Die Sache mit den Möbeln

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Sprossenstuhl aus Lund (Schweden), datiert ca. 1020 n. Chr.
Links Reste der Rückenlehne, rechts eine zeichnerische Rekonstruktion
aus: Grodde, B.: Hölzernes Mobiliar im vor- und frühgeschichtlichen Mittel- und Nordeuropa, S. 459, Tafel 73

Die Möbelfrage treibt mich schon lange um. Damit meine ich jetzt nicht eine Beschäftigung mit dem sogenannten „Steckstuhl“, wie er auf im „Marktmittelalter“ (Schräg, schräger, Marktmittelalter, so Blogerkollege Hiltibold)  und im LARP (Live-Rollenspiel) gerne benutzt wird. Nein, ich meine damit die Frage, wie die Möbel im Frühmittelalter tatsächlich aussahen. Dabei haben mich die Lösungen, die ich bisher in Reenactment und Lebendige Geschichte gesehen habe, auch nicht so richtig zufrieden gestellt. Was ich selbst so baute, stammte von Abbildungen (in letzter Zeit) oder war pure Phantasie (in der Anfangszeit). So könnte es sein, aber auch nicht viel mehr. Handwerklich fragwürdig allemal!

Fest steht, Menschen saßen und lagen immer schon, Geschirr und Kleidung u.a. mußte verstaut werden. Möbelformen haben sich nicht groß verändert. Tisch, Stuhl, Bett blieben seit der Bronzezeit fast unverändert, wenn auch gewisse Möbelformen inzwischen aus der Mode gekommen sind: Da wir nicht mehr wie die Römer im Liegen essen, ist die Kline nicht mehr im Gebrauch; Auch Truhen, früher unverzichtbar als eigenständiges Möbelstück und als Aufbewahrungsort mit vielfältiger Funktion, werden heute in modernen Haushalten kaum noch verwendet.

So wird der Winter wieder zur Schatzsuche in meiner Lieblingsbibliothek genutzt. Erinnern wir uns: In Ebstorf habe ich Jörn genötigt, ein Buch über die dortigen Truhen zu erstehen. In diesem Buch fand isch ein Literaturhinweis auf Grodde, Barbara: Hölzernes Möbiliar in vor- und frühgeschichtlichen Mittel- und Nordeuropa. Vergeßt „Karfunkel“ und für was ihr sonst so euer Geld ausgebt. Die Seiten 22 – 34 in Groddes Buch reichen für Anfänger und Fortgeschrittene vollkommen aus, wenn sie die ersten Schritte in den eigenständigen Möbelbau wagen wollen.  Techniken und Holzarten für die Möbelherstellung, detaillierte archäologische Quellen für einzelne Möbelarten sind mit vielen Beispielen inkl. eines umfangreichen Tafelteils vorhanden. Da hält es mich gar nicht mehr auf meinem Sofa in der Archäologie, sondern ich möchte ab in die Werkstatt und losschreinern oder -zimmern. Möbel für das Frühmittelalter, diesmal aber richtig! Und gleich mal Jörn fragen, wie weit er mit seinen Truhen ist…

Euer Isí

 

Ein zweiter Leuchter

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Eisen, Original ca. 22  cm hoch. Quelle:
Burgen der Salierzeit / Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Forschungsinstitut für Vor- und Frühgeschichte. Horst Wolfgang Böhme (Hg.) ; Teil 1, S. 341

Manchmal geht wirklich ein Licht auf, zwar kein ottonisches, sondern ein spätottonisches bis salisches, aber immerhin. Zu einem ottonischen Leuchter und einer freien Rekonstruktion von Holger Tuch gab es  hier bereits einen Beitrag vom 13. Febr. 2012.  Es war einmal wieder an einem Bibliotheksnachmittag, als ich etwas zu einem möglichen salischen Aussehen der Burg Giebichenstein suchte und natürlich wieder etwas ganz anderes fand, diesen Kerzenleuchter (siehe links).

Er befindet sich neben vielen anderen Kleinfunden im Fundgut der vermutlich salischen Burganlage Harpelstein im Hunsrück. Anfangs ging man beim Harpelstein von einer vorgeschichtlichen Befestigung aus. Grabhügel in der Gegend und das Fehlen von Funden seit den Merowingern machte das wahrscheinlich. Mörtelreste und Scherben, aber auch die bereits erwähnten Kleinfunde (Münzen, Fibeln, Gürtelschnallen, Geschossspitzen, Sporen etc.) ergaben einen zweiten Benutzungshorizont im 11. Jahrhundert. Höchstwahrscheinlich in den achtziger Jahren des 11. Jahrhundert wurde die Burganlage zerstört oder wieder verlassen. Besitzer, Namen etc. sind nicht schriftlich fixiert worden. Außer den Funden weiß man über den Harpelstein also nichts. Die Datierung erfolgte über die Münzen, 7 Denare der Erzbistümer Trier und Köln, deren jüngste ca. 1079 geprägt worden sind. Einige der Fibeln sind bislang eher für ottonische Zeit typisch, so dass ein Beginn der Burganlage im 10./Anfang 11. Jahrhundert möglich ist. Interessant ist weiter neben dem Leuchter eine salische Gürtelgarnitur.

Weiterlesen: Clemens, Lukas; Gilles, Karl-Josef: Der Harpelstein bei Horath im Hunsrück in Burgen der Salierzeit / Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Forschungsinstitut für Vor- und Frühgeschichte. Horst Wolfgang Böhme (Hg.) ; Teil 1

Euer kleines Licht Isí

Rotunde (Nachtrag): Die Jakobskapelle in Halle

Aprilregen über dem Herzogtum Sachsen und über den Burgen an der Saale. Unser Hoster hat auf eine neue WordPress-Version umgestellt, deswegen können wir unser Design nun auch individueller gestalten. Wer dazu Vorschläge hat, gerne…

Dann einen Nachtrag zu unserer „Rotunden-Diskussion“. In dem Zusammenhang war hier auch die (nicht mehr existierende) Rotunde in Halle, die Jakobskapelle, erwähnt worden. Bei meinen Recherchen zur „Frühstadt“ von Halle und zu der Burg Giebichenstein fand ich einige interessante Informationen zur Jakobskapelle:

karte-kirchen-halleaus Geschichte der Stadt Halle Bd. 1, Halle, 2006, S. 27

Der rote Pfeil kennzeichnet die Lage der mutmaßlichen Rotunde (Jakobskapelle) nahe eines Herrenhofes (Burggrafenhof ?). Dietrich Claude in „Geschichte des Erzbistums Magdeburg bis in das 12. Jahrhundert ; Teil 1″ erwähnt die Schenkung der Kapelle 1118 durch Erzbischof Adelgot an das Kloster in Pegau, Hauskloster der Groitzscher. Enno Bünz konstruiert daraus in „Der Jakobskult in Sachsen, S. 90“ dies hätte Adelgot auf Veranlassung seines Verwandten Wiprecht getan. Allerdings geht daraus nicht hervor, dass Wiprecht die Rotunde auch gebaut hat (War es überhaupt eine?). Doch zeigt die Quelle: 1. Die Kapelle muss vor 1118 schon gestanden haben und 2. der Hof war höchstwahrscheinlich noch in der Verfügung des Magdeburger Burggrafen Hermann von Sponheim.  Zudem war der ältere Groitzscher bis 1116 noch in der Haft des Kaisers Heinrich V. und wurde danach erst gegen Heinrich Haupt ausgetauscht. Volker Hermann in „Vom karolingischen Grenzkastell… “ in Geschichte der Stadt Halle Bd. 1, Halle, 2006, S. 15-52″ verweist auf das Urkundenbuch der Stadt Halle, Eintrag Nr. 16. Ob hier oder in den Regesta archiepiscopatus Magdeburgensis ein Beweis für die These enthalten ist, dass Wiprecht die Jakobskapelle gebaut hat (oder war es doch Erzbischof Adelgot oder einer seiner Vorgänger), kann ich erst nächste Woche überprüfen.

Bis dahin.

Euer Isíisi-avatar

Die drei Burgen von Giebichenstein (Bibliothekstagebuch)

Meine Mittwochsnachmittage haben durch die Anregung aus dem Raubschiff ein neues Thema bekommen, so bleiben alle anderen erst einmal liegen bzw. wurden durch eine übereifrige Bibliothekarin ohnehin zurück ins Regal geräumt (hallo, wozu lege ich einen Zettel mit der Bitte „Bitte liegen lassen“ zu meinem Büchern?). Das neue Thema lautet Burg Giebichenstein und hat auf jeden Fall auch etwas mit der Ottonenzeit zu tun.

Wir wollen uns im Raubschiff dransetzen, die Burg als Modell zu rekonstruieren. Die Quellenlage erscheint mir ausreichend. Ordentlich sammengefaßt hat den momentanen Erkenntnisstand Volker Herrmann in der zweibändigen „Geschichte der Stadt Halle, Halle, 2006“. Die Erkenntnisse der neueren Grabungen von Mario Küßner und Torsten Schunke (Neue Erkenntnisse zur Baugeschichte der Oberburg Giebichenstein, Stadt Halle (Saale) / Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt. – Halle, Saale : Landesgruppe. – Bd. 14.2005, S. 39-74) und der älteren Grabungen von Mrusek (Die Funktion und baugeschichtliche Entwicklung der Burg Giebichenstein in Halle (Saale) und ihre Stellung im früh- und hochfeudalen Burgenbau / von Hans-Joachim Mrusek, 1970) sind miteingeflossen. Die historischen Fakten rund um die Burg hat Elisabeth Schwarze-Neuß in zwei Artikeln (In: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt, Bd. 6 (1997) und Bd. 4 (1995) so zusammengefaßt, bzw. ich gebe hier mal wieder, wie ich ihre Ausführungen verstanden habe:

Die älteste urbane Ansiedlung des Mittelalters im heutigen Stadtgebiet von Halle lag um die alte Burg Giebichenstein, hier im Gebiet der heutigen Unterburg (fränk.-karolingische Funde). Es ist nur den ergiebigeren Solequellen im Hall-Gebiet zu verdanken, dass die Stadt heute Halle und nicht Giebichenstein heißt. Was ist nun aber mit den Burgen? Wir müssen in Giebichenstein von insgesamt drei Burgen ausgehen:

  1. Die alte Burg: karolingisch bis ottonisch-salisch, diese lag auf dem Hügel gegenüber dem Felsensporn der Oberburg und zwar dort, wo heute der Amtsgarten (auf dem „Römerberg“) liegt. Die Burg wurde im Zuge von Heinrich I. Burgenorganisation verstärkt und blieb auch lange noch Reichsburg, während die Civitas und die neue Burg „auf dem Stein“ an den Magdeburger Erzbischof ging. Die alte Burg fiel evt. der Burgenzerstörungwelle nach dem Sieg der Sachsen am Welfesholz 1115 zum Opfer. Die Oberburg wurde weiter ausgebaut. Gärtnerische Umgestaltung des Gebietes der alten Burg im 18./19. Jahrhundert mit Fund von römischen Münzen (?), keine wiss. Auswertung der Funde.
  2. Die Oberburg auf dem Felsensporn über der Saale, romanisch-gotisch, heute in Ruinen. Ausbau der ersten Burganlage Ringmauer, Torturm, Wohnturm, und Kapelle sowie Versorgungsgebäude in der Zeit von 968 bis 1018.
  3. Die Unterburg, ursprünglich wohl Civitas und später zur Renaissance-Festung ausgebaut. Zusammen mit der Oberburg Residenzburg der Erzbischöfe von Magdeburg bis zur Errichtung der Moritzburg (1484-1517) in Halle.

Und das fränkische Kastell, das in der Ersterwähnungsurkunde Halles von 806 erwähnt ist? Könnte es nicht vielleicht auch sein, dass dieses Kastell die oben aufgeführte alte Burg am Giebichenstein ist? Immerhin ist bei den Grabungen in den Achtziger Jahren Graseweg-Domplatz kein fränkische Wall angeschnitten worden, obwohl er dort vermutet worden ist. Die einzigen belegten fränkischen Funde wurden in der Unterburg Giebichenstein gemacht. Die  Ottonische Schenkungen von 961 erwähnen jedenfalls Halle nicht, sondern den Gau Neletici und die Civitas Giuicansten (Giebichenstein). Trotha, Giebichenstein und Halle muß man sich noch weit bis ins 11. Jahrhundert als von Deutschen bewohnte Brückenköpfe im slawischen Gebiet vorstellen. 

Die Erzbischöfe von Magdeburg nutzten den Giebichenstein auch bereits in der Frühzeit gerne als Residenz, so dass hier nicht von einer Ritterburg, vielmehr von einer Bischofsburg gesprochen werden sollte. Ich möchte den Erzbischof Adalbert (im Amt von 968 – 981) erwähnen, ebenso Gisilher (981-1004), der bereits den Giebichenstein als zeitweilige Residenz nutzte und hier für Heinrich II. Kriegsvorräte sammelte. Unter ihm wurde das erzbischöfliche Münzrecht für Giebichenstein genehmigt, dass aber später nach Halle wanderte. Unter seinen kaisertreuen Nachfolgern diente die alte Burg zeitweilig als Gefängnis für hochgestellte Reichsfeinde. Die Erzbischöfe Werner, Hartwich und Heinrich gehörten dem kaiserfeindlichen Lager an. Erzbischof Adalgot (1107-1119) wurde zunächst vom Kaiser investiert, wechselte im Sachsenaufstand die Seiten und gehörte zu den Gewinnern der Schlacht am Welfesholz (1115). Davor oder danach ist auch die alte Burg in die Hände der Erzbischöfe gefallen und verfiel endgültig oder wurde sogar absichtlich geschliffen.

Zu einigen Erzbischöfen, besonders zu Adalgot evt. später etwas. Wir werden uns bei der oben erwähnte Burg-Reko. auf die Oberburg beschränken. Und damit waren dies gewiß ausreichend viele erste Gedanken zum (Bau-)Projekt Burg Giebichenstein.

Euer Isí

Geplante Schänke auf der Turmhügelburg, Bibliothekstagebuch

Es gibt Neuigkeiten von der Turmhügelburg. Herr Eller, Vorsitzender des Trägervereines, erklärt in einem Video für den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag, dass es in den nächsten Bauabschnitten eine Burgschänke und ein Museumsgebäude mit einem Museumsshop geben soll. Ob es in der Burgschänke dann Sonderkonditionen für die „Burgbeleber“, die auch in der Schänke für Ambiente sorgen, geben wird, gilt es dann wohl noch auszuhandeln…

So verbringe ich meine Mittwochnachmittage …

Ich habe in meinem Bibliothekstagebuch eine Menge Mittwochnachmittage aufzuarbeiten. Es ist einfacher, sich gemütlich hinzusetzen und zu lesen, sich an den Recherchen zu freuen, aber schwieriger diese aufzuarbeiten, wiederzugeben und zu vermitteln. Naja, versuchen wir es einfach einmal. Ich beginne am Besten von hinten und arbeite mich dann vor: Am 11/04/012 hatte ich zu tun, die Suppenkelle aus dem Fund von Rotemulde/Alt-Römhild auszumessen. Außerdem habe ich zwei Quellen durchgeschau, die in Timpels Grabungsbericht über Rotemulde erwähnt wurden:

1. Rempel, Heinrich: Reihengräberfriedhöfe des 8. – 11. Jhd., Bd. Aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen, 1966, LB/6/87. Das wird mit der Durchsicht noch einige Zeit dauern. Aber eine interessante Sache fand ich fürs Erste. Ich wußte gar nicht, dass es vom Reiterstein von Hornhausen noch weitere Bruchstücke gibt. Das bekannteste Stück, nämlich der Reiter, ist in Halle. Wo wohl die anderen Bruchstücke sind? Im Buch gibt es eine Abb. vom Stein IV.  (neben den Abb. der Steine I. – V.) das ein interessantes Detail zeigt:

 Hornhausen Stein IV

 Täusche ich mich, oder ist das tatsächlich ein Wimpel an einem Lanzenbruchstück ? Zuerst dachte ich, es wäre eine Tasche, aber erschien mir nicht richtig. Was meint ihr dazu? Nebenbei zeigt das Kreuz übrigens eindeutig, dass die Bruchstücke von Hornhausen zu einem christlichen Kontext gehören.

2. Timpel, Wolfgang: Gommerstedt : Ein hochmittelalterlicher Herrensitz in Thüringen, 1982, LB/8/297.  Etwas Gruseliges fand ich im Ausgrabungsbericht der Motte Gommerstedt (Thüringen). Im Turm der (Stein-)Motte fand sich außerhalb des Begräbnisplatzes (Kirche in der Mottensiedlung) in den Fundamenten eine „Kinderbestattung“ eines Babies von ca. 0 – 1/2 Jahre. Ausgräber Wolfgang Timpel gibt dazu keine weiteren Erklärungen ab, jedenfalls fand ich keine. Kann mir auch denken, dass er nur beschreiben wollte und sich deswegen jegliche Deutung ersparte.  Hier ein Blick auf die Rekonstruktion der Motte Gommerstedt:

Gommerstedt

aus Timpel: Gommerstedt

Irgendwie erinnert mich das an die Anlage von Lütjenburg. Das war es für heute aus meinem Bibliothekstagebuch. Bald geht es weiter.

Euer Isí

Nachtrag: Auch die anderen Bruchstücke sind in Halle. Es kann sein, dass ich sie sogar schon mal gesehen habe, hier nachzulesen …

Bibliothekstagebuch 3

fasst zwei Bibliotheksnachmittage und ein bißchen mehr zusammen: Ich habe den Artikel von Ákos Nemcsics zu Ende gelesen und auch einige Fotos dazu gemacht. Zudem hatte ich kurzen Kontakt über die elektronische Post mit ihm.

Ungarische Rotunden

Die ersten Rotunden wurden in Ungarn aus Lehm-Flechtwerk hergestellt. Nemcsics führt in seinem Artikel weiter aus: Die Rekonstruktion erfolgte auf Grundlage der damaligen mathematischen und naturwissenschaftlichen Bildung. Ab Spätmittelalter erfolgte tatsächlich auch eine Festsetzung der Gewölberegeln zum Beispiel bei Alberti und Blondel. Nemcsics und sein Team von Studenten hat den Bau der Rundkirche als experimentelle Archäologie betrachtet. Im Artikel, wie im letzten Bibliothekstagebuch bibliographiert, beschreibt er diese Arbeiten ausführlich. Hier eine Abb. daraus:

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Die Arbeit an der Rotunde mit modernen Werkzeugen

Wie auf einigen Fotos zu sehen ist, erfolgt der Bau allerdings mit modernen Werkzeugen. Es werden unbehauene Steine verwendet. Das Bindematerial wurde nicht klar definiert. Wie auf den Fotos allerdings zu sehen ist, wird mit modernen Werkzeugen und moderner Kleidung gebaut.  Nemcsics schrieb mir dazu:  Wir bauen die Rutunda mit Studenten jährlich in einem Sommercamp. Der Camp dauert meistens 7-9 Tagen inklusive Vorbereitung und Nacharbeiten. Wir bauen es schon in diesem Jahr da zehnte Mal. Unsere Haupaufgabe ist nicht, daß wir  schnell mit der Rotunda fertig zu werden, sondern der authentische Bau. Wir sind noch damit nicht fertig. Ich schätze, daß wir in einigen Jahren fertig werden.

Ein schönes Projekt also, wobei ich hinter dem experimentellen Charakter ein kleines Fragezeichen setzen würde. Aber das offenbart unsere Probleme bei solchen Experimenten: Entweder man verabschiedet sich ganz aus dem modernen Leben, um sich ganz dem Experiment zu widmen, oder man arbeitet an einem historischen Projekt zwischendurch, immer wenn Zeit ist, aber dann verabschiedet man sich zumindest teilweise von einer experimentellen Variable, dem Zeitfaktor.

Flachbodenschiffe

Aus Lübeck zurück, etwas maritime Luft geschnuppert und mich deswegen auf folgendes gestürzt: Unter der Signatur V 965 fand ich in der Arch.-Bibl. die Broschüre des Landesamtes von Schleswig-Holstein (zur Zeit auch noch im Buchhandel erhältlich) mit dem Titel „Der Prahm aus dem Hafen von Haithabu : Antike und mittelalterliche Flachbodenschiffe.

Flachbodenschiff

So schaut es aus: Das Flachbodenschiff von Haithabu. 

Der Fährprahm im Haddebyer Noor ist nicht aus der Wikingerzeit, sondern hat Leute über die Schlei nach Schleswig, Haithabus Nachfolger auf der anderen Seite, übergesetzt. Datiert ist es das Flachbodenschiff oder Prahm auf etwa 1184. Ein ähnliches Schiff, der Egernsund-Prahm stammt von 1200. Ich habe allerdings einen Vergleichsfund in meinen Unterlagen, der so einen Kahntyp bereits für das Jahr 800 nachweist, hier zum karolingischen Lastkahn.

Mittwoch wird weitergelesen, Euer Isí

Bibliothekstagebuch 2, Bodfeld (2), Rotunde

Zurück auf dem Sofa in der Arch.-Bibl. : Wir sind weiter auf der Suche nach dem Jagdhof Bodfeld. Köhler untersuchte verschiedene archäologische Untersuchungen, die für einen Standort relevant wären:

  1. Die Andreaskirche auf dem Papenberg, sowie die dazugehörige Dorfwüstung Bodfeld. Gef. Eisenschlacken  deuten auf Eisenverarbeitung hin. Das Dorf fiel bereits vor dem 13. Jahrhundert wüst.
  2. Die Ruine Königsburg. Diese wurde erst im frühen 13. Jhd. vom Rittergeschlecht von Bodfeld (1226 – 1312). Gef. Keramik ist dem frühen 13. Jhd. zuzuordnen (Grimm). Keine frühere Bauschicht unter der Anlage des 13. Jhd. Allerdings fanden sich im Vorgelände der Burg Keramikreste des 10./11. Jhd.
  3. Wüstung Ertfeld, keine belegte Grabung, evt. 9./10. Jhd. bis 14./15. Jhd. Hier fand sich frühmittelalterliche Kugeltopfware bis hoch- und spätmittelalterliche Keramik.
  4. Der Schlosskopf. Hier fand unter Brinkmann eine Grabung im Jahre 1885/86 statt. Keramik wurde von ihm nicht beachtet. Bauanlage einer Pfalz des 9. – 10. Jhd, wahrscheinlicher Standort des Jagdhofs Bodfeld. Ein späterer Standortwechsel erscheint Köhler aber auch möglich. Schlosskopf Standort oder erster Standort des Jagdhofes.

Damit bestätigt Köhler auch das, was in der Wikipedia vermutet wird. Ganz genau weiß man es indes nicht und Brinkmanns Grabungen werden bereits viel zerstört haben. Archäologisch interessante Funde, z.B. von mit der Jagd zusammenhängenden Alltagsgegenständen, kann ich in diesem Zusammenhang auch nicht bieten. Deswegen müssen wir den Inhalt Bodfeld schließen.

 Neues Thema: Rekonstruktion einer Rotunde

Es war aber noch etwas Zeit und ich griff in den Regalen in der Nähe (d.h. oben auf meiner Sofa-Galerie) nach interessanten Inhalten und fand die Signatur Zen b 354 b Exp. Archäologie in Europa Bilanz 2009 und blätterte wahllos darum rum.

Besonders der Artikel von Ákos Nemcsics hatte es mir angetan: Erfahrungen über den Bau einer Rotunde. Diese kleinen Kapellen des beginnenden Hochmittelalters hatte ich zuerst in Prag kennengelernt, wo sich noch mehrere im Stadtgebiet und in der Umgebung erhalten haben. Hier ein Beispiel:

Rotunde

Rotunde in Prag (Longinus-Rotunde, 12. Jhd. mit Laterne oben aus dem 17. Jhd.)

Ganz in der Nähe von Halle aber wurde wahrscheinlich um oder vor 1100 auch eine Rotunde errichtet, nämlich auf dem Petersberg, später abgelöst von der Stiftskirche und dem Grabkloster der Wettiner. Heute gibt es nur noch die Fundamente davon:

Vielleicht wurde sie im 11. Jhd. errichtet, vielleicht erst im frühen 12., kurz vor der Erbauung der Stiftskirche. Der Form war sie eng verwandt mit der um 1100 entstandenen Rundkapelle der Burg Groitzsch und höchstwahrscheinlich auch mit der 1118 geweihten Jakobskapelle in Halle, beide erbaut durch Markgraf Wiprecht von Groitzsch.
aus: Die Stiftskirche auf dem Petersberg bei Halle, 4., neu bearbeitete Aufl., Regensburg, 2002

Hier mehr zur Groitzscher Rotunde. Da kommen mir ganz komische Ideen für ganz neue Projekte.  Deswegen schließe ich für heute erst einmal

Euer Isí

Bibliothekstagebuch 1

 Der argentinische Schriftsteller Borges sagte einmal: „Ich hatte mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt. Andere Leute denken dabei eher an einen Garten, wieder andere an einen Palast. Da war ich also. Nun befand ich mich im Paradies.

Ich könnte ergänzen. Und mitten im Paradies steht ein fettes Sofa, auf dem ich mich niederlassen und lesen kann. Da war ich also. Wo aber lag mein Paradies?

Ich habe bereits schon zuvor meine Begeisterung für die Archäologische Bibliothek in Halle geäußert. Nun ist sie neu eröffnet worden, hier nachzulesen, und meine Begeisterung kennt keine Grenzen mehr. Dieser möchte ich regelmäßig an dieser in einem regelmäßigen Bibliothekstagebuch Ausdruck verleihen. Heute also der Teil 1:

Es ist schon schon etwas verrückt. Ich arbeite in einer Bibliothek, verlasse diese und die Franckeschen Stiftungen und begebe mich hinüber in die Innenstadt von Halle. Dort liegt hinter dem Markt von Halle versteckt in einem Innenhof die Bibliothek des Arch. Landesamtes von Sachsen-Anhalt. Diese wurde gerade in neuen Räumen neu eröffnet. Ich melde mich an, werde von der Kollegin Frau Alferi herzlich begrüßt und suche das Buch, welches ich schon einige Zeit für unseren Wilderich durchschauen wollte. Orientierung in Bibliotheken ist für mich kein Problem und mit der Systematik habe ich mich schon vor einiger Zeit vertraut gemacht. Das anvisierte Buch mit der Signatur LB7/7/1103 wurde rasch gefunden und entpuppte sich als Broschüre oder Doktorarbeit. Der genaue Titel lautet:  Zum Stand der Diskussion über die Lage des mittelalterlichen Jagdhofes Bodfeld im Nordharz / Gerhard Köhler, Magdeburg, 2003, 83 Bl. : Ill.
Ich stieg hinauf bis ins dritte Stockwerk und dann noch hinauf auf die Galerie mit Blick auf das runde Dachfenster. Hier steht das  gemütliche Sofa, das ich zu Beginn bereits erwähnte. Habe ich es schon gesagt? Diese Bibliothek ist eine Präzenzbibliothek, ich kann die Bücher also nicht nach Hause nehmen. Das hat auch Vorteile. Man arbeitet vor Ort in der Zeit, die man hat und verschiebt es nicht auf morgen, übermorgen, auf das Wochenende… Kennen wir alle!

Thema heute: Ein königlicher Jagdhof

Es geht heute und wahrscheinlich auch das nächste Mal um den königlichen Jagdhof Bodfeld im Harz. Die Ottonen, die bei der „Wanderausstellung“ dabei waren, kennen die Gegend schon. Der Jagdhof mitten im Harz wurde wahrscheinlich unter Heinrich I. angelegt. Erste Erwähnung fand er 935 in der Vita Mathildis: Dort ist von der Krankheit Heinrichs und dem Tod in Memleben die Rede. Die erste Urkunde wurde am 19.09. 944 ausgestellt. 29 Urkunden folgten an diesem Ort, davon 21 im Sept. (Rotwildzeit). Als Actum Bodfeld  taucht der Ort in den Urkunden auf. Ebenso erwähnt wurde der Jagdhof Siptenfelde.

Unter Heinrich II. ging der Wirtschaftshof Bodfeld an das Kloster Gandersheim im Tausch gegen Besitzungen des Kloster im Herzogtum Franken, die Heinrich für den Aufbau des Bistums Bamberg brauchte. Der Jagdhof  Bpdfeld muss allerdings weiter im könglichen Besitz verblieben sein, denn hier jagten weiterhin die salischen Könige. Die letzte Urkunde wurde 1068 von Heinrich IV. ausgestellt, aber 1194 tauchte der Ort als loco qui Botvelde dictur noch einmal auf und bezeichnete die Stelle, an der Heinrich der Löwe auf seinem Weg nach Saalfeld vom Pferd fiel. Aber wo ist dieser Ort ? Dazu kann Köhler keine Erkenntnisse aufzeigen, nur Vermutungen äußern. Soweit meine gestrigen Recherchen zu Bodfeld bei Köhler. Die Wiki. scheint hier schon weiter …

Für Heute das Bibliothekstagebuch Euer Isí

Die Arch. Bibliothek Halle hat auch eine Internetseite.