Reise ins slawische Mittelalter

Mit slawischen Charme präsentiert sich der Freilichtteil des Heimatmuseums
Mit slawischen Charme präsentiert sich der Freilichtteil des Heimatmuseums

Wieder einmal ein kleiner Veranstaltungsrückblick, diesmal geht es um Stary Lud : 11. Fest des slawischen Mittelalters in Dissen, Landkreis Spree-Neiße. Schon im vorherigen Jahr gab es einen kleinen Bericht.  „Ein ganz besonderes Mittelalterfest“, hat es die Lausitzer Rundschau dieses Jahr genannt und dem können wir uns anschließen. „Bunt, weltoffen und vielsprachig“, hat es die Frau an meiner Seite bei Twitter gepostet. Ich möchte ergänzen: Es ist so unerwartet ruhig und friedlich.

Wie eine Reise in eine Zeit vor 1000 Jahren

Hinter dem Haus des Heimatmuseums und der Kirche gibt es einen kleinen Platz für Gastronomie und eine Bühne für Darbietungen. Danach tritt der Besucher ein in ein kleines frühmittelalterliches Slawendorf mit Bohlenweg und 5 Grubenhäusern.  Und weil heuer ein Fest ist, stehen Zelte dazwischen und Handwerker gehen spannenden Tätigkeiten nach, wie man sie kaum noch so sieht: Ein Glasperlenmacher, ein Schmied, ein Truhenmacher und dergleichen mehr. Auch nach dem Dorf bis auf die nächste Wiese erstrecken sich Lager und Menschen, die vor 1000 Jahren gelebt haben mögen. Weitere Handwerker aus allen Herren Ländern sind dabei, slawische Krieger aus den Fürstenhöfen des Ostens und Normanen aus dem Westen. Sogar ein jüdischer Händler aus Córdoba und Barcelona hat unbekannte Gewürze und Medikamente aus Andalusien mitgebracht. Es ist alles anders, man begibt sich auf die Reise in eine Zeit vor 1000 Jahren!

Was ist anders als auf einem Mittelaltermarkt ?

Lebendige Museumswelten
Lebendige Museumswelten

Warum muss ich es eigentlich noch erklären? Wenn ein Museum und sei es nur ein kleines Heimatmuseum zwischen Spreewald und Cottbus es schafft, etwa 120 handverlesene Geschichtsdarsteller zusammen zu bekommen, unterscheidet es sich schon dadurch von einem kommerziellen Mittelaltermarkt in der Qualität und der Art der Vermittlung. Wie erklärte es der slawische Kollege so schön bei den Kampfvorführungen: „Wir müssen am Mo. alle wieder vor unserem Chef stehen.“ Aber nicht nur der Enthusiasmus und das Engagement macht dieses Fest so besonders. Da sich die meisten der Darsteller bereits sein Jahren und Jahrzehnten mit der Materie beschäftigen, ist hier eine Qualität der Handwerker, Kämpfer und Rekonstrukteure erreicht, dass sich jedes mit Frühmittelalter beschäftigte Museum die Finger lecken könnte. Und der Zulauf der Besucher seit über 10 Jahren zeigt uns auch, das dieses Konzept angenommen wird. Denn nicht nur Engagement, an vordester Linie unsere Gastgeber Babette Zenker, Museumsleiterin, und Kornelius Kusch, Orga., Qualität und Authentizität der Geschichtsdarstellung sind besonders, sondern auch das Publikum, das sehr wißbegierig, kommunikativ und freundlich ist. Die beste Gewürz- und Medikamenteerklärerin jenseits von Al Andalus mußte sich dieses Mal nur deswegen nicht heiser erklären, weil unser Gewürzteppich etwas versteckt hinter dem Lager der Normannen lag. Vielleicht ist das Interesse einfach heimatbezogener, historischer und nicht so klischeebelastet, wenn es um Slawen und Umfeld geht, statt bei den wesentlich mehr bekannten Leitkulturen Wikinger und Ritter. Deswegen mußte dieNiederlausitz aktuell wenigstens einmal Wikinger hineinbringen, obwohl diese nur wenige Handwerker stellten und die slawischen Schläfenringe bei den Damen überwogen.

Ohne Kampf kein Fest

Aber auch die Darstellung des slawischen Mittelalters in Dissen kommt nicht ohne Abstriche an den Publikumsgeschmack aus. Und will es womöglich auch gar nicht. Wenn Mittelalter, dann müssen auch Schilde, Lanzen, Schwerter her (für Bögen und Schleudern ist das Gelände zu

Kampfvorführungen am Rande der Grubenhäuser
Kampfvorführungen am Rande der Grubenhäuser

klein!). Die Geschichte der Slawen im Gebiet zwischen Saale, Elbe, Oder und Neiße war auch eine Geschichte des Kampfes, des Widerstandes und des Untergangs. Das könnte bis heute erzählt werden. Dieses Jahr hatten wir zwei Kampfgruppen von insgesamt 12 Kämpfern, die ausgesprochen gut miteinander harmonierten und sich sehr gute (freie) Kämpfe lieferten. Ich bin in der Hinsicht schon etwas abgestumpft, aber das war ausgesprochen spannend, Jungs. Das 2. Pennon des franko-flämischen Contingents, das an den Kämpfen beteiligt war, wird sich dieses Jahr in Hastings gut machen. Und wehe, ihr gewinnt nicht! Stichwort: Schleuderblei! Der Abstrich an den Geschmack meint, dass eigentlich keine Mittelalterveranstaltung, die Kleine und Große einen populären Eindruck vermitteln möchte, ohne Gewalt auskommt. Film und Fernsehen ziehen daraus oft den Schluss Mittelalter = Gewalt. Aber diese ist falsch. Und betrachtet man den heutigen täglichen Horror, ist rasch klar, welche Zeit mehr Gewalt, Tod und Unrecht zu bieten hat. Heute hätte keine Minderheit wie die Spree-Neiße-Sl

Am 2. Oktober sind wieder die Krieger geladen
Am 2. Oktober sind wieder die Krieger geladen

awen gegen einen übermächtigen Gegner überleben können. Wie lange aber das Sorbische in Dissen überleben konnte, daran erinnert heute das Heimatmuseum und hier eine kleine Einführung.  Die Veranstalter werden übrigens im Herbst noch eine Extra-Kampfveranstaltung einschieben. Unter dem Titel „Es riecht nach Streit : Krieger beim alten Volk“ werden am 2. Oktober noch einmal Kämpfer und andere Darsteller in Dissen auflaufen.

Falls Museen gute Geschichtsdarsteller wollen, müssen sie sie wie Gäste und gute Freunde behandeln, darin ist das Heimatmuseum Dissen mit Stary Lud vorbildlich. Es machte Spaß, hier den ganzen Tag in Sachen „Geschichte“ zu arbeiten. Deswegen möchte ich diesen kleinen Bericht mit einen herzlichen Dank für

Gewürze und Medikamente aus Córdoba
Gewürze und Medikamente aus Córdoba

die freundliche Aufnahme und Versorgung während des Festes enden lassen. Wie die anderen kommen wir gerne wieder, ganz sicher …

Euer Isidorus

 

 

 

9. Heerbann und 10. Slawisches Mittelalterfest

Foto: Jacob, mit freundlicher Genehmigung

Heute widme ich mich der Nachbereitung: Das waren doch zwei sehr unterschiedliche Veranstaltungen, die wir dieses Frühjahr bestritten haben. Die erste war eine große interne Veranstaltung, das Kämpfertreffen der berlin-brandenburgischen Mittelaltergruppen (und der weiteren Umgebung), kurz Heerbann genannt. Das zweite Event war ein Museumsfest mit großem Besucherandrang und mit dem für Mittelalterveranstaltungen eher seltenen Schwerpunkt auf die Kultur der frühmittelalterlichen Slawen.

Der Heerbann kleiner, aber feiner …

Den Heerbann besuchte ich dieses Jahr als Tagesgast, aber Vereinsmitglieder waren auch als Kämpfer vor Ort. Der Heerbann ist in erster Linie ein Treffen und eine Trainigsmöglichkeit der mit Waffenhandlungen und -darstellungen Beschäftigten. Der Charme dieses Lagers liegt aber auch in der Masse der Teilnehmer (dieses Jahr ca. 600, etwas kleiner als in den Vorjahren) und der Geschlossenheit des mittelalterlichen Bildes. Es ist ist ein internes Treffen ohne „störende Besucher“. Deswegen zieht es auch viele Fotografen an. Odo von Crain war wie jedes Jahr der Organisator und die gute Seele des Treffens und es ist imponierend, was er jedes Jahr leistet. Dieses Jahr ist es ihm meiner Meinung nach besonders gut von der „Templerhand“ gegangen. Mir fiel nichts auf, was mein kritisches Auge (besonders) störte. Der Gruppen waren alle von einer befriedigenden bis beeindruckenden Qualität. Alles, was man dem Heerbann einzig vorwerfen könnte, ist das sich (mittelalterliche) Zeiten und Kulturen bunt mischten. Dies macht aber auch den Reiz des Treffens aus, das keinesfalls die Absicht hat ein in sich stimmiges mittelalterliches Bild abzuliefern. Und natürlich ist der Besuch des Heerbanns auch ein Treffen von (alten) Freunden und Gleichgesinnten. Das war der neunte berlin-brandenburgische Heerbann. Der Jubiläumsheerbann im nächsten Jahr steht schon fest in unserem Kalender.

Weitere Impressionen von Foto-Jacob, bitte hier klicken…

Markt in Dissen: Grubenhäuser und Lager direkt am Dorfrand

Wir springen von Ende April bis Ende Mai. Das zehnjährige Jubiläum hat ein slawischer Mittelaltermarkt in der Niederlausitz gerade hinter sich.

Ein slawischer Mittelaltermarkt ?

oder ist das Fest in und um das Heimatmuseum in Dissen-Striesow nicht eher ein wundervoll stimmiges Museumsfest? Von der Qualität der Darsteller stand das Fest auf jeden Fall hochhaushoch über jedem herkömmlichen Mittelaltermarkt landauf, landab. Fest steht auch, wir sind noch nie auf einer Veranstaltung so freundlich und herzlich begrüßt worden. Das lag nicht nur an den vielen Vereinsmitgliedern und Freunden, die bereits vor Ort waren, und an der Fürsorge und der Herzlichkeit der Organisatoren, sondern es ist die Grundstimmung dort im Museum und im ganzen Ort Dissen. Fast alle machten nämlich mit! Ich könnte sagen, in Dissen herrscht ein reenactmentfreundliches Klima. Und das setzt Maßstäbe für die Zukunft.

Wie muß man es sich vorstellen? Hinter dem Dorfensemble aus Heimatmuseum und Kirche ist ein kleines slawisches Dorf mit Grubenhäusern, Bohlenwegen, Brücken und Palisadenwall entstanden. Trotz der Lage mitten im Dorf und der geringen Größe wirkt die Anlage sehr gelungen. Aber nun tobte dort an zwei Tagen das Leben!

Das Viernationen-Event

Die Weberin war (fast) den ganzen Tag fleißig.

Teilnehmer kamen aus vier Nationen: Tschechen, Polen, Sorben und Deutsche. Der slawische Eindruck überwog. Daneben gab es Wikinger-Händler, ottonische Besatzungstruppen, arabisch-jüdische Gewürzhändler und einen Wilderer und, und, und. Sogar ein ranghoher Normanne lief herum, der sich vielleicht an der letzten Spreeabfahrt verrudert hatte. Der ottonische Miles zog sich ständig aus, damit das Publikum sehen konnte, was ein Soldat des frühen 11. Jhds. so oben und unten herum trägt. Die polnischen Schlagedraufs zeigten eindrucksvoll, dass keine Brücke zu klein ist, um sich die Äxte auf die Helme zu hauen. Das Wetter war gut, die Stimmung hervorragend und das Publikum gehörte zu den interessiertesten, die wir je erlebt haben. Es zeigt sich, eine gute Veranstaltung mit guten Darstellern lockt auch interessierte Besucher an. Wir würden uns freuen, wenn wir das nächste Jahr wieder dabei sein könnten. Denn aus unserer Darstellersicht besehen, können wir Dissen 5 von 5 verfügbaren Sternen verleihen mit dem Prädikat „Darstellerfreundlicher Ort“. Das war redlich und hart verdient. Wir bedanken uns noch einmal ganz herzlich!

Weitere Fotos in einer wundervollen Galerie von Michael Helbig in der Lauzitzer Rundschau, hier klicken … und zur gemeinsamen Geschichte von Ottonen und Slawen gibt unsere Zeitleiste einen guten Überblick, hier klicken …

Euer Isidorus