Archäologentag zu Migration und Integration erfolgreich beendet

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Auf dem 9. Mitteldeutschen Archäologentag

Ein verregneter Samstagmorgen, an dem ich mich zum neuen Steintorcampus aufmache. Im Hörsaal I. finden die letzten Veranstaltungen des diesjährigen Mitteldeutschen Archäologentages statt. Ich bin früh da und freue mich, mit Bekannten aus der Archäologie einige Worte wechseln zu können. Erst langsam trudeln die anderen Teilnehmer ein. Heute moderiert Univ.-Prof. Dr. Falko Daim aus Mainz. Die archäologische Migrationsreise geht am letzten Tag in die Spätantike, Völkerwanderung und das Mittelalter. Es wird gleich losgehen.

Der Mitteldeutsche Archäologentag wird jährlich vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt veranstaltet. Die internationale Tagung greift jeweils eine archäologische Thematik auf, um durch einen interdisziplinären wissenschaftlichen Diskurs auf Grundlage der jeweils fachspezifischen Datenbasis neue Erkenntnisse zu gewinnen. Die diesjährige Konferenz widmet sich in diesem Jahr einem besonders aktuellen und viel diskutierten Themenfeld: Migration und Integration. Die wissenschaftliche Leitung in diesem Jahr haben Prof. Dr. Harald Meller, LDA Halle, Prof. Dr. Falko Daim, RGZM Mainz, Prof. Dr. Johannes Krause, MPI Jena und Prof. Dr. Roberto Risch, UAB Barcelona inne.

Es geht um Angeln, Sachsen usw.
Es geht um Angeln, Sachsen usw.

Eine gewisse Internationalität ist also gewährleistet. Stephan Schiffels beginnt mit „Insights into the Anglo-Saxon migration period from a genetic perspective“. Der Mann ist also Genetiker. Und Genetiker sind für die großen Würfe zuständig, während sich die Archäologen um die kleinen Dinge bemühen, Knochen, Keramik, Kleinkram, davon können die meisten im Saal ein Lied singen. Erstaunlich ist dennoch, was man mit Vergleichsdaten und genetischen Untersuchungen inzwischen herausfinden kann. So waren die meisten römischen (Besatzungs-)Soldaten genetisch nicht weit von der einheimischen Bevölkerung entfernt. Ausnahmen waren ein Mann, der aus dem Nahen Osten stammte und ein Soldat, der eher dem germanischen Genmaterial nahe kam. Ergebnis der Untersuchung von Schiffels ist, dass etwa 38 % – 50% der DNA der heutigen englischen Bevölkerung mit dem Erbgut der Angelsachsen übereinstimmt. Der heutige Engländer liegt etwa in der Mitte zwischen der eisenzeitlichen Urbevölkerung und den damals eingewanderten Angelsachsen. Bereits der angelsächsische Friedhof Oaktington Site zeigt bei 100 % angelsächsischen Grabbeigaben dennoch ein Mix der dort beerdigten Bevölkerung.

I´m a diaspora viking
I´m a diaspora viking

Auch der zweite Vortrag ist auf engl. und handelt von Angelsachsen. Der Archäologin Catherine M. Hill aus Cambridge gelingt es mit einem archäologischen Feuerwerk den vorherigen Vortrag zu unterfüttern. Interessant ist ihre Aussage, dass es in einigen Gebieten von England nichts zu den Angelsachsen zu finden gibt. Selbst dort, wo in römischen Zeiten noch eine größere Bevölkerung lebte, scheint es für die neuen Einwanderer uninteressant gewesen zu sein. Vielleicht entstanden hier neue Wälder, bis die Gebiete im Mittelalter wieder besiedelt worden sind. Neben der Faszination der „empty areas“ war bei den frühen Urnenfriedhöfen der Angelsachen in den funddichten Gebieten eine erstaunliche Ähnlichkeit mit ähnlichen Fundkomplexen in Jütland, Schleswig-Holstein und Nordniedersachsen festzustellen, die Heimat der eingewanderten Stämme. Es gab neben den Migranten also noch Angelsachsen die zu Hause blieben, wir nannten sie früher die „fußkranken Angelsachsen“.

aus dem charmanten Vortrag von Judith Jesch, Nottingham
aus dem charmanten Vortrag von Judith Jesch, Nottingham

Die weiteren Vorträge heute sind „Zwischen Bosporus und Samarkand“, „Formen der Migration ins frühmittelalterliche Süditalien“ und der besonders charmante Vortrag von Judith Jesch aus Nottingham über „The viking diaspora: Continuity and variation.“ Sie betrachtet die Wikingerexpansion nicht als Kolonisation, sondern als Diapora-Siedlungen. Die Untersuchung der Professorin of Viking Studies beruht stark auf literarischen Studien der isländischen Sagas. Den Abschlussvortrag des Archäologentages trägt der Leipziger Matthias Hardt mit dem Thema „Zuwanderer im Hochmittelalterlichen Landesausbau im östlichen Mitteleuropa“ vor. Er hält den hochmittelalterlichen Landesausbau, der seiner Ansicht keine „Ostkolonisation“ war, für ähnlich umwälzend wie die spätere Industrialisierung. Im Mittelalter und in der Slawenfrage sieht Dr. Meller in der anschließenden Diskussion eigene Versäumnisse: „Hier ist die Archäologie gefragt“. Man hat zu lange nur auf die Keramik geschaut. So ist es, es gibt im Landesamt im Moment niemanden, der zum Landesausbau und der vorherigen slawischen Besiedlung eine kompetente Antwort geben kann, ergaben frühere Recherchen von uns „Ottonenzeitlern“. Ob diese Themen mehr in den Fokus des Landesamtes rücken werden?

Die "Stammeshäuptlinge" wirken bei den Schlussworten müde, kein Wunder
Die „Stammeshäuptlinge“ wirken bei den Schlussworten müde, kein Wunder

Es wird Zeit für den Abschluss eines erfolgreichen Archäologentages. Die wissenschaftlichen Leiter der Veranstaltung betreten das Podium für abschließende Worte und Würdigungen. Der Landesarchäologe Harald Meller würdigt die Genetiker mit den Worten „Genetik stellt der Archäologie neue Fragen“ und kündigt den 10. Mitteldeutschen Archäologentag für den 19. – 21. Okt. 2017 an. Thema steht noch nicht fest. Dr. Krause findet, dass Genetik und Archäologie „wieder neu zusammenkommen müssen“ und wünscht sich eine neue Generation von Archäo-Genetikern. Prof. Risch aus Barcelona schließt „Migration ohne Gewalt muss nicht negativ sein, bringt Dynamik, bringt Fortschritt.“.

leicht gekürzter Artikel von Paula Poppinga mit freundlicher Genehmigung des Hallespektrums