Alchemie in Halle

Dr. Wunderlich, unser Ehrenmitglied im Lebendige Geschichte e.V. Für ihn lassen wir es schon mal krachen
Dr. Wunderlich, unser Ehrenmitglied im Lebendige Geschichte e.V., und bekannter Alchemist. Für ihn lassen wir es schon mal krachen

Wieder gab es eine Ausstellungseröffnung in Halle. Das Thema heißt „Alchemie – Die Suche nach dem Weltgeheimnis“ Natürlich war ich bei der Ausstellungseröffnung dabei. Aber dieses Mal soll es keinen eigenen redaktionellen Beitrag von mir geben, sondern ich werde mit Erlaubnis des HalleSpektrums zwei Beiträge von den Kolleg/innen übernehmen:

Alchemie – Neue Sonderausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte

Ein sensationeller Fund aus dem ehemaligen Franziskanerkloster in Wittenberg ist für das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle Anlass zu einer Sonderausstellung mit dem Titel „Alchemie – Die Suche nach dem Weltgeheimnis“. Im Mittelpunkt stehen die Überreste eines alchemischen Laboratoriums des 16. Jahrhunderts. Rund um den Fund geht die Schau nicht nur dem Thema Alchemie, sondern auch den Anfängen der modernen Naturwissenschaften bis zur heutigen Zeit nach. Hier bitte weiterlesen …

Das Puzzle aus 10.000 Scherben

Die Inszenierung der Funde im Atrium
Die Inszenierung der Funde im Atrium

Da die neue Sonderausstellung „Alchemie – Die Suche nach dem Weltgeheimnis“ im Landesmuseum für Vorgeschichte ab morgen für Besucher geöffnet hat, blickt Halle-Spektrum hinter die Kulissen. Di
eses Mal beleuchten wir die Restaurierung der Wittenberger Alchemistenfunde. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen etwa 50 alte Arbeitsgeräte der Alchemie-Werkstatt in Wittenberg aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Hier bitte weiterlesen….

Noch ein kleiner eigener Eindruck von mir am Schluss: Wie gestern der Landesarchäologe Meller sagte, ist es eine kleinere Sonderausstellung. Das kann ich bestätigen, aber es ist auch eine sehr feine Ausstellung. So etwas, eine ganze Alchemistenwerkstatt, ist noch nie gefunden, geschweige denn gezeigt worden. Ich erwarte Euch in Halle!

Euer Isidorus

Archäologentag zu Migration und Integration erfolgreich beendet

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Auf dem 9. Mitteldeutschen Archäologentag

Ein verregneter Samstagmorgen, an dem ich mich zum neuen Steintorcampus aufmache. Im Hörsaal I. finden die letzten Veranstaltungen des diesjährigen Mitteldeutschen Archäologentages statt. Ich bin früh da und freue mich, mit Bekannten aus der Archäologie einige Worte wechseln zu können. Erst langsam trudeln die anderen Teilnehmer ein. Heute moderiert Univ.-Prof. Dr. Falko Daim aus Mainz. Die archäologische Migrationsreise geht am letzten Tag in die Spätantike, Völkerwanderung und das Mittelalter. Es wird gleich losgehen.

Der Mitteldeutsche Archäologentag wird jährlich vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt veranstaltet. Die internationale Tagung greift jeweils eine archäologische Thematik auf, um durch einen interdisziplinären wissenschaftlichen Diskurs auf Grundlage der jeweils fachspezifischen Datenbasis neue Erkenntnisse zu gewinnen. Die diesjährige Konferenz widmet sich in diesem Jahr einem besonders aktuellen und viel diskutierten Themenfeld: Migration und Integration. Die wissenschaftliche Leitung in diesem Jahr haben Prof. Dr. Harald Meller, LDA Halle, Prof. Dr. Falko Daim, RGZM Mainz, Prof. Dr. Johannes Krause, MPI Jena und Prof. Dr. Roberto Risch, UAB Barcelona inne.

Es geht um Angeln, Sachsen usw.
Es geht um Angeln, Sachsen usw.

Eine gewisse Internationalität ist also gewährleistet. Stephan Schiffels beginnt mit „Insights into the Anglo-Saxon migration period from a genetic perspective“. Der Mann ist also Genetiker. Und Genetiker sind für die großen Würfe zuständig, während sich die Archäologen um die kleinen Dinge bemühen, Knochen, Keramik, Kleinkram, davon können die meisten im Saal ein Lied singen. Erstaunlich ist dennoch, was man mit Vergleichsdaten und genetischen Untersuchungen inzwischen herausfinden kann. So waren die meisten römischen (Besatzungs-)Soldaten genetisch nicht weit von der einheimischen Bevölkerung entfernt. Ausnahmen waren ein Mann, der aus dem Nahen Osten stammte und ein Soldat, der eher dem germanischen Genmaterial nahe kam. Ergebnis der Untersuchung von Schiffels ist, dass etwa 38 % – 50% der DNA der heutigen englischen Bevölkerung mit dem Erbgut der Angelsachsen übereinstimmt. Der heutige Engländer liegt etwa in der Mitte zwischen der eisenzeitlichen Urbevölkerung und den damals eingewanderten Angelsachsen. Bereits der angelsächsische Friedhof Oaktington Site zeigt bei 100 % angelsächsischen Grabbeigaben dennoch ein Mix der dort beerdigten Bevölkerung.

I´m a diaspora viking
I´m a diaspora viking

Auch der zweite Vortrag ist auf engl. und handelt von Angelsachsen. Der Archäologin Catherine M. Hill aus Cambridge gelingt es mit einem archäologischen Feuerwerk den vorherigen Vortrag zu unterfüttern. Interessant ist ihre Aussage, dass es in einigen Gebieten von England nichts zu den Angelsachsen zu finden gibt. Selbst dort, wo in römischen Zeiten noch eine größere Bevölkerung lebte, scheint es für die neuen Einwanderer uninteressant gewesen zu sein. Vielleicht entstanden hier neue Wälder, bis die Gebiete im Mittelalter wieder besiedelt worden sind. Neben der Faszination der „empty areas“ war bei den frühen Urnenfriedhöfen der Angelsachen in den funddichten Gebieten eine erstaunliche Ähnlichkeit mit ähnlichen Fundkomplexen in Jütland, Schleswig-Holstein und Nordniedersachsen festzustellen, die Heimat der eingewanderten Stämme. Es gab neben den Migranten also noch Angelsachsen die zu Hause blieben, wir nannten sie früher die „fußkranken Angelsachsen“.

aus dem charmanten Vortrag von Judith Jesch, Nottingham
aus dem charmanten Vortrag von Judith Jesch, Nottingham

Die weiteren Vorträge heute sind „Zwischen Bosporus und Samarkand“, „Formen der Migration ins frühmittelalterliche Süditalien“ und der besonders charmante Vortrag von Judith Jesch aus Nottingham über „The viking diaspora: Continuity and variation.“ Sie betrachtet die Wikingerexpansion nicht als Kolonisation, sondern als Diapora-Siedlungen. Die Untersuchung der Professorin of Viking Studies beruht stark auf literarischen Studien der isländischen Sagas. Den Abschlussvortrag des Archäologentages trägt der Leipziger Matthias Hardt mit dem Thema „Zuwanderer im Hochmittelalterlichen Landesausbau im östlichen Mitteleuropa“ vor. Er hält den hochmittelalterlichen Landesausbau, der seiner Ansicht keine „Ostkolonisation“ war, für ähnlich umwälzend wie die spätere Industrialisierung. Im Mittelalter und in der Slawenfrage sieht Dr. Meller in der anschließenden Diskussion eigene Versäumnisse: „Hier ist die Archäologie gefragt“. Man hat zu lange nur auf die Keramik geschaut. So ist es, es gibt im Landesamt im Moment niemanden, der zum Landesausbau und der vorherigen slawischen Besiedlung eine kompetente Antwort geben kann, ergaben frühere Recherchen von uns „Ottonenzeitlern“. Ob diese Themen mehr in den Fokus des Landesamtes rücken werden?

Die "Stammeshäuptlinge" wirken bei den Schlussworten müde, kein Wunder
Die „Stammeshäuptlinge“ wirken bei den Schlussworten müde, kein Wunder

Es wird Zeit für den Abschluss eines erfolgreichen Archäologentages. Die wissenschaftlichen Leiter der Veranstaltung betreten das Podium für abschließende Worte und Würdigungen. Der Landesarchäologe Harald Meller würdigt die Genetiker mit den Worten „Genetik stellt der Archäologie neue Fragen“ und kündigt den 10. Mitteldeutschen Archäologentag für den 19. – 21. Okt. 2017 an. Thema steht noch nicht fest. Dr. Krause findet, dass Genetik und Archäologie „wieder neu zusammenkommen müssen“ und wünscht sich eine neue Generation von Archäo-Genetikern. Prof. Risch aus Barcelona schließt „Migration ohne Gewalt muss nicht negativ sein, bringt Dynamik, bringt Fortschritt.“.

leicht gekürzter Artikel von Paula Poppinga mit freundlicher Genehmigung des Hallespektrums

Giftmischer in Halle

Foto: T. Kreutzfeldt
Foto: T. Kreutzfeldt

Zwischendurch eine wunderschöne Geschichte aus der Restaurationswerksstatt in Halle über den „Giftmischer von Wittenberg“. Damit ist nicht unser Ehrenmitglied Heinrich Wunderlich gemeint, sondern … ach, lest selbst, mit Video hier …

Auf jeden Fall eine tolle Geschichte über eine Alchemistenwerkstatt in unserer Gegend und man kann dem Spiegel nur danken, dass so etwas in diesem Magazin immer mal wieder möglich ist.

Euer Isidorus

Glas

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Abb.-Quelle: Verlag

Ich habe selten ein Sachbuch mit so großer (kindlicher) Freude verschlungen wie „Glas“ von Christiane Herb und Nina Willburger. Die Bedeutung von Glas als Massenartikel ist längst an die Kunststoffe übergegangen. Dafür hat es sich andere Anwendungen erobert als Dämmmaterial,  in der Kommunikationstechnologie als Glasfaser, als Material in Solaranlagen und auch bei Displays oder Halbleitern ist Glas eine der wichtigsten Komponenten (Quelle: Bundesverband Glasindustrie e.V.). Aus dem täglichen Leben wegzudenken ist Glas heute immer noch nicht. Und zu Ritualen wie z.B. „ein Abendessen zu zweit“ gehören natürlich auch wunderschöne Weingläser. Doch, wie in diesem Blog zu erwarten, handeln die zwei Autorinnen nicht die Gegenwart, sondern die Vergangenheit des Glases ab:

Seit über 3500 Jahren beliebt

Die Autorinnen kommen methodisch diesem beliebten Werkstoff auf die Spur: Was ist eigentlich Glas, wie setzt es sich zusammen und ab wann können wir von Glas reden? Und worin liegt der Unterschied zwischen Fayence und Glas? All diese Fragen werden im Zusammenhang mit Quellen und archäologischen Funden geklärt. Die frühesten Glasobjekte waren Glasperlen. Eine beabsichtigte Glasproduktion ist lt. Autorinnen „nicht vor der zweiten Hälfte des 16. Jh. v. Chr.“ nachweisbar. Zentren der Glasproduktion waren das pharonische Ägypten und Syrien. Z.B. die Totenmaske Tutanchamus besteht neben vielen Gold auch aus zahlreichen Glaseinlagen. Auch die bei den Ägyptern beliebte Augenschminke Kohel wurde in kleinen Glasröhrchen aufbewahrt. (Dazu im Buch ein wundervolles Objektfoto). Gefäße wurden in dieser Zeit kerngeformt und waren aus diesem Grund mühsam und teuer in der Herstellung. Glas war ein Luxusobjekt. Dennoch entstanden wundervolle Objekte, die in dem Buch ausführlich abgehandelt werden. Zur hellenistischer Zeit (ab 4. Jh. v. Chr.) entstanden bereits rafinierte Gläser, die mit Hilfe zweiteiliger geschlossener Formen hergestellt wurden. Mit Hilfe von Grafiken erklären die Autorinnen wie diese Glasobjekte entstanden. Ein Höhepunkt im Buch waren für mich die Glasringe der Kelten. Die Glasarmproduktin beginnt hier etwa ab 260 v. Chr. Manching (heute in Bayern) war eins der Zentren der Glasherstellung. Die Ringe und ihre Farben betören noch heute und sind technisch von höchster Vollkommenheit: Selbst den Römern gelang es erst über 500 Jahre später solche nahtlosen Armringe zu produzieren.

Die Revolution der Glasproduktion durch die  Glasmacherpfeife

Die Technik des Glasblasens veränderte alles! Die Glasmacherpfeife, die im syrisch-palästinischen Raum entstand, war zunächst aus Ton, später aus Metall. Das neue Werkzeug, die Technik wird wieder mit anschaulichen Grafiken erklärt, ermöglichte Glasvielfalt (fast) ohne Grenzen. Nun wurde das Glas, besonders im römischen Imperium, zur Massenware. Luxusgefäße mußten nun veredelt und verziert sein. Die Erfindung der Fensterscheiben aus Glas ging nach Meinung der Autorinnen auch auf die Römer zurück. Es ist gegossenes und geblasenes Fensterglas nachweisbar. Z.B. war die gläserne Fensterfront in den Faustinathermen von Milet von einer beeindruckenden Größe, dies allerdings nur mit Hilfe von Gitterrahmen. Der oben erwähnte Bundesverband Glasindustrie ignoriert römische Funde anscheinend völlig und setzt die Erfindung des Fensterglases erst im 12. Jhd. an.

Den Ausklang – viel zu früh! – findet das Glasbuch mit dem Handwerk in frühbyzantinischer Zeit und dem Frühmittelalter. In Byzanz findet Glas als Lampen Verwendung. Neue Glastypen entwickeln sich. Nach den Römern dominieren Schank- und Trinkgefäße. Glas wird wieder zu einem Luxusprodukt. Die weitere Glasproduktion im Mittelalter, z.B. Murano, wird im Werk von Herb und Willburger nicht abgehandelt. Das ist wirklich der einzige Nachteil dieses Buches. Ich würde mir weitere archäologische Überblicksbände dieser Art wünschen. Und besonders großes Lob an die Autorinnen für die spannende und anschauliche Vermittlung, die sich niemals in überflüssige Details verloren hat.

Euer Isidorus

Glas von Herb, Christiane; Willburger, Nina;
Von den Anfängen bis ins frühe Mittelalter. 112 S. 109 Farbabb. 2016 Theiss
ISBN 978-3-8062-2858-8
24.95 EUR

Das neue Jahr (2016)

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Sylvester 2015 – 2016, Turmhügelburg Lütjenburg. Foto: Torsten Mann

Allen einen guten Start ins neue Jahr und viele schöne historische Ereignisse sollen erlebbar sein.

z.B. im jährt sich die Schlacht von Hastings zum 950., da werden auch Mitglieder des Lebendige Geschichte e.V. mitmachen. Natürlich nicht als Ottonen, sondern als Normannen. Hier dazu mehr…

Bei mir  beginnt 2016 etwas lustlos. Es wartet Vereinsbürokratie auf mich und die Vereinstermine müssen auch aktualisiert werden. Wie und Wo organisieren wir dieses Jahr eine neue Schleuderermeisterschaft? Kurz und gut. Ich bin noch gar nicht richtig im neuen Jahr angekommen. Immerhin stehen heuer alle Teilnehmer für die (interne) Winterklausur im Febr. fest. Diese findet im Kloster Drübeck statt. Alle freuen sich schon sehr auf diese Zeit.

Aber auf eine Veranstaltung möchte ich am Ende noch hinweisen: Am Dienstag, 26. Januar 2016, spricht Dr. Marianne Mödlinger (Universität Genua/I) zum Thema: „Kampf und Bewaffnung in der Bronzezeit“.  Vortragsbeginn ist 19.30 Uhr. Die Veranstaltung (Dauer ca. 60 Min.) findet im Hörsaal des Landesmuseums für Vorgeschichte (Seiteneingang), Richard-Wagner-Str. 9, o6114 Halle (Saale) statt. Der Eintritt ist frei.

Euer Isidorus

10 Jahre Archaeoforum

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Seit vielen Jahren in schwarzer Farbe, das Archaeoforum…

Seit vielen Jahren ist es für mich eine Heimat zum Diskutieren und Neuigkeitenaustauschen in der Archäologie und zur Rekonstruktion und Darstellung, das Archaeoforum. Daran hat auch facebook und Co. nichts geändert. Und nun ist es 10. Jahre geworden. Ich stelle fest, ich bin immer noch eifrig dabei und freue mich über jeden neuen Fund, den ich dort kennenlerne, und über jede neue Erkenntnis, die ich dort gewinne. Deswegen: Archaeoforum, ganz herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

Der Krieg gehört ins Museum

Ein volles Haus, so wird Archäologie zum Ereignis. Foto: T. Kreutzfeldt
Ein volles Haus, so wird Archäologie zum Ereignis. Foto: To. Kreutzfeldt

so erläuterte Landesarchäologe Harald Meller programmatisch bei der Eröffnung der neuen Sonderausstellung „Krieg“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Selten war die Archäologie so politisch wie heute. Die Spurensuche der Hallenser geriet sich zu einem Mahnmal gegen Krieg und Vertreibung allgemein. Obwohl man das Ausstellungskonzept bereits seit Jahren im Kopf gehabt hatte, waren Meller und Mitarbeiter doch überrascht, wie aktuell Funde und Artefakte angesichts der „Flüchtlingskrise“ sind. Kultusminister Dorgerloh befand in seinem Grußwort: „Wenn wir für jeden Panzer und jedes Sturmgewehr, dass Deutschland in die Welt liefert, einen Flüchtling aufnehmen müßten, ist das Ende der Flüchtlingsaufnahme noch lange nicht erreicht.“

Eine Blockbergung wie ein mahnender Monolith

Über die politische Dimension hinaus, die während der Konzeption der Ausstellung über die Macher hereingebrochen ist, gelang dem Team eine beeindruckende archäologische Sicht auf den Krieg als Kulturphänomen, das die Menschheit nur eine kurze Zeit ihrer Geschichte erlernt hatte und beherrschte. Eine Kulturtechnik, die wir als Menschen  „auch wieder verlernen sollten“. (Meller)

Mahnmal oder Inszenierung einer gewaltigen Blockbergung? Foto: To. Kreutzfeldt
Mahnmal oder Inszenierung einer gewaltigen Blockbergung? Foto: To. Kreutzfeldt

Ein wenig erinnert mich das Ganze an den alten Science-Fiction-Film „2001 – Odysee im Weltall“, in dem ein schwarzer Monolith eine Hauptrolle spiel und Menschenaffen den Krieg erlernen. (tatsächlich, Max-Planck Leipzig demonstriert dies in einem Nachbarraum mit dem Beispiel der Schimpansen!). Dieser Monolith scheint sich direkt ins Foyer des Museums materialisiert zu haben, dem Hauptraum der Sonderausstellung, in dem die Schlacht von Lützen (Dreißigjähriger Krieg) thematisiert wird. Die gewaltige Blockbergung eines Massengrabes vom Schlachtfeld, in dem Soldaten ausgeplündert bis aufs Hemd in die Grabgrube geworfen wurden, steht damit mehr als Mahnmal denn als Ausstellungsstück zu Beginn der Ausstellung und überlagert alles.  Hunderte von Geschosskugeln liegen in einer Vitrine davor.  Das typische Schwarz der Hallenser dominiert die Ausstellungswände, an den Seiten Fotos vom heutigen Schlachtfeld, ein nächtlicher Blick. Ist es wieder mehr Kunst als Archäologie? Das volle Haus zur Eröffnung, Menschen, die auf allen Galerien standen, erscheint tatsächlich als Pop-Event der Archäologie mit dem Landesarchäologen als Hohepriester. Seine Zuhörer klatschen gemessen, das Thema ist ernst.

Funde vom Schlachtfeld bei Lützen (1632) auf einer zeitgenössischen Darstellung der Schlacht. © LDA, Foto: Juraj Lipták
Funde vom Schlachtfeld bei Lützen (1632) auf einer zeitgenössischen Darstellung der Schlacht. © LDA, Foto: Juraj Lipták

Living History ist im Landesmuseum angekommen

Zu jeder guten Inszenierung  gehören auch Statisten: In diesem Fall waren es etwas mehr als ein Dutzend Reenacter von unterschiedlichen Gruppen, die Darstellungen im Zeitfenster Dreißigjähriger Krieg machen. Pikenmänner im Lagerfeuerschein begrüßten die geladenen Gäste im Schein von Lagerfeuern. (Cool, dafür wurden extra designierte Feuerkisten angeschafft, ein bißchen mit dem Flair einer brennenden Mülltonne!), Marketenderinnen gaben nach den Begrüßungs- und Einleitungsworten den Besuchern Brot, Entenbeine etc., Wasser und Wein zur Stärkung aus. Alles, lt. dem Landesachäologen, „in den umliegenden Geschäften geplündert worden“. Die Darsteller waren von einer guten Qualität, soweit ich das beurteilen kann. Über moderne Brillen kann man sich immer streiten. Ins Programm sind sie außer Fanfarenstöße zur Eröffnung nicht einbezogen gewesen, aber die Gruppen erhalten schließlich noch ein eigenes Wochenende zur Entfaltung, hier zu lesen … Archäologie wird so lebendiger, schön, dass es in Halle auch angekommen ist. In UK gehört es wie selbstverständlich dazu, wie wir z.B. im Museum von Culloden erfahren konnten (eigener Bericht, folgt bald).

Tollensetal, eine Schlacht in der Bronzezeit

Schädel mit Hiebverletzung, Fund vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr. © LDA, Foto: Juraj Lipták
Schädel mit Hiebverletzung, Fund vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr. © LDA, Foto: Juraj Lipták

 Natürlich kann die Sonderausstellung, die ohnehin den Schwerpunkt „Lützen“ hat, nicht den Krieg in allen seinen Entwicklungsstufen und Abschweifungen bis heute darstellen. Genausowenig kann ich der Ausstellung mit all ihren detaillierten Informationen in diesem kleinen Artikel gerecht werden. Aber besonders gefreut habe ich mich auf die Funde vom ältesten bekannten Schlachtfeld Europas im Tollensetal (Mecklenburg-Vorpommern). Bronzezeit, um 1200 v. Chr., wieder einmal vom Künstler Karol Schauer dramatisch illustriert (wie die ganze Ausstellung). Die Funde werden hier in Halle das erste Mal einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt. Anders als bei der annährend zeitgleichen Schlacht von Kadesch besitzen wir darüber keinerlei historische Aufzeichnungen. Gesichert ist nur eine eine große Gruppe junger bronzezeitlicher Kämpfer, zu kleinen Teil beritten, an den Fluss kam und versuchte diesen zu überqueren. Dabei wurden sie von einer anderen Gruppe Kämpfer mit Pfeilbeschuss bekämpft und am Fluss gestellt. Dabei gerieten mehrere Tausend Männer aneinander. Gekämpft wurde mit Bogen, Holzkeulen, weniger mit Schwertern und im Nahkampf auch mit Messern. Über Steinschleuderbeschuss ist nichts bekannt. Wer diese Schlacht gewonnen hat und worum es ging, entzieht sich auch der Kenntnis der Ausstellungsmacher. Fast hätte ich nicht gemerkt, dass das Hallenser Schwarz plötzlich in den Seitenräumen der Ausstellung zu einem dunklen Blau geworden war.

„Krieg ist eine Sache der jungen Männer, das lerne ich hier“, sagte die beste Ehefrau von allen. Und auch der Landesarchäologiehohepriester schlug in diese Kerbe, in dem er Frauen als Beute und Gewinn im Kriege in seiner Einführung bezeichnete. Frauen schuldlos an den Kriegen? So einfach kann es sicher nicht gesehen werden. Denn zur Gruppengehörigkeit und Ausgrenzung anderer, die Kriege mitverursacht, gehören auch die „Weibchen“ und tragen ihren Teil mit zu bei, wie jeder, der an solchen Prozessen beteiligt ist, rasch merken wird, wenn sie auch in der Geschichte, von kleinen Ausnahmen abgesehen, eher weniger an an Kampfhandlungen beteiligt waren.

„Fischschwanzdolch“ aus Feuerstein aus Bebertal (Sachsen-Anhalt). Das Objekt datiert in die Frühe Bronzezeit um 2300-1800 v. Chr.). © LDA, Foto: Juraj Lipták
„Fischschwanzdolch“ aus Feuerstein aus Bebertal (Sachsen-Anhalt). Das Objekt datiert in die Frühe Bronzezeit um 2300-1800 v. Chr.). © LDA, Foto: Juraj Lipták

Und selbst in den Krieg ziehen?

Ich lade jedenfalls ganz herzlich ein, sich selbst ein Bild zu machen. Zusammen mit der inzwischen größer gewordenen Dauerausstellung (wir sind inzwischen mit dem „Swebenzimmer“ bei den ´ömern angelangt) lohnt sich für diese Sonderausstellung auf jeden Fall eine längere Fahrt, viele sensationelle Leihgaben kann ich hier nicht einzeln erwähnen (z.B. siehe Abb. links)

Geöffnet hat der Krieg von Di-Fr von 9-17 Uhr, Sa, So und Feiertage: 10-18 Uhr, Montag nach Vereinbarung, 24. und 31.12.2015 geschlossen. Die Eintrittskarten (berechtigt zum Eintritt von Sonder- und Dauerausstellung) kosten für Erwachsene 8,- €, ermäßigt 6,- €. Kinder  6-14 Jahre brauchen nur 3,- € bezahlen. Gruppen (ab 10 Pers.) bezahlen 6,- € pro Person. Schulklassen können für 1,- € pro Person herein. Eine Familienkarte (Mutter, Vater und die lieben Kleinen) bezahlen zusammen 16,- €. Weitere Informationen über die Kriegsführung gibt es hier … Und hinweisen möchte ich besonders auf das umfangreiche Veranstaltungs- und Vortragsprogramm hinweisen. Die Sonderausstellung ist vom 06. Nov. 2015 bis zum 22. Mai 2016 geöffnet.

Euer Isidorus

Ein Landesmuseum im Krieg (ab 6. Nov.)

KRIEG-plakat
© LDA

Ab Freitag, 6. Nov. 2015,  beginnt im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle eine neue Sonderausstellung, die sich der unangenehmen Eigenschaft von Menschen, blutige Kriege zu führen, archäologisch annähern soll. Da ich einige Exponate entweder aus eigener Anschauung oder aus der Literatur kenne, bin ich bereits sehr gespannt. Vielleicht finde ich nach einem eigenen Augenschein bereits am Freitag die Zeit, einiges dazu zu blogen. Bis dahin wird auf den interessanten blog der Ausstellungsmacher verwiesen. Der beinhaltet einen Blick hinter die Kulissen mit vielen interessanten Beiträgen und schönen Bildern. Selbst die Museumspädagogik stattet sich aus: Karton mit voller Ausrüstung kommt, es wird angezogen. So einfach geht also Living history ?

Eine Sonderausstellung beginnt, eine andere endet: Bis zum 9. November ist noch Zeit nach Merseburg zu fahren, um sich die Ausstellung „1ooo Jahre Kaiserdom Merseburg“ anzuschauen.

Euer Isidorus

 

 

Projektförderung Archäologie 2016

Die archäologische Gesellschaft Sachsen-Anhalt hat auch für das Jahr 2016 einen Förderpreis für archäologische Projekte im Land ausgelobt, die bis zur Höhe von 2000 € unterstützt werden können. Förderwürdig sind z.B. lt. der Gesellschaft:

  •  archäo­lo­gi­sche Pro­spek­tio­nen und Ausgrabungen
  • die (natur-)wissenschaftliche Auf­ar­bei­tung archäo­lo­gi­scher Ausgrabungen
  • Tagun­gen zur Archäologie
  • die Ent­wick­lung von neuen archäo­lo­gi­schen Verfahren/Methoden, die mit dem Bun­des­land Sachsen-Anhalt stehen
  • die Auf­be­rei­tung archäo­lo­gi­scher (Boden-) Denkmäler
  • Schul­pro­jekte, die Kin­dern und Jugend­li­chen die Archäo­lo­gie Sachsen-Anhalts näher bringen.

Näheres dazu auf den Internetseiten der arch. Gesellschaft unter http://agisa.de/foerderung/  Der Einsendeschluss für den Projektantrag (an den Vorstand der Gesellschaft) ist der 15.01.2016.

Euer Isí