Glas

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Abb.-Quelle: Verlag

Ich habe selten ein Sachbuch mit so großer (kindlicher) Freude verschlungen wie „Glas“ von Christiane Herb und Nina Willburger. Die Bedeutung von Glas als Massenartikel ist längst an die Kunststoffe übergegangen. Dafür hat es sich andere Anwendungen erobert als Dämmmaterial,  in der Kommunikationstechnologie als Glasfaser, als Material in Solaranlagen und auch bei Displays oder Halbleitern ist Glas eine der wichtigsten Komponenten (Quelle: Bundesverband Glasindustrie e.V.). Aus dem täglichen Leben wegzudenken ist Glas heute immer noch nicht. Und zu Ritualen wie z.B. „ein Abendessen zu zweit“ gehören natürlich auch wunderschöne Weingläser. Doch, wie in diesem Blog zu erwarten, handeln die zwei Autorinnen nicht die Gegenwart, sondern die Vergangenheit des Glases ab:

Seit über 3500 Jahren beliebt

Die Autorinnen kommen methodisch diesem beliebten Werkstoff auf die Spur: Was ist eigentlich Glas, wie setzt es sich zusammen und ab wann können wir von Glas reden? Und worin liegt der Unterschied zwischen Fayence und Glas? All diese Fragen werden im Zusammenhang mit Quellen und archäologischen Funden geklärt. Die frühesten Glasobjekte waren Glasperlen. Eine beabsichtigte Glasproduktion ist lt. Autorinnen „nicht vor der zweiten Hälfte des 16. Jh. v. Chr.“ nachweisbar. Zentren der Glasproduktion waren das pharonische Ägypten und Syrien. Z.B. die Totenmaske Tutanchamus besteht neben vielen Gold auch aus zahlreichen Glaseinlagen. Auch die bei den Ägyptern beliebte Augenschminke Kohel wurde in kleinen Glasröhrchen aufbewahrt. (Dazu im Buch ein wundervolles Objektfoto). Gefäße wurden in dieser Zeit kerngeformt und waren aus diesem Grund mühsam und teuer in der Herstellung. Glas war ein Luxusobjekt. Dennoch entstanden wundervolle Objekte, die in dem Buch ausführlich abgehandelt werden. Zur hellenistischer Zeit (ab 4. Jh. v. Chr.) entstanden bereits rafinierte Gläser, die mit Hilfe zweiteiliger geschlossener Formen hergestellt wurden. Mit Hilfe von Grafiken erklären die Autorinnen wie diese Glasobjekte entstanden. Ein Höhepunkt im Buch waren für mich die Glasringe der Kelten. Die Glasarmproduktin beginnt hier etwa ab 260 v. Chr. Manching (heute in Bayern) war eins der Zentren der Glasherstellung. Die Ringe und ihre Farben betören noch heute und sind technisch von höchster Vollkommenheit: Selbst den Römern gelang es erst über 500 Jahre später solche nahtlosen Armringe zu produzieren.

Die Revolution der Glasproduktion durch die  Glasmacherpfeife

Die Technik des Glasblasens veränderte alles! Die Glasmacherpfeife, die im syrisch-palästinischen Raum entstand, war zunächst aus Ton, später aus Metall. Das neue Werkzeug, die Technik wird wieder mit anschaulichen Grafiken erklärt, ermöglichte Glasvielfalt (fast) ohne Grenzen. Nun wurde das Glas, besonders im römischen Imperium, zur Massenware. Luxusgefäße mußten nun veredelt und verziert sein. Die Erfindung der Fensterscheiben aus Glas ging nach Meinung der Autorinnen auch auf die Römer zurück. Es ist gegossenes und geblasenes Fensterglas nachweisbar. Z.B. war die gläserne Fensterfront in den Faustinathermen von Milet von einer beeindruckenden Größe, dies allerdings nur mit Hilfe von Gitterrahmen. Der oben erwähnte Bundesverband Glasindustrie ignoriert römische Funde anscheinend völlig und setzt die Erfindung des Fensterglases erst im 12. Jhd. an.

Den Ausklang – viel zu früh! – findet das Glasbuch mit dem Handwerk in frühbyzantinischer Zeit und dem Frühmittelalter. In Byzanz findet Glas als Lampen Verwendung. Neue Glastypen entwickeln sich. Nach den Römern dominieren Schank- und Trinkgefäße. Glas wird wieder zu einem Luxusprodukt. Die weitere Glasproduktion im Mittelalter, z.B. Murano, wird im Werk von Herb und Willburger nicht abgehandelt. Das ist wirklich der einzige Nachteil dieses Buches. Ich würde mir weitere archäologische Überblicksbände dieser Art wünschen. Und besonders großes Lob an die Autorinnen für die spannende und anschauliche Vermittlung, die sich niemals in überflüssige Details verloren hat.

Euer Isidorus

Glas von Herb, Christiane; Willburger, Nina;
Von den Anfängen bis ins frühe Mittelalter. 112 S. 109 Farbabb. 2016 Theiss
ISBN 978-3-8062-2858-8
24.95 EUR

Helenas Töchter

helena1Ich gebe zu, Griechenland und die Spätarchaik ist wahrlich nicht mein Acker, aber wie blöd würde der Mensch in die Welt schauen, wenn er nicht von Zeit zu Zeit über den Tellerrand hinaus seinen Blick verlängern könnte! Daneben sind Kleidung, Mode und sein ggf. mögliche Rekonstruktion natürlich ein Hauptthemen im Blog und Verein. Da bietet „Helenas Töchter“ von Sina Tauchert und Klaus Junker eine Menge für uns, was wir sonst in Publikationen vermissen: Einen fest umrissenen Zeitrahmen (Kleidung des archaischen Griechenlands mit einem Ausblick auf die Klassik), eine konsequent verfolgte Abhandlung eines Aspekts (Frauenkleidung, Männer bitte draußen bleiben!) und die Konzentration darauf (die Abschweifungen hielten sich zum Glück sehr in Grenzen). Auch die Sprache war konzentriert und sachlich. Das Lektorat konnte Unkonzentriertheiten (fast) gänzlich aus dem Text heraushalten. Der Leser dankt es herzlich! Einziger Kritikpunkt: Das Einführungskapitel mit Beschreibung der Arbeit, Forschungsgedöns mit Abschweifungen und Konzeption des Buches war viel zu lang. Fast wäre ich darüber abgestorben! Hier wäre der Spagat zwischen allgemeinen Publikum und angesprochenes Fachauditorium besser zu meistern.

 Reise in die Modewelt vor über 25oo Jahren

Wer es also nicht aushalten kann:  Auf Seite 17 geht es endlich los. Mit Textausstellen aus Homer und ersten (groben) Bildzeugnissen wird versucht, einen ersten Blick auf die archaische Mode des antiken Griechenlands zu werfen. Die Bilder sind eindrucksvoll (und war für ein Werk aus der Reihe „Zaberns Bildbände zur Archäologie“ auch so zu erwarten), aber die Autoren sind sich der Grenzen daraus Kleidung und Mode zu beschreiben, geschweige denn zu rekonstruieren, durchaus bewußt. Immer haben sie im Hinterkopf: Ist es Kunst oder beschreibt es real existierende Kleidung der Zeit?

Wie wurde die archaische Kleidung hergestellt? Beeindruckend ist die Abbbildung eines Webstuhls auf einem zyprischen Teller um 700 v. Chr. und die Rekonstruktion dazu in München im Rahmen eines Ausstellungsprojektes. Zu den Geweben und der Trageweisen der archaischen Kleidung gehen die Autoren kurz ein, allerdings mit Grafiken ausgestattet, die wenige Fragen offen lassen, jedenfalls was die Hauptkleiderformen Peplos und Chiton betrifft.

Ausführlich eingegangen wird im Anschluss auf die Darstellung der früharchaischen Frauenkleidung auf Vasenbildern und Statuen. Der Leser wird nicht mit dutzenden Beispielen erschlagen, sondern einige charakteristische Beispiele werden herausgegriffen und exemplarisch behandelt. Für die Mühen bei der Auswahl ist der Leser dankbar. Einen besonderen Schwerpunkt bilden dabei die Koren (=Jungfrau, Mädchen), Weihe- und Grabstatuen der Archaik.

Von Samos ging die Mode aus

Ein Name steht lt. der Autoren für kreative Impulse in der Mitte des 6. Jahrhunderts: Cheramyes. Dieser mutmaßliche Aristokrat auf der Insel Samos stiftete um 560 v. Chr. mehrere Koren für das Hera-Heiligtum auf der Insel. Zwei sind erhalten geblieben, leider ohne Köpfe. Traditionelles und Eingewandertes aus Karien und Altägypten verwandelten sich hier zu einer neuen Modekonzeption aus drei Gewändern: gegürteter Chiton, Schleidertuch bis zum Gürtel und einem aus schweren Tuch bestehenden Mantel, der asymetrisch drapiert wird. Aber ist das schon Mode? Oder ist es nur die Kunst eine Kore zu gestalten? Natürlich können die Autoren diese Frage nicht beantworten. So gibt es an dieser Stelle zunächst einen Exkurs in das frühe 20. Jahrhundert und zum Schöpfer der „Delphos-Kleider“, der sich von der Antike und den Koren hat inspirieren lassen.

Wir kehren in die Antike zurück: Die Geneleosgruppe, 550 v. Chr. auf Samos, nach ihrem überlieferten Künstler benannt, setzt die Kleidungskonzeption des  Cheramyes fort.  Schrägmantel und Gewandraffen tauchen bald im gesamten griechischen Raum auf. Die Untersuchung beruft sich auf wenige Beispiele und ist dennoch gründlich.

Von den Marmorweißästhetikern

Farbrekonstruktionen als beeindruckender Teil des Buches
Farbrekonstruktionen als beeindruckender Teil des Buches

Es scheint der Wiederholung zu bedürfen und so müssen es auch die zwei Autoren formelhaft reklamieren: Unser klassisches Bild einer weißen und hehren Antike ist falsch! Die Antike war bunt, bunt, bunt… Wer sich mit antiker Kleidung auseinandersetzt, ist mit dem berühmten weißen Bettlaken völlig auf dem Mamorweg. Aber die Winckelmanns und Goethes dieser Welt prägen mit ihrer Marmorweißästhetik unser Bild von der Antike bis heute. Ist es doch kaum aus den Köpfen heraus zu bekommen, obwohl bereits im frühen 19. Jahrhundert widerlegt. Und selbst heute erntet man ungläubiges Staunen, von einem „Wiederauffinden der Farbigkeit archaischer Gewänder, zu dem die Publikation von Junker und Tauchert beiträgt, sind wir in der Öffentlichkeit noch weit entfernt.

Der Abschnitt „Von Weben, Färben und Verzieren“ fand besonders unser Interesse. Hier stehen wenige Originalfunde für die Untersuchung zur Verfügung. Aber sogar ein Beispiel für Antike Stickerei wird aufgeführt. Der Abschnitt ist zwar kurz, aber kompetent ausgeführt. Da gab es bereits schlechteres zu lesen! Ein weiterer Abschnitt behandelt die Farbuntersuchung an den archaischen Koren. Beeindruckend sind die aufgeführten Rekonstruktionen.

Die Mode der Akropoliskoren

Ausführlich wird auf die Modeentwicklung im archaischen Athen anhand der Untersuchung der Akropoliskoren eingegangen. Das war in der Tat der spannendste Teil des Buches. In der zweiten Hälfte des 6. Jhd., wenn wir den Koren glauben wollen, wird die „Schrägmanteltracht“ und Chiton, nicht nur in Athen zur beliebten Mode des archaischen Griechenlands. Dem männlichen Betrachter springt beim Betrachten der Koren sofort ins Auge: Hey, das archaische Griechenland war ganz schön sexy und extravagant. (was die Mode betrifft). Das sollte sich aber bald wieder ändern, als die Tyrannen aus Athen vertrieben wurden und die attische Demokratie zu blühen begann. Im Kapitel „Kleidermode zwischen Aristokratie und Demokratie“ können die Autoren mit dem Geschichtsmythos aufträumen, die Aristokratie hätte in der Tyrannis zu leiden gehabt und wäre gar verdrängt worden. Nein, das Gegenteil ist der Fall: Erst in der Demokratie ist Schluß mit Sexy-Schrägmantel und durchsichtiger Chiton der Aristokraten! Es geht „Zurück zum Peplos“ und mit einem Exkurs zur Kleidung in der klassischen Zeit schließt das Buch. Fazit: Die Tyrannis lieferte ausgefallene und extravagante Mode, die Demokratie führte zu Einfachheit und Verhüllung.

Euer Isidorus

Helenas Töchter
von Junker, Klaus; Tauchert, Sina;
Frauen und Mode im frühen Griechenland. Zaberns Bildbände zur Archäologie Sonderbände der Antiken Welt 136 S. 28 SW-Abb., 72 Farbabb.  2015 Zabern
ISBN 3-8053-4858-4 Preis: 29,95 €