Käsekuchen-Ottonen in Winterklausur

Winterklausur im Harz, Foto: Hermann
Winterklausur im Harz, Foto: Hermann

Auch im nächsten Beitrag im Ottonenzeit-Blog geht es um Küche und Ernährung. Zu Beginn des Jahres ziehen sich unsere Mitglieder und Freunde zu einer Winterklausur zurück. Diese fand vom 12. – 14. Febr. bereits zum zweiten Mal im Kloster Drübeck statt. Thema dieses Jahr war der ottonische Kitchen-Guide (Küchenführer). Dieser wurde anlässlich der „Kaiserlager“ 2007 u. 2008 erstellt und bedarf dringend einer Überarbeitung und Aktualisierung. Auch kann der Rezeptteil verbreitert und ergänzt werden.

Was wurde um 1000 gegessen und gekocht?

Gewandet im Sommer kann jeder, barfuß im Harz... Foto: Hermann
Gewandet im Sommer kann jeder, barfuß im Harz… Foto: Hermann

Die erste Frage war: Wollen wir uns überhaupt noch mit einen Küchenführer belasten? Gibt es nicht inzwischen Bücher wie die von Doris Fischer (hier im Blog besprochen)? Wir einigten uns auf eine Aktualisierung des ottonischen kitchen-guide. Allerdings soll dieser nicht als (wissenschaftliche) Publikation herauskommen, sondern als digitale Version (in ständiger Überarbeitung) weitergeführt werden. Eine Druckausgabe soll lediglich für den internen Gebrauch im Verein erstellt werden. Dazu wurde ein Vorgehen in mehreren Schritten vereinbart. Ich schätze, dass wir für eine Schlußredaktion noch eine weitere Winterklausur benötigen werden.

Natürlich gab es auch noch andere Themen zu besprechen und zur Winterklausur gehört

Ottonen und Freunde in Walkenried. Foto: Mara
Ottonen und Freunde in Walkenried. Foto: Mara

auch mind. ein Ausflug oder eine Wanderung.  Dieses Mal ging es über den Harz zum Kloster Walkenried. Einen Abschluss fand die diesjährige „ottonische“ Winterklausur beim Käsekuchen in Quedlinburg. Leider war die Wipertikrypta, die wir zur Besichtung auserkoren hatten, geschlossen. Sicherlich ein Programmpunkt zur nächsten Winterklausur.

Außerdem verweise ich hier auf eine Aktualisierung der Termine. In diesem Zusammenhang erwähnt: Die nächste Winterklausur findet vom 10. – 12. Febr. 2017 statt.

Euer Isidorus

Götterspeise

g-speiseGötterspeise heißt der Blog einer jungen Frau, Andrea, die sich mit keltischen, römischen und mittelalterlichen Rezepten beschäftigt. Diese präsentiert sie sehr ansprechend auf modernen Geschirr und im Stil einer gastronomischen Küche. Der Grenzen des Nachkochens ist sie sich als Archäologin durchaus bewußt. Ihr Anspruch ist: „Möglichst originalgetreu, mit allen wichtigen Quellenangaben“. Einzig bei den keltischen Rezepten muss auch unsere Blogerin bei aller sonstigen Sorgfalt im Dunkeln stochern:

Heute lehne ich mich ein bisschen weit aus dem Fenster. Pfannkuchen als keltisches Gericht zu verkaufen ist natürlich gewagt. Andererseits: Alle Zutaten dafür standen den Kelten bereits zur Verfügung… Quelle

Bei aller Sympathie: „Alle Zutaten standen zur Verfügung“ ist natürlich kein Beleg. Wird allerdings mit Rezepten nach archäologischen Funden gearbeitet, wie hier, ist das zu akzeptieren und wir freuen uns sehr darüber. Sorgfältiger hat sie bei den römischen und mittelalterlichen Rezepten gearbeitet und da gibt es einige leckere Sachen zu entdecken. Hier ist natürlich die Quellenlage wesentlich besser. Dennoch beeindrucken mich Andreas  informative und unterhaltsame Texte zu jedem Rezept. Aber ich muss natürlich noch kritteln (Sonst würde ich bei Andrea auch nur als „Schleimer“ dastehen): Den gebratenen Kürbis, hier zu sehen, sollte doch, nicht nur weil es authentischer ist, mit dem Flaschenkürbis machen. Mit unseren selbstangebauten Kürbissen gab es eine sehr leckeren Nachtisch, bei einem jungen Flaschenkürbis gibt es auch kein Schälen und es ergeben sich leckere Kürbisringe (nach meiner Erinnerung haben wir die mit Honig gemacht).

Zu den mittelalterlichen Rezepten komme ich am Ende: Raaaah, Andrea, mit „Ritter Kunibert“ hast Du mir einen ganz schönen Schreck eingejagt! Zum Glück sehen die Rezepte alle lecker aus, wenn auch wenig für uns Frühmis dabei ist (jedenfalls nach den verwendeten Quellen). Aber das Problem mit der überlieferten überwiegend spätmittelalterlichen Küche, deshalb wir sie auch so benennen sollten, muss hier nicht erörtert werden. Fein, fein, Andreas Weg zur Vermittlung historischer Küche, wenn es auch keine Rekonstruktion, sondern nur eine Annäherung ist. Was mich betrifft, ich freue schon auf neue Rezepte!

Euer Isí

Der Geschmack des Mittelalters

fischer1Angekündigt war es für Mai, erst Mitte September lag es auf meinem Büchertisch: Nach “Mittelalter selbst erleben” und “Spielen wie im Mittelalter” bringt Doris Fischer nun auch “Kochen wie im Mittelalter” heraus. Nach den beiden ersten Bänden erwartete ich kein Werk auf Darstellerniveau, eher gute Einstiegsliteratur wie bei den ersten beiden Bänden auch. “Mittelalter selbst erleben” wartete mit einigen guten Tipps auf. “Spielen wie im Mittelalter” fand ich sehr oberflächlich, wenn man sich mit Originalquellen beschäftigt hat. Nun ging es also ans Kochen! Und was es bislang in der Hinsicht auf dem Markt gibt und uns bereits zu einem eigenen internen “Kochführer” gezwungen hat, ist zum größten Teil nicht zum Genießen und bezieht sich in der Regel auf das Spätmittelalter. Wir sollten angenehm überrascht werden:

 Statt Einsteigereintopf ein rundes Mahl auch für Fortgeschrittene

Für das große Menue hat sich Doris Fischer die Museumspädagogin

Das Feuer ist entzündet, Thb Lütjenburg 2015
Das Feuer ist entzündet, Thb Lütjenburg 2015

Gisela Besau an die Kochstelle geholt. Als zeitlichen Schwerpunkt haben sie sich das Hochmittelalter gewählt. Aber auch für Früh- und Spätmittelalterliche ist das Buch mehr als nur einen Blick wert. Denn beide Autorinnen servieren uns ein rundes Festmahl, ausgewogen und kaum einen Wunsch übrig lassend: Auf der umfangreichen Vorspeisenplatte befindet sich eine „Spurensuche“, in der umfassend auf Schriftquellen, Bildquellen, archäologische Funde (und Interpretationen) und Experimente eingegangen wird. Dem Profi wird es bekannt vorkommen, der Anfänger und Laie erhält eine Einführung in das mühsame Geschäft der Rekonstruktion. Die weiteren Vorspeisen folgen lecker und ansprechend serviert: „Rund um die Küche“, „Rund um den Herd“, „Der gedeckte Tisch“ (Tafeldetails wie Tischwäsche, Besteck etc), „An der Tafel“, „Die Nahrungsmittel“ und „Getränke“. Die Teile „Tisch“ und „Tafel“ profitierten stark von Anne Schulz: Essen und Trinken im Mittelalter (2011). Wer diese dicke Untersuchung nicht lesen mag (oder die Zeit dazu findet), ist mit dieser Zusammenfassung gut bedient. Bei Getränken kommt natürlich auch vor: Wasser. „Selbstverständlich wurde im Mittelalter Wasser getrunken, auch wenn man oft anderes liest“ (S. 44), wie die Autorinnen schreiben. Die Rolle der Frauen bei der Bierproduktion aufzuführen, war den beiden ein großes Anliegen.

Schwerpunkt: Hochmittelalter und Mitteleuropa

Sind wir bereit für den nächsten Gang? Der ist etwas schwerer verdaulich, aber wichtig: Es geht um religiöse Speiseangebote, Fastenzeiten und koschere Küche. Besonders für die kurze Erwähnung der koscheren Küche gab es bei uns besonders viele Pluspunkte. Genauso wichtig und zwar für die christliche Welt waren die Fastenzeiten: „Ein Drittel des Jahres fasten … war für die Menschen des Mittelalter nicht so ungewöhnlich.“ (S.49) Im Reenactment läßt sich das kaum darstellen! Vorratshaltung, ernährungsbedingte Krankkeiten (Stichwort Mutterkorn) und regionalbedingte Ernährungsweisen bilden die nächsten im Buch gereichten Tellerchen. Wie unterschiedlich die Ernährungsweisen auf Burg, auf dem Land, in der Stadt und im Kloster sein konnten, wird im Teil „Ernährung und Lebensraum“ erläutert. Hier hätten die beiden Frauen etwas ausführlicher auf die ummauerten Gärten mit Spalierobst im Hochmittelalter eingehen können, aber ich möchte nicht nörgeln..

Jahreszeitlich kochen !

Kommen wir stattdessen zu den Hauptgängen. Zum Kochen auf mittelalterliche Art gehört das Feuermachen, das offene Feuer, das Kochen im Keramiktopf und das Kochen im Metalltopf. Auch Tipps zum Geschirrreinigen dürfen nicht fehlen.

Jetzt kommt der spannendste Teil, der Höhepunkt des Mahles, die Rezepte. Dabei wird das Problem mit den fehlenden Mengenangaben und den Varianten offen und ehrlich angesprochen und zum eigenen Experimentieren eingeladen. Und immer daran denken: Natürlich kann nur mit den Zutaten gekocht werden, die es in der Jahreszeit auch gab! Der Rezepteteil besteht aus 5 Teilen: Grundrezepte, Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Jede Jahreszeit ist mit einer kurzen Einführung zur Ernährunsweise und den Ernährungsproblemen versehen. Wie praktikabel die Rezepte sind, können wir noch nicht beim trockenen Lesen beurteilen, aber  auf zwei mit der Lagerküche vertrauten Frauen, die mitgelesen haben, machten die Rezepte einen guten Eindruck. Eine Anschlusskritik muss hier also folgen. Einen Minuspunkt gibt es für den Kühlschrank auf S. 65. Alle Rezepte sind mit Hinweisen wie „Lagerküche“, „Lagerküche Gruppen“, „vegan“, „jüdische Küche“ etc. versehen. Kann man machen ! Mit dem andalusischen Hühnchen haben die Autorinnen ein wenig das hochmittelalterliche Europa verlassen,  auch die vielen jüdischen Rezepte sehen wir aber eher positiv. Es sind sehr einfache Sachen dabei, ich habe gerade die Seite mit den Zwiebeln aus der Glut aufgeschlagen liegen (S. 105, Winter), oder auch sehr edle Rezepte wie Fasan mit Quitten- und Kastanienmus (S. 93, Herbst). Mengenangaben und Beschreibungen scheinen mir einleuchtend zu sein. Sehr gut: Bei einigen Rezepten sind auch Hinweise auf arch. Fundorte, datierte Zeit eingesponnen. Ich bin schon gespannt auf das Kochen.

Projektvorschläge und Lebensmittelliste

Kommen wir zu den Nachspeisen. Auch hier gibt es noch zwei Gänge: Die Autorinnen geben praktische Tipps zum Selbermachen: Für die Museumspädagogik geeigent. Am Ende fügen sie eine Liste der Lebensmittel und Kräuter an, die es im Hochmittelalter schon gab (in Europa). Welche Mühe letzteres macht, davon können wir aus eigener Erfahrung ein Lied singen. Und es gibt natürlich einige Unschärfen, auf die wir im Detail nicht eingehen möchten. Diese Liste bitte mit eigenen Quellen verbessern, erweitern und verfeinern. Um ein Beispiel zu nennen, bei der Forelle würde das heißen: Bachforelle ja, Lachsforelle ja, Regenbogenforelle nein, da aus Amerika.

Denn damit wir uns nicht falsch verstehen, „Kochen wie im Mittelalter“ (in dieser Reihe „Orange“, wie man schon sagen kann) ist kein wissenschaftliches Werk, Quellen werden zu einzelnen Stellen selten erwähnt. Der Teil „Weiterführende Literatur“ ist allerhöchstens im journalistischen Sinn als Quelle anzusehen, ist aber mit allen erwähnten Titeln, die mir zum Teil bekannt sind, sehr brauchbar. Die Autorinnen fassen einige neue wissenschaftliche Publikation auf eine brauchbare Weise zusammen. Das Buch ist in die Ratgeberliteratur einzuordnen, da aber in die gehobene Kategorie.

Fazit:

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Das Kochen beginnt: Die Zutaten werden geschnitten, Thb Lütjenburg 2015

Auf so ein Buch haben wir lange gewartet ! Doris Fischer und Gisela Besau ist mit „Kochen wie im Mittelalter“ ein großer Wurf gelungen, der mit Maßstäben der lebendigen Geschichte mithalten kann, also weit über das Einsteigerniveau hinaus geht. Im Bereich Kochen brauchen Anfänger (soweit sie Hochmittelalter machen) kein anderes Buch und auch alte Hasen können noch etwas dazu lernen. Kurz: Dieses Buch gehört in die Büchertruhe! Auch für Frühmis noch brauchbar! Und mit 16,95 € hat uns der Theiss-Verlag auch einen verdammt guten Preis gemacht! Greift also zu oder legt es Euren Leuten später zum Christfest auf den Gabentisch!

Ohne Vorbehalte begeistert, Euer Isidorus

Geschichtsdarstellers Bücherfrühling (2015)

Viele Bücher ergeben nur Brei … deswegen meine Vorschau

Es ist zwar noch nicht Frühling, aber dennoch wage ich bereits einen Blick auf drei Neuerscheinungen in diesem Frühjahr, die für Geschichtsdarsteller bzw. Reenactors interessant sein könnten. Alle drei Titel möchte ich im Laufe des Jahres noch ausführlich besprechen, werde sie aber schon einmal kurz vorstellen:

  1.  Für meinen Lieblingstempler Odo könnte dieses Buch, das bereits im nächsten Monat erscheint, interessant sein: Paul M. Cobb erzählt in seinem „Kampf ums Paradies“ die Geschichte der Kreuzzüge auf Basis der auch zahlreich vorhandenen islamischen Quellen. Ich kann mich gut erinnern, dass in einem Buch in meinem Bestand christliche und islamische Quellen bereits gegenüber gestellt worden sind (Peter Milger: Die Kreuzzüge, 1988). Ansonsten ist die Annahme des Autors völlig richtig: Die Geschichte der Kreuzzüge wird in Schule und Historie aus der christlichen Sicht erzählt. Manches Vorurteil alter Kreuzzugspredigten scheint bis heute im Staub der Studierstuben überlebt zu haben. Mit der Veröffentlichung der im Escorial aufgefundenen Lebensgeschichtes des syrischen Ritters Usama ibn Munqidh ergab sich erstmals ein wichtiger Perspektivwechsel. Meine Hoffnung ist, dass uns Herr Cobb mit der Hinzuziehung weiterer Quellen eine ganz andere Sicht auf die Kreuzzüge eröffnet. Andererseits herrscht bei mir eine große Angst vor, dass diese neue Publikation wieder nur ein weiterer Fall für die Abteilung „Orientalistenromantik“ wird. Drücken wir gemeinsam die Daumen! Mit 29,95 € ist jeder Kreuzfahrer und Glaubenskrieger dabei!
  2. Die Mode der frühen Hellenen unter dem Titel „Helenas Töchter – Frauen und Mode im frühen Griechenland“ von Klaus Junker und Sina Tauchert macht mich sehr neugierig. Paris erstes Anliegen nach dem Raub der Helena war, wie seine neue Braut zu angemessener Kleidung und Ausstattung kam. Haben die frühen Griechen die Mode erfunden? Oder ist schöne Kleidung von Mann und Frau der erste Schritt in die Zivilisation für die alten Griechen? Denn wie elegant schon Altägypter, Zweistromländler und Etrusker waren, wissen wir. Ich bin zwar definitiv aus dem Alter raus, um nach der schönen Helena zu haschen, aber für jeden Darsteller, der über den Tellerrand gucken möchte, ist dies eine unerläßliche Ergänzung für die Bibliothek. Das Werk erscheint im April und kostet 29,95 €
  3. Kehren wir ins Mittelalter zurück (dort, wo wir hingehören): Nach „Mittelalter selbst erleben“ und „Spielen wie im Mittelalter“ bringt Doris Fischer nun auch „Kochen wie im Mittelalter“ heraus. Nach den beiden ersten Bänden erwarte ich kein Werk auf Darstellerniveau, eher gute Einstiegsliteratur wie bei den ersten beiden Bänden auch. „Mittelalter selbst erleben“ wartete mit einigen guten Tipps auf. „Spielen wie im Mittelalter“ fand ich sehr oberflächlich, wenn man sich mit Originalquellen beschäftigt hat. Nicht viel erwartend, möchte ich dennoch von der Kochkunst von Doris Fischer gerne überraschen lassen. Denn was es bislang in der Hinsicht auf dem Markt gibt und uns bereits zu einem eigenen internen „Kochführer“ gezwungen hat, ist zum größten Teil nicht zum Genießen und bezieht sich stets auf das Spätmittelalter. Mal sehen, ob Frau Fischer für uns bekömmlicher abschmeckt.  Für 16,95 € sollte ein Gast bei ihr satt werden. Nichts für den sorfortigen Hunger, denn aufgetischt wird erst im Mai.

Euer Bücher-Blumenpflücker Isidorus

 

Wie kochte man in der Grafschaft Barcelona?

Die Grafschaft Barcelona ist einer der frühmittelalterlichen Nachfolgestaaten des Frankenreichen, hier kurz nachzulesen, und steht uns deswegen kulturell näher, als die eher westgotisch-islamischen Königreiche Nordspaniens. Aus diesem Grund ist es interessant einen Blick auf einige arch. Funde zu richten. Dabei möchte ich mich auf das kleine Detail Kochen konzentrieren:kochen2Aus karolingischer Zeit stammen diese Tonfunde, die vom Museum (Historisches Museum der Stadt Barcelona), als Tonbratpfanne interpretiert wurden. Ich bin etwas unschlüssig, ob ich bei dieser Interpretation mitgehen möchte. Falls aber doch, können wir unser Kochgeschirr um ein interessantes Stück Keramik erweitern. Damit zu kochen wird ein interessantes Experiment.

Der nächste Fund dürfte am ehesten von der Größe verwundern. Dafür springen wir ins 12. Jhd.: kochen3Diese zwei Herren in diesem der Romanik zugeschriebenen Bildausschnitts (im nationalen Kunstmuseum Catalunyas) benutzen einen schönen Topf, der mich an Töpfe aus römischer Produktion gemahnte (Römer, bitte an die Wissensfront !) Aufhängung und Kette sind sicher authentisch, über das zubereitete Mahl läßt sich streiten. Es handelt hier um eine der typischen Folterszenen in Märtyrerviten. Von einer Nachahmung mit Verkostung wird dringend abgeraten. Menschenfleisch stand im Mittelalter nicht auf den Speiseplan und ist deswegen nicht authentisch. Bitte den inhaltlichen Kontext beachten!

Vom Topf aus Eisen, Kupfer oder Bronze springen wir weiter zu einer Tonarbeit aus dem 13. Jhd., die ich auch sehr interessant fand:

kochen1Entschuldigt die schlechte Bildqualität, aber die Lichtverhältnisse im Museum waren schlecht und beim ersten Mal habe ich schon den Blitz benutzt, beim zweiten Mal hätte ihr mich nicht wiedergesehen! Die Wärter sind gnadenlos und machen aus Blitzern Eintopf (siehe Bild 2). Ich denke aber, Tontopf und „Stöpfchen“ für das Feuer sind doch zu erkennen. Das hat mich an die Tonfeuerstellen aus Marokko erinnert, auf die man die Tajine, den marokkonischen „Dampfkochtopf“ draufstellt. Und hier gibt es sicher auch eine Verbindung. Zwischen 11. und 13. nahmen die Einmischungen aus Nordafrika in Spanien zu. Davon ist auch Barcelona kulturell nicht unbeeindruckt geblieben. Im Beispiel aber ist die Tonfeuerstelle für einen hübschen Kugeltopf gemacht. Holzsparend und wie gemacht für Lager, wo keine Feuerstellen ausgehoben werden dürfen. Ggf. sogar für große Zelte geeignet. Kochen wie in Barcelona aber leider erst ab dem 13. Jhd., ich würde für für Leute im Cid-Zeitalter noch ein Auge zudrücken, aber nicht für Ottonen! Tut mir leid.

Und da der Missionar jetzt gar ist (siehe erneut Bild 2), muss ich zum Esstisch. In Apfelwein geschmort, schmeckt selbst der zäheste Esel gut.

Heute am Kochlöffel, euer Isí

Essen und Trinken

essentrinken
Quelle: Verlagsinformationen

Schon lange plane ich unseren ottonischen Küchenführer (Kitchen-Guide) zu akt. und zu überarbeiten. Deswegen war ich sehr gespannt, das Buch „Essen und Trinken im Mittelalter (1000-1300)“ in die Hände zu bekommen, das zwar nur im Zeitrahmen die Spätottonik berührt, aber dennoch für uns interessant und hilfreich zu sein scheint. Da es wie Mechhilds Müllers Werk zur Kleidung im Reallexikon der Germanischen Altertums, Ergänzungsbände Nr. 74, erschienen ist, konnte ich es mir vom Preis her auch nicht einfach und unbesehen kaufen. Ich mußte warten, bis das Werk in der Bibliothek für mich greifbar war. Erst jetzt konnte ich einen ersten Blick hinein werfen.

Über 800 Seiten Essen und Trinken

Da heißt es vorsichtig sein und zunächst einige Appetithäppchen nehmen. Wir können natürlich auch in  die Speisekarte bzw. das Inhaltsverzeichnis schauen, um uns einen Überblick zu verschaffen. Es war ein bißchen wie beim „Griechen“ mit den vielen Gerichten, auch das Inhaltsvereichnis ist so umfangreich, dass ich es hier an dieser Stelle kurz zusammenfassen möchte, sonst würde es den Rahmen sprengen:

  1. Einführung (inkl  launische Bemerkungen über Mittelaltermärkte)
  2. Essen und Trinken in der höfischen Literatur
  3. Die (Essens-)Tafel im Bild
  4. Ländliches, städtisches und kirchliches Ernährungswesen in der Dichtung
  5. Archäologisch erschlossene Nahrungsmittel
  6. [sehr knapp abgehandelt] Tischgerät und Küchenutensilien
  7. Interessante Anhänge z.B. “Karfunkelabwatschen”, Konservierung von Lebensmittel, Lebensmittelverfälschung, ernährungsbedingte Krankheiten.

Wie aus der Inhaltsangabe ersichtlich, liebt der Schwerpunkt von Anne Schulz auf der Literaturanalyse unter Berücksichtigung von Ernährung, Tischsitten und -gebräuche. Dies setzt sie aber in Bezug auf die Archäologie, da

sich gerade die epische Dichtung an Idealen orientiert.

Geradezu genervt hat Anne Schulz (neben der Karfunkellektüre), dass Literatur über das Essen im Mittelalter, auch wissenschaftliche, hauptsächlich mit Quellen ab 1300 arbeitet.  Das heißt: Das Bild das bislang in Öffentlichkeit, Schule und Wissenschaft über die Ernährung des Mittelalters verbreitet wurde, ist geprägt vom Spätmittelalter und der frühen Neuzeit. Aber ein Analogieschluss von den Kochbüchern des Spätmittelalters auf die Ernährung des Hochmittelalters ist lt. Anne Schulz nicht statthaft. Deswegen auch ihre strenge Einschränkung auf den Zeitrahmen von 1000 – 1300. Diese Erkenntnis ist in bei seriösen Geschichtsdarstellern schon länger verbreitet. Es wird auch keine Völkerschlacht mit Waffen des 1. Weltkriegs dargestellt. Aber wir freuen uns, dass bei der Wissenschaft diese Erkenntnis nun auch endlich angekommen ist. Aber Frau Schulz ist inzwischen dieser Wissenschaft auch verloren gegangen und arbeitet für ein Schulungszentrum der Bundeswehr.

Erste Blicke ins Werk: Beim Adel arme Kost, einige Mönche schlemmten

Nach einem Nachmittag des Hineinlesens kann ich über ein 800 Seiten umfassendes Werk keine Besprechung verfassen, ich möchte allerhöchstens erste Einblicke geben: Lt. Auswertung der Fundlage kam Wildfleisch nicht in großen Mengen im Hochmittelalter auf die herschaftlichen Tafeln. Auch Fleisch war nicht in Hülle und Fülle auf Herrenhöfen und Burgen vorhanden. Oft unterschiedlich die Ernährung des Herren nichts wesentlich von der seiner Bauern. Festmähler waren Ausnahmefälle. Aber das hatten wir auch schon angenommen. Die Klosterernährung lief nach untersuchten Klöstern nicht immer korrekt nach der Benediktinerregel ab. Bei drei Beispielen war eines (Schaffhausen) in Übereinstimmung mit den Ernährungsbestimmungen der Regel, die Hirsauer Mönche aber haben ihre Kost mit sehr viel Huhn ergänzt. Bei Corvey kamen auch Vierfüßer in den Topf, nach Befund kann man hier auch von Luxusküche sprechen. Aber diese Ausfälle wurden auch schon von Zeitgenossen gegeißelt.

Bei der Verwertung von Tieren wurde alles verwertet. Entgegen der üblichen Lektüre gab es keine Vorlieben des Adels im Hochmittelalter für Brot etc. aus Weizen. Bei der Ernährung der Menschen im Hochmittelalter wurden lt. Anne Schulz sehr viele Wildpflanzen verwertet. Insgesamt war die Küche (natürlich) sehr saisonal geprägt. Die „Vergetreidung des Mittelalters“, wie es Frau Schulz nennt, also die Ernährung durch „Brot, Wein und Mus“ war auch beim Adel greifbar.

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Das salzige Zeitalter

Das Hochmittelalter war ein salziges Zeitalter. Eine authentische Zubereitung würde uns, so lächelt die Anne Schulz zwischen den Zeilen, wohl versalzen vorkommen. Deswegen war auch eine große Menge Getränke vonnösten, wie es sich in der Literatur wiederspiegelt. Die Lehrmeinung von Hungersnöten im Hochmittelalter läßt sich lt. Frau Schulz auch nicht halten.

Die Unwägbarkeiten solcher archäologischen Untersuchungen sind Frau Schulz bekannt und sie stellt sie auch stets im Zusammenhang und in den Vergleich mit der literarischen Überlieferung. Es gibt eine Menge Anhaltspunkte, was damals gegessen wurde, aber wir wissen sehr wenig, wie die Nahrung damals (genau) verarbeitet wurde. Sie plädiert deswegen für „Tabula rasa“ aufgrund der Quellenlage. Rezepte des Hochmittelalter sind nach ihren Ausführungen schlimmstes „Histotainment“, ja pure Erfindung.

Es ist nicht nur eine Fleißarbeit, da steckt auf jeder Seite Substanz dahinter. Und ich nehme auch Frau Schulz nicht die launigen Bemerkungen über die Mittelalterszene übel, sie hat mit vielen Bemerkungen darüber recht.

Ein Fazit traue ich mich (noch) nicht. Was die Praxis in lebendiger Geschichte und Reenactment (den unbelehrbaren Mittelaltermarkt klammer ich hier gleich aus) keinesfalls tun sollte, ist die Erkenntnis der Anne Schulz zu ignorieren. Mit diesem Buch liegt den Kochtruppen des Hochmittelalters ein schwere Stein auf der Brust. Diesen einfach wegzurollen, ist wohl keine Lösung…

Euer Isí