Ein Fingerhut des 10. Jhd.

Fingerhut
Von der findigen catalanischen Hausfrau des 10. Jhd. empfohlen: Der Fingerhut aus Bronze

Darüber habe ich mir bei Näharbeiten lange Gedanken gemacht. Gab es bereits zu früheren Zeiten, speziell in dem von unseren dargestellten 10. und 11. Jhd. dieses wundervolle und fingerschonende Hilfsmittel, genannt Fingerhut? Schauen wir mal schnell in die Quellen, die hier herumliegen: In Müllers „Die Kleidung nach Quellen des frühen Mittelalters“ von 2003 wird nur kurz auf Nähtechniken (hier Haithabu) eingegangen und auf einen Fingerhut schon gar nicht. Schade, aber versuchen wir es in einem anderen Standartwerk.  Das ist die Gelegenheit auch mal in Kanias „Kleidung des Mittelalters“ zu schauen. Während Müller auf textliche und bildliche Quellen das Augenmerk legt, ist Frau Kanias Werk auf bildliche und archäologische Quellen ausgerichtet. Großen Anteil nimmt bei ihr die Rekonstruktion und dabei erwähnt sie auch ihre Materialien und Hilfsmittel von der Nadel bis zur Schneiderkreide. Einen Fingerhut erwähnt sie nicht, anscheinend im Zweifel, ob es diesen im Mittelalter gegeben hat. Nachdem die zwei in Buchform vorhandenen Buchquellen also kein Ergebnis gezeitigt haben und auch das „Lexikon des Mittelalters“ nur den Fingerhut als Pflanze abhandelte, versuche ich die Internetrecherche: Dort gibt es sogar eine ganze Geschichte des Fingerhutes, leider wird das Mittelalter insbesondere unser bevorzugter Zeitrahmen nur unzureichend erwähnt. Dabei verwundert es natürlich nicht, dass bereits die Römer Fingerhüte aus Bronze besaßen. Eine weitere Suche unter den spanischen Suchbegriff „DEDAL DE GUARNICIONERO“ erbrachte nicht nur den Google-Link zu den „Antigüedades medievales“ von 2006 mit einigen brauchbaren Hinweisen zu Fingerhüten ab dem 10. Jhd, sondern auch zu Direktlinks zu spanischen Museen, einen besonders schönen Fingerhut aus Jerez d.l.F. verlinke ich hier … Es zeigt sich, dass besonders im maurischen Spanien die römische Tradition des Fingerhutes aus Bronze nicht nur weitergeführt, sondern weiterentwickelt wurde.

Wir können Frau Kania daher beruhigen. Nicht nur in Hildegards Aussteuer befand ich ein Fingerhut zum Nähen. Auch die städtische Bevölkerung Barcelonas im fränkischen Einflussbereich benutzte den Fingerhut zum Nähen, wie mein (schlechtes) Foto aus dem historischen Museum der Stadt Barcelona (MUHBA, bitte nicht verwechseln mit dem Archäologischen Museum oder dem Historischen Museum Catalunya, auch beide in Barcelona) oben zeigt. Dieser ähnelt sehr stark den maurischen Fingerhüten, wirkt aber etwas grober. Spätestens mit den arabisch-jüdischen Händlern, die ab dem 10 Jhd. auch Mitteleuropa bereisten, sind orientalische Stoffe und arabische-antike Hightech wie Astrolabium und Fingerhut nach Europa gekommen. Das Überbleibsel der catalanischen Hausfrau und Hildegards Aussteuer beweisen es.

Der fleißige Hausmann Isí

Das archäologische Museum in Barcelona

Barcelona hat viele Sensationen und darunter auch viele Museen zu bieten. Da kann etwas in den Reiseführern und der Wahrnehmung des Otto-Normaltouristen ganz nach hinten wandern, was dieses Schicksal überhaupt nicht verdient. So ergeht es dem archäologischen Museum in Barcelona, das unterhalb der Parks am Mont Juic so eine Art touristisches Dornröschendasein fristet. Unberechtigt, wie uns der eigene Besuch rasch zeigte.

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Keltiberische Statuetten im archäologischen Museum Barcelona

Es ist eine verhältnismäßig kleine Sammlung mit den Schwerpunkten Steinzeit, Bronzezeit, Antike und Spätantike/Völkerwanderung, aber dadurch sehr gut an einem halben Vormittag oder Nachmittag zu bewältigen. Und das auch, wenn man Funde länger anschaut und darüber diskutiert. Das Herz der Sammlung bildet die Forschungsbibliothek, die in Achteckform an den Roman „Im Namen der Rose“ erinnert.

Museales Dornröschenschloss, aber der Weg lohnt sich!

Aber kommen wir zu dem, was man sieht, wenn einen nicht der Forschergeist in die Bibliothek treibt: Es überwiegt selbstredend der regionale Schwerpunkt. Und da wartet Catalunya von der Frühzeit des Menschen an mit den großartigsten Funden auf. Schöne Rekozeichnungen und ein an Fanatismus grenzender Hang zum Modellbau bereiten die Funde didaktisch auf. Dagegen haben die wenige Versuche moderne Technik einzusetzen teilweise bereits den Geist aufgegeben oder wirken überholt. Ich kann als Höhepunkte der Sammlung erwähnen: Für die Steinzeit die Megalithgräber; für die frühe Bronzezeit die El Argar-Kultur, die mit ihren genormten Gefässen, ihrer strukturierten Gesellschaftsform und ihren Zentralversorgungseinrichtungen etwas ganz Besonderes darstellt; für die Zeit der Phönizier der Stützpunkt auf Ibiza; die Bronzezeit und Eisenzeit auf Menorca und Mallorca mit Navetas, Taulas und Talayots; für die iberische Zeit zahllose Funde: Eine aufgefundene (Leinen?)-Färberei, Statuetten, Kriegerbildnisse, Funde von Schwertern und Falcatas (iberisches Hiebschwert, oben zweischneidig) ; Antike, Spätantike kamen mit Bodenmosaiken, Grabsteinen und Westgotenschmuck vor. Mittelalter und frühe Neuzeit kommen in die diesem Museum nicht mehr vor. Wir bleiben hier bei der klass. Archäologie.

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El Argar-Kultur mit ihren genormten Tongefässen

Und natürlich gibt es einen weiteren Nachteil: Viele Beschriftungen sind nur in einer Sprache: Catalanisch. Selbst mit Hochspanischkenntnissen hat man es da nicht einfach.  Wohl dem, der einen Erklärbär dabei hat! Ansonsten ist das MAC, das archäologische Museum CAtalunyas, ein absolutes Muss für den historisch interessierten Barcelona-Besucher.  Der Eintrittspreis ist niedrig, es ist schnell zu bewältigen und der Mont Juic und die Parks dort sind zum Nachbereiten und Ausruhen nahe. Ganz weit den Daumen hoch

macht Euer Isí

 

 

Wie kochte man in der Grafschaft Barcelona?

Die Grafschaft Barcelona ist einer der frühmittelalterlichen Nachfolgestaaten des Frankenreichen, hier kurz nachzulesen, und steht uns deswegen kulturell näher, als die eher westgotisch-islamischen Königreiche Nordspaniens. Aus diesem Grund ist es interessant einen Blick auf einige arch. Funde zu richten. Dabei möchte ich mich auf das kleine Detail Kochen konzentrieren:kochen2Aus karolingischer Zeit stammen diese Tonfunde, die vom Museum (Historisches Museum der Stadt Barcelona), als Tonbratpfanne interpretiert wurden. Ich bin etwas unschlüssig, ob ich bei dieser Interpretation mitgehen möchte. Falls aber doch, können wir unser Kochgeschirr um ein interessantes Stück Keramik erweitern. Damit zu kochen wird ein interessantes Experiment.

Der nächste Fund dürfte am ehesten von der Größe verwundern. Dafür springen wir ins 12. Jhd.: kochen3Diese zwei Herren in diesem der Romanik zugeschriebenen Bildausschnitts (im nationalen Kunstmuseum Catalunyas) benutzen einen schönen Topf, der mich an Töpfe aus römischer Produktion gemahnte (Römer, bitte an die Wissensfront !) Aufhängung und Kette sind sicher authentisch, über das zubereitete Mahl läßt sich streiten. Es handelt hier um eine der typischen Folterszenen in Märtyrerviten. Von einer Nachahmung mit Verkostung wird dringend abgeraten. Menschenfleisch stand im Mittelalter nicht auf den Speiseplan und ist deswegen nicht authentisch. Bitte den inhaltlichen Kontext beachten!

Vom Topf aus Eisen, Kupfer oder Bronze springen wir weiter zu einer Tonarbeit aus dem 13. Jhd., die ich auch sehr interessant fand:

kochen1Entschuldigt die schlechte Bildqualität, aber die Lichtverhältnisse im Museum waren schlecht und beim ersten Mal habe ich schon den Blitz benutzt, beim zweiten Mal hätte ihr mich nicht wiedergesehen! Die Wärter sind gnadenlos und machen aus Blitzern Eintopf (siehe Bild 2). Ich denke aber, Tontopf und „Stöpfchen“ für das Feuer sind doch zu erkennen. Das hat mich an die Tonfeuerstellen aus Marokko erinnert, auf die man die Tajine, den marokkonischen „Dampfkochtopf“ draufstellt. Und hier gibt es sicher auch eine Verbindung. Zwischen 11. und 13. nahmen die Einmischungen aus Nordafrika in Spanien zu. Davon ist auch Barcelona kulturell nicht unbeeindruckt geblieben. Im Beispiel aber ist die Tonfeuerstelle für einen hübschen Kugeltopf gemacht. Holzsparend und wie gemacht für Lager, wo keine Feuerstellen ausgehoben werden dürfen. Ggf. sogar für große Zelte geeignet. Kochen wie in Barcelona aber leider erst ab dem 13. Jhd., ich würde für für Leute im Cid-Zeitalter noch ein Auge zudrücken, aber nicht für Ottonen! Tut mir leid.

Und da der Missionar jetzt gar ist (siehe erneut Bild 2), muss ich zum Esstisch. In Apfelwein geschmort, schmeckt selbst der zäheste Esel gut.

Heute am Kochlöffel, euer Isí

Archäologische Gesellschaft in Drübeck

Kloster Drübeck mit ottonischen Wurzeln, Klosterkirche

Dieses Jahr war ich nicht auf dem Heerbann in Berlin-Brandenburg,  sondern im Kloster Drübeck zur Jahrestagung der archäologischen Gesellschaft von Sachsen-Anhalt.  Das Ambiente des Kloster Drübecks und auch das umfangreiche Vortragsprogramm haben den Besuch mehr als gerechtfertigt.

Kloster mit ottonischen Wurzeln

Das Kloster Drübeck wurde 960 in einer Geschenkungsurkunde Otto I. zuerst erwähnt. Viel Ottonisches ist in Kirche und Kloster allerdings nicht mehr erhalten. Hier mehr zur Geschichte …  Einst Benediktinerinnenkloster ist Drübeck heute ein evangelisches Tagungshaus mit einer ausgezeichneten Küche (aus regionalen Produkten, frisch zubereitet). Am meisten hat sich von der Atmosphäre aus der Zeit als evangelischem Damenstift erhalten. Einige Fotos habe ich hier abgelegt … Es hat uns sehr viel Spaß gemacht, dort die Parkanlagen und die Unterkunft zu genießen, aber wir waren natürlich nicht nur zum Spaß dort.

Ottonisches Marktpflaster in Quedlinburg entdeckt

Es gab auf der Tagung neben den üblichen Mitgliederregularien und der Verleihung der archäologischen Projektförderung 2014 ein umfangreiches Vortragsprogramm: Natürlich ging es hier auch um die Klosterkirche von Drübeck und neuere Untersuchungen dazu. Aber besonders im Fokus stand an die Kreisarchäologie im Harzkreis, die Dr. Oliver Schlegel, der Kreisarchäologe, mit einem sehr kurzweiligen Vortrag vorstellte. Im Harzkreis blieben auch Dr. Gärtner, der über aktuelle Forschungen zur Siedlungsarchäologie in Quedlinburg referierte und Robert Brosch, der seine Grabungskampagnen mehrerer Jahre in Quedlinburg vorstellte, bei der er das ottonische Marktpflaster entdeckt haben möchte, eine Fläche festgestampfter Erde mit Knochen und anderen Resten. Zur Datierung diente eine gefundene Fibel, Typ Frauenhofen, die in das 10. u. 11. Jahrhundert gehören. Da würden wir uns doch über eine baldige Veröffentlichung der Grabungsergebnisse freuen, denke ich, um all das noch einmal nachlesen zu können.

Euer vertagter Isí

Fibeln Typ Frauenhofen (Fundort Tilleda)

April, April…

Einige haben es sofort gemerkt, andere sind reingefallen (was mir besonders Freude gemacht hat): Der „Ottonenpark“ war also ein Aprilscherz. Eine Presseerklärung eines Ministeriums oder eine Planung hat es nie gegeben. Zwar sind einige Dinge am Betrag nicht ganz unrichtig gewesen, aber insgesamt war es eine Erfindung meinerseits…

Ganz ernsthabt aber berichtet die LN über den Ausbau des Freilichtmuseums in Oldenburg (Holstein), hier nachzulesen …

Und auch in Halle ist eine kleine Ausstellung im Landesmuseum eröffnet worden, darüber berichtet auch der Fund des Monats April, diesmal kein Scherz…

Euer Isí

Blick in die Stadtarchäologie Halles

Im Moment wird bei uns im Innenstadtbereich sehr stark gebaut. Es mag bedauerlich sein, dass alte Gebäude abgerissen werden müssen und Handelsketten dort etwas Neues hinklotzen, aber für die Archäologie eröffnet es natürlich Chancen. So gibt es momentan eine kleine Grabung in der Großen Ulrichstraße: Dort sind ungestörte Teile des Friedhofes der alte Ulrichskirche, die sich dort in der Nähe befand, gefunden worden (siehe Plan, St. Ulrich.)
karte-kirchen-halleEine größere Grabung wird derzeit an der Leipziger Straße durchgeführt (unterhalb des roten Pfeils auf der Karte) und ich erhielt gestern im Rahmen des Stammtisches der Archäologischen Gesellschaft die Gelegenheit eine kleine Führung dort zu genießen. Das war eine schöne Überraschung, die ich sehr begrüßte, denn ich habe schon eine Zeitlang der der Stelle Kiebitz gespielt. Natürlich möchte ich hier nicht die Ergebnisse des Ausgräbers, Herrn Neumann, und der Stadtarchäologie vorwegnehmen. Aber so ein bißchen über das Gesehene erzählen darf ich sicherlich: Die Mauerreste reichen bis ins 16. Jhd. vielleicht auch noch später zurück. Keramik ist von spätslawischer Keramik bis Steinzeug und glasierter Keramik das ganze Spektrum der mittelalterlichen Keramik Halles gefunden worden. Alles paßt ins Bild, das auch Volker Herrmann am Marktplatz vorgefunden hat. Ein steingefasster Brunnen kam erst vor kurzem zum Vorschein und anhand bearbeiteten Horn- und Knochenteilen wird angenommen, dass sich auch hier die Werkstatt eines Knochenschnitzers und Kammmachers befand. Wie aus der Karte oben hervorgeht, liegt die Ausgrabung außerhalb der ottonischen Kernsiedlung. Inwiefern die spätslawische Keramik auf eine Besiedlung bereits im 11. Jahrhundert an dem Standort hinweist oder aus anderen Gründen in die Erde gelangte, bleibt ungeklärt.

Euer Isí

 

Von Forchheim, Hanse und Katzen

Nach dem Ausflug in die Steinzeit letzte Woche, gibt es heute Hallenser Allerlei: Forchheim ist 150 Jahre älter, so stellten vor Ort Archäologen fest. Unsere Stiftsfrau war so freundlich, mir diesen Link zukommen zu lassen. Dort weiterlesen und Danke schön.

Interessant ist auch ein online-Kurs zum Thema Hanse, den die Fachhochschule Lübeck u.a. durchführt. Anmelden, wer dazu Lust und Zeit hat, und zwar hier …

Am 20.3. hat nach Angaben regierungsnaher Medien die syrische Armee den Krak des Chevaliers erobert.

diese Meldung stammt nicht aus der Kreuzfahrerzeit, sondern heute. Die uns allen sehr wertvolle Burg steht wieder unter Beschuss. Der syrischer Bürgerkrieg zerstört Kulturgüter in großen Ausmaß. Der Bloger Rainer Schreg berichtet hier darüber …

Archäologie und Katzen, das paßt sehr gut zusammen. Da führt die die Spur ins alte Ägypten, dort wo Katzen und Menschen sich gegenseitig domestizierten. Sehr gerne verweise ich deshalb auf die charmate Altägyptenblogerin Selket und ihren neusten Eintrag zum Thema Ägypter und Katzen …

Und hoffentlich denkt ihr jetzt nicht, in der Ottonenzeit ist jetzt alles für die Katz, hofft jedenfalls

Euer Isí

 

 

 

Verdammt lange her!

Gestern, am 18.03.2014, hat der Archäologe Torsten Schunke neue Erkenntnisse zur (Steinzeit-) „Stadt auf der Heide“ unter dem Titel: Großsteingrab und Steinzeitfestung – Die Dölauer Heide bei Halle in neuem Licht im Hörsaal des Landesmuseums für Vorgeschichte vortragen können.

Seit ich in Halle wohne, hat mich die gewaltige Anlage auf der „Bischofswiese“ im Waldgebiet Dölauer Heide fasziniert. Hintereinander gestaffelte Wälle schützten nicht nur wenige Häuser, sondern eine gewaltige (Stadt-)Siedlung. Tore, Wälle, Anlage, alles ist für den, der es weiß, noch deutlich im Gelände zu erkennen.  Eine ca. 25 ha umfassende Fläche war durch ein mehrfach gestaffeltes Grabensystem mit zusätzlicher Innenpalisade umfaßt und geschützt. Das monumentale Grabensystem ist heute noch im Gelände zu sehen. Aber besonders deutlich wurden die auch an den Hängen angelegten tiefen Gräben im modernen Laserscan, hier zu sehen… Durch zwei Tore kam man in die Siedlung, eines davon war durch einen sanft ansteigenden Einschnitt auch für Wagen passierbar. Für die Palisade hinter den Gräben mußten ca. 15 000 Bäume gefällt und bearbeitet werden. Zwar sind nur im Grabenbereich zahlreiche Suchschnitte angelegt worden, der Innenbereich  nur am Rand ergraben worden, aber durch umgefallene Bäume im heute bewaldeten Innenbereich kamen immer wieder Keramikscherben ans Tageslicht. Schunke nimmt an, dass auch ein großflächige Besiedlung des Bereiches Bischofswiese möglich gewesen sein könnte. Wem gehörte diese bewohnte Festung?

Die Baalberger Kultur

Wir befinden uns noch in der Steinzeit, genauer gesagt der Jungsteinzeit. Eine schöne Einführung dazu bieten die Seiten des Hallenser Landesamtes für Archäologie, hier anzuklicken… Das gesamte Elbe-Saalegebiet war entwaldet worden, wurde für den neolithischen Ackerbau benutzt und war dementsprechend dicht besiedelt. Die „Stadt auf der Heide“, wie ich die Momumentalfestung der Jungsteinzeit nenne, wird der Baalberger Kultur zugerechnet, die von ca. 6.000-5.400 Jahre vor heute nach den festgestellten Keramikfunden im oben angesprochenen Gebiet vorherrschte. Die Baalberger Kultur ist ähnlich wie der ihr folgenden Salzmünder Kultur Teil der jungsteinzeitlichen Trichterbecherkultur. Etwa vor 5600 – 5500 Jahren errichteten die Menschen der Baalberger Kultur die Momentalanlage in der Dölauer Heide. Wir haben zwar eine Menge Keramikscherben und weitere Funde, hier einige Beispiele … Aber zum Thema Häuser ist archäologisch wenig auszusagen, wie Torsten Schunke weiter ausführte. Deswegen ist seriös nichts darüber zu sagen, wie die Innenbesiedlung der Bischofswiese wirklich ausgesehen haben könnte.

Vom Monumentalwerk zur Totenstadt

Zwar wurde der Lange Berg nahe der Bischofswiese, im Vergleich dazu winzig, noch einmal von der Bernburger Kultur 5.100-4.650 Jahre vor heute besiedelt, aber danach blieb der Berg wüst und wurde später zu dem Wald, wie er heute vor uns liegt. Allerdings reihen sich am Rand der großen Hügel der Heide die z.T. verzierten Steinkammergräber der Bernburger Kultur und der späteren Schnurkeramiker (4.800-4.100 Jahre vor heute) wie Perlen auf. Diese Gräber sind im Musem oder direkt vor Ort an exponierter Stelle zu besichtigen. Das ist alles verdammt lang her …

Euer Isí

 

Holzkästchen mit Schiebedeckel

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Abb.1: Holzkästchen Stift Gandersheim
Quelle: Portal zur Geschichte Bad Gandersheim
Schätze neu entdecken! Kurzführer, Delmenhorst, 2007.

Es lohnt sich, Interesse und Herz auch an kleine Dinge zu hängen. Mein Enthusiasmus an einem kalten Januarnachmittag galt einem kleinen Ausstattungsding, das ich mit dem Begriff Holzkästchen oder Holzkasten mit Schiebedeckel bezeichnen möchte. Ich hielt diese Form, wie sie heute noch als Kastenform für Weinflaschen, Geschenke etc. benutzt wird, anfangs für einen singulären Fund. Zuerst begegnete er mir in Form eines Holzkästchen aus dem ehemaligen ottonischen Stift Gandersheim, das in das 10. Jahrhundert datiert wurde (Abb. 1). Aber bei meinen Recherchen zu Möbeln in Überlieferung und arch. Fundgut sind mir inzwischen weitere Kästchen mit Schiebedeckeln begegnet. Ich möchte einige Beispiele exemplarisch herausgreifen:

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Abb. 2: römisches Holzkästchen
Quelle: Riha: Kächchen, Truhen, Tische, Augst, 2001.

Wenn wir über Möbel und Ausstattung anfangen zu reden, müssen wir direkt in die Zivilisation reisen. Das heißt natürlich ins Römische Reich. Praktischerweise gibt es direkt zu provinzialrömischen Kästchen und Kisten die schöne Publikation von Emilie Riha zu Kästchen und Möbelteilen aus Augusta Raurica in der heutigen Schweiz (s. Quellen). Dort kann z.B. eine Menge römischer Metallscharniere bestaunt werden. Für diese würde ich, sollte ich sie an meiner Ausstattung benutzen, wahrscheinlichen einen Unauthentikpreis bekommen. Sei es drum, denn sie sehen wirklich so aus, wie aus dem nächsten Baumarkt entwendet. Die Kästchen, Kästen und Truhen aus Augusta Raurica haben dementsprechend auch Deckel mit Scharnieren, Schlösser, Kanten und Verzierungen aus Metall, der pure Luxus alles! Aber darunter war auch ein Metallstück, das zu einem Kästchen mit Schiebedeckel gehören könnte, dies so ähnlich wie eine Rekonstruktion von H.U. Nuber von einem Kästchen mit Schiebedeckel aus der römischen Ansiedlung Sontheim-Brenz (Abb. 2). Diese Rekonstruktion erfolgte aufgrund der noch vorhandenen Metallteile. Holz war nicht mehr vorhanden. Das Kästchen war mit einer Schließplatte und Schließvorrichtung ausgestattet.

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Abb. 3: Schiebekästchen der römischen Eisenzeit
Quelle: Grodde: Hölzernes Mobiliar im vor- und frühgeschichtlichen Mittel- und Nordeuropa, Frankfurt a. M, 1989.

Ein ähnliches Kästchen, auch mit einem Schiebedeckel rekonstruiert und mit metallenen Schließbestandteilen gefunden, stammt von der dänischen Insel Lolland aus einem Frauengrab der römischen Eisenzeit, ggf. könnte das Kästchen auch aus provinzialrömischer Produktion stammen. Das muss aber nicht sein, denn unzweifelhaft sind derartige Kästchen auch im skandinavisch-germanischen Kulturkreis hergestellt und benutzt worden. Aus Schweden ist uns vom „Opferplatz Karingsjön“ sogar ein bemalter Deckel eines Kästchen mit Schiebedeckel bekannt (Ab. 4).

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Abb. 4.: Deckelbemalung aus Käringsjön
Quelle: Arbman: Käringsjön, Stockholm, 1945.

Die Entdeckung von Käringsjön gelang bereits 1941. Kurz danach im Jahr 1945 brachte der Ausgräber Holger Arbman seine Ergebnisse in einer ausführlichen Publikation unter, die sogar mit einem engl. Sumary ausgestattet war, damit ich mich nicht durch das Schwedische quälen mußte (s. Quellen). Danke schön! Käringsjön war eine Anlage aus Holz rund um einen See, die höchstwahrscheinlich der Depotierung von Opfergaben diente. Der See verlandete und versumpfte, womit sich auch Holzgegenstände ausgezeichnet erhielten. Eine Ansiedlung gab es in der Nähe nicht. Herr Arbman äußert die Vermutung,  dass die Deponierungen aus mehreren ländlichen Ansiedlungen aus der Umgebung stammten, Käringsjön sozusagen ein zentraler Ort war, in dem Gegenstände bis zum 4. Jahrhundert unserer Zeit geopfert wurden. Für das 5. Jahrhundert sind keine Funde mehr feststellbar. Holger Arbman identifizierte die rechts abgebildeten Deckelfragmente als Teil eines Holzkästchen mit Schiebedeckel ähnlich dem Fund im dänischen Vimose, Insel Fünen, den er als Vergleichsfund benutzt und der gleichfalls aus einem Moor stammt. Mit seiner Deckelbemalung steht das Kästchen aus Käringsjön einzeln da. Da Keramikgefässe fettige Opfergaben enthielten, ist es auch möglich, dass eine nicht erhaltene Gabe in dem Kästchen gelegt wurde und im Moorsee geopfert wurde.

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Abb. 5: Kästchen aus Vimose
Quelle: Arbman: Käringsjön, Stockholm, 1945.

Das von Arbman herangezogene Vimose ist die letzte Station unserer kleinen Kästchenreise (Abb. 5). Und wie an der Abb. gut zu erkennen ist, ist dies keine Rekonstruktion, sondern der Erhaltungszustand des Fundes. Es gibt hier keinen Zweifel, dass es sich um ein Holzkästchen mit Schiebedeckel handelt. Datiert ist der Opferplatz von Vimose, in dem noch tausende Funde mehr gemacht wurden, in der Zeit vom 2. – 3. Jahrhundert unserer Zeit.

Kurzes Fazit: Das Holzkästchen mit Schiebedeckel, das ich selbst aus meiner Kindheit kenne und in dem ich meine Schätze gelagert hatte, ist ein sehr altes Ausstattungsstück der Menschen in Europa. Für eine Darstellung der römischen Eisenzeit bis zum Mittelalter hinein bis zur heutigen Gegenwart kann es benutzt werden. Es gibt einfache Varianten, Varianten mit Verschluss und sogar Varianten mit bemalten Deckel. Zur Herstellung eines solchen Kästchens vertröste ich auf einen eigenen Blogbeitrag in der Zukunft.

Euer Isí

Quellen:

  1. Portal zur Geschichte Bad Gandersheim
    Schätze neu entdecken! Kurzführer, Delmenhorst, 2007.
  2. Riha, Emilie: Kästchen, Truhen, Tische – Möbelteile aus Augusta Raurica / Emilie Riha. – Augst : Römerstadt Augusta Raurica, 2001
  3. Grodde, Barbara: Hölzernes Mobiliar im vor- und frühgeschichtlichen Mittel- und Nordeuropa / Barbara Grodde. – Frankfurt am Main [u.a.] : Lang, 1989
  4. Arbman, Holger: Käringsjön : studier i halländsk järn°alder
    / Holger Arbman. – Stockholm : Wahlström & Widstrand [i komm.], 1945