab aus der Dölauer Heide. Endlich ist es wieder zu sehen. Die Visualisierung der neolithischen Stadt auf der Heide mit ihren Wällen, Toranlagen und 6fachen Grabensystem hat mich besonders gefreut. Ein dickes Plus! Nach einen Abstecher zu den Pfahlbausiedlungen in der Schweiz und dem ältesten Rad der Welt

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Plakat zur Sonderausstellung „3 300 BC – Mysteriöse Steinzeittote und ihre Welt“; LDA Sachsen-Anhalt
Weitere Informationen auf das Plakat klicken …

trete ich hinüber in den nächsten Raum hinein, hinein ins Rot.

Aber ist denn das noch Wissenschaft? Ist das noch Archäologie? Im Augenschein mit der Steinzeit-Uzi werde ich einen Teufel tun und das zu verneinen. Der Mann bringt es fertig und drückt ab. Und Meller schießt auch schneller. Mich in den (neolithischen) Graben geworfen, kann ich noch rufen: Alte Kritikpunkte, hier geäußert, bleiben: Wieder viel zu wenig für Kinder, der Vorrang der künstlerischen Inszenierung. Aber wie man so sagt: Man gewöhnt sich dran. Sogar die Nörgelbloger! Und es ist wahr, das sind unwiderstehliche Alleinstellungsmerkmale der Hallischen Archäologie-Shows: Die monolithisch stehenden Blockbergungen, die künstlerische Inszenierung und das Geschichtenerzählen oder anders gesagt: „den Toten ein Gesicht geben“. Da ist es schon fast egal, dass ein Pfeilhagel so niemals fliegt, es sei denn wie bei Don Harald mit der Steinzeit-Maschinegun, der das Sternenbanner des Neolithikums an den Himmel nagelt.

 

Das Vereinsbüro in Halle

100_7184Wir haben jetzt auch ein kleines Vereinsbüro mit einem angeschlossenen Kurs-, Seminar- o. Vortragsraum (Bild ganz unten, im Moment für Yoga genutzt). Sanitäranl. und kleine Küche sind ebenso vorhanden. Das Büro werden wir gemeinsam mit dem MZ-Geiststraße e.V. nutzen. Hier können auch Seminare und Winter-/Sommer-/Frühings-/Herbstklausuren veranstaltet werden.

Sprech- und Arbeitszeiten sind ab Nov. 2013 jeden Di. ab 17 Uhr, bitte über Feedback-Formular einen Termin vereinbaren!

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Der Kurs-/Seminar-/ und Vortragsraum

Euer Isí

 

Heutige Burg auf dem Giebichenstein nicht ottonisch

Und leider auch nicht salisch. Ich muß den Beitrag vom 19. Febr. 2013 hier korr., nachdem ich mit dem Archäologen Torsten Schunke (und weiteren Mitgliedern der archäologischen Gesellschaft) letzten Donnerstag oben auf dem Giebichenstein gewesen bin. Das hat doch einige Klarheit gebracht: Zwar ist die Ausgrabungsgeschichte der Oberburg (um es höflich auszudrücken) ein Trauerspiel, aber für den Nachgräber Torsten Schunke und seinen Kollegen Mario Küßner ist es recht schnell klargewesen, dass der höfische Ausbau der Oberburg mit Palas, Wohnturm, Kapelle etc. frühestens zu Zeiten des Erzbischofs Wichmann (ca. 1116 – 1192) erfolgt sein kann. Zu ottonischer oder salischer Zeit kann hier allerhöchstens ein vermutlich hölzerner Wachturm gestanden haben. Die Civitas Giebichenstein, die noch im 11. Jahrhundert Marktrecht hatte, befand sich wohl dort, wo heute der Amtsgarten ist, das von mir skizzierte Gebiet der Alten Burg (siehe 1. im Beitrag von 19. Febr.). Ein Teil der Siedlung könnte sich auch auf dem Gebiet der heutigen spätmittelalterlichen Unterburg befunden haben. Schunke ausführliche Veröffentlichung zu seinen Nachgrabungen gilt es noch durchzuarbeiten und hier zu einer abschließenden Bewertung zu kommen.

Euer Isí

Wohnturm des 11./12. Jahrhunderts in Halle

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Reste des Wohnturms befinden sich etwas versteckt im Haus Rannische Straße Nr. 3

Er ist ein Relikt der (Fernhändler-)Frühstadt, die sich um den alten Markt herumgruppiert befand. Die Reste des Wohnturms finden sich enthalten in der Rannischen Straße Nr. 3. Noch im Denkmalverzeichnis des Landes Sachsen-Anhalt von 1996 wurde zwar das barocke Sandsteinportal des 17. Jhds. erwähnt, von älteren Bauteilen ahnte man nichts. Erst nach der Sanierung ab 2008 kamen diese  bauhistorisch wertvollen Überreste der salischen Händlersiedlung  zum Vorschein und sind auch die einzigen Baureste dieser Zeit, die im Stadtbild deutlich zu erkennen sind.  Dazu gehören die zwei Biforienfenster (gekuppelte Rundbogenfenster), 12. Jhd., die deutlich von außen zu erkennen sind, heute allerdings nicht mehr als Fenster dienen.

Eines der beiden Biforienfenster Rannische Str. 3
Eines der beiden Biforienfenster Rannische Str. 3

Da fällt mir gerade ein, dass ich vor kurzem im Zusammenhang mit der Jakobsrotunde einen Stadtplan eingestellt habe, auf dem die Frühstadt deutlich erkennbar ist:

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Die gestrichelte Linie umgrenzte als Wall oder Mauer die Frühstadt mit den Kirchen St. Michael, St. Moritz und Sta. Getrauden

Schade, dass Einwohner (und Touristen) so achtlos an diesem ältesten Zeugnis der mittelalterlichen Geschichte Halles vorübergehen. Immerhin gibt es eine sehr informative Seite auf den Stadtseiten dazu, die auch die Sanierung und Baugeschichte ausführlicher darstellt, als ich es hier kann, klick, eine Bildergalerie gibt es auch dazu, klick..

Euer Isí